Freitag , 24 Januar 2020
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Bernd Beutel – Ein Leben in der Zukunft – Teil 3

ueberwachungskamerasVerpasst was bisher geschah? Hier finden sie Teil 1 und Teil 2.
Es war doch jedes mal ein mulmiges Gefühl, wenn Bernd die Sicherheitsschleuse betrat, die jeder Mitarbeiter von Wertstoffhandel Blebonske durchlaufen musste, bevor er seinen Arbeitstag beginnen durfte. Wenn hinter ihm die Stahltür zuschlug und es für einen Moment ganz dunkel in der kleinen Kammer wurde, bevor der Laserscanner mit einem summenden Geräusch an ihm herauf und herunter fuhr, bekam er immer ein klein wenig Angst, dass doch mal etwas nicht stimmen würde bei ihm und die Sirene würde ihr ohrenbetäubendes Werk tun. Er hatte selbst mal gesehen wie sein Kollege Dieter Diener, Nationale Identifikationsnummer 600857687331-687 vor ihm in die Kammer ging, die Sirene los heulte und Dieter nicht wieder heraus kam. Nie wieder heraus kam.

Andere Kollegen erzählten, hinter vorgehaltener Hand, dass der Boden in der Sicherheitsschleuse unter einem verschwand und man in eine Zelle hinunter fiel, in der man darauf warten musste bis man von der DUSSEL* abgeholt und in ein MumpITZ** gebracht wurde. Aber so genau wusste das auch keiner. Doch Bernd geschah nichts. Die sonore Stimme in der Stahlkammer ertönte, wie jeden Morgen: Bernd Beutel, Nationale Identifikationsnummer 600784536992-588, Zugang gewährt. Und Bernd war wie immer erleichtert, als er auf seinen Spind in der Umkleidekabine zuging, in der sich seine Wertstoffhandelarbeiter-Klasse 3-Uniform befand. Doch sein zufriedener Gesichtsausdruck wurde sofort wieder von einer ängstlich erschrockenen Miene abgelöst, als er auf dem Display seines Spindes die rot leuchtende, aufblinkende Schrift sah. NID 600784536992-588, sofort in der Verwaltung melden.

Im Verwaltungsbüro wurde er schon erwartet. Frau Denunzianti, die mit ihren 74 Jahren ein kurz vor der Rente stand und dafür bekannt war, den Arbeitern der Klasse 3 gerne ihren niederen Stand spüren zu lassen, sah Bernd mit einem Blick an, als hätte der gerade ihren Dackel erschossen. Und vergewaltigt. In dieser Reihenfolge. Und jeder bei Wertstoffhandel Blebonske wusste wie stolz Frau Denunzianti auf ihren Status war, der ihr erlaubte noch eines der wenigen, aus Fleisch und Blut bestehenden Haustiere zu besitzen. So belanglos und doch so unterwürfig wie möglich begrüßte Bernd die Verwaltungsangestellte. „Einen schönen guten Morgen Frau Denu…“ „Quatschen Sie hier keinen Schrott!“ unterbrach ihn Frau Denunzianti keifend. Bernd wusste genau, dass sie damit auf seine Tätigkeit als Wertstoffhandelarbeiter der Klasse 3 anspielte und obwohl sie keinerlei Anzeichen eines Lächelns zeigte, war er sich sicher, sie feixte innerlich gehässig.

„Uns liegt eine öffentliche Beschwerde ihrer Nachbarin Frau Emmerichslohe vor“, sagte die Fast-Rentnerin trocken, „Die Dame hat sie bei der DUSSEL wegen unzüchtigen Verhaltens angezeigt NID 600784536992-588. Und wie soll ich sagen…, ich habe es ja irgendwie schon immer gewusst. Sie haben sich unverzüglich beim psychiatrischen Überwachungsdienst zu melden.“

„Aber…“, stammelte Bernd, „…das war doch alles nur ein Missverständnis. Mein ZX 3000S, also sie wissen doch, der kleine Sitzplatzkommauspfui, der seit einigen Tagen bei mir lebt, der war…“

„Erzählen Sie das bitte nicht mir“, patzte Frau Denunzianti ihn an. Und jetzt war Bernd sich sicher, dass ein kurzes, gehässiges Lächeln über ihre Lippen huschte. „Sie werden in 30 Minuten bei PÜD erwartet und ich rate Ihnen da nicht zu spät zu kommen Beutel!“ Sie genoss es, hin und wieder, Bernd bei seinem Namen zu nennen und diesen auch ganz deutlich zu betonen.

