Mittwoch , 16 Oktober 2019
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Netzwerk- und Gruppenarbeit als die kommende Kunst des Lebens

save our planetEtablierte Zweige der Forschung werden zurzeit bedrängt von einem neuen Denken. Network Theory, Plot Analysis heißen die neusten Techniken, die versuchen, die unterschiedlichsten Wissensbereiche zusammen zu bringen. Dieses neue Denken betrachtet unzählige Quellen gleichzeitig und lernt dabei ungewohnte Fragen zu stellen. Nachdem der berühmte Literaturwissenschaftler Franco Moretti letztens Hamlet einer Netzwerkanalyse unterzogen hatte, meinte er, wir müssten nun völlig neu lernen, was überhaupt ein Charakter ist.

So eröffnet sich eine fraktale Sicht auf das Leben, bei der es nicht mehr deutliche Trennungen zwischen den Kategorien gibt. So beispielsweise zwischen Haupt- und Nebenfiguren. Wie wird das unser Weltbild verändern? Es tritt uns eine Wirklichkeit entgegen, wo sie bislang niemand vermutete oder zu vermuten wagte: Im Gestrüpp der gegensätzlichen Meinungen und Bewertungen.

Eine dieser Bewertungen betrifft momentan die Sache mit Facebook. Gut oder schlecht? Neue Entwicklungen fördernd oder behindernd? Für Jaron Lanier, Autor des Buches „You are not a Gadget“, hat Facebook den Weg in eine paranoide Gesellschaft noch gefördert. Eine Gesellschaft mit einer aufgesetzten Maske, ein „fake social life“ – so wie es dies einst in den kommunistischen Ländern gab, wo die Menschen auf der einen Seite öffentlich hofiert und geehrt, und auf der anderen Seite heimlich bespitzelt und kontrolliert wurden. Ein Widerspruch, den die Menschen dadurch lösten, indem sie ihre Leben doppelt und dreifach inszenierten. Auch soziale Medien wie Facebook tragen den Keim zur Inszenierung in sich, allerdings versteckter und daher weniger ersichtlich. Nun, Lanier ist einer der Visionäre, die momentan an einem Web 3.0 arbeiten, welches jedem Menschen der will ermöglichen soll, kreativ im Netz tätig zu sein und gleichzeitig von dieser Kreativität auch leben zu können.

Im Folgenden wollen wir versuchen einen Netzwerkblick – jenseits des richtig oder falsch der Tyrannei der Meinungen – auf das Thema Networking zu werfen.

Die Kommunikationsfreudigkeit im Netz ist ein Phänomen unserer Zeit. Mit dieser verbunden sind die so genannten Social Networks und Formen des Social Sharings und anderer erweiterter Konzepte wie Wikis, Blogs, Newsfeeds, Taggings und Mashups. All diese Werkzeuge verändern nicht nur den Ablauf unseres sozialen Alltags, sondern mit diesem die Art, wie wir arbeiten, denken, lieben und uns selbst empfinden. Darüber hinaus führen Online-Communities zu einer letztlich immer weiter gehenden Vermischung von ‘realer’ und ‘virtueller’ Welt. Wir lernen im Zuge diese Entwicklung, welche Werkzeuge in uns vorhanden sind, von denen wir bisher nichts wussten, und machen uns auf in das Abenteuer diese anzuwenden. Und wir lernen mutig zu sein, um unsere inneren Werkzeuge mit anderen zu teilen, auch wenn wir nicht gleich von Anfang an wissen, was dabei herauskommt.

