Montag , 6 Februar 2023
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Bernd Beutel – Ein Leben in der Zukunft – Teil 2

hund_bernd_beutelBernd Beutel Nationale Identifikations-Nummer 600784536992-588, hatte jetzt einen Hund. Einen ZX 3000S. Offiziell zugelassenes Heimtier der Klasse F. Was wohl soviel wie Freiluft bedeuten sollte. Bernd wusste es nicht genau. Der ZX 3000S war ihm diese Woche zugeteilt worden, nachdem man bei der monatlichen psychologischen Standarduntersuchung festgestellt hatte, dass seine Produktivitätsleistungseinstufung, von seinem Arbeitgeber Wertstoffhandel Blebonske, um einen Punkt zurück gesetzt wurde. Der Psychologe der DUSSEL* war der Meinung, dies hänge damit zusammen, dass Bernd seine Frau sehr vermisste und unter einem beginnenden Sozial-Defizit-Syndrom (SDS) litt. Und da Bernd Hunde nicht besonders leiden konnte, was eben auch bei seiner Frau der Fall war, hielt es der Psychologe für das Beste, ihn ab sofort den Pflichten eines Hundehalters zu unterstellen.

Der ZX 3000S hatte ab Werk auch einen Namen bekommen. Sitzplatzkommauspfui hieß er, was Bernd etwas lang fand und ihn deshalb nur Sitz nannte. Was es bedeutete einen Hund zu haben, merkte er besonders an diesem Morgen, als ihn der Hauscomputer, der mit der Stimme seiner verstorbenen Frau Anneliese programmiert war, weckte.

„Guten Morgen Bernd, es 5.15 Uhr und der ZX 3000S ist bereit zum Wasser lassen, in 15 Minuten. Frühstück um 5.20 Uhr, Medikamentenausgabe um 5.25 Uhr. Also zack, zack, du faules Stück!“

„Wie jetzt, nur 5 Minuten zum Frühstücken?“, murmelte der Lagerarbeiter der Klasse 3, noch im Halbschlaf und dachte bei sich, dass die Stimme von Anneliese im Hauscomputer eigentlich völlig ausgereicht hätte. Dieser Hund…

„Es ist 5.23 Uhr. Der ZX 3000S ist bereit zum Wasser lassen in…, 6 Minuten und 32 Sekunden“, ließ „Anneliese“ mechanisch verlauten. „Iss ja gut…“, maulte Bernd ´rum, als er feststellte, dass er wohl noch mal eingenickt war und rutschte, bei dem Versuch aufzustehen auf den Resten der Essenszuteilung von gestern aus. Monsano-Nudeln mit Huhn eurasischer Art. Er wollte sich noch am vollautomatischen Rollo der Marke „Pusedunkel“ festhalten, riss es dabei komplett aus der Halterung, kippte zur Seite weg und schlug mit dem Kopf gegen Heizung. Langsam, mit dem Gesicht nach unten, schlurfte er am Heizkörper herunter und bemerkte dann, dass von dem Sojabohnensprossenpudding auch noch was da war.

„Der ZX 3000S ist bereit zum Wasser lassen, in 5 Minuten und 14 Sekunden“, hörte Bernd, leicht benommen, „Anneliese“ sagen. Er beschloss das Frühstück ausfallen zu lassen und sofort zur Medikamentenausgabe ins Badezimmer zu gehen. Etwa eine halbe Sekunde zu spät bemerkte er Sitzplatzkommauspfui, der in freudiger Erwartung seines Morgenspaziergangrituals genau hinter ihm stand. Wieder schlug er lang hin, diesmal aber gar nicht langsam, sondern mit voller Wucht auf die Bettkante, die als Tribut einen Zahn forderte, so dass Bernd jetzt nicht nur an der Stirn, sondern auch aus dem Mund blutete, fast die Besinnung verlor und sich bei dem Versuch mit der Hand am Boden ab zu stützen auch noch zwei Finger verstauchte. Er robbte ins Badezimmer und spürte langsam Panik in sich aufsteigen, denn wenn er das Zeitfenster der Medikamentenausgabe verpasste, so wusste er, wird es automatisch eine Meldung an die DUSSEL geben und das hätte ihm heute nun gerade noch gefehlt. Praktisch in letzter Sekunde zog er sich mit einer Hand am Waschbecken hoch, kam irgendwie, trotz Schwindel und Übelkeit, zum Stehen, griff ins Medikamentenausgabefach und schluckte schnell, nicht ohne sein Gesicht noch mal zur Spiegelkontrollkamera zu drehen, die acht bunten Pillen herunter.

