Samstag , 7 Dezember 2019
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Wie einfach alles sein könnte

happiness fieldSolange ein System reibungslos funktioniert, bietet sich selten Anlass zu hinterfragen, ob es sich nicht verbessern ließe. Unsere Gesellschaft ist jedoch an einem Punkt angelangt, an dem immer mehr Unannehmlichkeiten in den Vordergrund rücken. Nachdem ausreichend Nahrungsmittel, Rohstoffe und Lebensraum zur Verfügung stehen, sollten wir uns endlich näher mit der Frage auseinandersetzen, warum immer mehr Menschen in Armut leben, warum immer mehr Leistung gefordert wird und vor allem, wie dieses System langfristig fortführbar sein soll.

Zweifellos steckt unsere Zivilisation in einer Krise. All die beschönigenden Worte, dass es ab 2013 wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung geben soll, dass die Arbeitslosenzahlen abnehmen, dass neue Märkte entstehen würden, dass sich Griechenland ebenso wie der Euro retten ließen, überschatten die wahren Ursachen all jener Probleme, die direkt oder indirekt mit Geld in Zusammenhang stehen. So wie die meisten pharmazeutischen Produkte zwar gegen ein bestimmtes Leiden helfen, gleichzeitig jedoch Nebenerscheinungen hervorrufen, bringt jede vorgeschlagene Lösung wirtschaftlicher Probleme neue Probleme mit sich. Dass in beiden genannten Fällen Einzelne immer ihren Profit daraus schlagen, soll jetzt aber nicht das Thema sein.

Worum es mir geht, ist zu hinterfragen, ob wir nicht – aus Gewohnheit – an einigen Kernproblemen einfach vorbeischauen. Würde ich nun damit beginnen, einzelne Teile des Systems zu hinterfragen, würde dies erst einmal Ablehnung auslösen. Denken wir an eine andere Art der Fortbewegung als mit herkömmlichen Autos. Wer würde das denn wollen? Denken wir an gelegentliche Vorschläge eines allgemeinen Grundeinkommens. Wo soll denn das Geld dafür herkommen? Denken wir an die Reduktion der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Einkommen. Dann wären wir doch auf den internationalen Märkten nicht mehr konkurrenzfähig. Das System, in dem wir stecken, scheint tatsächlich in einer Sackgasse angelangt zu sein.

Lösen wir diese Maschine, die einfach nicht zu funktionieren scheint, einmal in ihre einzelnen Bestandteile auf. Die Welt besteht im politischen Sinne aus über 200 Staaten. In einigen davon sind die gegebenen Voraussetzungen miteinander vergleichbar, in anderen wiederum völlig konträr. Also nehmen wir einen einzelnen Staat zur Hand. Was wären dessen wesentlichen Bestandteile? Landfläche, Rohstoffe und Menschen. Selbstverständlich steht der Mensch im Zentrum unseres Interesses. Wobei die Landfläche in einer Art genutzt werden sollte, dass sie auch langfristig keinen Schaden erleidet. Schließlich brauchen auch unsere Nachkommen noch einen Platz zum Leben. Ebenso entspricht der langsame Abbau verfügbarer Rohstoffe durchaus der Vernunft.

Zwar bedienen wir uns bei der Neugestaltung der verfügbaren Technik, doch halten wir uns keineswegs an gegebene Beispiele, denn wir wollen uns ja nicht von Gewohnheiten beeinflussen lassen. Und was genau wäre unser Ziel bei der Planung eines Idealstaates, dem wir den Namen „Fantasia“ verleihen könnten?

Die Erhaltung einer gesunden Umwelt ist zweifellos die Grundvoraussetzung, was gewiss keiner näheren Rechtfertigung bedarf. Kommen wir also gleich zum Menschen. Natürlich braucht dieser erst einmal Nahrung, Trinkwasser, Kleidung, Wohnmöglichkeiten und medizinische Versorgung.

Jetzt ließen sich natürlich endlos viele Details anführen, was zum Menschsein noch alles dazugehört: Eine Aufgabe im Leben, Herausforderungen, Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, Unterhaltung, das Stillen von Wissensdurst, soziale Annehmlichkeiten. Doch lassen wir all dies vorläufig beiseite. Denn vieles davon ergibt sich ohnehin vor selbst, einfach durch die Organisation des Unverzichtbaren, und außerdem bleibt, wie wir sehen werden, jedem Einzelnen ausreichend Zeit, um sein eigenes Leben nach seinen eigenen Vorstellungen einzurichten.