Dass allerdings heutzutage leider noch rechtlich kein wirklicher Schutz unserer Privatsphäre online gewährleistet wird, sehen wir u. a. daran, in welchem Ausmaß unser virtuelles Selbst in sozialen Netzwerken ausspioniert und zum Ziel der Kommerzialisierung wird. Dies ist vor allem der Gier der Anbieter und deren Werbekunden zu verdanken, die an nichts so sehr interessiert sind wie an unserem Online-Verhalten. Jedes Mal, sobald wir eine Webseite besuchen, ein Buch online kaufen, einen Begriff in eine Suchmaschine eingeben, einen Like-Button drücken oder eine Information mit Anderen teilen, wird dies für die Erstellung unseres Verhalten-Profils gesammelt. Dieses Profil wird dann an undurchsichtige Unternehmen aller Art verkauft, die hoffen, uns so gezielter in unserem psychologischen Wesen ausmachen und erfolgreich mit Werbung bombardieren zu können. Ob solche Berechnungen auf die Dauer noch aufgehen werden, ist allerdings mehr als fraglich.

Denn all dies ist begleitet von einer Auflösung eines festgefügten Zeitbegriffs und von einer einheitlichen vorgegebenen Vorstellung von dem, was Realität überhaupt ist oder sein könnte. Wir steuern so auf eine Welt zu, in der sich das Zeit-Raum-Gefüge zunehmend verflüchtigt. Und damit auch die Manipulation gängiger Verhaltensmuster. Zeit wird schon jetzt elektronisch eingefroren und so wird ein schnelles Wechselspiel zwischen verschiedenen Zeitaltern ermöglicht, wie auch zwischen physikalischen Tatsachen und metaphysischen Annahmen.

Der Tod eines Einzelnen kann heutzutage alles Mögliche auslösen und geradezu unabsehbare Vor- und Rückwirkungen auf das Dasein anderer Menschen haben. Ebenso kann die Phantasie eines Einzelnen oder einer Gruppe unabsehbare Effekte hervorrufen. Es sind solche Verkettungen zwischen Ereignissen, Geschichten und Personen, die scheinbar unkontrolliert die neue Realität der Netzwerke hervorbringen. Alles kann sich jederzeit mit allem zusammentun und dem Geschehen eine ganz andere Wendung geben. Der amerikanische Way of Life tritt so als Set spontan gelebter Fiktionen hervor. Als etwas, was das Imaginäre in der Realität selbst auflöst, z.B. eine Art zu denken in einer Lebensweise.

In dem bereits 1968 veröffentlichten Essay „The Computer as Communication Device“ fragten Licklider und Taylor: Wie werden interaktive Online-Gemeinschaften aussehen? Der Visionär der Sozialen Vernetzung Sean Parker spricht von Tools, die helfen sollen, deine Offline-Identität zu designen. Anbieter wie Facebook definieren inzwischen Nachrichten neu als Informationen, die von Menschen stammen. Heute bestimmt der Einzelne, was seine Freunde zu sehen bekommen – ganz ähnlich wie es vor Zeiten der Redakteur einer Lokalzeitung getan hat. Auf Facebook kann sich im Prinzip jeder ein individuell auf sich zugeschnittenes Nachrichtenportal erstellen. So entstehen Netzwerke von Menschen, die als dezentrale Relevanzfilter fungieren. Bei Facebook geht es darum, herauszufinden, welche Informationen man von wem lesen möchte. Dies nach der Devise: Deine Freunde bestimmen, wer du bist. Ein Identitätsschock im Sozialen Netzwerk: Du bist die Summe deiner Bekanntschaften. Sie ist der magische Spiegel, in dem du dich erkennst.

Dies ist auf die Dauer nur auszuhalten, wenn man sich am besten gleich mit der Totalität des Seins befreundet. Chris Cox, der Produkt-Vizepräsident von Facebook, sagte dazu: „Wir wollen jedem die gleiche Macht geben, eine Botschaft zu verbreiten, wie sie bisher die Massenmedien besaßen. Das Machtgefälle ist eingeebnet, weil Facebook neutral alle Botschaften als ähnlich behandelt. Jetzt haben wir statt Bürokratien und Märkten Netzwerke, das hilft uns an komplexen Aufgaben zusammenzuarbeiten, aber es zerstört auch die Macht der Elite, zu bestimmen, wer Gehör findet.“ (Der Facebook-Effekt: Hinter den Kulissen des Internet-Giganten, 2011)

