Montag , 6 Februar 2023
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Die Republik kocht!

In den jüngst vergangenen Jahren ist wohl kaum ein traditioneller Beruf so in den Vordergrund gerückt worden, wie der des Kochs. Zumindest in unseren Breitengraden ist das der Fall. Was seitens des gemeinen Volkes, voran die Herren der Schöpfung, zuvor eher höflich ignoriert wurde, wird nunmehr auf ein allseits grell angeleuchtetes Podest gehoben. Jeden Tag bieten uns die verantwortlichen Fernsehprogrammgestalter gleich mehrere Sendungen an, deren Inhalte nichts anderes als das Zubereiten von Speisen thematisieren. Das Kochen ist „In“! Daran gibt es keinen Zweifel.

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Überall treten sie auf, die Koch-Gladiatoren der Republik. Sie rühren, allein oder in der Gruppe, in den Töpfen und Pfannen, die Sterneköche der Nation. Hier sind sie exklusiv unter sich am zelebrieren, und dort darf sich ein erwählter Autodidakt an ihre Seiten stellen. Alles wird temporär zur TV-Küche umfunktioniert. Allzeit ist ein Kamerateam beim Abschmecken, Würzen und Servieren dabei. Sie blanchieren, degressieren und gratinieren ohne eine erkennbare Grenze. Hier in den Studios und Sälen der Sender, da in der Tür wie vor der Tür, und dort in fremden Häusern und Wohnungen, ja selbstverständlich auch in und an einem U-Boot der Marine. Sie kochen selbst oder lassen kochen. Mal ist allein das geschmackliche wie optische Resultat der Herd-Bemühungen ausschlaggebend, und dann wieder ausschließlich und real auf die Sekunde genau die Zeit, in der das Zubereitete der geladenen Jury präsentiert werden kann.

Ob es nun ‚Die Küchenschlacht‘ oder ‚Lafer!Lichter!Lecker!‘ ist, ob es ‚Die Küchenchefs‘ sind, oder der ‚Sternekoch für einen Tag‘ ist – wir können (müssen) von morgens bis abends durch das Schlüsselloch der TV-Mattscheibe einen Blick in die verschiedensten Küchen werfen, ja dürfen sogar dem einen oder anderen sogenannten Sternekoch in seine vielen blanken Edeltöpfe schauen. Hier ist es ‚Das perfekte Promi Dinner‘ und dort ‚Polettos Kochschule‘. Ja, und längst schon scheinen sie mit zur Familie zu gehören: der kochende Lanz und der bratende Mälzer. Was mich betrifft, ich halte nicht viel von dieser Kochshow-Sendungen-Tsunami-Flut, wenn ich das mal so sagen darf, und das, obwohl ich mich selber seit vielen Jahren als recht aktiver Freizeitkoch am heimischen Herd zeige. Nein, ich mag es nicht besonders, wenn man die Bedürfnisse Essen und Trinken, beziehungsweise das Zubereiten von Speisen, inflationär auftreten lässt.

Es interessiert mich nicht, was der eine oder andere Schlagersänger oder Nachrichtensprecher – irgendeine Berühmtheit ist meist zugegen -, nun beim Flambieren, Tranchieren und Legieren für eine Figur macht, und allein schon deshalb nicht, weil es mir das Fernsehen täglich mehrfach krampfhaft zu vermitteln sucht. Diese Art des Kochens ist mir zu profitorientiert, ist mir zu sehr an dem vorbei, was ich der Leidenschaft Kochen abgewinnen möchte. An dem hier von mir bemeckerten Zustand ist weder Koch noch Küche schuld, das trifft es nicht. Die Tatsache ist es, dass alles, aber auch wirklich alles auf die Wiesen der Medienlandschaft gezerrt und bis zum Platzen aufgepumpt wird, was sich halbwegs gut vermarkten lässt. Für mich gilt: es stört mich zwar nicht, dass mir innerhalb meines Bekanntenkreises kaum noch ein Mann bekannt ist, der sich nicht per TV angeregt zumindest an den Wochenenden stracks zum Gourmetkoch emporschwingt, dennoch lasse ich mich weiterhin anderweitig inspirieren.

Hier ist der Ausdruck Übersättigung passend platziert, so meine Meinung, und das auch im erweiterten Sinne. Und, ist es nicht so, dass der Übersättigung in der Regel eine gewisse Übelkeit folgt? Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht zu anachronistisch, das mag sein. Das ziehe ich durchaus in Betracht. Ich greife tatsächlich noch zum guten alten Kochbuch, ja, und gerne nehme ich den einen oder anderen Vorschlag aus dem Freundeskreis entgegen. Ein von Hand geschriebener Zettel ist stets willkommen. Die Tipps und Anregungen, die aus diesen Quellen sprudeln, die reichen mir weiterhin völlig aus. Ihnen werde ich des Weiteren die Treue halten. Kochen, ja, das schon, aber bitte nicht zeitgleich und gemeinsam mit der gesamten Republik.

Das war nun eine kollektive Verdammung der TV-Kochsendungen, einhergehend mit einem Plädoyer für Rezeptsammlung & Kochbuch? Nein. Natürlich nicht. So möchte ich keinesfalls verstanden werden. Vielmehr möchte ich zu bedenken geben, dass wenig manchmal mehr sein kann. Das wird allzu oft in unserer schnelllebigen Zeit vergessen. Leider verhält es sich so. Bezüglich der Weitereichung von Koch- und Küchentipps, will und werde ich das Medium TV auch künftig nicht konsequent ausklammern. Das wäre mir dann doch etwas zu verbissen. Ich möchte mich an dieser Stelle nur nicht von diesem gezüchteten Giganten überrennen lassen, und das womöglich noch an einem meiner letzten Zufluchtsstätten – möglicherweise am heimischen Gasherd meiner Küche.

© Peter Oebel

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