Zur Erhaltung einer gesunden Umwelt gehört, dass so wenig wie möglich verschwendet wird. Das bedeutet, dass zuerst einmal das verfügbare Agrarland optimal genützt wird. Natürlich nicht in zentralgesteuerten Großfarmen, denn die Lebensqualität derer, die das Land bewirtschaften, sollte ja gewährleistet bleiben. In erster Linie geht es darum, variantenreiche Nahrung im Nahbereich zu produzieren. Würde ein Staat ausschließlich Weizen anbauen und alles andere aus dem Ausland importieren, bringt dies eine doppelte Abhängigkeit mit sich. Denn in diesem Extremfall müssten sich erst einmal Abnehmer für die enormen Weizenmengen finden und gleichzeitig wäre der Ankauf anderer lebensnotwendiger Nahrungsmittel unverzichtbar. Das Fazit: So viel wie möglich selbst zu produzieren. Was darüber hinaus noch fehlt, das kann natürlich importiert werden. In Deutschland wachsen nun einmal keine Zitronen, genauso wenig wie in tropischen Ländern Äpfel.

Schwenken wir kurz zum derzeit üblichen System, spricht oft vieles für einseitige Wirtschaft – und zwar in vielen Bereichen. Dies mag preistechnisch vielleicht günstig erscheinen, doch beim gegenseitigen Warenaustausch, der über die Notwendigkeit hinausreicht, handelt es sich zweifellos um eine Verschwendung von Treibstoff und anderen Aufwendungen, die der Transport mit sich bringt.

Ähnliche Überlegungen lassen sich nun mit praktisch allen Produkten anstellen, die sowohl vom Menschen direkt benötigt werden als auch für die Aufrechterhaltung der Produktionsanlagen. Moderne Landwirtschaften brauchen ebenso Maschinen wie die Herstellung von Bekleidung. Ohne jetzt auf langwierige gegenseitige Verkettungen einzugehen, ein Grundprinzip sollte dabei jedoch niemals vergessen werden. Der Verzicht auf Verschwendung. So wie die Monokultur im landwirtschaftlichen Bereich preistechnisch Vorteile bringen mag, so dient es auch der Wirtschaft im allgemeinen, Produkte mit beschränkter Lebenszeit herzustellen. Dies dient zwar den Umsätzen, doch nicht unserem Planeten, nicht den kommenden Generationen, und schon gar nicht uns selbst.

Für Manches, setzen wir dabei Erdöl an die erste Stelle, sind Importe unumgehbar. Basteln wir nun jedoch am Idealstaat, so würde dies aber auch bedeuten, dass Importe so niedrig wie möglich gehalten werden sollten. Werden insbesondere Gebrauchsgegenstände oder Kleidung mit maximaler Haltbarkeit hergestellt, werden nicht nur Rohmaterialien eingespart, sondern auch Energie. Und ob vielleicht eine andere Art von Autos, kleiner und benzinsparender, für den täglichen Gebrauch empfehlenswerter wäre, darüber sollte vielleicht auch einmal nachgedacht werden.

Selbstverständlich sind Importe nur dann möglich, wenn gleichzeitig auch für den Export produziert wird. Naturgemäß kann es aber nicht das Ziel sein, danach zu streben, „Exportweltmeister“ zu werden. Export dient schließlich bloß dazu, den Wert der notwendigen Importe auszugleichen.

Der in seinen Gewohnheiten gefangene Mensch mag an dieser Stelle sofort eine Unmenge von Einwänden vorbringen. „Ich will aber einen Toyota!“ „Ich kaufe meine Schuhe aber immer aus Italien!“ „Und was ist mit französischem Wein und schottischem Whisky?“ Ja gewiss, all dies soll ja auch in „Fantasien“ erhältlich sein. Vielleicht, aufgrund von Schutzzöllen, aber etwas teurer. Denn die heimische Wirtschaft sollte schließlich vorrangige Behandlung finden.

Haben wir nun erkannt, dass es eigentlich verrückt ist, Rohmaterialien und Energie zu verschwenden, um das Rad der Wirtschaft in gewohnter Weise in Schwung zu halten, um das ständig notwendige Wachstum zu sichern, dann bringt dies aber auch mit sich, dass gleichzeitig sehr viel Arbeitskraft eingespart wird. Wäre das nicht entsetzlich? Dann gäbe es ja noch mehr Arbeitslose.

Hier sind wir bei einem der schwersten Denkfehler angelangt, von dem der Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts befallen ist. Wir brauchen nämlich weder Arbeit, noch brauchen wir Geld. Wir brauchen Häuser, Nahrung, Kleidung, Gebrauchsgegenstände etc. Lässt sich dieser Bedarf mit weniger Arbeitskraft herstellen, dann wird einfach allgemein weniger gearbeitet. Und wenn wir uns nicht immer tiefer in diese internationale Abhängigkeit von Importen und Exporten hineingraben, dann stehen wir auch nicht mehr in Konkurrenz mit den Löhnen in China und Indien.

Wenn wir die moderne Technik betrachten, haltbar und dauerhaft produzieren, provozierte Verschwendung auf jeder Ebene unterlassen, ließe sich die notwendige Arbeitskraft in Summe gewiss auf die Hälfte reduzieren. Dann reicht es halt, wenn der Mensch 20 Stunden pro Woche einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Aber natürlich nicht für das halbe Einkommen. Denn schließlich wird ja immer noch alles produziert, und noch dazu in besserer Qualität. Es ist genug vorhanden, dass wirklich jeder Mensch im Land alles erhält, was er zum Leben braucht.