„Der ZX 3000S ist bereit zum Wasser lassen, in 3 Minuten und 56 Sekunden“, meldete sich Anneliese wieder und Bernd versuchte irgendwie sich zu konzentrieren.

„Sitz, komm!“ rief er dem „Cyberhund“ zu.  Sitzplatzkommauspfui setzte sich hin, ging einen Schritt und setzte sich wieder. „Komm Sitz“, rief Bernd wieder und überlegte krampfhaft wo er seinen Haustürschlüssel hingelegt hatte. Es war ihm wohl aus dem Gedächtnis entflogen, dass es gar keine Schlüssel mehr gab, sondern nur noch Chipkarten, so wie man sie heute schon in besseren Hotels hat. Der ZX 3000S ging wieder einen Schritt, setzte sich wieder, sah Bernd an und wedelte mit dem mechanischen Schwanz. Bernd wühlte in seinen Jackentaschen. Etwas vom Schock des Aufpralls auf der Bettkante erholte schoss nun ein stechender Schmerz von seinem Oberkiefer hinauf zur Stirn, wo er sich mit dem der Platzwunde vereinte.

„Der ZX 3000S ist bereit zum Wasser lassen, in 1 Minute und 13 Sekunden“, ließ „Anneliese“ sich vernehmen und Bernd fragte sich einmal mehr, was er denn eigentlich an seiner Frau vermissen sollte.

„Sitzplatzkommauspfui, verdammt noch mal, mach jetzt endlich!“ schrie er den Hund an. Die Augen des offiziellen Heimtieres der Klasse F fingen an wie wild zu blinken, leichter  Rauch stieg aus seinen Ohren auf. Der Hund setzte sich, ging einen Schritt, schreckte zusammen und warf sich auf den Boden, stand wieder auf und lief ein paar Meter weg, wo er sich wieder setzte. Ein Geräusch, dass nur entfernt an ein Winseln erinnerte drang aus ihm und die Rauchentwicklung wurde stärker. Es klingelte an der Haustür, während der Hauscomputer ein weiteres Mal an sprang. „Der ZX 3000S ist bereit zum Wasser lassen, in 12 Sekunden.“

Jetzt brach die Panik aus. Bernd nahm sein neues Haustier kurzerhand auf den Arm, hastete zur Tür, rüttelte verzweifelt an ihr, bis er sich schließlich der Tatsache des nicht mehr vorhandenen Schlüssels gewahr wurde, die Haustüröffnungschipkarte aber erstmal mit der von der Bücherei verwechselte und eine Träne der Wut vergoss. Endlich erinnerte er sich daran, das ja im Grunde alles auch zentral gesteuert auch über seine neues BPS, sein Bürger-Phone-Standard, zu schalten war, griff danach auf der Flurgarderobe und drückte endlich auf den richtigen Knopf, der die Tür öffnete, an der es immer noch klingelte. Vor der Tür stand Frau Emmerichslohe, die Bernd nur davon in Kenntnis setzen wollte, dass er für den Kinder Weihnachtsbazar, im Kirchengemeindehaus, am nächsten Samstag eingeteilt war.

Während Frau Emmerichslohe entgeistert an ihm rauf und runter blickte, versuchte Bernd sich vorzustellen, was es wohl für einen Eindruck machte, um 5.30 Uhr morgens in der Haustür zu stehen, den Wasser lassenden ZX 3000S auf dem Arm, unten herum relativ unbekleidet, da der Gummi seiner Schlafanzughose bei einem der Stürze gerissen sein musste und ihm diese jetzt langsam an den Beinen herunter glitt, während von seiner Stirn eine Mischung aus Blut, Nudeln mit Huhn eurasischer Art und Sojabohnenpudding tropfte, seine Lippe inzwischen höchst angeschwollen war und ein Zahn ihm, nur noch an einem Nervenfaden hängend, schief aus dem Mund stand.

„Guten Morgen Frau Emmerichslohe“, begrüßte er seine Nachbarin mit dem, ihm gerade noch zur Verfügung stehenden gequälten Lächeln. „Schöner Tag heute was…?“

Die Fortsetzung gibt es hier.

*DUSSEL= (Deutsche-Untergrund-Staats-Sicherheits-Elite-Legion)

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