Das klingt klar, wird in der Praxis aber noch durch kommerzielle Eigeninteressen von Facebook sowie durch die Zensurpolitik, bestimmte Links zu unterdrücken, unterlaufen. Es gibt eine Freiheit der Informationen, die nur durch die strategische Vernetzung von diesen aufrecht gehalten werden kann. Wenn Alle freien Zugang zu Informationen haben, zensiert jeder eigentlich nur noch sich selbst, in dem Maße, wie er sich vor gesundem Menschenverstand und der Wahrheit fürchtet, zu der ihn dieser zwangsläufig führt.

Insofern wachsen die Menschen über sich hinaus, sobald sie lernen, sich der Totalität des Seins, dem Dasein in seiner ganzen Komplexität und Informationsdichte furchtlos zu stellen. Jede Entscheidung, eine Information zu verarbeiten oder nicht, setzt einen bewussten Willensakt voraus. Dieser wiederum bildet die Basis für das potentiell mögliche magische Denken. Aber um sich der Komplexität des Seins und der Informationen wirklich stellen zu können, bedarf es zuerst einer Generation von Menschen mit einer vollständigen geistigen Unabhängigkeit.

Es gilt mit dem Vorurteil aufzuräumen, Netzwerk-Arbeit wäre so etwas wie eine Freizeitbeschäftigung. Viele, die sich in Netzwerken tagtäglich miteinander austauschen, trennen nicht mehr zwischen Beruf und Freizeit. Ihr Anliegen ist die Veränderung der bestehenden Zustände in Richtung einer besseren Welt. Dazu nehmen sie verschiedene Opfer auf sich, dafür werden sie von Partnern, Freunden und anderen unterstützt. Denn wenn alle der Logik der von einer Wirtschaftselite aufgezwungenen Knappheit folgend, ihre Zeit mit der Sicherung ihres Lebensunterhaltes verbringen, wer soll sich dann für die Änderung der Zustände einsetzen? Daher gehen in Zeiten wie diesen die Kunst der Netzwerk-Arbeit mit der Kunst des Überlebens, nämlich mit wenig finanziellen Mitteln durchs Leben zu kommen, meist Hand in Hand. Menschen, die so leben, verbringen etwa ihre Zeit in Bewegungen, unterstützen Projekte, oder erstellen Informationen für andere. Dass sie oft kein leichtes Leben haben, wissen wir von vielen Berichten. Und doch harren sie aus, weil es für sie keine Alternative gibt, auf die sie am Ende ihres Lebens mit Freude zurückblicken könnten.

Dazu wissen sie zu viel. Dazu hat die Angst zu wenig Macht über sie.

Netzwerker sind in der Regel darauf ausgerichtet, andere Menschen und deren Projekte zu unterstützen und miteinander in Verbindung zu bringen. So können sie Gemeinsamkeiten deutlich machen, die bislang nicht wahrgenommen wurden. Bei diesem Prozess gewinnen alle Beteiligten. Insofern geht es beim Netzwerken nicht etwa nur darum Projekte zu gestalten, sondern Situationen zu erschaffen, über die Menschen sich gegenseitig in ihren wahren Potentialen kennenlernen können. Judith Meijer beschäftigt sich mit einer holistischen Methode für die Durchführung nachhaltiger Projekte, genannt Dragon Dreaming (www.dragondreaming.org). Zusammen mit einigen Freunden hat sie das Kulturlabor Trial and Error e.V (www.trial-error.org) gestaltet, welches ausgerichtet ist auf Leben und Lernen. Gemeinsam stellen sie sich der Herausforderung das Prinzip des Teilens, Gemeinschaftsbildung und Kreativität zu fördern. Judith fasste ihre Erfahrungen in einem Gespräch so zusammen:

„Ich habe den Eindruck wir helfen uns gegenseitig, das jeweils größte Potential in uns zu entdecken. Dafür ist es wichtig, zuerst unsere vorgefassten Meinungen zu überwinden, um dann auch andere auf spielerische Art dazu einladen zu können, aus ihrer bisherigen Denk- und Arbeitsweise ein Stück herauszutreten, denn dort liegen zumeist die Fähigkeiten in den Menschen verborgen. Wir sind dazu aufgefordert, unser gemeinsames Ziel zu finden. Wenn ich mich in Netzwerken einbringe, versuche ich immer auch, die Dinge aus der Perspektive der Anderen zu sehen und das größere gemeinsame Ziel zu kommunizieren. Uns gegenseitig aus unseren

Bequemlichkeiten zu befreien, ist das größte Geschenk, das wir uns bereiten können. So können wir alle zu authentischen Personen werden, die einer wirklichen Herzensangelegenheit nachgehen und nicht mehr über Fremdbestimmung handeln. Wir sind nirgendwo mehr angestellt, denn ich kann nicht als Netzwerker für eine bestimmte Sache arbeiten, sondern nur mit ihr. So kann ich mich mit dem spontan jeweils verbinden was mir entgegen kommt. In einem traditionellen Job hätte ich gar nicht die Flexibilität dazu.“

Und weiter führt sie aus:

Ich interessiere mich für die Gemeinschaftswelt, im besonderen dafür, wie wir uns selbst wahrnehmen innerhalb von Gruppen und wie wir in diesen zusammen kommen um neue Wege für eine friedvolle nachhaltige Lebensweise zu erforschen. Also bin ich ständig dazu aufgefordert, die Sprache all der verschiedenen anderen Gruppen auf diesem Gebiet zu erlernen. Mein Ansatz bei der Netzwerkarbeit ist es nicht, in eine bestimmte Rolle zu verfallen oder andere Menschen aufgrund ihrer Funktion bei einer gemeinsamen Tätigkeit wahrzunehmen, sondern stattdessen mich ganz mit dem auseinanderzusetzen, was ein Mensch im Moment wirklich ist. Sich so mit der jeweiligen Realität einer Situation zu konfrontieren. Dies fokussiert mich auch darauf, so neutral wie möglich zu bleiben und so den Raum zu geben, um unabhängig von Erwartungsmustern die Dinge geschehen zu lassen, die geschehen wollen. Denn wir alle haben unsere ganz eigene Sprache. Wenn wir uns darauf konzentrieren, diese zu entdecken, dann kann etwas geschehen, was weit über den Einzelnen hinausgeht. Es breitet sich dann Harmonie in dir aus und du beginnst automatisch damit, Andere zu inspirieren, ebenfalls ein authentisches Leben zu führen.

Wir als Menschen sind spirituelle Wesen, was bedeutet, dass es schon sehr produktiv sein kann, einfach genau zu beobachten, oder sich die Zeit zu nehmen, Träume zu teilen. Über die Worte hinauszuschauen und die Botschaft zu empfangen die das Wesen einer Person aussendet. Denn worüber träumen wir denn eigentlich? Über solche Fragen kommen wir ins kollektive Bewusstsein, welches ja bedeutet seinen eigenen Träumen zu folgen und Anderen auch den Raum zu geben, damit auch sie ihren Träumen folgen können. Auf diese Art hat sich auch meine Vorstellung über das, was Freundschaften sind, sehr gewandelt mit der Zeit. Freundschaft ist inzwischen für mich ein sehr flexibler Begriff, weit mehr als nur etwa beste Freunde sein oder ein Liebespaar. Was zählt ist: Einer Beziehung nicht eine statische Bedeutung zu geben, die sie eigentlich gar nicht hat. Denn auf diese Art macht man sich gegenseitig ständig etwas vor. Als Netzwerker lernst du zu erkennen, wo deine wahren Stärken und Schwächen liegen und wie verschiedene Talente miteinander kreativ werden können. Es geht darum, die Dinge die geschehen, nicht zu bewerten, denn sie haben ja völlig jeweils nur mit der Situation zu tun, aus der sie entstehen. Das Vertrauen wächst so, dass, was auch immer geschieht, viel kraftvoller und schöner sein wird als wir es uns jemals vorher vorstellen können.“

