Dienstag , 11 August 2020
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„Mit voller Hose ist leicht stinken“ – Das Sozialverhalten der Reichen

euroscheine_500erDas ORF Wissenschaftsmagazin veröffentlichte unlängst die Ergebnisse einer Studie über den Emotionalzustand von reichen Menschen. „Sie sind laut […] egoistischer, können sich weniger in andere hineinversetzen und neigen überhaupt weniger zu sozialem Verhalten.“ Darf man diese Erkenntnis als Beweis für die manchmal grenzenlos erscheinende Arroganz der reichen Clique, an der Grenze zur Korruption Profit zu machen, sehen? Der österreichische Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach steht aktuell unter Korruptionsverdacht und hat beim Telekom-Skandal mit manipulierten Aktienkursen sich im Vorbeigehen schnell mal 260.000 Euro geholt (es gilt die Unschuldsvermutung). Als Reicher scheint man also auch reich an Egoismus, selbstsüchtigem Verhalten und dem Unvermögen, sich in andere hineinzudenken, zu sein.

Wem es also an Empathie mangelt, der wird in folgendem Zitat wohl die sichere Methode erkennen, seinen Reichtum weiter auszubauen. Schließlich scheinen sich ja psychologische Sperren des Anstands mit zunehmendem Stand des Bankkontos in Nichts aufzulösen – ich bin mir dabei dieser verallgemeinernden Aussage wohl bewusst. Nichtsdestotrotz, der Vater der Public Relations, die man Ende der 1920er Jahr noch als „Propaganda“ bezeichnete, Edward L. Bernays, sagte folgendes:

Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“

[Hier das Original, aus dem ersten Kapitel seines Werkes „Propaganda“ unter dem Kapitel: Organizing Chaos, das gleich mit folgenden Worten beginnt: „THE conscious and intelligent manipulation of the organized habits and opinion of the masses is an important element in democratic society. Those who manipulate this unseen mechanism of society constitute an invisible government which is the true ruling power of our country. We are governed, our minds are molded, our tastes formed, our ideas suggested, largely by men we have never heard of. This is a logical result of the way in which our democratic society is organized. Vast numbers of human beings must cooperate in this manner if they are to live together as a smoothly functioning society. Our invisible governors are, in many cases, unaware of the identity of their fellow members in the inner cabinet.“].

Doch es kommt noch besser. Edward L. Bernays betont im Kapitel über Public Relations, dass nicht die Programmierung des Individuums auf ein bestimmtes Verhalten durch oftmalige Wiederholung der Kernbotschaft durch den Einzelnen die Masse lenkt, sondern es käme darauf an, wer, welche Person der Masse glaubhaft vermittelt, was diese zu tun hat. Bernays setzt also auf Autoritäten und nennt das die Methode des modernen Salesman. Wenn die Autorität (beispielsweise der Arzt) gebietet, ein bestimmtes Produkt zu erwerben, dann folgt die Masse. Bernays Werk, von dem sich Joseph Goebbels inspirieren lies, liest sich wie eine Anleitung zum Krieg gegen das Volk, ein Handbuch, den individuellen Widerstand zu brechen: „…to break down or penetrate sales resistance“. Die Schattenregierung, ein wichtiges Element einer demokratischen Gesellschaft also? Die Public Relations ihr Instrument der Propaganda? Deswegen also das ewige Gelaber um Demokratie, die überall auf der Welt gefälligst installiert werden muss! Und bösartig erscheint in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass man den „modernen Salesman“ mit der Aufgabe betraut, die Masse mittels Konsum zurechtzubiegen. Kapitalismus und Demokratie – ein Pakt mit dem Teufel? Befremdlich auch die Reaktion Bernays auf sein Wirken auf Goebbels: „Offenbar war die Attacke gegen die Juden Deutschlands kein emotionaler Ausbruch der Nazis, sondern eine wohlüberlegte, geplante Kampagne“.

