Montag , 22 Juli 2019
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2 Tassen für ein Halleluja – Früher war Ebay irgendwie anders

mokka_tasseAls ich zu Beginn dieses Jahrtausends meinen Account bei Ebay eröffnete war allen Beteiligten irgendwie klar, dass es sich dabei um eine Plattform handelt, auf der man von Privatleuten, meistens sogar Laien, gebrauchte Gegenstände aus deren Privatbesitz ersteigern konnte. Gerade so wie auf einem Flohmarkt, nur eben in Auktionsform und im Internet. Ein laienhaft geknipstes Foto und eine ebensolche Beschreibung genügten voll und ganz den Anforderungen. Ebenso war klar, dass man als privater Ebay-Verkäufer, sofern man einer geregelten Tätigkeit nachging und zum Zwecke des Ebay-Verkaufs nicht eine Woche Urlaub genommen hatte, nach Verkaufsabschluss ein paar Tage für den Versand des Artikels benötigte. Schließlich galt es doch damals noch als einigermaßen gesichert, dass Ebay-Verkäufer keinen Luftpolsterfolien-Strauch, ein Styropor-Beet oder ein Kartonagen-Bäumchen im Vorgarten haben.

Ergo musste man als stolzer Ebay-Verkäufer, der darauf bedacht war, die Verpackungskosten für seinen jüngst versteigerten 1-Euro-Artikel nicht in schwindelerregende Höhen zu treiben, in seinen Feierabendstunden erst mal zum nächstgelegen Baumarkt fahren, um dort, gegen ein kleines Trinkgeld für den Lageristen, im Hinterhof der Warenannahme in Abfallcontainern mit den Ausmaßen einer Fertiggarage nach geeignetem Verpackungsmaterial zu suchen. Dass dieser Aufwand etwas Zeit in Anspruch nahm sowie 1 bis 3 Euro kostete und dass man die Kosten dafür, zusätzlich zu den Versandkosten, auf den Käufer umlegen musste, war damals auch für Jedermann nachvollziehbar und akzeptabel.

Heutzutage erwarten die meisten Käufer auf Ebay von Privatverkäufern einen Full-Service wie bei einem Großversandhaus. Nicht nur, dass der Artikel gefälligst reichhaltig bebildert sein soll, mit hochauflösenden Fotos, unter Studiobedingungen mit einer Profikamera aufgenommen und professionell ausgeleuchtet, sowie fachmännisch erschöpfend beschrieben sein soll. Nein, auch die Verpackung möge bitte internationalem Überseeversand-Standard entsprechen und soll dabei natürlich keine Kosten verursachen. Das verlangt ja inzwischen Ebay sogar bei den meisten Artikeln. Darüber hinaus möge bitte der Versand innerhalb von maximal einem Werktag nach Zahlungseingang erfolgen und möglichst wenig kosten. Am liebsten wäre es den meisten Käufern ohnehin, wenn der Versand frei Haus wäre. Da wird es dann schon etwas schwierig, das alles noch in dem einen Euro unterzubringen, den man bei der Versteigerung von Omas Bleikristall-Vase erlöst hat.

Und wehe, man erdreistet sich, für seinen persönlichen Zeitaufwand 1 Euro als kleine Aufwandsentschädigung zu verlangen, oder weigert sich 15 oder 20 km bis zur nächsten Annahmestelle des günstigsten Versandunternehmens zu fahren beziehungsweise einen halben Tag Urlaub zu nehmen, um auf die Abholung durch dessen Fahrer zu warten! Dann hängt sofort das Damoklesschwert der neutralen oder gar negativen Bewertung drohend über einem. Als Verkäufer hat man inzwischen ja nur noch die Alternative, einen Käufer entweder gar nicht oder eben positiv zu bewerten.

Kürzlich habe ich auf Ebay zwei Sammeltassen aus dem Nachlass meiner Mutter verkauft. Ich habe von solchen Tassen absolut keine Ahnung und kann damit auch wenig anfangen. Allerdings waren die Tassen schon recht alt und standen bei meiner seligen Frau Mama über viele Jahre hinweg wohlbehütet in der Vitrine des Nussbaum-Antik-Wohnzimmerschrankes. Zum Wegwerfen waren sie mir daher viel zu schade.