Aus solchen Aussagen geht klar hervor, dass es beim Networking nicht um die noch weit verbreitete Selbstinszenierung geht, in der es immer etwas zu optimieren gibt, um sich selbst in einem besseren Licht darstellen zu können. Im Gegenteil geht es darum, sich gegenseitig zu helfen durch die Maske der Selbstinszenierung hindurch das wahre Ich zu erkennen. Nicht um mit dem Finger auf den jeweiligen wunden Punkt zu zeigen. Sondern im Vertrauen, dass es nichts gibt, was es zu verbergen lohnt. In der Gewissheit, das in der verbundenen Kraft des wahrhaft Menschlichen, jede Wunde heilt. Auch geht es nicht um das oft bemühte „Teamwork“, womit man Druck aufeinander ausübt, sich in eine aufgesetzte Stimmungslage begibt oder sich gegenseitig manipuliert. Ebenso wenig ist lediglich das Mitmachen bei sogenannten kommerziellen „sozialen Netzwerken“ wie Facebook gemeint, die oft eher sozial ausschließend wirken und nur eine künstliche Nähe erschaffen.

Gemeint ist ein Verständnis, dem zufolge Wahrheiten nicht als eine Form des Besitzes, konfrontativ, oder sich gegenseitig ausschließend, wahrgenommen werden. Dies erfordert das Entdecken neuer Lebensräume und Weisen, die unser Zusammentreffen im Alltag und in der Arbeitswelt erweiternd gestalten. Eine Situations-Geographie ist im Entstehen, in der Wahrheit kein Zustand einer Person oder Gruppe mehr ist, sondern ein energetisch, vibrierender Knotenpunkt im Netzwerk anderer, vieler Knotenpunkte. Wahrheit gleicht dann vielmehr einer Momentaufnahme in einem offenen, dynamischen Prozess. Worauf es ankommt, ist nicht das, was in den Personen oder Gruppen stattfindet. Das ist altes Denken. Worum es geht ist das, was sich zwischen Personen und Gruppen ereignet, nämlich die gegenseitige Durchdringung des Individuellen mit dem Kollektiven im Bereich der Wahrheitsfindung. Dazu bedarf es ganz neuer Fähigkeiten. Etwa die, gegenseitige Abhängigkeit und geistigen Verbundenheit wahrnehmen zu können. Oder die, zur Loslösung von einem statischen, dualistischen, selbstzentrierten Wahrheitsbegriff.

Man kann die Fähigkeiten, die benötigt werden, an einem Beispiel veranschaulichen. Man stelle sich ein Orchester vor, das ohne Dirigent spielt. Jedes Mitglied ist gefordert, sein eigenes Instrument zu stimmen und fehlerfrei zu spielen. Jedes Mitglied ist aber gleichzeitig auch gefordert, auf jeden einzelnen und den gemeinsamen Zusammenklang zu hören. Und damit alle Missklänge zu registrieren, unabhängig davon, ob sie von einem falsch gestimmten Instrument, von einem falschen Ton oder einer unangepassten Spielweise herrühren. Sie zu registrieren, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, denn das würde das Spielen unterbrechen und leicht in Zwietracht und Chaos enden. Also durch unaufdringliche, ermutigende Hinweise während des Spielens sich gegenseitig zu helfen, alle Fehler zu beseitigen und sich ganz pragmatisch auf das hin auszurichten, was das Zusammenspiel jeweils eine Spur harmonischer macht. Das alles erscheint nach unserem herkömmlichen Denken etwas beinahe Unmögliches zu sein. Doch das verdeutlicht nur, dass es sich bei Netzwerk- und Gruppenarbeit um eine wahre Kunstfertigkeit handelt, die durch die Schulung der Aufmerksamkeit und das Akzeptieren des Lebens in seiner gesamten Komplexität erworben und eingeübt werden will.

