Mittwoch , 12 August 2020
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Ein Gruß vom Leben – Besuch in der „Seniorenresidenz“

zimmerazaleeHerr Burghardt steht inmitten des Zimmers und schaut sich um. Etwas hilflos sieht er aus, so mit dem Blumentopf in den Händen. Auch wenn der alte Mann es nicht ausspricht, auch wenn er schweigt, ich kann die Frage deutlich wahrnehmen die er stellt: „Wohin mit der Pflanze?“ Die Frage ist berechtigt. Ein schmaler Kleiderschrank, eine kleine Kommode, ein ovales Tischchen, ein Stuhl und ein Sessel stehen in dem Raum. Ein doppelflügeliges Fenster. Die Pflanze braucht Licht, gehörte an das Fenster. Aufgrund der Tatsache, dass es keine Fensterbank gibt, ist das nicht möglich.

Ein paar Minuten vorher: an der Straße, zwischen zwei mannshoch gemauerten Säulen, ein Eingangstor aus Schmiedeeisen. An der rechten Säule ein rechteckiges Schild. „Seniorenresidenz“, prangt dort die Überschrift in großen Lettern, und darunter, wenn man etwas näher herantritt, „Leben und wohnen, wie es Ihnen gefällt.“ Gleich hinter dem Tor führt ein Kiesweg zum Hauptgebäude. Der Pfad schlängelt sich durch ein Rasen-Rabatten-Arrangement. Man bemerkt es sofort, dass die Umwege zwar beabsichtigt, aber nicht besonders einfallsreich angelegt worden sind. Es wirkt etwas lächerlich. Links und rechts des Weges tauchen in regelmäßigen Abständen Bänke auf. Gelbe Tupfer auf dem Rasen. Löwenzahn! Dann – in einem unerwarteten Rechtsschwenk und um einen Rhododendronbusch herum – das Haus, das Alten- und Pflegeheim. Ich habe mir vorgenommen, meinen ehemaligen Nachbarn hin und wieder zu besuchen. Nun bin ich hier.

Einige Jahre waren wir Nachbarn. Zeitgleich mit dem Tod seiner Frau, ging es gesundheitlich mit ihm rapide bergab. Seine beiden Kinder, Sohn und Tochter, leben ihr eigenes Leben, wie sie stets betonen; die Tochter tut das in Süddeutschland, der Sohn sogar im Ausland. Die Enkelkinder, drei sind es, sind allzeit sehr beschäftigt, haben kaum Zeit, zudem wohnen sie, wie gesagt, sehr weit weg. Ein längerer Krankenhausaufenthalt hat den alten Mann dann letztlich davon überzeugt, dass es wohl besser ist, das Haus aufzugeben. Die Treppen, der Keller und der Garten – das war nun nicht mehr möglich, und mit 70 noch einmal umziehen? Nein, das zog er nicht in Erwägung. „Was machen wir jetzt mit der Pflanze?“ Jäh unterbricht Herr Burghardt meine abschweifenden Gedanken. Mit einem freundlichen Lächeln blickt er auf die roten Blüten der Azalee. „Naja“, ich blicke in die Runde, „vermutlich war die Idee, einen Blumentopf mitzubringen, nicht die beste.“

So langsam habe ich den Verdacht, dass auch hier im Zimmer alles allein auf das Praktische bezogen ist. Letzteres aus der Sicht des Personals, das hier im Heim für Ordnung sorgt, versteht sich. Ansatzweise habe ich dafür natürlich ein Verständnis, aber man kann alles übertreiben. Keine Fensterbank. Vielleicht, vielleicht damit die mit einer Fensterbank etwaig einhergehenden Probleme gar nicht erst ermöglicht werden? Vielleicht, weil sich alte Menschen nun mal gerne Pflanzen ins Fenster stellen, und jene dann beim giesen… Mag sein. Wie auch immer dem sei, der alte Herr soll sich über seinen Besuch freuen. Ich darf mir meinen Argwohn keinesfalls anmerken lassen. Ich muss jetzt handeln. „Auf der Kommode ist kein Platz mehr, und da sind die Lichtverhältnisse auch nicht gerade günstig.“ Mit einem Schritt bin ich bei meinem Gastgeber und nehme ihm den Topf aus den Händen. „Dann stellen wir die Azalee eben auf den Tisch – so!“

