Dienstag , 11 August 2020
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Diesmal klappt es bestimmt …

TreppenhausMit einem gurgelnden Geräusch fließt der Strahl aus dem Wasserkocher nahezu in die Mitte des Teesiebs. Sowohl der Kocher als auch das Sieb müssen relativ zentriert gehalten werden, was mit seinen leicht zitternden Händen auch nicht unbedingt gewährleistet ist. „Es war gestern Abend wohl doch wieder ein Glas zuviel“, hört er sich denken, „und dann nur rund fünf Stunden Schlaf. Das muss künftig anders werden.“ Der Kalender besteht auf Freitag, die Uhr auf 6:30. „Gut – wenn die Kalenderblätter gewissenhaft abgerissen sind – zumindest die Aussicht auf das Wochenende.“

Trotz der Tatsache, dass so ziemlich alle Leuchten in den Räumen eingeschaltet sind, scheinen die Wände eher im Dunkeln zu liegen. „Die Enge muss es sein, diese erbärmliche Enge.“ Eine kleine Dachgeschosswohnung ist eben kein Palast. Auf Dauer sind diese schrägen Wände nicht zu ertragen. Das hat Auswirkungen. Jedenfalls kann man nicht alles auf den Alkohol schieben. Nein, nicht das Unbehagen, das sich zeitgleich mit dem Signal des Radioweckers einstellt, und nicht die Verstimmung, für die dann ebenfalls die Nacht beendet ist. Hingegen – die zitternden Hände haben nichts mit dem Muff der Mansarde zu tun. So einfach ist das. Einfach? Wie auch immer, 6:50 Uhr, es wird Zeit. Blick auf die Kommode im Flur. Der Anrufbeantworter blinkt, signalisiert Anrufe in Abwesenheit. Das muss von gestern sein. Oder in der Nacht? Taste drücken. Schnell noch abhören. „Klick“ – „Heute, 1:20 Uhr“, ein kurzes Rauschen, „keine weiteren Nachrichten“ – „Klack.“

Die Haustür fällt ins Schloss. Das Treppenhaus riecht ebenfalls muffig. Die mit Linoleum belegten Holz-Treppenstufen dünsten ihr ureigenes Odeur aus, ein typischer Duft, der sich aus den über die vielen Jahrzehnte in den Belag gesogenen Bohnerwachs-Schichten nährt. Einerseits gemütlich und irgendwie an Beständigkeit erinnernd, andererseits aber, im gleichen Sinne irgendwie, auch armselig. Die zweite Etage, dort, wo der Handlauf des Treppengeländers defekt ist. Links wohnt Herr Thater, 53 Jahre alt, Frührentner. Rechts, Herr Masurek, 45 Jahre, seit zwei Jahren Hartz IV. Erdgeschoss. Zwei Reihen Blechbriefkästen. Einige der Schließklappen haben im oberen Bereich ein Eselsohr, wurden irgendwann mal hoch gebogen. Einbruch? Nein, wohl kaum, vermutlich Schlüssel vergessen. Darunter, an die Wand gelehnt, Fahrräder. Viel zu viele Fahrräder, die hier auf den Fliesen stehen. Jede zweite Fliese weist einen Riss auf, in den Rissen Schmutz.

Die Straße. Der Bus. Besser gesagt: die Rücklichter des Busses. Unüberhörbar und dumpf zischend schließt die Druckluft die Segmente der Eingangstür im vorderen Bereich. Das Geräusch ist so etwas wie eine absolute Entscheidung. Er kennt das, erlebt das des Öfteren. Der Regen lässt das Rot der Rücklichter weitaus größer erscheinen, als es tatsächlich ist, erlaubt den Konturen der Lichtstrahlung ein Verschwimmen in der Atmosphäre. Wind lässt den Regen überaus schräge einfallen. Die vier roten Schalensitze der Haltestelle sind nass. Nass, und mit der schwarzen Tinte eines breiten Faserschreibers beschriftet. „Ausländer raus!“, so die Botschaft. Der Fahrplan hinter der Scheibe ist unleserlich – aufgeweicht klebt er an ihr – der Rahmen des Kästchens offensichtlich undicht. Der nächste Bus kommt in circa 12 Minuten. Das weiß er. Darauf ist er auch angewiesen. Heute darf er nicht zu spät kommen. Es wird ohnehin recht knapp.

Auf irgendeine Weise kommt er immer zu spät. Ja. Weniger buchstäblich, nicht unbedingt wortwörtlich, vielmehr metaphorisch. Die Stellenangebote der Zeitungen sprechen da eine deutliche Sprache, weisen auf Gegebenheiten hin, die sowohl von den Sachbearbeitern der Arbeitsämter (Agentur für Arbeit mag ich nicht sagen) als auch seitens der Personalabteilungen der Firmen bestätigt und unterstrichen werden. „Sie sind zu lange raus“, lautet der Negativbescheid, oder, „Sie sind zu alt für diese Aufgabe.“ Obwohl – Negativbescheid -, in der Regel bekommt er keinen Bescheid. Nicht von den Firmen. Nicht einmal eine Eingangsbestätigung seiner Bewerbung. Mit seinen 56 Jahren ist er eben zu alt um eine feste Anstellung zu bekommen, und zu jung um in Rente gehen zu können. Das sagt zwar keiner, spiegelt dennoch zweifellos die Realität. In nur wenigen Wochen werden die Zahlungen des bisherigen Arbeitslosengeldes eingestellt. Dann ist es zu spät.

