Samstag , 20 April 2019
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Elefantenblut auf der Königsrobe: Wie Juan Carlos die Moral und sein Volk verliert

afrikanischer elefantDer spanische Monarch Juan Carlos hat jüngst auf höchst feudalistische Manier einen Bock geschossen, der seinesgleichen sucht. Bei dem geschossenen Bock handelt es sich, wie allenthalben berichtet, um einen afrikanischen Elefanten, dem der Bourbone in Botswana den Garaus gemacht hat, und das Ganze wäre vermutlich völlig unbeachtet von sämtlichen Medien geblieben, hätte nicht den Jäger-König stehenden Fußes – oder vielmehr wankenden Fußes – die Rache der Natur in Gestalt eines Ausrutschers, eines Treppensturzes ereilt, in seiner afrikanischen Lodge nämlich. Ein Sturz, der eine Hüftgelenkverletzung zur Folge hatte und einer unmittelbare Umkehr in die heimatlichen Gefilde notwendig machte. Der blaublütige Jäger hat in den letzten Tagen die umweltbewusste und tierliebende Öffentlichkeit, vor allem aber auch sein eigenes Volk gleich massenhaft gegen sich aufgebracht – zu Recht. Auch, wenn er sich jüngst für seine Tat entschuldigt hat – ein unerhörtes Ereignis eigentlich. Kein Spanier kann sich daran erinnern, wann sich je ein König bei ihnen entschuldigt hätte, für was auch immer.

Gleichwohl ist dieser Abschuss auch mit Entschuldigungen schwerlich aus der Welt zu schaffen, denn der Elefant wird sicher dadurch nicht wieder lebendig. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass es höchst verwerflich ist, ein Tier – sei es klein oder groß – um des Freizeitvergnügens willen zu töten. So etwas ist unverzeihlich und ein Anachronismus aus Zeiten, in denen den Mächtigen dieser Welt selbst ein Menschenleben wenig galt und sich die Herrschenden darin gefielen, Tiere wie Menschen zum Zweck der Unterhaltung dem Tod auszuliefern. Warum und wozu sich Menschen wie Juan Carlos indes dazu hergeben, so schöne, große und kluge Tiere wie Elefanten abzuknallen, bleibt vor der Hand rätselhaft. Dieses Rätsel jedoch mögen Psychologen ergründen und soll nicht Thema dieses Beitrags sein.

Die Beschämung, die durch den königlichen Elefantenschuss entsteht, wird wie von selbst durch die Ehrenpräsidentschaft des Schützen im WWF gleich zu einer doppelten, soviel ist sicher. Inzwischen hat der WWF dem spanischen König in einem offenen Brief nahegelegt, von seinem Ehrenamt Abstand zu nehmen. Denn tatsächlich hat er dieses Ehrenamt versaut – mit Elefantenblut. Juan Carlos täte gut daran, dem Begehren des WWF möglichst bald Folge zu leisten.

Anders als noch vor wenigen Tagen im WDR-Fernsehen behauptet, ist der Abschuss des Elefanten durch den spanischen König jedoch keineswegs aus Artenschutz-Gründen so verwerflich, und hier sei ein kurzer Exkurs gestattet.

Die Lage ist nämlich in Hinblick auf die so genannte „Elefantenplage“ in Botswana wie auch in Namibia und Südafrika äußerst dringlich, denn die Elefanten dort haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant vermehrt und sind alles andere als bedroht. Im Gegenteil: In Botswana und in Südafrika vernichten die Tiere nicht nur die Maisfelder vieler Kleinbauern und richten in der ökologisch sensiblen Savanne zu Beginn der Regenzeit, wenn die ersten Blätter treiben, enorme Schäden an. Sie verbreiten nicht nur die Maul- und Klauenseuche unter den Viehherden. Jahr für Jahr fallen ihnen auch Menschen zum Opfer, die sie von ihrem Land vertreiben wollen. Ein weiteres ökologisches Problem also – das jedoch einmal mehr von Menschen verursacht worden ist. Denn Botswana ist ein Land, das engmaschig durchzogen ist von Vieh-, Weide- und Ackerzäunen, welche die Elefanten auf ihren alten Pfaden am natürlichen Durchmarsch zu den Weideplätzen hindern. Selbst die Nationalparks sind zu klein geworden für die enorm zahlreichen Elefantenherden.

