Dienstag , 5 März 2024
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PISA – Was ist das? Ein Insiderbericht aus einer 12. Klasse

pisaNicht oft bekommt man die Gelegenheit einen Blick in eine Schulklasse zu werfen, wenn man nicht entweder selbst Schüler der entsprechenden Jahrgangsstufe oder Lehrer derselben ist. Beide Gruppen muss man allerdings als parteiisch ansehen, wenn es darum geht über Missstände zu berichten. Die Schüler sehen sich selbst mit der ihrem Alter angepassten Lässigkeit und nur sehr wenige Lehrer bekommen mit, was die Schüler neben dem Unterrichtsstoff noch so bewegt. Oder sollte man sagen „anstatt“? Wir haben am Wochenende eine Leserzuschrift bekommen, die man durchaus als Insiderbericht sehen kann. Der Autor ist uns bekannt, möchte aber aus verständlichen Gründen nicht namentlich genannt werden, was wir natürlich respektieren. Hier sein Beitrag:

Montagmorgen in einer Fachoberschule in Deutschland, 15 Schüler sitzen zu Beginn der ersten Stunde mehr oder weniger genervt an ihren Tischen und warten auf den Schlussgong um 12.50 Uhr. Einer davon bin ich, bereits Ü25, und eigentlich in dieser Klasse um mein Fachabitur nachzuholen. Mir vergeht allerdings die Lust in die Schule zu gehen oftmals schon beim aufstehen. Wenn auf dem Stundenplan Sozialkunde, BWL oder gar Deutsch stehen kostet es schon sehr viel Überwindung positiv zu denken. Aber der Reihe nach.

Im letzten Jahr begann dieser Bildungsgang mit 29 Schülerinnen und Schülern. Die anderen 14 haben es nicht ins zweite Jahr geschafft und das aus sehr guten Gründen. Von meinen ehemaligen Klassenkameraden kamen Sätze wie: „Weißt du, an meiner Schule waren die Lehrer so doof, die haben noch nicht mal gecheckt, dass die Ergebnisse für die Arbeit an der Tafel stehen.“ Darauf konnte ich beim besten Willen nichts antworten, da von Menschen die einen Schulabschluss besitzen so ein Kommentar nicht kommen sollte, geschweige denn von irgendeinem mit einem Realschul-Abschluss, der für die Fachoberschule benötigt wird.

Das macht es wahrscheinlich verständlich, dass die Damen und Herren die es betraf, auch keinerlei Fähigkeiten im Bezug auf einfachste Textinterpretationen hatten. Die eigene Muttersprache wurde zum Hindernis, Formulierungen die vielleicht in der sechsten bis siebten Klasse angemessen sind, wurden in der Oberstufe benutzt. Zwischen den Zeilen lesen und das Erkennen von rhetorischen Figuren oder den Hintergedanken des Autors bei der Wortwahl ist vielleicht einem Drittel meiner verbliebenen Klassenkameraden ein Begriff. Verwundern tut mich dies eigentlich nicht, denn die einzige Lektüre die ich die anderen zwei Drittel meiner Mitschüler habe lesen sehen oder darüber reden hören, war die neuste Elle oder ein Sportmagazin.

Sozialkunde und Betriebswirtschaftslehre waren eigentlich mal meine Lieblingsfächer. Mittlerweile graut es mir davor. Ein Schaubild in Sozialkunde zu beschreiben wird zu einem unüberwindbaren Hindernis für ein Drittel der Klasse, da ihnen anscheinend noch nicht einmal klar ist um was es in dem Schaubild geht, auch wenn der Lehrer es gerade ausführlich erklärt hat. Das Wort Gegenargument war für viele unbekannt. Es war nötig, dass ein Lehrer 16 bis 20-jährigen erklärt was das ist. Die Formulierung des Gegenarguments bestand meist aus einfachen Verneinungen, gepaart mit keinerlei Sachwissen im Bezug auf politische Themen.

In meiner Klasse gibt es höchstens drei Person die sich Informationen von Zeitungen – und damit meine ich nicht die Bild Zeitung – oder den Fernsehnachrichten beschaffen. Diskussionen über aktuelle politische Geschehnisse finden zwischen mir, dem Lehrer bzw. der Lehrerin und zwei bis drei anderen Schülern statt. Einer dieser Schüler hält meiner Meinung nach allerdings die „Bild“ für ein ausgewogenes Informationsblatt. Sei es im Bezug auf die Hartz IV Debatte oder das Thema Integration, seine Kommentare deuten stark auf das Blatt mit den Großbuchstaben hin.

Die meisten Schüler haben keine eigene Meinung zu den Themen, oder sie behalten sie für sich. Oft kommt der Kommentar: „Was geht mich das an?“ Sehr viel, aus meiner Sicht, denn nur drei meiner Klassenkameraden sind noch nicht Wahlberechtigt. Es dürfte keinen mehr überraschen dass die Damen und Herren auch keinen blassen Schimmer davon haben, wie politische Entscheidungen ihr Leben beeinflussen. Ihrer Meinung nach betrifft sie das ja nicht. Hartz IV bekommen ja nur die Arbeitslosen. Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn, dass sie oder ihre Eltern eines Tages selbst die Stelle verlieren und der soziale Abstieg sie dann betrifft.