Nun ist es hinlänglich bekannt, dass die Inhaber des Kapitals unserer Gesellschaft auch über entsprechenden Einfluss bei Politik und Medien verfügen. Ja selbst die Medien geben sich dieser Propagandamaschinerie hin und haben sich ihr schon längst ergeben: Die Existenz der meisten Mainstreammedien hängt an den Einnahmen durch Werbeeinschaltungen (Anzeigen und PR-Artikel, die sich geschickt als „Kundenmagazin“ oder „Sonderbeilage“ tarnen). Und wer als Journalist keinen Job in einer Redaktion findet, geht eben in die weitaus lukrativere PR-Branche, euphemistisch als „Denkfabrik“ bezeichnet. So unterwandert man und verwischt die Spuren hin zur Propaganda und Manipulation. Und angesichts der Tatsache, dass sich rund um den Berliner Reichstag auch die Büros von 5.000 Lobbyisten befinden, verwundern einen die politischen Entscheidungen zugunsten der sowieso schon Einflussreichen und Nutznießern des Systems nicht mehr. Wer übrigens Lobbyisten „besichtigen“ möchte, kann das mit einer Lobbyisten-Stadtführung tun. Die deutsche Lobbycontrol bietet solche Führungen an.

Wie der Frosch, der zuerst im Topf mit kaltem Wasser saß und dessen Umgebung nun langsam erhitzt wird, nicht aus seinem Dilemma zu entfliehen vermag, scheinen auch wir als Gesellschaft stillzuhalten. Die Autoritäten vermitteln immer noch glaubhaft, dass die Umverteilung von unten nach oben richtig ist. Dass es richtig ist, wenn 72 Prozent der erwerbstätigen Österreicher weniger als 1.484 Euro im Monat verdienen und von diesen wieder 40 Prozent weniger als 900 Euro netto zum Leben haben. Das wären dann die eine Million Armutsgefährdeten, von denen die Statistik spricht und die eben nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Kein Grund zum Handeln also. Selbst schuld! Der Markt hat Vorrang.

Wer reich und elitär, sprich zumeist an entscheidender Stelle einer Gesellschaft, ist, dem geht automatisch der Bezug zur Masse verloren. Der kann es sich nicht vorstellen, dass es eine andere Welt als die (eingebildete) eigene gibt. Dem fehlt das Maß aller Dinge und lässt die Masse für sich arbeiten und gibt sich CSR-poliert sozial (CSR = Corporate Social Responsibility). Damit sie nicht auffällt, die eigene Unverfrorenheit, die Taktik hinter der wahren Absicht. Wer das Kapital für sich nämlich vereinnahmt, der übt strukturelle Gewalt auf diejenigen aus, die dann diesem Kapital folgen müssen, um zu überleben – jedes Monopol, jede Verkettung ganzer Branchen in Form von Tochter- und Mutterkonzernen übt diese Gewalt aus.

„Mit voller Hose ist leicht stinken“, sagt der Volksmund. Aufgepasst also, wenn man medienwirksam ein bedingungsloses Grundeinkommen vermitteln will, um damit die Einkommenssteuern abzuschaffen, um das Grundeinkommen mit Konsumsteuern zu finanzieren – so will es ein Götz Werner. Der Gründer der Drogeriemarktkette dm (ein Konzern!) zählt mit einem Privatvermögen jenseits einer Milliarde Euro zu den 100 reichsten Deutschen und ist übrigens auch Aufsichtsrat der GLS-Gemeinschaftsbank. Aufgepasst also, wenn jetzt die reichen Europäer meinen, Beitrag leisten angesichts der Krise wäre möglich, aber bitte nur einmal und jetzt. Das sollte nicht zur Regel werden. Aufgepasst also, wenn man Reiche zum Spenden durch Charity-Veranstaltungen oder durch Sondergesetze verpflichten muss, weil sie es aus sich heraus wohl kaum tun wollen, geschweige denn dazu imstande sind.

Der Link zum ORF-Beitrag: http://science.orf.at/stories/1686548

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