Diese Schulung ist nur möglich bei gelebter Toleranz und bei einer Flexibilität des Denkens, die ein ganzheitlich ausgerichtetes Bewusstsein bietet, denn nur so kann es gelingen, die Gleichwertigkeit aller Kulturen und aller Traditionen wirklich anzuerkennen.

Indem das ganzheitliche Bewusstsein ein Kaleidoskop widersprüchlicher Interpretationen transzendiert, löst es sich von der Diktatur der Meinungen. Meinungen sind etwa das Ergebnis einer negativ eingestellten Kritik, die auf Grund nicht hinterfragter Grundsätze sich ein Urteil anmaßt. Im Gegensatz zu Meinungen stehen kollaborative Interpretationen, bei denen wir daran aktiv beteiligt sind, den Wert einer bestimmten Aussage oder eines bestimmten Werkes gemeinsam erst zu verwirklichen.

Bei aktuellen Kunstwerken, die uns das vernetzte systemische Denken vorstellen, wird der Betrachter, Zuschauer oder Leser Teil eines Prozesses, der seine eigenen Interpretationsmethoden in Frage stellt. Dazu verwenden solche Werke hauptsächlich drei Methoden: Den beständigen Wechsel zwischen verschiedenen Strukturen, den Wechsel der Blickwinkel, bezogen auf diese Strukturen, und das Sichtbarmachen von Erzählweisen als offene Netzwerke der Information. Wir werden so umfassend dazu befähigt, unser Leben bewusst zu leben, und uns von vorgegebenen Interpretationsweisen freizumachen. Diese Methoden ermöglichen uns Verbindungen zwischen Dingen herzustellen, von denen wir bisher annahmen, es sei nicht sinnvoll sie miteinander in Bezug zu setzen.

So entsteht ein „neues Denken der Erfahrung, welches die Erfahrung des Denkens transformiert“ (McElroy).

Die Erforschung von sozialen Netzwerken, ein Bereich der Sozialwissenschaften, die in Wissensbereiche wie Medizin, Wirtschaft oder Informatik übergreift, hat in der letzten Zeit stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Soziale Netzwerke sind Gruppen von Menschen, die miteinander Beziehungen unterhalten und Beziehungen übertragen. In solchen Gruppen können sich Ideen und Verhaltensweisen sehr effektiv weiterverbreiten. Dabei ist die Transitivität ausschlaggebend, eine Größe, die etwas über die Dichte einer Gruppe aussagt. Sie wird daran gemessen, inwiefern der Austausch untereinander komplex in alle Richtungen erfolgt und zugleich rücklaufend ist. Sind unsere Freunde auch untereinander befreundet? Gibt es in unserer Gruppe „Weak Ties“, also Beziehungen zu Menschen am Rande unseres Netzwerks, die auch Beziehungen zu anderen Gruppen haben und deshalb eine wichtige Funktion beim Weiterleiten von Informationen spielen können? Wer wir sind, oder besser, als was wir uns empfinden, hängt zu einem sehr hohen Prozentsatz von unserer persönlichen sowie geistigen „Vernetzung“ ab. Zudem sind wir alle durch die unausgesprochenen Gesetze der sozialen Netze beeinflusst – etwa darüber, was ein Freund unseres Freundes von uns denkt. Die indirekte Wirkung spezifisch um uns aufgebauter sozialer Netzwerke steuert große Teile unser Leben. Erst indem wir den Aufbau unserer sozialen Netze beginnen zu beobachten, erhalten wir die Möglichkeit, unser Verhalten und auch die uns umgebenden Netze aktiv mitzugestalten.