Die 12 Minuten müssen verstrichen sein. Nicht allein die Tatsache, dass er nunmehr nicht mehr allein, sondern inmitten einer beachtlichen Menschengruppe wartet, lässt diesen Rückschluss zu. Der Bus kommt. Im S-Bogen löst er sich aus dem fließenden Verkehr und schmiegt sich an den Kantstein direkt vor der Haltestation. Zischend öffnet die Druckluft die Segmente der Eingangstüren im vorderen wie im hinteren Bereich. Hinten steigen Menschen aus. Vorne bildet sich zeitgleich eine Schlange. Mehr oder weniger angerauchte Zigaretten werden hier auf den Boden geworfen. Die meisten Fahrgäste halten ein Handy in der Hand oder haben zumindest einen Stöpsel im Ohr. Abonnentenkarten werden in die Höhe gehalten, Fahrkarten werden gelöst. Die Masse fügt sich ein, nimmt Platz, telefoniert weiter. Die Türen schließen sich. Der Bus blinkt, signalisiert – im S-Bogen anfahrend – seine Absicht, wieder Teil des fließenden Verkehrs zu sein.

Er hat keinen Sitzplatz bekommen, steht in der Menge, hält sich mit der rechten Hand an einer der grauen Plastikschlaufen fest, die in regelmäßigen Abständen, beidseitig des Ganges und an Stangen hängend, ihre Hilfe anbieten. Der charakteristische Mief, den allein vom Regen nasse Klamotten in der Lage sind auszudünsten, scheint sich genau in Kopfhöhe zu formieren. „Noch drei Stationen zu fahren, wenn ich mich nicht täusche“, seine Blicke versuchen vergeblich die klatschnassen Scheiben zu durchdringen, „diesmal klappt es bestimmt.“ Diesmal muss es bitte klappen! Der Schritt, vom sogenannten Arbeitslosengeld I zum Arbeitslosengeld II – ergo Hartz IV – Empfänger, ist ein kleiner, und wird zumeist in einer Einbahnstraße gegangen. Werden denn keine Sachbearbeiter mehr benötigt? „Kommen sie doch morgen so gegen acht Uhr mal kurz vorbei“, so der freundliche Herr am Telefon, „ich denke, Sie sind genau der Richtige!“

„Werden Sie Kaffee-Tagesfahrten-Begleiter“, hieß es in der kleinen Anzeige, die er beinahe überlesen hatte, und „verdienen Sie sich Ihr Traumgehalt.“ Sofort angerufen hat er dort, wurde direkt durchgestellt, durfte lange mit dem Bezirks-Verkaufsleiter sprechen, mit dem leutseligen Herrn, dem die Organisation der Veranstaltungen obliegt. „Senioren haben einen großen Bedarf an Kommunikation“, ließ er sich sagen, „und genau dort ist die Schnittstelle zwischen jenen Menschen und unserer Firma angesiedelt.“ Nicht zu lange warten solle er, es gäbe bereits zahlreiche Bewerber. Gestern war das. Seine Gedanken schweifen ab. Er muss sich konzentrieren. An der nächsten Haltestelle muss er raus. Per Knopfdruck signalisiert er das. Im S-Bogen verlässt der Bus den fließenden Verkehr und schmiegt sich an den Kantstein vor der Station. Die Druckluft öffnet die Segmente der Eingangstüren. Er steigt aus. Es regnet immer noch. Der Wind hat nachgelassen.

Die Hauptstraße überqueren, und auf der anderen Seite etwa 200 Meter rechts herunter gehen. Dann die zweite Straße links und, direkt gegenüber dem Glücksspiele-Laden, die Hausnummer 365. So der Hinweis am Telefon. „Wir befinden uns im 1. Stock“, hieß es, „bitte 3 x klingeln.“ Mit dem Stadtplan in der Hand überquert er die Straße, geht rechts herunter, geht in Richtung Innenstadt. Hier die zweite links. Dort, gegenüber und auf der anderen Seite, der Laden mit der grell gelb gefärbten Schaufensterscheibe. „Glück ist machbar!“, lautet die Einladung, realisiert, mit auffallend verschnörkelten Klebebuchstaben. Der Schriftzug erinnert an die Läden der Änderungsschneider, die auch mit solchen Buchstaben auf sich aufmerksam machen. Die Nummer 365. Der Eingang. Ein 50er Jahre Bau. Eine Bausünde, inmitten einer längeren Häuserreihe – Mietshäuser aus der Gründerzeit – die der Krieg verschont hat. Kein Schild, das auf die Firma hinweist …

© Peter Oebel

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