Dienstag , 11 August 2020
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Neue Regeln für ein besseres Zusammenleben

harmony dancing siluettesUnter dem Titel „Wiener Charta – Stadt sucht neue Regeln für das Zusammenleben” wurde eine Aktion mit 150 Moderatoren gestartet, um eine Form zu finden, die es zulässt, auch in Zukunft friedlich nebeneinander zu leben. Ich nehme an, dass sich die Probleme, die es in meiner Heimatstadt Wien beim Zusammenleben gibt, so ziemlich auf alle Großstädte übertragen lassen. Eine durchaus gute Sache, könnte man da sagen. Ein friedliches Miteinander, eine gemeinschaftliche Existenz in Harmonie, ist ein Gut, das wohl jeder normale Bürger anstreben sollte.

Was mich bei dieser Sache etwas stutzig macht, ist die Tatsache, dass es noch nie so viele Psychologen, Psychiater und Lebensberater gab, wie in unserer so modernen aufgeklärten Zeit.

Es ist erstaunlich, wie viel Literatur sich damit beschäftigt, den Menschen den Weg in ein glückliches, erfüllendes Leben zu weisen. Es gibt für so ziemlich jedes seelisches Problem Notrufnummern, wo Tag und Nacht Trost und Rat gespendet wird. Auch Kriege gab es in Europa schon sehr lange nicht mehr; keiner muss verhungern, verdursten oder im Winter erfrieren. Trotzdem zeigen sich immer mehr Probleme. Eines davon wäre eine steigende Gewaltbereitschaft. Immer öfter lesen wir von Taten, die nicht mit den Ansprüchen einer westlich orientierten Gesellschaft vereinbar sind. Fälle von Depressionen nehmen regelmäßig zu. Auch der Griff zu Drogen. Von einer „gesunden Gesellschaft“ kann hier wirklich keine Rede sein.

Warum stellt sich bei den Menschen kein Glücksgefühl ein? Wir erleiden keine wirkliche Not. Jeder darf so ziemlich alles sagen, wonach es ihn gelüstet. Jeder darf sich nach seinen eigenen Vorstellungen verhalten, kleiden und sonstigen Neigungen hingeben, ohne deswegen missachtet zu werden. Alleinerziehende Mütter werden ebenso respektiert wie Paare ohne Trauschein. Kindern wird kein strenges Korsett von Benimmregeln übergestülpt. Die „g’sunde Watsch’n“ bei Verstößen gegen den sogenannten Anstand gehört der Vergangenheit ein. Unser Nachwuchs kann sich also frei, nach der inneren Veranlagung, entwickeln.

Nach der Aufzählung dieser Einzelelemente eines scheinbar „paradiesischen” Zustandes, ein paar Hinweise auf Entwicklungen, die so gar nicht in dieses Bild einer „heilen Gesellschaft“ passen:

In Österreich wurde diese Tage eine Statistik veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass sich in den letzten 20 Jahren die Fälle von psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeit verdreifacht haben. Auch der Verbrauch von Psychopharmaka erreicht jedes Jahr einen neuen Höchstwert. Wie ist dies zu verstehen?

Auf der einen Seite die angebliche Verbesserung der Lebensbedingungen in Verbindung mit einem Heer von Seelendoktoren, auf der anderen aber immer mehr Menschen, die an Ihrem Leben verzweifeln. Wirkt diese Situation nicht ebenso absurd wie eine landesweite Diätkur, bei der alle Leute an Gewicht zunehmen?

Nun sucht die Wiener Stadtregierung nach den Ursachen der steigenden Gewalt und den depressiven Zuständen in der Bevölkerung. Bürger wurden eingeladen, Vorschläge zu unterbreiten, was allerdings nur von Wenigen in Anspruch genommen wurde. Die 150 Moderatoren werden viele Gespräche mit Einzelpersonen, Organisationen und Unternehmen führen, um neue Regeln zu schaffen, um eine bessere Basis für ein friedliches Nebeneinander zu schaffen.

Ich hätte da einige Vorschläge, muss aber gleich dazu sagen, dass ich keinerlei pädagogische oder sozialwissenschaftliche Ausbildung habe, also kein „Fachmann” bin.

Ich habe meinen Kindern und auch deren Kindern immer nahegelegt, Anderen eine gewisse Grundachtung – man könnte es auch Respekt nennen – entgegenzubringen. Und dies völlig unabhängig von der sozialen Stellung, Hautfarbe oder Herkunft. Ich lehrte Ihnen auch, dass es eine Niederlage des menschlichen Geistes ist, wenn grobe Worte oder gar Fäuste, anstelle von Argumentation sprechen müssen.

Ganz wichtig war es mir auch, dass sie begreifen, dass Gier ein ganz böses Laster ist, und hierin eine der Ursachen für den moralischen Verfall unserer Gesellschaft zu suchen ist. Mein Lieblingsspruch in diesen Zusammenhang: „Arm ist nicht der, der wenig hat, sondern der, der nicht genug bekommt!“

Am wichtigsten war es mir, ihnen nahezubringen, dass „Liebe” das größte Gut ist, das ein Mensch zu verschenken hat. Und damit meine nicht ausschließlich die emotionale Leidenschaft, die dem Partner entgegen gebracht wird, auch nicht die Bindung zu Kindern oder Eltern, sondern diese universelle Liebe, die uns Menschen verbindet.

In meinem Fall hat es Gott sei Dank geklappt. Aus meinen Kindern und Enkelkindern wurden positive, lebensbejahende Menschen. Wobei ich mir diesbezüglich nicht einfach selbst auf die Schulter klopfen möchte, denn meine ganze Familie hat schließlich das ihre dazu beigetragen.

Wir werden ja sehen, auf welche neue Regeln die 150 Spezialisten kommen werden. Meine Gedanken werden sich dagegen wohl lächerlich ausnehmen. Und lassen Sie mich abschließend noch erklären, warum ich zuvor den Begriff „friedliches Nebeneinander“ verwendet habe. Denn diesen feinen Unterschied erachte ich als einen wesentlichen Schlüssel: Was wir nämlich wirklich brauchen, sind nicht neue Regeln, sondern den tiefen inneren Wunsch, das Leben wieder „miteinander“ zu bestreiten.

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