In ihrem Buch „Connected: The Surprising Power of Our Social Networks and How They Shape Our Lives“ erläutern Christakis und Fowler ein zentrales Gesetz sozialer Netzwerke, welches sie die drei Grade des Einflusses nennen. Wir beeinflussen nicht nur das Verhalten und die Gefühle direkter Freunde (Nachbarn, Arbeitskollegen etc.), sondern gleichzeitig auch über drei Ecken Menschen, die wir gar nicht persönlich kennen. Und die ganze Sache findet natürlich gleichzeitig auch umgekehrt statt. Was unsere Freunde und deren Freunde meinen und glauben, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser eigenes Verhalten. Werden unsere Sinne dafür geweckt, uns solche Wirkungsweisen des kreativen Feldes, in dem wir uns befinden deutlich zu machen, werden wir den Verhaltensmustern unseres nächsten sozialen Umfeldes viel mehr Beachtung schenken.

Für sehr geübte Netzwerker löst sich schließlich das Gefühl der Trennung auf, denn sie erkennen sich selbst in ihrem Nächsten und fühlen sich belebt von einer Kraft, die weit über sie selbst hinausgeht. Wer in Netzwerkgruppen seine Arbeitsweise findet, prägt gleichermaßen sein Netzwerk und wird von diesem geprägt. Dies ist ein sehr subtiler Prozess und lässt sich oft kaum genauer beschreiben oder abgrenzen. Einige Datenerfassung, was Netzwerkarbeit angeht, gibt es bereits. So wurde wiederholt festgestellt, dass die maximale Größe eines funktionierenden Netzwerkes ca. 150 Individuen umfasst. Bei mehr Netzwerkmitgliedern wird die Kommunikation untereinander chaotisch.

Die weiterreichende Einflussnahme in einem Netzwerk über drei Ecken führt dazu, dass bestimmte Stimmungen sich sehr leicht übertragen und das gesamte Arbeitsklima prägen.

Insofern hat jeder in einem Netzwerk mit allem, was er tut oder denkt, tatsächlich die Verantwortung für die ganze Gruppe. Die entscheidende Frage für unser Leben ist, wer uns faktisch beeinflusst. Unser Befinden wird immer geprägt von unserer eigenen Position innerhalb von Netzwerken, auch wenn dies uns oft gar nicht bewusst ist. Für den Netzwerker tritt diese grundlegende Dimension des Seins ans Licht und dies führt dann oft zu einer wesentlich bewussteren Lebensweise. Kurz, wir stehen in der Mitte eines umfassenden Geflechtes, dass es für uns zu entdecken gilt, um zu verstehen, wer, was und wie wir sind.

Die computerunterstützte Netzwerkumgebung ermöglicht uns heutzutage eine radikal dezentralisierte, kollaborative Arbeitsweise – die Commons-Based Peer Production. Diese basiert auf dem Prinzip des kollektiven Teilens von Ressourcen und weiträumigen Verteilens von Arbeitsprozessen. Die kooperativ miteinander agierenden Menschen stehen dabei oft nur lose untereinander in Kontakt, ohne dass sie von einer hierarchischen Position aus gemanagt werden oder auf monetäre Marktsignale reagieren. Sie sind dabei von allein motiviert und nehmen ihre Aufgaben nach Prinzipien der Selbstselektion, Selbstintegration und Selbstorganisation wahr. Je mehr Macht geteilt wird in Gruppen, desto mehr Synergien ergeben sich und desto mehr können sich die einzelnen Fähigkeiten der Teilnehmer gegenseitig befruchten. In diesem Sinne geht es bei Netzwerkarbeit nie um Quantität, sondern um Qualität.

Viele Netzwerke entstehen aus dem schlichten Wunsch, die Dinge anders zu tun als bisher und sie experimentieren zunächst einfach damit, in welche Richtung sie sich überhaupt entwickeln wollen. Dabei geht es wie oben angedeutet natürlich zunächst auch immer um innere Arbeit. Aus dieser heraus kann dann etwa der gemeinsame Wunsch entstehen, etwas für die größere Gemeinschaft zu tun in der man lebt. Innere Arbeit bedeutet, sich selbst und gegenseitig Zeit und Raum zu geben und Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Möglichkeiten des Netzwerkens erweitern so die praktischen menschlichen Fähigkeiten und führen zu mehr Autonomie sich auch jenseits der gängigen Marktsphäre zu betätigen. Diese gesteigerte Autonomie ist das Herz aller Chancen, die das Netzwerken mit sich bringt. Nach Beobachtungen von Yochai Benkler benutzen Individuen diese neue Dimension gewonnener praktischer Freiheit vor allem, um mit anderen die Kultur auf den Gebieten Demokratie, Recht, Forschung und Gemeinschaftsbildung voranzubringen.

