Samstag , 8 August 2020
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Aus dem Tagebuch eines Hartz IV Empfängers (4)

„Dann mach dich doch einfach selbstständig“ , sagte Inge vor einiger Zeit zu mir, als sie mal wieder anfragte, ob ich denn auch daran denken würde, dass ich ihr gegenüber eigentlich unterhaltspflichtig war. Ich hätte gern geantwortet: „Sag mal, hast du´n Riss im Plätzchen? Du verlässt mich wegen dieses Heinis, der ja wohl ziemlich gut verdient, der in unsere Wohnung einzieht, während ich bei der alten Dame in der Kammer leben darf, der mit dir in Urlaub nach Kanada fliegt und was weiß ich nich´ noch alles und du wagst es noch bei mir angeschissen zu kommen und nach Geld zu fragen? Ich glaub es hackt oder wie?!“

Habe ich aber nicht geantwortet. Natürlich nicht. Ich hab sie ungläubig angeschaut und gefragt: „Selbstständig? Wie denn das? Ich hab ja nicht mal einen Kleinwagen, geschweige denn könnte ich mir einen Fuhrpark mit LKWs leisten.“

„Na mit so´m Bauchladen“, meinte Inge und sie meinte es wirklich ernst.“ Bratwürstchen. So´n Dingen eben, wo du mit auffe Straße stehen und Bratwürstchen verkaufen kannst. So wat gibbet ganz billig gebraucht zu kaufen und was du an Startkapital brauchst iss nun wirklich nicht viel. Das kannst mit so ´ne Forderung von Arbeitsamt kriegen. Die sind doch froh wenn sie dich los sind.“

„Was das Arbeitsamt eindeutig mit dir verbindet“, murmelte ich in mich hinein. Ich brauchte einige Momente um zu realisieren was mir meine Ex-Frau da gerade vorgeschlagen hatte und ein paar Weitere um zu begreifen, dass sie Förderung meinte. Als ich eine Woche später auf dem Weg zu meinem Arbeitsberater war, dachte ich ununterbrochen daran, wie vollkommen hirnrissig diese Idee war und das ich doch nicht mehr alle Glocken im Turm haben konnte. Ich bin doch kein…, na ja…, doch ich bin es…

„Ja klar geht das“, sagte mein Arbeitsberater. „Natürlich können wir das nicht einfach so fördern, aber einen Kredit können wir ihnen geben. So einen gebrauchten Bauchladenwürstchengrill kriegen sie ja heutzutage hinterher geschmissen. Das sollte nun kein Problem sein.“ Was ich mich daraufhin sagen hörte, konnte ich selber kaum glauben. Es war als würde ich mir selbst mit einem Hammer aufs Auge schlagen, immer und immer wieder. Aber ich sagte es. Ich sagte: „Ja…, ähhhm…, dann…, ja dann machen wir das doch…“

„Gut!“, antwortete der Arbeitsberater, wobei sein Lächeln eher einem gehässigen Grinsen glich. „Dann müssen sie sich jetzt erst mal eine Steuernummer vom Finanzamt holen, also ein kleines Gewerbe anmelden. Mit klein meine ich da, vergessen sie nicht auf dem Formular, das Häkchen bei der Frage, ob für sie die Kleinunternehmer-Regelung nach Paragraph 19 zutrifft, zu machen. Denn ich nehme nicht an, dass sie mit ihren Würstchen im ersten Jahr soooo viel verdienen werden. Und dann brauchen sie natürlich auch keine Umsatzsteuer berechnen, also was ich meine, dass sie dann keine Mehrwertsteuer…, hmmm, oder Moment…, vielleicht kommt das im Falle von Würstchen…, na ja, weiß ich jetzt nicht, machen sie sich da einfach mal schlau.“

„Äh…, ich…, schlau machen? Wo kann man denn…“

„Ja und wenn sie dann die Steuernummer haben, dann füllen sie für uns hier eine EKS aus und dann…“

„Moment“, unterbrach ich ihn, „was ist denn eine EKS?“ Er sah mich an, sichtlich nicht begeistert unterbrochen worden zu sein. „EKS, die Anlage EKS. Die müssen sie natürlich abgeben, damit wir feststellen können in wieweit sie in den nächsten sechs Monaten noch ihre Regelleistungen bekommen. Also um es, für sie verständlich auszudrücken, damit können wir dann ausrechnen, was wir Ihnen abziehen werden müssen, aufgrund ihrer geschätzten Angaben.“ Ich wollte ansetzen ihn zu fragen, was denn genau mit „geschätzten Angaben“ gemeint wäre, verkniff es mir aber, da er schon weiter in seinem Redeschwall war.

