Mittwoch , 12 August 2020
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Es ergab sich einfach nicht – Eine wahre Geschichte

pizza_stueck„Zu gerne würde ich einmal ein Stück ‘Pizza’ essen.“ Der alte Mann sieht das junge Mädchen lächelnd an. „Pizza habe ich noch nie gegessen.“ Laura erwidert erstaunt seinen Blick. „Was? Sie haben tatsächlich noch nie …“ Zwei Menschen stehen sich in der kleinen Küche gegenüber. Zwei Kontraste, die ein Projekt zusammengeführt hat. „Noch nie in ihrem ganzen Leben?“ Der Alte zeigt sich verlegen. „Nein“, flüstert er leise, als spräche er mit sich selber, „nein, noch nie.“ „Es ergab sich einfach nicht.“ Laura schaut ihm nach, wie er die wenigen Schritte aus der Küche, über den kleinen Flur, in Richtung Wohnraum geht.

Laura besucht die 9. Klasse des Gymnasiums Dörpsweg. Im Rahmen eines Sozialpraktikums engagiert sie sich in einer vom DRK geführten Senioren-Wohnanlage. Die Erwartung, die die Schule an die Schülerin stellt, ist definiert. Jeweils an einem Nachmittag pro Woche, und dann für rund zwei Stunden, soll Laura sich für andere Menschen einsetzen. Laura hat sich diesen Platz selber gesucht, hat sich für diese Aufgabe beworben, hat sich für die Betreuung eines älteren Mitmenschen entschieden. Seit den Herbstferien ist sie dabei, und bis hin zu den Weihnachtsferien ist sie dort eingeplant. Sie kümmert sich um Frau Zierau. Sie geht mit der alten Dame einkaufen, liest ihr ein paar Seiten aus einem Buch vor, unterhält sich mit ihr, erzählt ihr von ihrer Schule, von ihren Plänen. Frau Zierau hört dem Mädchen gerne zu. „Für ein paar Wochen ist die Jugend bei mir zu Besuch“ wie sie immer sagt, für einige Stunden nimmt sie wieder am Leben teil. Später dann, werden die Erfahrungen, die in diesen Momenten erlebt werden, im Philosophie- und Religionsunterricht ausgewertet. So ist es geplant.

„Kommen sie, Herr Riecken, bisher sind sie doch noch immer satt geworden.“ Frau Zierau sitzt im Wohnraum auf dem Sofa. Herr Riecken betritt das Zimmer, setzt sich zu ihr. Der Alte ist zu Besuch gekommen. Das tut er gerne, wenn er weiß, dass Laura kommt. Gemeinsam hören sie dann geduldig dankbar zu, wenn die Schülerin liest. Jene gegenseitigen Besuche sind in dem Heim gestattet. Eine der wenigen Eigenständigkeiten, die diesen Menschen blieb. Betreutes Wohnen. Laura bringt den Kuchen herein, den sie in der Küche ausgepackt und auf drei kleinen Tellern portioniert hat. „Sie haben doch einen Backofen, Frau Zierau.“ Laura stellt die Teller auf dem Tisch ab. „Vielleicht kann ich uns demnächst mal eine Pizza bereiten.“ Der alte Mann blickt auf. „Das ist eine ganz ausgezeichnete Idee.“ Seine Gesichtszüge zeigen Freude und Zweifel zu gleichen Teilen. Frau Riecken zerteilt mit der Kuchengabel den Bienenstich. Sie schweigt. Im Kopfe hat Laura den Vorsatz bereits in die Tat umgesetzt. Der alte Herr tut ihr leid. „Noch nie im Leben eine Pizza gegessen“, denkt sie, „das ist nur schwer vorstellbar.

Jahre später:

Laura hat ihre Schule mit Abitur abgeschlossen. Sie hat den Führerschein gemacht. Mit dem Wagen ihrer Eltern steht sie an der roten Ampel. Sie schaut vor sich, halb links, aus dem Fenster der Frontscheibe. Ihr Blick erfasst die trist graue Fassade des DRK-Seniorenheimes. Hier hatte sie das seitens der Schule geforderte Praktikum absolviert. Frau Zierau, Herr Riecken … Das liegt bereits eine kleine Ewigkeit zurück. Es regnet. Die Scheibenwischer quietschen ihr erbärmliches Lied. Wolkenverhangen und farblos zeigt sich der Tag. Viel zu lange beharrt die Ampel auf ihr Rot. Erinnerungen melden sich. Besser gesagt – eine Erinnerung:

„Wollen wir schnell noch eine Pizza kaufen?“ Lauras Vater weist auf den Supermarkt, der sich gleich neben dem DRK Gebäude befindet. „Dann kannst du dein Versprechen heute noch einlösen.“ Laura zögert. „Nein. Nicht jetzt. Später vielleicht. Das hat Zeit.“ Lauras Vater parkt den Wagen ein. „Komm, Laura, wir sind schnell mit der Besorgung durch. Was erledigt ist, das ist erledigt.“ Laura zeigt sich überredet. Sie gibt nach, geht jeder weiteren Diskussion aus dem Weg. Nur wenige Minuten später hält Laura eine Pizza in den Händen, eingepackt, in einer einladend bunt bebilderten Schachtel aus der Tiefkühltruhe des Discounters. Vor der Eingangstür des Seniorenheimes dreht sie sich noch einmal um. „Danke für das Fahren, Papa.“

Am Abend erzählt Laura ihren Eltern, wie sehr sich der alte Mann über die Pizza gefreut hat. Sie ist sichtlich gerührt, und ebenso erstaunt, wie einfach es doch ist, einem Menschen eine Freude zu bereiten. Das merkt man ihr an. „Das erste Stück Pizza“, denkt sie laut, „das muss man sich mal vorstellen.“ Laura spricht mit ihren Eltern über ihre Stunden im Heim, berichtet von Frau Zierau, von Herrn Riecken. Die Wohnanlage, das Betreute Wohnen, die auffallende Gleichschaltung der Räumlichkeiten. Gehhilfen. Einschränkungen … Es bleibt nicht verborgen, dass sie einige der Erfahrungen noch verarbeiten muss. Irgendwie – irgendwie zeigt sich dort eine Seite des Lebens, die sich nicht so recht in das Bekannte fügen will.

Mittwoch der nächsten Woche. Nach der Schule und gleich nach dem Mittagessen macht sich Laura auf den Weg zu Frau Zierau. Heute mit dem Rad, ihr Vater kann sie nicht fahren. Frau Zierau empfängt sie milde lächelnd an der Tür. „Komm bitte rein, schön dass du da bist!“ Nahezu lautlos schließt sie die Wohnungstür. Ein kleines Gespräch über den Tag. Ein paar Seiten in einem Buch. Heute keinen Einkauf. Am Abend, am Tische, reicht Laura ihren Eltern die Nachricht weiter, die Nachricht, die sie für Sekunden erschüttert hat, die sie immer noch stark bewegt. „Der alte Herr Riecken“, nicht ganz gelingt es ihr Tränen zu unterdrücken, „Herr Riecken … er ist am vergangenen Wochenende verstorben.“

Kurz aber eindringlich ertönt eine Autohupe. Die Ampel zeigt ihr Grün. Laura fährt an. Zeitgleich, mit einem flüchtigen Blick über den Innenspiegel nach hinten. Ein akustisches Signal hat ihre Gedanken zurück in die Kammern der Erinnerungen verwiesen. Es regnet nicht mehr. Die Scheibenwischer können abgeschaltet werden. Die Wolkendecke löst sich auf. Der Tag bekommt Farbe.

© Peter Oebel

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