Die sogenannte Netzwerk-Informations-Wirtschaft, die die industrielle Wirtschaft ablöst, wird so zur Basis für alle öffentlichen Belange. Die Menschen können über diese Basis mehr herausfinden, was in der Welt geschieht als dies zuvor über die gängigen Medienanbieter möglich war. Gleichzeitig ermöglicht dies ihnen ständig an den Diskussionen von Themen, die sie interessieren, sich direkt zu beteiligen. Es kommt im Zuge davon zu einer Freisetzung von vorverdauten und gefilterten Darstellungen der Wirklichkeit. Indem die Bürger beginnen alle Darstellungen gegenseitig zu überprüfen gelangen sie mit der Zeit zu so etwas wie kollektiver Einsicht. Diese ist dann Grundlage für eine viel umfassender informierte und reflektierte Gesellschaft.

Wir erleben gerade diesen eben beschriebenen tiefgreifenden Wandel der Art wie Menschen an ihrer Demokratie teilnehmen und infolge davon ihre Rolle als Bürger erfahren. Die Menschen befreien sich von der Bevormundung bestimmter Agenden, die Interessen verfolgen, die eigentlich gegen sie gerichtet sind. Statt Agenden, die sich an maximaler Effektivität von Einschaltquoten ausrichten, wird es bald solche geben, die sich daran ausrichten wie sehr sie tatsächlich den Sorgen und Wünschen der Menschen entsprechen. Es werden Agenden sein, die direkt mit den Erfahrungen der Menschen verknüpft sind. Agenden, die Menschen nicht zu blinden Konsum oder passiver Unterhaltung erziehen, sondern dazu aktive Gestalter der öffentlichen Sphäre zu werden.

Das Spannende an dieser Entwicklung ist, wie sich darüber auch das Verständnis erweitert und neu formt, was eigentlich eine Gruppe ist und ausmacht. Dachte man früher, dass eine Gruppe direkte Face-to-Face Beziehung, regelmäßige Treffen und klare Regeln verlangt, so zeigt sich heute, dass Gruppen auch ohne diese Form von Begegnung und Präsenz funktionieren. Gerade die Virtualität der Kommunikation wirkt einen Gruppendruck und der Dominanz einzelner Gruppenmitglieder entgegen. Zugleich wird die Vorstellung, dass es so etwas wie eine Verbundenheit im Geiste gibt, zu einer wahrnehmbaren Erfahrung. Auch die, dass eine Gruppe mehr durch innere Qualitäten zusammengehalten wird, wie durch äußere Formen des Umganges. Das öffnet für neue, ungeahnte Perspektiven: Die Gruppe als innerer Kraftwirbel, als Möglichkeitsraum, in dem sich Ideen sammeln können und materialisieren lassen. Für ein herkömmliches Zweck-Mitteldenken scheinen viele Klärungsschleifen in Netzwerkgruppen überflüssig. Jedoch steckt darin eine eigene Logik der Aussonderung dessen, was einer Idee im Wege steht. Wobei es unwichtig ist, ob die Hindernisse in den Gruppenmitgliedern selbst bestehen oder von außen kommen. Was zählt ist die Zusammenarbeit, die selbst das Mittel ist, alle Steine aus dem Weg zu träumen.

Das von Thomas Weis und Thorsten Wiesmann verfasste Buch: „Dare to share/Wage zu teilen: Wie Teilen unser Weltbild verändert“, wird in Kürze erscheinen. Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Vorab-Auszug.

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