Mittwoch , 12 August 2020
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Die Augen schließen – bis es zu spät ist

pfarrer_niemoeller„Aber es geht uns doch allen gut“, gab eine ältere Dame am Ende eines Vortrags von sich, der beleuchtete, wie das Bankensystem durch Zinseszins langsam alle Werte an sich reißt. Ihr Mann bemühte sich rasch, sie vom Weiterreden abzuhalten. Wie viele Menschen geben sich noch immer der Illusion hin, dass doch „ohnehin alles in Ordnung“ ist? Die Straßen sind mit Autos überfüllt, in Einkaufszentren tummeln sich die Massen, für elektronisches Spielzeug scheint unbegrenzt Geld zur Verfügung zu stehen. Ja, und „wer wirklich arbeiten will, der findet auch Arbeit“. Sagt man nicht so? „Die Hartz-IV-Empfänger lassen sich’s doch bloß auf unsere Kosten gut gehen.“ Warum beginnen Menschen immer erst dann nachzudenken, wenn es tatsächlich zu spät ist?

Vermutlich gibt es niemanden, der mit den ergreifenden Worten von Pfarrer Martin Niemöller, der acht Jahre in deutschen Konzentrationslagern überlebte, nicht vertraut ist:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Niemand wird in unserem derzeitigen System ungerechtfertigt eingesperrt. Jeder darf tun was er will, sofern es vom Gesetz erlaubt ist. Und der Mythos, dass jemand doch nur zu arbeiten brauche, um sich ein angenehmes Leben leisten zu können, scheint sich felsenfest in den Gemütern so vieler Menschen festgesetzt zu haben.

„Aber in Deutschland geht’s uns doch noch immer besser als so vielen Menschen in anderen Ländern!“ Wie gerne hält man an dieser Eigenbeweihräucherung fest, klammert sich an Zahlen, die besagen, dass ein Manager in Indien weniger verdient als ein Hartz-IV-Empfänger als „Taschengeld“ erhält. Ohne jedoch das extrem unterschiedliche Preisniveau zu berücksichtigen. Und abgesehen davon, ungeachtet wie schlecht es jemandem wirtschaftlich gehen könnte, natürlich finden sich jederzeit noch extremere Härtefälle.

Beinahe euphorisch wird von Wirtschaftsaufschwüngen berichtet, vom Anstieg der Löhne, die nur leider trotzdem an Kaufkraft verlieren, weil die Inflationsrate höher liegt. „Nicht einmal“ drei Millionen Deutsche gelten als arbeitslos. Dazu kommt noch, dass ein gewisser Teil davon tatsächlich nur vorübergehend ohne Stellung ist, der vorher genug verdient hat und bald wieder in dieser Situation sein wird. Die paar Millionen, die nicht mehr vermittelbar sind, die fallen ja nicht in diese Statistik. Die finden sich in einer anderen.

Werfen wir einen Blick auf die offiziellen Armutszahlen. Da gehören auch Menschen dazu, die trotz Arbeit so wenig Geld zur Verfügung haben, dass es kaum verständlich ist, wie sich damit ein Dach über dem Kopf und darüber hinaus noch etwas zu Essen finanzieren lässt. Laut EU-Richtlinien gilt als einkommensarm, wem nicht mehr als 50% des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung stehen. Laut Statista belegen deutsche Nettoeinkommen mit 22.000 Dollar pro Jahr (15.200 Euro) unter den Industrieländern den 15. Rang. Wem nicht mehr als die Hälfte davon zur Verfügung steht, gilt als arm.

Die Zahlen dazu, wie viele Menschen von dieser Situation betroffen sind, mögen schwanken. Sind es wirklich 13 Millionen oder vielleicht doch nur zehn? Zehn Millionen Menschen, die mit weniger als 700 Euro im Monat auskommen müssen. Für Wohnung, Kleidung und Essen.

Wie gut oder schlecht geht es dem Durchschnittsverdiener, der mit rund 1.300 Euro pro Monat sein Auslangen findet?

„Die sind doch alle selbst schuld“, mag der eine oder andere denken. Sie hätten sich halt besser ausbilden lassen sollen. Sie müssen sich mehr anstrengen.

Wie hat es Pfarrer Niemöller erklärt? Erst holten sie die Kommunisten, dann die Sozialdemokraten und danach die Gewerkschafter.

Zuerst hungerten die Faulen. Dann die zu schlecht Ausgebildeten. Dann diejenigen, die einfach den falschen Beruf ergriffen hatten. Natürlich haben wir dagegen nicht protestiert. Denn wir hatten ja noch ein Einkommen. Wir saßen in unseren netten Häusern, in unseren geräumigen Wohnungen, den Computer vor uns am Schreibtisch. Und als eines Tages auch wir unsere Einkommen einbüßten, wer wäre dann noch da gewesen, um zu protestieren?

„Wer wirklich arbeiten will, der findet auch Arbeit“. Den Einzelfall betrachtend, mag das durchaus stimmen. Wer bereit ist, für schlechtes Geld hart zuzupacken, findet sicher früher oder später eine Anstellung. Er macht bloß jemand anderen damit arbeitslos. Und wenn Arbeitnehmer zueinander in Konkurrenz stehen – was durch Arbeitslosigkeit schließlich provoziert wird – dann führt dies letztendlich dazu, dass immer mehr Menschen für immer weniger Geld immer härter arbeiten. Und wer trägt die Früchte der in Summe dadurch ansteigenden Leistung, bei weniger Konsum?

Wir dürfen Vogel Strauß spielen und den Kopf in den Sand stecken. Wir dürfen uns dessen erfreuen, dass wir selbst noch genügend Geld auf dem Konto haben – ohne zu fragen, wie das Geldsystem funktioniert. Wir dürfen weiter glauben, dass Menschen, die ohne oder mit lächerlichem Einkommen dastehen, Versager sind. Wir dürfen unseren Politikern weiter vertrauen und den Medien, die vom Konjunkturaufschwung berichten. Noch lange wird niemand „geholt“, bestenfalls weggeschickt, wenn er das Geld für die Miete nicht mehr aufbringen kann. Wie viele Zeitgenossen von Pfarrer Niemöller waren im nachhinein aufs höchste überrascht: „Aber das haben wir doch alle nicht gewusst. Das hat uns doch niemand gesagt.“ Damals vielleicht wirklich nicht. Heute lässt sich, wenn auch nicht alles, aber doch sehr vieles von dem nachlesen, was in unserer Gesellschaft, die wir Demokratie nennen, vor sich geht. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Und Ignoranz schützt nicht vor den Konsequenzen.

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