Freitag , 20 September 2019
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Arbeite und du wirst bestraft!

1 euro stueck auf stapelWir wissen alle, dass das Leben für so manche Überraschung und Unwägbarkeit immer wieder gut ist. Einmal davon abgesehen, dass jeder Lebensplan nur so perfekt ist wie die Menschen, die mit darin vorkommen, ist eines hierbei sicher: Nicht alles ist lenkbar, aber sonderbar und zum Aufregen geeignet allemal.

Heute möchte ich Ihnen eine wahre Geschichte erzählen, die gewiss für das eine oder andere Unverständnis sorgen wird. Und, ja, mitunter haben Sie Ähnliches erlebt, denn selten ist solch eine Lebensgeschichte ebenso wenig wie auch die Tatsache, dass man manche Dinge hinsichtlich staatlicher Unterstützung absolut nicht verstehen kann. Sorry, besser gesagt Nicht-Unterstützung, denn genau dieses Thema bringt mich extrem auf die Barrikaden.

Die Geschichte dreht sich um eine Frau im Alter von knapp 40 Jahren. Sehr jung Mutter geworden, lebt sie seit einiger Zeit als Alleinerziehende, kann zwar keine verbriefte und gestempelte Ausbildung vorweisen, dafür jedoch eine Berufserfahrung aus über 22 Jahren. Aufgrund ihrer ständigen Wissbegier und Lernbereitschaft verfügt sie über Erfahrungen in unterschiedlichen Branchen und Bereichen, arbeitete in Führungspositionen und gilt als warmherzige, lachende Person mit dem gewissen Etwas und vor allem einem Händchen für Menschen. Soweit, so gut. Liest sich ja alles noch „normal“ und gar nicht so tragisch. Denken Sie. Ich weiß es besser und Sie werden gleich wissen, was ich damit meine.

Nun ist es ja bekanntlich so, dass wir Menschen zwar smart und stark sind, allerdings das Schicksal, die eigene Dummheit, Fehlentscheidungen oder das Quertreiben anderer Zeitgenossen oft einen Strich durch die sogenannte Normalität macht. So auch bei der Frau, von der ich Ihnen heute erzähle. All die Jahre „funktionierte“ sie wunderbar: Liebevolle und aufmerksame Mutter, hilfsbereite Kollegin, Führungskraft mit dem Anspruch 150% zu geben, treue Partnerin, geschätzte Nachbarin und Freundin. Doch irgendwann kam bei ihr nicht nur der Zeitpunkt, dass sie sich menschlich und finanziell allein gelassen fühlte, sondern eine schwere Depression und das eine oder andere körperliche Zipperlein ihr Leben bestimmte. Die Decke über den Kopf ziehen, nichts mehr sehen und hören wollen. Beendete Partnerschaft, Schulden, ohne Kraft und dem Erkennen eines Lebenssinns. Wer einmal im Tal der Armut und Sorgen landet, hat es schwer wieder den ersten Schritt den Berg hinauf zu schaffen. Hast du was, bist du was. Sitzt, passt, hat Luft dieser Spruch.

Wie dem auch sei, die Frau war lange Zeit aus jeder Richtung blockiert, finanziell am Ende (Anmerkung: immer noch). Hartz 4 vermied sie solange, bis gar nichts mehr ging und die Verpflichtung ihrem Kind den Kühlschrank zu füllen und ein Dach über dem Kopf zu erhalten, ließ sie zum Job Center gehen. Mit Magenschmerzen. Zu Recht, wie sie feststellen musste. Monatelanger Kampf um eine Unterstützung, behördliche Willkür und Gelder, die falsch berechnet bzw. angerechnet wurden. Und das alles in der nach wie vor schwer präsenten Depression. Erstaunlich ist jedoch, dass diese Frau, welche heute als Beispiel für viele gelten soll, trotzdem nicht aufgibt. Den Euro 20-mal umdrehend, auf alles verzichtend, musste sie laut Job Center monatlich vier Bewerbungen nachweisen. Bei 90 Bewerbungen innerhalb von vier Monaten konnte sie das deutlich toppen. Und lernen, dass sie trotz zahlreicher Fachkenntnisse, Fähigkeiten und eigenem Wollen, mit permanenten Absagen leben zu müssen. Unterschwellige Gründe: Zu selbstständig (Arbeitgeber wollen eher selten mitdenkende Mitarbeiter), zu alt, zu überqualifiziert oder unterqualifiziert. Kennen Sie solch ein Prozedere und die sich immer wieder aufzeigende Enttäuschung, wenn eine Absage die nächste jagt? Wobei man einfach nur arbeiten und einen Neuanfang erreichen will?

