Sonntag , 26 Mai 2019
Startseite » Gesellschaft » Soziales » Zur Gewalttätigkeit erzogen

Zur Gewalttätigkeit erzogen

abraham_isaacNeueste Studien versuchen wieder einmal zu beweisen, dass Videospiele oder Filme, die Gewalt simulieren oder zeigen, negative Auswirkungen auf das Gehirn ausüben. „Stimmt doch gar nicht“, sagen die einen und: „Na, was für eine Offenbarung“, zynisch die anderen. Gewaltszenen zu verbieten, scheint völlig ausgeschlossen, widerstrebt dies doch dem Prinzip des freien Marktes. Dass Eltern Einfluss ausüben könnten, mag sich auf Einzelfälle beschränken. Zusammenhänge zwischen möglichen gewaltfördernden Eindrücken und angewandter Brutalität statistisch zu belegen, scheitert entweder an mangelnden Vergleichsdaten oder an der Bereitwilligkeit. Und wie beurteilt der gesunde Menschenverstand die Situation?

Die Gehirnaktivitäten, der Herzrhythmus und die Transpiration einer Gruppe von Jugendlichen wurden gemessen. Eindeutige Reaktionen beim Verfolgen von Gewaltszenen wurden festgestellt. Der daraus resultierende Schluss besagt, dass Jugendliche, die durch Filme und Videospiele regelmäßig mit gewalttätigen Szenen konfrontiert werden, ihre natürliche Sensibilität gegenüber Brutalität verlieren, dass sie abstumpfen.

Lehrer, die seit Jahrzehnten über Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen verfügen, bestätigen fast ausnahmslos, dass sich der Stil von Raufereien am Schulhof deutlich verändert hat. Einst, vor dreißig Jahren, wurde vorwiegend gerungen, selten geboxt, und noch seltener kam es zu Verletzungen, von harmlosen Schrammen vielleicht abgesehen. Ich will jetzt keinesfalls Übertreibungen zum Opfer fallen, doch befragte ich eine Lehrerin aus München, die kürzlich in Pension ging, und erfuhr, dass etwa Fußtritte ins Gesicht des Gegners keine Seltenheit mehr sind und es ihr, als Verantwortliche, während der vergangenen Jahre keinesfalls mehr möglich war, Rauferein einfach zu schlichten, ohne selbst dabei gefährdet zu werden.

Auch in älteren Filmen, aus den 1960er- und 1970er-Jahren wurde gekämpft, geprügelt und geschossen. Der Schwächere lag am Boden, der Erschossene fiel vom Pferd, blieb tot liegen, doch – und niemand fand dies damals störend – stets ohne erkennbare Verletzungen. Heutzutage gehören zu Gewaltszenen abgerissene Gliedmaßen, offene Wunden, Fontänen von Blut – und alles in Großaufnahme. Als „realitätsnah“ werden solchermaßen abschreckende Bilder bezeichnet und gleichzeitig wird erwartet, dass sich der Betrachter des Unterschiedes zur wirklichen Realität bewusst ist.

Von allen technischen Weiterentwicklungen abgesehen, gibt es auch einen anderen markanten Unterschied zwischen den Filmen von damals und heute. Sowohl der Held als auch der Arzt und der Wissenschaftler griffen regelmäßig zur Zigarette. Heutzutage wird dieses Privileg bestenfalls dem Bösewicht auf der Leinwand zuteil. Warum? Insbesondere, um Jugendlichen nicht den Eindruck zu vermitteln, dass Rauchen „cool“ sei. Dass Rauchen zum Lebensstil gehört. Um den Drang zum Nachahmen zu unterbinden. Niemand wird den diesbezüglichen Einfluss bestreiten. Doch Gewalt am Bildschirm, gar nicht zu reden von der aktiven Beteiligung bei Videospielen, sei harmlos?

Unzählige von Fans roher Gewalt, ungeachtet ob im Film oder beim Spiel, verkünden gerne, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe. Trotz regelmäßiger Konfrontation mit virtuellen Blutbädern, seien sie noch niemals auf die Idee gekommen, einem Mitmenschen wirklich etwas zuleide zu tun. Sie mögen ja durchaus recht haben. Es gibt aber auch unzählige Menschen, die schon mehrmals mit zwei Promille im Blut mit dem Auto gefahren sind, ohne einen Unfall verursacht zu haben. Und trotzdem bleibt es – aus gutem Grund – verboten. Es gibt auch Menschen, die in grauen Vorzeiten, als Zigarettenwerbung noch an der Tagesordnung war, trotzdem nicht zu rauchen begonnen haben. Es gibt auch Menschen, die Schusswaffen besitzen, ohne diese jemals zu verwenden. Und trotzdem zweifelt niemand den Sinn von diesbezüglichen Verboten oder Einschränkungen an.

Gehört Gewalt zu unserem modernen Weltbild? Ist sie ein Bestandteil unserer Kultur? Lebten wir in einer Gesellschaft, in der wirklich alles dem Einzelnen überlassen bleibt, in der Selbstverantwortung vorherrscht und der Gesetzgeber sich nur in extremen Ausnahmefällen in das Leben der Bürger einmischt, dann könnte man jene Argumente gelten lassen, die besagen, dass die Interessen des Konsumenten ebenso im Vordergrund stünden wie die Grundrechte des freien Marktes. Wenn ich als „freier“ Bürger jedoch um Erlaubnis fragen muss, ob ich die Treppe im eigenen Haus verändern darf, was letztendlich meiner eigenen Sicherheit dienen soll, wenn ich als „freier“ Unternehmer, der eine Gastwirtschaft betreibt, rauchende Gäste meines Lokales zu verweisen habe, wenn ich, trotz größter Vorsicht und ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein, nach drei Glas Bier nicht mit dem Auto nach Hause fahren darf, dann erwarte ich vom Gesetzgeber auch, dass er mich vor der möglichen Gefahr schützt, die durch die Erziehung zur Gewalt entstehen könnte. Wenn die Eindrücke, die sich, dank technischer Möglichkeiten, wahrheitsgetreu simulieren lassen, wirklich harmlos wären, dann ließe sich schließlich auch Kinderpornographie bedenkenlos darstellen. Der Vergleich sei unpassend? Geistig gesunde Menschen würden so etwas nicht sehen wollen? Und wie bezeichnen wir den Geisteszustand eines Menschen, der sich daran ergötzt, wenn jemandem die Gurgel durchgeschnitten wird und das Blut aus der Halsschlagader spritzt?

Vielleicht sollten zu diesem Thema Menschen befragt werden, die mit möglichen Auswirkungen in direkter Konfrontation stehen, Lehrer, Polizisten und die Opfern von Gewalttaten. Für militärische Spezialeinheiten soll es Teil der Ausbildung sein, durch virtuelle Gewalt an die Realität des Krieges gewöhnt zu werden.

Check Also

Ungleichheit in Deutschland: Armut steigt und verfestigt sich

Inhaltsverzeichnis1 Die Schere öffnet sich stetig weiter2 Nimm von den Armen, gebe den Reichen3 Der …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.