Bei wirtschaftlichen Zusammenhängen befinden sich die Schüler meist in einem luftleeren Raum. Öfter kamen schon Anmerkungen, dass das Verhalten von Unternehmen in bestimmten Situationen nicht sozial ausgewogen sei. Dass ein Unternehmen rein nach der Rentabilität und nicht nach sozialpolitischen Gesichtspunkten seine Entscheidungen trifft, ist ihnen nach fast eineinhalb Jahren Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen komplett unverständlich. Internationale Wirtschaftszusammenhänge sind nur sehr wenigen bekannt, einem knappen Drittel würde ich sagen. Was aber die Entscheidungsgrundlagen für ein Unternehmen sind, den Produktionsstandort in ein z. B. asiatisches Land zu verlegen wissen die meisten dann schon nicht mehr. Niedrigere Löhne sind meist das Hauptargument, aber das Unternehmen bewusst ins Ausland gehen um Umwelt- und Sicherheitsbestimmungen zu umgehen, davon haben die meisten noch nichts gehört.

Dies bringt mich zum Thema Geld. Die meisten der Schüler haben keinerlei Vorstellung davon, welches Einkommen sie nach Abschluss einer Ausbildung haben werden und was es bedeutet davon leben zu müssen. Für viele muss die neue Designer Tasche oder das neueste Smart-Phone, dann wenn man es möchte, einfach drin sein. Wenn Lehrer versuchen ihnen zu erklären, dass dies mit dem Gehalt, das sie später verdienen, in vielen Fällen nicht möglich sein wird, stoßen sie auf großes Unverständnis.

Und dabei gehört meine Klassenstufe noch zu den Gebildeten. Schwer zu glauben, nicht? An der gleichen Schule gibt es auch Klassen die entweder den Haupt- oder Realschulabschluss nachholen und da sieht es vom reinen Grundwissen her noch schlechter aus. Durch Unterhaltungen mit meinen Lehrern weiß ich, dass es in diesen Klassen von Nöten ist Rechenaufgaben ab der 3. Klasse, also kleines 1×1 aufwärts, nochmals durchzugehen, da die Schüler es einfach nicht ausreichend beherrschen. Den ein oder anderen mit diesem Problem findet man allerdings auch in meiner Klasse. Rechtschreibung ist zumeist ungenügend. Sätze wie: „Die Schulle ist dan um 12 aus“, sind schon als normal zu werten. Es ist für einige Schüler – auch aus meiner Klasse – verwunderlich, wenn Leistungskontrollen direkt bewertet werden und nicht als eine Art Probearbeit dienen, um durch das erneute Schreiben der unveränderten Arbeit am nächsten Tag gute Noten zu erzielen.

Alles in allem bewundere ich meine Lehrer, die dies meist halbwegs gelassen hinnehmen. Sich täglich vor verschiedene Klassen zu stellen, deren Grundwissen mangelhaft ist, und zu sehen, dass sich daran in absehbarer Zeit – egal was man versucht – nichts ändern wird, stelle ich mir unheimlich frustrierend vor. Sie haben sich bestimmt nicht diesen Beruf ausgesucht um das Unwissen welches die Schüler bis zum jetzigen Zeitpunkt erworben haben auszubügeln. Ich muss sie an dieser Stelle loben, da sie sich trotzdem für jede Schulstunde die Mühe machen und Arbeitsmaterialien zusammenstellen, die, wenn die Schüler sie denn benutzen, auch einen Lerneffekt haben.

Eine grundlegende Bildungsreform ist aus meiner Sicht mehr als überfällig! Es kann nicht sein, das junge Menschen zwar einen Schulabschluss besitzen aber dermaßen fern von Bildung sind. Wo sollen bitte die künftigen Fachkräfte herkommen, wenn bei diesen Grundlagen und mit viel Anstrengung die meisten gerade einmal so einen Berufsabschluss schaffen werden?

Mich persönlich wundert was die Bildungsmisere angeht nichts mehr, wenn Schülern der Abschluss mehr oder weniger geschenkt wird, ist es klar, dass sich keiner anstrengt etwas für seine eigene Bildung zu tun. Meiner Meinung nach bewegen wir uns mit der bisherigen Schulpolitik in die Richtung von geplanter Volksverdummung. Menschen die fern von Bildung im Allgemeinen sind, werden sich nicht an Diskussionen beteiligen. Die Teilnahmslosigkeit und das so-lange-es-mich-nicht-betrifft-ist-es-okay-Denken werden noch mehr zunehmen. Da fällt mir nur noch Heine ein: Denk ich an Deutschland in der Nacht so bin ich um den Schlaf gebracht. Die Sorgen werden von oben mit leeren Phrasen weggeküsst und kaum einen scheint das noch zu stören.

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