Die Frau gab nicht auf und fand kürzlich eine Arbeitsstelle in Teilzeit. Wunderbar? Mitnichten, denn unter dem Strich bleibt ihr Netto weniger als mit dem kümmerlichen Hartz 4 Geld, denn nun muss sie nicht nur 120 Std. arbeiten, sondern auch Fahrkosten per Bahn oder das Schulessen ihres Kindes alleine tragen. Aber sie fing diese Stelle an. Warum, so fragte ich sie? Das lohnt sich doch nicht, einmal von all dem Stress (einschließlich dem Organisieren der Kinderbetreuung) abgesehen. Für all das drehen sich die meisten Menschen in unserem Land nicht einmal im Bett von einer Seite auf die andere. Aber sie tut es. Wie vermutlich so viele andere, die unabhängig der staatlichen Hilfe irgendwie auf ihren Beinen stehen wollen. Ihre Beweggründe: Raus aus dem Haus, das Gefühl haben irgendetwas bewegen zu können und die Hoffnung, dass jemand sie „entdeckt“ in ihrer Art und ihrem Können und ihr eine andere, besser bezahlte Stelle anbietet. Prinzip Hoffnung, sag ich da nur und der Frau gebührt mein ehrlicher Respekt.

Doch wissen Sie, was mich an all dem mehr als wütend macht? Sie benötigt für den Weg zur Arbeitsstätte eine Monatskarte für den Zug. Blank und pleite mit weniger als 100€ zum Leben für den ersten Arbeitsmonat, gab sie dem Job Center die Mitteilung der Veränderung und bat um Hilfe für die Monatskarte. Und wissen Sie was? Sie bekam die Ablehnung „dafür gibt es bei uns keine finanzielle Hilfe“. Arbeite und du wirst auch noch dafür bestraft. Was macht die Frau nun? Sie fährt mit der Bahn, einschließlich täglich zweimal Adrenalinkick. Warum? Nun, ich denke Sie werden ahnen weshalb.

Bei all dem frage ich mich erneut, in welcher Welt wir eigentlich leben? Eine Welt, in der arbeiten und das nicht empfangen wollen von Almosen bestraft wird. Eine Welt, die auf Materielles mehr fixiert ist als auf menschliche Werte und Qualitäten. Eine Welt, die in der Regel nur denen eine Chance gibt, welche nicht im Tal hängen. Hast du was, bekommst du was, um es einmal auf den Punkt zu bringen. Oder sehen Sie das anders? Welche Erlebnisse zum heutigen Thema mussten Sie selbst am eigenen Leib erfahren? Ich werde nun zwar weiterhin verständnislos den Kopf schütteln, bin jedoch sehr gespannt auf Ihre Kommentare, Meinungen und Erfahrungsberichte.

In diesem Sinne

Ihre Claudia

Anmerkung: Sollten Sie selbst Arbeitgeber sein und eine zuverlässige, taffe, vielschichtige sowie verantwortungsvolle neue Mitarbeiterin im Kreis Konstanz (oder in der grenznahen Schweiz) in einem der Bereiche Verkauf, Gastronomie oder Büro suchen, dann leite ich Ihr Angebot sehr gerne und umgehend weiter. Sie erreichen mich unter claudia [ät] theintelligence.de

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