steuerformulare„Also in der EKS…, die Anlage zur Erklärung zum Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit, Gewerbebetrieb oder Land- und Forstwirtschaft im Bewilligungszeitraum, geben sie dann einfach ihr voraussichtliches Einkommen an. Also Betriebseinnahmen, private Entnahme von Waren, sonstige betriebliche Einnahmen, Zuwendung von Dritten, oder Darlehen und so weiter. Gegebenenfalls halt die Angaben zur Umsatzsteuer. Dann die Betriebsausgaben, Wareneinkauf, Personalkosten einschließlich Sozialversicherungsbeiträge, Miete, Kosten für ein Fahrzeug, mit Versicherung und so, abzüglich privat gefahrene Kilometer, Kosten für Werbung, Reisekosten und so weiter. Dann die Kosten für Investitionen, mit Beschreibung der Maßnahmen, ggf. auf einem gesonderten Blatt. Dann die Kosten für Büromaterial, Telefon, Beratungskosten, Fortbildung und sonstige Betriebsausgaben. Da machen sie dann so Unterpunkte von a) bis i). Geht mit Excel ganz fix so was. Zum Schluss dann noch die Schuldzinsen aus Anlagevermögen, Tilgung bestehender betrieblicher Darlehen, gezahlte Vorsteuer und an das Finanzamt gezahlte Umsatzsteuer. Das Ganze dann auf ein Jahr, also natürlich für jeden Monat einzeln, denn wir wollen ja hoffen, dass sie auch ein Bisschen was verdienen, nich wahr. Ja und schon haben wir das mit der EKS erledigt.“

„Ich…, ähm, also wissen sie…“, versuchte ich ihn zu unterbrechen, was mir aber nicht gelang, denn er hatte sich in einen wahren Rausch geredet.

„Ja und wenn wir das dann haben, dann können wir für sie einen Termin bei unserem angeschlossenen Existenzgründungsbüro machen. Dafür bereiten sie bitte einen Unternehmensplan vor. Der braucht in ihrem Fall nicht länger als 10 Seiten sein. Da schreiben sie dann eine Produktbeschreibung, nennen wir es jetzt mal einfach Bratwürstchengrillbauchladengeschäft, eine Standort,- Markt,- und Zielgruppenanalyse, ein Marketingkonzept, ihr Vorschlag zur Finanzierung und unter welcher Rechtsform ihr Geschäft laufen soll. Also eine GmbH wird es wohl nicht werden was, hehe… Ein paar Worte zu ihrer Person, also so etwas wie ein Lebenslauf, eine Preiskalkulation und einige Sätze zur zeitlichen Gestaltung, über den zu erwartenden Erfolg ihrer Unternehmung, sowie eine Aufzählung ihrer Referenzen, schließen das Ganze dann sauber ab.“

Ich stand auf und schlich mich langsam aus dem Zimmer, was der Arbeitsberater nicht wirklich registrierte. Er redete ohne Atempause weiter. „So und zu dem Unternehmensplan machen sie dann eine sogenannte Gewinn-und Verlustrechnung, oder besser noch eine Rentabilitätsplanung für zwei Jahre, mit Begründung der Umsatzerwartung und eine Aufstellung der privaten Lebenshaltungskosten. Die Formulare hierzu können sie auf den Seiten des Existenzgründungsbüros downloaden. Das wird jetzt aber nicht so einfach wie bei der EKS, denn sie müssen das für ein Jahr ohne Krankenversicherung und Altersvorsorge ausrechnen, weil sie das ja noch von uns bekommen, also gesetzt den Fall sie verdienen nicht so viel, dass sie uns noch was zurück zahlen müssen, hehe…, hahahaha, der war gut oder? Ist aber durchaus möglich, also achten sie darauf das sie bei ihren Einnahme Schätzungen nicht übertreiben und denken sie vor allem daran, was sie alles als Abschreibung an das Finanzamt…“

Ich warf noch einen kurzen Blick auf die Stellenanzeigen, am schwarzen Brett und machte mich auf den Weg nach Hause, also in die Wohnung der alten Dame, in der ich die Kammer gemietet hatte. Auf dem Weg dachte ich so bei mir: „Schließlich warst du es, die mich verlassen hat, Inge”

Ein Beitrag von Oliver Wellmann:

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