Freitag , 24 Januar 2020
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Die Reformation des Duschgels oder warum ein neuer Luther fehlt

duschgelWas hat Luther mit Duschgel gemeinsam? Er hat sich mit Sicherheit auch mal gewaschen. Wohl eher mit Seife. Das nur am Rande. Tatsächlich geht es um sowas wie „Sodium Laureth Sulfate” oder „Potassium Sorbate”, was wie ein altrömisches Vogelbad klingt. Das ist Latein. In diesem Fall auch noch Englisch. Und die Bibel war Latein. (In ihrem Fall Latein-Latein.) Bis Luther kam. Er hat den Deutschen (und der Welt) mit seiner Übersetzung quasi ihr erstes Medium zur Meinungs- und Glaubensbildung gegeben.

Heute macht das der Fernseher. Und der beschert uns nicht nur unsere (eigene gemeinsame) Meinung, sondern auch bunte Produktvielfalt. Wie eben auch Duschbad.

Zu solchem griff ich heute morgen, begeistert von dem edlen transparenten Farbverlauf der Plastikflasche und dem wahnwitzig griffigen Industriedesign. Und wie ich so stehe, eingeseift und berieselt, schaue ich mir – wie öfter aus Langeweile – die Rückseite meiner Duschgelflasche an und lese: Erstmal das übliche – diesmal aus der Kategorie „Sport” – nämlich „Frische-Kick” und blabla. Irgendwann folgt Eigenwerbung und der Hinweis, Kontakt mit den Augen zu vermeiden. Das macht schon etwas stutzig. Ich bin ohnehin argwöhnisch bei jedem Cremchen, Wässerchen und Pülverchen, das man sich auf die Epidermis schmiert. Denn mein Motto ist: „Was ich nicht essen kann, schmiere ich mir auch nicht drauf!” Gut, bei Seife ist das generell schwierig mit solchen Prinzipien… Wenn einem jedes mal die Tränen in die Augen getrieben werden, sobald Man(n) die Arme hebt, gilt es eben abzuwägen: Waschnüsse oder Seife. Aber genug des seichten Witzes: Wir hatten es ja mit Luther.

Weiterlesen auf der Flaschenrückseite. Im unteren Drittel eines jeden Chemie-Produkts ist es Pflicht für den Hersteller, die Ingredienzien anzugeben. Ich steige hier schon mit Fremdwörtern ein, denn was nun auf der stylischen Geltube folgt ist einerseits Pflichterfüllung gegenüber dem Gesetzgeber, andererseits eine unheimlich clevere Verarsche: Die Zutaten stehen zwar auf der Flasche, aber ich soll ja gar nicht wissen, was da drin ist! Da kommt dann eben „Aqua” – okay. Aber es geht immer weiter mit einem bunten Konglomerat an Inhaltsstoffen wie „Polyquaternium-10″, dass man glauben muss, man lese Cicero in der Originalfassung oder – paradoxerweise – dass das Duschgel aus der Zukunft komme. Selbst jene mit dem großen Latinum haben erschwerten Lesespaß – es sei den, sie haben gleichzeitig Chemie in Oxford studiert.

Verdummung also? Im Prinzip schon. Es ist, was ein recht argwöhnischer Jurist vielleicht als „betrugsgleich” beschreiben würde. Also zwar kein Betrug, aber de facto ist es nicht das, was da vom Gesetzgeber intendiert wird: Der Mensch soll wissen, was er da auf sich raufschmiert (oder in sich reinsteckt). Nun wird der Hersteller sagen: „Steht ja drauf! Mach’ die Glotzen off, Du A…krampe!” Doch wenn ich überlege, was schneller geht: Übersetzungsarbeiten einer Sprachakrobatik von toter Sprache in englisch und chemotechnisch geblähten Begriffen oder der chemischen Analyse meines Duschgels… naja… schwer.

Nun kommt Luther ins Spiel: Wir brauchen einen Reformator, der dem Volk die Informationen gibt, die es braucht. Wir wollen keinen Ablass auf Chemieprodukte (und auch Nahrungsmittel!) zahlen, deren Inhalte schleichend tödlich sind. Aber vielleicht noch schlimmer: Wenn das tolle Duschgel mit der stylischen Flasche und dem „Kick” nach der Übersetzung seiner Inhaltsstoffe ins gute alte Deutsch plötzlich erbärmlich profan und normal klingen würde.

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