Donnerstag , 6 Mai 2021
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Royale Hochzeit: Auch nüchtern betrachtet sieht Deutschland doppelt

union_jack_doppeltGemessen an dem, was derzeit in der Welt vorgeht, ist das was am kommenden Freitag in London passiert wohl das mit großem Abstand unwichtigste Ereignis überhaupt. Zwei Menschen heiraten. Punkt! Zugegeben, es sind nicht Hans Meier und Else Müller, sondern der vermutlich zukünftige König von England und eine hübsche Brünette, Tochter eines Party-Zubehör vertreibenden Ehepaares, in dessen Betrieb sie auch bis vor Kurzem dem Broterwerb nachging. Der dadurch entstehende Hype allerdings übertrifft alles, was man bis dato erlebt hat. Besonders verwunderlich ist dabei die Strategie der berichterstattenden Sendeanstalten, die durch GEZ-Gelder finanziert werden.

Während die in ihrem Tun und Lassen vollkommen freien privaten Sender schon mit reichlich Personal gen London reisen, fragt man sich, warum der öffentlich rechtliche Bereich gleich im Doppelpack antreten muss und dabei sogar noch einen Reporter mehr im Gepäck hat, als RTL und SAT1 zusammen. Sofern man den Webseiten von ARD und ZDF Glauben schenken mag. Team ARD, bestehend aus Mareile Höppner, Rolf Seelmann-Eggebert, Bettina von Hase, Barbara Schöneberger, Annette Dittert, Frank Jahn und Ingo Zamperoni, wird demnach flankiert durch die Mannschaft des ZDF, namentlich Karen Webb, Norbert Lehmann, Maya von Schönburg, Karina Urbach und Norbert Loh. Aufaddiert kommt man so auf zwölf Medienschaffende, die sich vor der Kamera tummeln dürfen. Wie viele Kameraleute, Tontechniker, Regisseure, Aufnahmeleiter, Übertragungswagenfahrer und andere mit einer jeweils sechsstündigen Live-Schalte beauftragten Mitarbeiter noch vor Ort sind, lässt sich nur grob schätzen, allerdings dürften es deutlich mehr sein, als die im Rampenlicht stehenden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Personen nicht per Flugzeug anreisen, sondern in einer kleinen Reisebus-Kolonne den Ärmelkanal über- oder unterqueren.

Von anderen Großereignissen kennt man, dass sich ARD und ZDF im täglichen Wechsel um die bewegten Bilder kümmern. Olympiaden, Fußball-Weltmeisterschaften oder generell vieltägige Veranstaltungen, die ein einziger Sender vermutlich nicht alleine stemmen kann. Bei einer – alle mitlesenden Royalisten mögen mir verzeihen – etwas überkandidelten Hochzeit dürfte das Problem weitaus geringer sein, zumal viele Eindrücke vom hauptverantwortlichen Sender BBC geliefert, und in der Regie nur via Knopfdruck zum Gesamtwerk beigesteuert werden. Es ist also alles andere als nötig, jedes einzelne Stück technischen Equipments doppelt an den Tatort zu karren. Um den gesetzlich definierten Auftrag zur Grundversorgung mit Informationen zu erfüllen, wäre es vollkommen ausreichend, wenn auf einem Kanal zu sehen ist, dass niemand das Ja-Wort verweigert hat.

Besonders ärgerlich stellt sich die Situation für diejenigen dar, die nicht über ein Zweit-TV-Gerät verfügen, was in unmittelbarer Nähe zum Primär-Fernseher steht. Wie will man sonst die dargebotenen royalen Feierlichkeiten lückenlos verfolgen, wo man doch finanziell an der Übertragung beteiligt ist? Schweren Herzens wird man sich also für einen Kanal entscheiden müssen, sofern man nicht den oben genannten privaten oder deren News-Ablegern n-tv und N24 sein Vertrauen schenkt, zumal Letztgenannter bereits ab 7 Uhr deutscher Zeit Live-Bilder frei Haus liefert. Vermutlich von den Absperrmaßnahmen und den Fahrzeugen der Straßenreinigung, die noch einmal feucht durchwischen, bevor die Stadt erwacht. In London ist es dann nämlich erst 6 Uhr in der Früh! Das soll aber keinesfalls unser Problem sein, schließlich hat die GEZ dazu keinen müden Cent beigetragen.

In dem Wissen, dass auch dieser Beitrag nichts an dem aus meiner Sicht unerträglichen Strafzoll für Alleshinnehmer ändert, möchte ich nun zum Ende kommen. Bis Freitag gibt es noch viel zu tun. Der Frack vom Kostümverleih holt sich nicht von selbst ab, die Wohnung ist bislang vollkommen undekoriert, das Rezept »Highlandrind an Minzsauce« muss probegekocht werden und ich habe aktuell keine Ahnung, woher ich kleine britische Fähnchen bekomme, mit denen nach dem ersten offiziellen Kuss heftigst in Richtung Mattscheibe gewunken wird. Ich will schließlich nicht ganz und gar unvorbereitet dastehen, falls bis Donnerstag nicht die seit langem für mich und meine Gemahlin erwartete Einladung eintrifft, persönlich an der der prinzlichen Hochzeit teilzunehmen.

Auch ihnen eine schöne Feier wünscht Micha Röder, Lord of Glencairn.
(Der Titel ist übrigens echt, der letzte Absatz hingegen ist größtenteils erfunden!)

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