„Es ist ihnen wohl klar, dass wir ihnen die Fehlzeit vom Gehalt abziehen und sie eine vorläufige Abmahnung bekommen, Beutel. Auf Wiedersehen!“ Damit drehte sie sich um und widmete sich ihrem Bildschirm.

„Aber es war doch wirklich nur ein Missverständnis…“, murmelte Bernd immer noch vor sich hin, als er wieder in der Sicherheitsschleuse stand. Das Gebäude des PÜD war zwar zu  Fuß recht weit entfernt, dennoch kam er genau pünktlich dort an und hauchte abgehetzt seine NID in die Sprechanlage an der Eingangstür. Drei Minuten später saß er Dr. Peiniger gegenüber, der ihn ernst und schweigsam musterte und dabei abwechselnd durch seine Brille sah und wieder drüber hinweg, in dem er den Kopf so neigte, dass ein Doppelkinn zum Vorschein kam, welches Bernd an seine verstorbene Schwiegermutter erinnerte und seine Angst vor dem folgenden Gespräch nur noch steigerte.

„Hmmmm…“, grunzte der Doktor endlich, „Herr Beute, ja…?“ „Beu-tel“, betonte Bernd die letzten drei Buchstaben, fast etwas genervt über den gar nicht mehr so lustigen Versprecher seines Namens. „Bernd Beu-tel, Nationale Id…“

„Sie reden bitte nur wenn sie gefragt werden!“, unterbrach ihn der Psychiater und seine Stimme war dabei so leise, dass es noch weitaus gefährlicher wirkte als seine verstorbene Schwiegermutter. „Also, Herr Beutel, uns liegt eine massive Beschwerde ihrer Nachbarin Frau  Emmerichslohe vor. Außerdem eine Meldung der Impfaufsichtsbehörde, über versäumte Termine und außerdem eine Bedenklichkeitsanfrage des Pizza-Bringdienstes „Painfull“, der sie bei ihrer letzten Bestellung als äußerst verwirrt und verdächtig einstuft.“

„Verdächtig?! Also das ist ja jetzt wohl etwas übertrieben. Ich meine ich hab lediglich…, also wer kann denn schon wissen, dass er in einer gelben Zone wohnt und Frau Emmerichsdingsda, die alte Zick…, ich meine es ging ja da um den ZX 3000S und darum, dass ich mein BPS nicht so schnell gefunden habe und Sitzplatzauskommpfui…, also ich meine verstehen sie mal, ich konnte doch nicht, es war eben alles ein Missver…“

„Sie reden bitte nur wenn sie gefragt werden“, zischte Dr. Peiniger und dabei verengten sich seine Augen, so das er Ähnlichkeit mit einem Raubtier bekam. Ein Raubtier mit Doppelkinn.

„Ich sag Ihnen was wir machen, Herr Beute, wir machen jetzt hier eben mal den Fragebogen für auffällig gewordene Personen fertig, dann gehen sie damit mal schnell rüber zur IAB (Impfaufsichtsbehörde), lassen sich ihre versäumten Impfungen geben und sich einen Sicherheitskontrollchip implantieren und dann sehen wir uns hier wieder.“

„Sicherheitskontrollchip?! Aber…, aber das ist doch, dann können sie ja praktisch jeden Schritt…, ich mein…“

„Sie reden hier bitte nur wenn sie gefragt werden, Herr Beute. Wir sehen uns in einer halben Stunde wieder“.

Die Fortsetzung gibt es hier

* DUSSEL: Deutsche-Untergund-Staats-Sicherheits-Elite-Legion
** MumpITZ: Mitbürger-unter-massivem-politischen-Indoktrinationsdefizit-und-Terrorverdacht-Zentrallager

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