An diesem Punkt stoßen wir allerdings auf ein Problem, dass einer speziellen Überlegung bedarf. Reichen 20 Wochenstunden aus, um sein Auslangen zu finden, dann wird es Menschen geben, die werden trotzdem 40 und 50 Stunden arbeiten, um mehr Wohlstand zu erzielen. Und wieder wird es Einzelne geben, für die keine Beschäftigung bleibt. Schaffen wir damit nicht wiederum Sozialfälle? Würde nicht ein neuer Konkurrenzdruck entstehen, eine Spirale, die letztendlich dahin führt, wo wir heute sind?

Zu Anfang habe ich auf den gelegentlich geäußerten Vorschlag eines Grundeinkommens verwiesen, der meist zur Frage führt, wie sich dieses finanzieren ließe.

Wovon gingen wir anfangs aus, was es in jedem Staat gibt? Landfläche, Rohstoffe und Menschen. Wem gehören das Land und die Rohstoffe? Sollte nicht jeder Mensch, der in diese Welt oder in einen Staat geboren ist, über das Recht auf einen Anteil dessen verfügen, was von der Natur gegeben ist? Landbesitz wirft Gewinn ab. Rohstoffförderung wirft Gewinn ab. Die Nutzung von Wasserkraft zur Stromerzeugung, die Vergabe von wirtschaftlichen Privilegien, ja selbst die Einnahme von Schutzzöllen zur Förderung der heimischen Wirtschaft, all dies wirft Gewinne ab. Und wem stehen diese Gewinne zu, wenn nicht den Menschen, die in ihrer Gesamtheit den Staat bilden?

Jede Überlegung bezüglich eines Anspruches auf ein Grundeinkommen wird genau damit gerechtfertigt.

Natürlich würde dies bedeuten, dass Einzelne, die es vorziehen, in Bescheidenheit zu leben, dies einfach ohne Arbeit tun könnten. Sie nehmen Komfort und Dinge in Anspruch, ohne auch nur irgendetwas im Ausgleich dafür zu geben. Wäre das denn gerecht?

Wie gerecht ist es, dass einzelne Menschen Vermögen erben und andere nicht? Handelt es sich bei der Erde selbst nicht um ein Erbe, auf das wir alle unseren Anspruch haben sollten? Einfach auf diesen kleinen Teil davon, der im Gegenwert dazu ausreicht, uns mit dem Notwendigsten zu versorgen?

Ich glaube nicht, dass ein Großteil im Staate „Fantasie“ deswegen in Faulheit versinken würden. Ist nicht jeder Mensch daran interessiert, aktiv zu sein, etwas zu schaffen, etwas zu bewirken, der Gemeinschaft oder zumindest seiner näheren Umgebung nützlich zu sein? Würden nicht die meisten Leute, die es aufgegeben haben, einen Job zu suchen, weil sie Dutzende Male abgewiesen wurden, gerne etwas tun, wenn man sie darum bitten würde? Bliebe damit nicht unendlich viel Spielraum für Kreativität? Wird nicht genau diese menschliche Fähigkeit zur Kreativität vergeudet, wenn Millionen ihre Zeit dafür aufopfern, einfach der Beschäftigung wegen einer Arbeit nachzugehen, obwohl diese vorwiegend der Verschwendung dient?

Derartige Gesellschaftsmodelle sind in verschiedenen Konzepten auch schon ausgearbeitet. Einer von jenen Menschen, die sich seit Jahrzehnten damit beschäftigen, ist Jacques Fresco, der im jüngsten Zeitgeist-Film ausführlich vorgestellt wird. Ein kurzer Artikel wie dieser kann natürlich nichts anderes sein als ein Denkanstoß. Auf den ersten Blick mögen auch Dutzende Argumente auftauchen, die erklären, warum dieser Idealstaat nicht funktionieren könnte. Und ich sage Ihnen, er würde funktionieren. Und zwar völlig ohne sowjetkommunistische oder gar nationalistische Merkmale. Ich weiß aber auch, warum diese Idee schon im Kern erstickt wird. Denn sie geht davon aus, das Land und Rohstoffe dem Menschen dienen. Praktisch befinden wir uns aber in einer Situation – auf die ich selbst auch schon mehrmals verwiesen habe – die eine ganz andere ist. Es sind nicht zwei Komponenten, die den Bürgern des Staates zur Verfügung stehen, sondern drei, die den Wert eines Staates ausmachen: Land, Rohstoffe und Humankapital. Und die dritte Komponente ist die ergiebigste. Es wir Zeit, dieser Wahrheit endlich ins Auge zu sehen.

Ist die Zahl der Menschen, die einfach Mensch und nicht gewinnbringendes Kapital sein möchten, einmal zur kritischen Masse angewachsen, dann steht einer Umformung der gesellschaftlichen Ordnung nicht mehr viel im Wege. Ohne Gewalt und ohne Revolution, einfach durch das Setzen von Maßnahmen, die wirklich jedem im Staate dienen würden.

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