Also habe ich von den Tassen nebst Untertassen jeweils 3 Bilder geknipst, alles mit dem Lineal genau vermessen und unter Angabe dieser Maße und mit den 3 Fotos unter der Bezeichnung „Sammeltasse“ einzeln auf Ebay eingestellt.

Als Startpreis habe ich bei beiden Tassen jeweils 1 Euro angegeben und für den Versand je 5 Euro, obwohl dieser mit DHL schon 6,90 Euro kostet. Aber ich wollte die eventuellen Kaufinteressenten nicht mit zu hohen Versandkosten abschrecken. Und außerdem war ich zuversichtlich, dass die beiden Tassen je ein paar Euro einbringen würden – geträumt hatte ich von ca. 5 bis 8 Euro – und damit die Gesamtkalkulation schon aufgehen werde.

Ersteigert wurden dann beide Tassen zusammen von einer Dame. Zum Preis von je 1 Euro. Mit dem Abschluss der Auktion kam auch sogleich per Ebay-Mitteilung der schriftliche Hinweis der Käuferin, ich möge die beiden Tassen bitte ja ordentlich verpacken, damit diese den Versand unversehrt überstehen. Außerdem, so meinte die Dame, hätte sie ja beide Tassen erworben und deshalb müsse sie ja wohl nur einmal Versand bezahlen, da man alles in einem Karton schicken könne. Soweit gingen wir d’accord.

Die Auktion lief an einem Sonntagabend aus. Leider war ich ab Dienstag drei Tage beruflich unterwegs und konnte somit nicht den Zahlungseingang nachverfolgen, bzw. umgehend nach Erhalt der Zahlung den Versand einleiten.

Als ich am Donnerstagabend gegen 23 Uhr todmüde von einer langen und strapaziösen Autobahnfahrt nach Hause kam und, pflichtbewusst wie ich nun mal bin, noch rasch meinen privaten Email-Account überprüfte, fand ich, versendet über Ebay, bereits eine Beschwerde wegen einem bezahlten und nicht erhaltenen Artikel vor. Es ging, wie nicht anders zu erwarten, um die beiden Tassen.

Als ich daraufhin mein Bankkonto online überprüfte, stellte ich entsetzt fest, dass die Zahlung der Käuferin bereits am Dienstag meinem Konto gutgeschrieben worden war! Ich befand mich also schon 2 Tage schuldhaft im Verzug! Ich antwortete umgehend, entschuldigte mich, der schwere meines Vergehens angemessen, äußerst unterwürfig, gelobte Besserung und versprach hoch und heilig, am anderen Tag sofort die beiden Tassen zu versenden.

Um bei der Käuferin und Ebay nicht noch mehr in Ungnade zu fallen, nahm ich mir am Freitagnachmittag frei, fuhr zum Baumarkt, steckte dem Lageristen ein paar Euro zu und verschwand in den unergründlichen Tiefen des Abfallcontainers. Als ich nach ca. einer halben Stunde wieder auftauchte, hatte ich ein Knäuel Luftbläschenfolie, etwas Material zum auspolstern und einen 3-welligen Karton, etwas größer als ein Schuhkarton, erbeutet. Damit fuhr ich rasch nach Hause, verpackte die beiden Tassen nebst Untertassen sehr gründlich und gewissenhaft, brachte das Paket zum DHL-Versand und bezahlte dort meine 6,90 Euro.

Erleichtert und mit dem Gefühl, von einer großen Last befreit zu sein, fuhr ich nach Hause. Nicht ohne auf der Fahrt kurz zu bilanzieren: der Erlös für beide Tassen zusammen betrug 2 Euro, zuzüglich der 5 Euro für den Versand, abzüglich 3 Euro für den Lageristen vom Baumarkt und 6,90 Euro für den (versicherten!) Versand. Das macht unterm Strich einen Verlust von 2,90 Euro. „Na ja“, dachte ich mir, „man kann halt nicht immer auf der Gewinnerseite stehen“ und war hoffnungsfroh darüber, dass die Tassen wohl in gute Hände kämen und die Käuferin sich daran erfreuen würde. Das gab mir ein wesentlich besseres Gefühl, als hätte ich die beiden Tassen, die meine liebe Mutter immer so pfleglich in der Vitrine aufbewahrt hatte, einfach achtlos weggeworfen.