Botswana, das Musterland des afrikanischen Kontinents, ist mit Abstand das elefantenreichste Land Afrikas. Lebten dort 1990 noch 50.000 Tiere, so hat sich diese Anzahl inzwischen nahezu verdreifacht. Das hing und hängt u.a. auch damit zusammen, das Botswana aufgrund seiner relativen wirtschaftlichen Stabilität in der Vergangenheit praktisch kaum abhängig war vom illegalen Elfenbeinhandel. Bestenfalls wird für eine Abschussprämie von umgerechnet 15.000,- bis 25.000,- Euro solchen Leuten wie Juan Carlos gestattet, einen Elefanten zu erlegen. Laut Einreisebedingungen darf solch gut betuchtes Klientel sogar für die Dauer von vier Wochen die eigene Waffe ins Land einführen. Das Elfenbein dürfen sie natürlich nicht behalten oder ausführen – und das ist gut so. Immerhin sind die Stoßzähne eines ausgewachsenen Elefantenbullen bis zu 120.000,- Euro wert.

Das Washingtoner Artenschutzabkommen hat nicht nur den Schutz der Elefanten bewirkt, sondern paradoxerweise auch, dass die betroffenen Länder inzwischen auf Hunderten Tonnen von Elfenbein sitzen. Illegal in der Mitte des letzten Jahrhunderts gewildertes Elfenbein. Legale Stoßzähne von staatlichen Abschussmaßnahmen und genehmigten Touristen-Abschüssen wie solchen von Juan Carlos. Die elefantösen Begehrlichkeiten liegen geschützt in Lagern, die nicht weniger argusäugig von Polizei und Militär bewacht werden wie seinerzeit Fort Knox.

Nicht zuletzt auf Grund des Elefantenproblems ist es Botswana, Namibia und Südafrika gelungen, auf der CITES-Konferenz in Santiago de Chile das weltweite Handelsverbot mit Elfenbein zu lockern. Das Kalkül der Regierung Botswanas und seiner Nachbarländer: Mit den Erlösen aus dem Elfenbeinverkauf einer Lösung des Elefantenproblems zumindest näher zukommen, nachdem Methoden wie „Culling“ (massenhaftes Abschießen von Elefanten aus Hubschraubern, in Botswana übrigens letztmalig in den 90er Jahren praktiziert) und Versuche zur Geburtenreglung mittels Ferninjektionen von Medikamenten per Gewehr versagt haben. Zu einem kleinen Teil könnten dann auch Viehzüchter und Maisbauern für Schäden entschädigt werden. Die teilweise Lockerung des Handelsverbotes mit Elfenbein wird allerdings kontrovers diskutiert, u.a. von Greenpeace und dem WWF, wie die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) berichtet.

Bleibt also festzuhalten, dass im konkreten Fall der Elefantenabschuss des spanischen Königs zumindest kein Vergehen am Artenschutz war. Mit dem Abknallen von geschützten Tieren allerdings hat Juan Carlos offenbar durchaus so seine Erfahrungen: 2004 nahm er in Rumänien an einer Bärenjagd teil, in deren Verlauf neun durch das Washingtoner Artenschutzabkommen geschützte Bären getötet wurden. Außerdem wird verschiedentlich kolportiert, dass der schießwütige König 2006 in Russland einem zahmen Bären namens Mitrofan den Garaus gemacht hat, der zuvor mit Alkohol und Honig gefügig und damit „jagdreif“ gemacht worden war. So behauptet es nach Presseberichten zumindest der lokale Jagdaufseher Sergei Starostin – und diesem das abzunehmen, fällt angesichts der neuen königlichen Tat nicht sehr schwer.

Wie gesagt: Es ist und bleibt schäbig, Tiere aus purem Vergnügen zu töten, und um welche Tiere – geschützte oder ungeschützte – es sich hierbei handelt, spielt nicht die geringste Rolle. Eine solche Tat ist eines jeden Menschen unwürdig, allemal und zuvorderst eines Königs, dessen Volk sich in diesen Tagen mit der quälenden Frage konfrontiert sieht, an welchen Abgrund das Land eigentlich steht. Schließlich steht nicht nur die Wirtschaft des Landes auf dem Spiel, sondern auch die Freiheit all jener Spanier, die zu Protesten aufrufen. In Zeiten also, in denen es im sonnigen Spanien politisch sehr düster aussieht, reist der König ab, um in Afrika ins Jagdhorn zu blasen.

Genau dieser Kontrast verdeutlicht die ganze Perversität des „königlichen“ Handelns. Eigentlich war Juan Carlos von Spanien bislang ein ziemlich volksnaher König. Er hat leider alles dafür getan, damit das jetzt vorbei ist. Der Zorn der Spanier über ihren König ist groß. Und er merkt es wohl. Eine Entschuldigung hilft da wenig weiter, nicht einmal als Ultima Ratio, als die sie wohl gedacht war.

Der Rücktritt vom Ehrenpräsidialamt beim WWF wäre nur recht und billig. Und nicht wenige Spanier sähen es außerdem sicher nicht ungern, wenn der König abdankte. Sie wollen nämlich keinen Schützenkönig mehr.

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