Wir setzen uns an den Tisch. Herr Burghardt auf den Sessel, ich auf den Stuhl. Einige Sonnenstrahlen mogeln sich durch den oberen Bereich des Fensters. Das, was die Scheiben hier an Licht durchlassen, wird von den Gardinen noch einmal gefiltert. Die Scheiben müssten dringend geputzt werden, die Vorhänge könnten eine Wäsche vertragen. Soeben wirft die Sonne dünne, lange Lichtstreifen auf die Tischplatte, Lichtreflexe, die auf ihrem Weg, vom Fenster zum Tisch, die Staubpartikel erkennen lassen, die in der Luft schweben. Wir wechseln ein paar Worte miteinander. Weder ihm noch mir fällt das in dieser Atmosphäre leicht. Immer dann, wenn ich der Meinung bin, dass es nicht bemerkt wird, erkunden meine Blicke das Zimmer. Außer dem spärlichen Mobiliar gibt es hier noch ein Bettgestell und ein Waschbecken. Mittels eines grauen Kunststoffvorhangs, der an einem bogenförmigen Chromrohr hängt, kann der Waschbereich separiert werden.

Einige Tuschezeichnungen, per Stecknadeln an die Tapete gepinnt, hängen über dem Bett. Bunte, fröhliche Bilder, die, wie ich vermute, von den Enkelkindern stammen. Herr Burghardt scheint meine Gedanken erraten zu haben. „Die habe ich im vergangenen Jahr von den Kindern zum Geburtstag bekommen“, erklärt er mit bescheidenem Stolz, „mein Sohn hat sie mir per Post geschickt.“ Wir blicken auf die Pflanze. Es klopft. Zeitgleich wird die Tür geöffnet. „Soll ich Ihnen jetzt Ihren Kaffee aufs Zimmer bringen?“ Eine Frau im weißen Kittel steht im Türrahmen. „Oh, Sie haben Besuch, wie schön.“ Die Frau sieht mich an. „Möchten Sie auch einen Kaffee? Ich bringe Ihnen eine Kanne.“ Bevor wir etwas erwidern können, ist die Tür wieder geschlossen, die Frau im Flur verschwunden. „Das Personal ist hier ausgesprochen nett.“ Offensichtlich versucht Herr Burghardt, die Situation zu überbrücken. „Es steht aber permanent unter Zeitdruck.“

Ich erinnere mich genau, wie sehr der alte Mann seinen Garten geliebt hat, ja mit welcher Hingabe er sich dort um alles kümmerte – und mit Erfolg, wenn ich beispielsweise an seine wunderschönen, zart duftenden, alten englischen Rosen denke. Und jetzt, jetzt ist dieser Mensch nicht mehr in der Lage, auch nur einer einzigen Azalee samt ihrem Terrakotta-Topf gerecht zu werden, und das, weil man aus einer ökonomischen Überlegung heraus auf ein Brett unter dem Fenster verzichtete. Was muss passiert sein, bevor man sich das bieten lässt. So meine Überlegung. Doch, ich kann das verstehen, eigentlich stellt sich die Frage nicht. Einerseits war mein Nachbar nie so etwas wie ein Rebell, er wollte eben lieber seine Ruhe gesichert sehen, und andererseits wird auch die stärkste Persönlichkeit auffällig müde, wenn sie denn in die Jahre gekommen ist. Die Gesellschaft nutzt das aus, und längst nicht immer gewollt und in böser Absicht. Leider auch in einer Seniorenresidenz.

Mein Besuch ist beendet. Den Flur entlang gehe ich in Richtung Ausgang. Wir haben Kaffee getrunken, und etwas über die Vergangenheit geplaudert. Über die Gegenwart zu sprechen, das habe ich mich nicht getraut. Besser nicht. Die Realität eines Alten- und Pflegeheims kann ich keinesfalls schön schminken. Klar, sicherlich gibt es auch andere Heime, Heime, in denen ein alter Mensch würdevoller die ihm verbleibende Lebenszeit verbringen kann. Davon bin ich überzeugt. Allerdings können sich das bekanntlich die Wenigsten leisten. Ich versuche mich von diesen Gedanken zu lösen. Der Flur erscheint mir recht lang. Sein PVC Bodenbelag riecht nach angewärmten Gummi. Krankenhausflure riechen in der Regel auch so. Der Flur hier erinnert mich sowieso an ein Krankenhaus. Die vielen Türen, die Schilder an den Türen, die für den unkomplizierten Austausch von Namen konzipiert sind. Dort der Ausgang. Dahinter das Leben.

© Peter Oebel

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