Etwa eine Woche später, ich hatte die Angelegenheit schon fast vergessen, fiel mir ein, dass ich für die Käuferin der Sammeltassen noch eine Bewertung abgeben wollte. Ich öffnete meinen Ebay Account, gab bei beiden Auktionen eine positive Bewertung ab, etwas anderes kann man als Verkäufer ja ohnehin nicht mehr machen, und wünschte der Käuferin noch viel Freude mit den Tassen. Anschließend kam mir der Gedanke, nachzusehen, ob ich meinerseits auch schon eine Bewertung erhalten hätte.

Tatsächlich hatte die Dame die Bewertung schon vorgenommen. Aber was war das??

NEGATIV?!?! Die Käuferin hatte mich 2-mal negativ bewertet, mit der Begründung, es würde sich nicht um Sammeltassen, sondern um Mokkatassen handeln. Oh, Grundgütiger, was hatte ich getan? Wie konnte ich nur? Ach Herrje was für ein Fauxpas! Wie konnte ich Dummerchen nur Mokkatassen mit Sammeltassen verwechseln?! Wo doch den Unterschied jedes Kind kennt, oder? Hmm… ja was ist denn nun der Unterschied zwischen einer Sammeltasse und einer Mokkatasse?

Nachdem die beste Lebenspartnerin von allen auch keinen Rat wusste, wurde flugs gegoogelt und Wikipedia befragt. Aber auch dort werden Sammeltassen und Mokkatassen immer in einem Atemzug genannt und kein Unterschied definiert.

„Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“ frei nach diesem Zitat von Goethe fragte ich über die Ebay-Mitteilungsfunktion bei der Käuferin nach, worin denn der Unterschied liege und weshalb sie mir gleich eine negative Bewertung gegeben hätte, anstatt sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen und gegebenenfalls eine Rückabwicklung des Kaufs zu vereinbaren, was meinen Verlust lediglich um unwesentliche 6,90 Euro für die Rücksendung erhöht hätte.

Mokkatassen wären größer als Sammeltassen, wurde ich in der Antwort der fachkundigen Dame belehrt. Und ich hätte die Tassen besser beschreiben müssen. Dafür und vor allem für die lange Verzögerung beim Versand hätte sie mir die negativen Bewertungen gegeben. Dennoch seien die Tassen sehr schön, sie wolle sie unbedingt behalten und der Mokka daraus schmecke vorzüglich.

Nachdem im Bewertungsschema bei Ebay nur die letzten 12 Monate zur Berechnung des Prozentsatzes der positiven Bewertungen herangezogen werden und ich im Verlauf dieses Zeitraumes, genauer gesagt während der letzten zwei Monate, nur 3 Artikel verkauft habe, die beiden Sammeltassen – Pardon: Mokkatassen – mit eingerechnet, werde ich dort jetzt mit lediglich 33,3 % an positiven Bewertungen geführt. Ein Zustand, der dem völligen gesellschaftlichen Aus gleichzusetzen ist. Als Ebay-Mitglied mit 33,3 % positiven Bewertungen gehört man zu einer geächteten und suizidgefährdeten Randgruppe. Dagegen erscheinen das Vorstrafenregister von Menowin Fröhlich, die Schufa-Auskunft von Jürgen Schneider oder die Leberwerte von David Hasselhoff wahrhaftig wie erstrebenswerte Ziele.

Nach mehreren psychotherapeutischen Sitzungen, einer Aufstellung beim Familientherapeuten und einer regelmäßigen Betreuung durch einen Personalcoach habe ich mich inzwischen mit meiner Außenseiterposition bei Ebay abgefunden. Mein Verlust durch den Verkauf der Sam.. äh MOKKAtassen summiert sich infolge dieser Maßnahmen auf 3.802,90 Euro. Meinen Account bei Ebay lasse ich zunächst einmal ruhen – in knapp 10 Monaten habe ich dort ja wieder eine saubere Weste. Die restlichen Sachen aus dem Nachlass meiner Mutter, darunter auch noch ein paar MOKKAtassen, habe ich einer Bekannten geschenkt, die regelmäßig Flohmärkte besucht. Um meinen Therapieerfolg nicht zu gefährden, habe ich noch nicht nachgefragt, wie sich die Sachen verkaufen.

Eine Gastkolumne von Moritz Neuhaus.

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