Sonntag , 29 Januar 2023
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Der Mayakalender als Marketinggag für Freunde der Apokalypse

maya_kalenderDer Jahreswechsel ist vollzogen und Zukunfts-Prophezeiungen erleben einen Boom. Besonders in Krisenzeiten neigt der Mensch dazu, auf mystische Erklärungen zurück greifen zu wollen. Dann nämlich, wenn die eigene (finanzielle) Existenz gefährdet scheint. In diese Kategorie fällt auch der Boom um den prophezeiten Weltuntergang am 21. Dezember 2012. In zwei Jahren soll sich also zeigen, wie der Weltenlauf fortgesetzt wird. Inzwischen gelangen die alten Mayas und deren Hochkultur zu spätem Ruhm, derweil die Propheten der Apokalypse ihren Aufstieg höchstens mit gefüllten Geldbörsen vollziehen werden.

Der Mayakalender ist ein kalendarisches Zählwerk mit Endzeitcharakter, so die Esoteriker. Dieser sagt den Weltuntergang für den 21.12.2012 voraus; manche Zählungen nennen gar den 28. Oktober 2011, das hängt vom Korrelationsdatum der Umrechnung auf unseren gregorianischen Kalender ab. Die Anhänger des Weltuntergangs begründen diesen mit dem Ende der Kalenderrechnung der Mayas und sämtliche Propheten würden über das Datum hinaus nichts hellseherisch erkennen können. Das ist Grund genug, die Endzeit auszurufen. Danach kann nur der Aufstieg in ein neues Bewusstsein folgen, so die Logik der Esoteriker. Was ist aber an den Prophezeiungen wirklich dran?

Die Mayas, deren Hochkultur ab dem 9. Jahrhundert unterging – Erklärungsmodelle reichen von ökologischen Katastrophen bis hin zu Klimaveränderung und Epidemien -, entwickelten nämlich einen äußerst präzisen Kalender. So verstanden sie die Zeit als Zyklen. Die Aufgabe der Mayapriester war es, diese Zyklen zu interpretieren und numerisch aufeinander zu beziehen. War ein kürzerer Zyklus durchlaufen, sprang dieser weiter in den nächst längeren.

Diese verschiedenen, einander ergänzenden Kalender wurden für rituelle und zivile Zwecke genutzt: der Tzolkin-Kalender (Umlaufzeit von 260 Tagen) für rituelle, der Haab-Kalender (Umlaufzeit von 365 Tagen) für zivile Zwecke. Der so genannte lange Zyklus, der Baktun diente astronomischen Beobachtungen und der Aufzeichnung von historischen Ereignissen. Tzolkin und Haab in ihren Kombinationen wiederholen sich wiederum alle 52 Jahre. Das Kalendersystem ist also höchst komplex. Und Baktun endet am 21.12.2012 bzw. am 23.12.2012 – wobei in diesem Ende etwas scheinbar Mystisches enthalten ist. An diesem Tag taucht dieselbe Kalenderzahl im Baktun wie zu Beginn der Zählung auf. Nämlich: 13.0.0.0.0., gerechnet vom 11. oder 13. August 3114 v. Chr., dem Schöpfungstag. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn nur die ersten Zahlen dieses Datums stimmen mit der Kalenderzahl des Schöpfungstages überein. Zählt man die kürzeren Kalenderzählungen zu diesem Datum hinzu, ergibt sich ein 13.0.0.0.0. 4 Ahau 8 Cumku für den Schöpfungstag im Jahre 3114 v. Chr., für besagtes Weltuntergangsdatum im Dezember 2012 jedoch ein 13.0.0.0.0. 4 Ahau 3 Kankin.

Ein Abschluss eines Zyklus oder auch die Wiederkehr einer Zahlenkombination hätte für die Mayas eine rituelle Bedeutung gehabt. Die Wiederkehr der Zahlen betrifft aber nur einen Teil der Zählung, nämlich die 13.0.0.0.0. Hier gleich einen Weltuntergang hinein zu projizieren erscheint abseits der Vorstellungswelt dieser Hochkultur und ist bei Berücksichtigung der vollständigen Kalenderzahl auch falsch. Denn ein Charakteristikum des Mayakalenders ist es, dass jedem Tag eine Einzigartigkeit zugeordnet ist. Kein Tag wiederholt sich. Es gibt also im Grunde keinen Anfang und kein Ende. Der Mayakalender ist quasi für die Ewigkeit gemacht und jeder Tag ist einzigartig mit einzigartiger Kalenderzahl. Auf jeden vollendeten langen Zyklus folgt außerdem ein nächster. Der Baktun 13, der mit dem „Weltuntergangstag 2012“ ausläuft, wird mit dem Baktun 14 weiter gezählt. Wenn Baktun 20 erreicht wird, springt der Kalender, der Eindeutigkeit halber, auf 1 Pictun über und wird somit sechsstellig – der Beweis sind bereits von den Mayas datierte historische Ereignisse, welche eine Pictunzählung aufweisen. Zudem fehlt eine eindeutige Zuordnung von Kalenderdaten der Langen Zählung (Baktun) zu denen des gregorianischen Kalenders. Man geht jedoch davon aus, dass die nach J. Eric S. Thompson benannte Thompson-Korrelation zutrifft und man somit auf das Datum 21.12.2012 kommt, gibt Wikipedia dazu Auskunft.

Der Bonner Altamerikanist Nikolai Grube sieht die Faszination des Mayakalenders in seiner bis in die Gegenwart praktizierten Verwendung. Auch die Präzision sei bestechend, denn dieser ermögliche eine auf den Tag genaue Datierung historischer Ereignisse, sieht man einmal von den Zuordnungsproblemen zum gregorianischen Kalender ab. So wäre der Übergang von einem Zyklus (Baktun 13 auf Baktun 14) bei den Mayas groß gefeiert worden. Diese hatten eine, laut Grube, „Vorstellung von der Unendlichkeit“. Ein Weltenende herbei beten zu wollen scheint wohl der Vorstellungswelt des modernen Menschen näher zu liegen, und selbst Grube meint, dass von einem Ende keine Rede sein kann.

Was vielleicht im Enden begriffen ist, ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem, vielleicht das Geldsystem, sind Staaten- und Wirtschaftsverbünde wie die EU oder der Kapitalismus höchst persönlich. Und immer mehr Menschen fällt mittlerweile auf, was der Konsumrausch die vergangenen Jahrzehnte verdecken konnte – nämlich der Mangel an Selbstbestimmung auch in einem demokratischen System. All das aber auf den Mayakalender beziehen zu wollen, hieße wohl Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Dass wir an einer gesellschaftlichen Wende stehen kann vermutlich schlüssiger aus psychotherapeutischer Sicht erklärt werden, wie das Hans-Joachim Maaz tut. Indem er unserer Gesellschaft hochneurotische Züge attestiert, welche auf ein seit zwei Jahrtausenden gepflegtes, verschrobenes Frauen- und Männerbild zurück zu führen sind. Der Zwang zum Machodasein und zur jungfräulichen Eva bzw. einer Männerfantasien beflügelnden Hure (Lilith) kastriere jeglichen Bezug zur gesellschaftlichen Fürsorglichkeit, Empathie, Menschlichkeit und Beziehungsfähigkeit und würde aktuell eine Art Kulminationspunkt erreichen. Aber das ist eine andere Geschichte und wird wohl kaum von den Mayas vorgesehen worden sein.

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