Sonntag , 26 Mai 2019
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Es ist besser blind zu sein, als nichts zu sehen

Wenn die Kartoffel auf der 9 liegt und das Schnitzel auf 12 Uhr hat dies nichts mit „High Noon“ und „Westerntime“ zu tun: Wird die Mahlzeit nach der Uhr angerichtet, kann der Blinde sich im Restaurant oder zu Hause nach den entsprechenden Angaben auf seinem Teller orientieren. Ist Hilfe erwünscht, vervollständigen Ansagen wie: „Das Glas steht rechts auf der 1“ oder „Salz auf 10, Pfeffer auf 11“ das Bild. Wird das Fleisch in mundgerechte Stücke geschnitten, reicht zumeist der Löffel als Besteck.

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Schätzungsweise 155.000 blinde sowie 500.000 sehbehinderte Menschen leben in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn dies wird statistisch leider nicht erhoben, so der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband. Die wenigsten der Betroffenen sind schon von Geburt an blind. Neben Unfällen führt häufig auch eine durch stetig erhöhten Augeninnendruck verursachte Zerstörung des Sehnervs zum Verlust der Sehkraft, „Grüner Star“ genannt. Unbehandelte Diabetes, Bluthochdruck und schlechte Cholesterinwerte können ebenfalls Auslöser eines Sehnervinfarktes sein. Das Augenlicht ist dann nicht mehr zu retten.

Nach dem Gesetz gilt als blind, wessen Sehvermögen auf dem besseren Auge nicht mehr als 2% (1/50) beträgt oder dessen Gesichtsfeld sehr stark (auf 5 Grad oder weniger) eingeschränkt ist. Doch mit Einfallsreichtum und dank mancher Hilfsmittel kann man auch nach dem Verlust des Sehsinnes die Welt noch begreifen.

Ein Hauptgewinn für den solchermaßen Gehandicapten war und ist unbestritten die im Jahre 1825 von Louis Braille entwickelte Blindenschrift: Die Grundform bilden sechs erhabene Punkte, die in unterschiedlicher Anordnung, alles Geschriebene „lesbar“ machen. Ein Buch in Blindenschrift erreicht da natürlich ganz andere Dimensionen als das Schwarzschriftpendant: Ein Roman mit 300 Seiten, gedruckt, füllt in Punktschrift ca. vier bis sechs Bände, je sieben Zentimeter dick.

Das Reliefprinzip hilft dem Blinden in vielen alltäglichen Situationen weiter: Ein entsprechendes Computerausgabegerät übersetzt die Zeichen in die Brailleschrift; Städte und Gemeinden integrieren Leitsysteme, die mit Hilfe von Noppen- und Riffelblechplatten auf Treppen, Aufzüge, Abzweigungen oder Richtungsänderungen hinweisen. Auch einige Supermärkte rüsten bereits mit derartigen Orientierungshilfen für Sehschwache nach.

Zur Orientierung gehört selbstverständlich auch der weiße Stock: Erfunden wurde er 1930 von der französischen Aristokratin Guilly d’Herbement. Einer Legende nach wandte sie sich mit folgenden Worten an ihre Mutter: “Ich habe heute sieben Blinden geholfen, den Boulevard Courmelles zu überqueren, und es hat nicht viel gefehlt und wir wären überfahren worden. Eigentlich sollten Blinde ein Erkennungszeichen haben, zum Beispiel einen Stock aus hellfarbigem Holz oder noch besser, einen weißen Stock.Als am 15. Oktober 1964 der US-Präsident Lyndon B. Johnson in einem symbolischen Akt Langstöcke an Menschen mit Blindheit und starker Sehbehinderung übergab, um auf deren Situation aufmerksam zu machen, gab er damit den Startschuss für ein systematisches Orientierungs- und Mobilitätstraining.

Seither nutzen Blindenverbände weltweit den 15. Oktober als Tag des weißen Stockes, um Nichtbetroffene auf die Probleme im Blindenalltag – sowohl im Privatleben als auch im Beruf – aufmerksam zu machen. Neue Entwicklungen und Hilfsmittel werden vorgestellt, wie z.B. den Color-Tester, mit dessen Hilfe bis zu 30 Farben erkannt und über Sprachausgabe angezeigt werden können. Vor allem aber wird das Gespräch gesucht, um Berührungsängste abzubauen: „ Sehende haben Angst, dass uns etwas passieren könnte“, erzählt ein Betroffener. „Dabei sind wir nicht aus Zucker. Außerdem sind bei uns die verbliebenen Sinne wie Tast- und Geruchssinn geschärft, wir hören Gefühle wie Angst oder Ärger aus der Stimme heraus.“ Oftmals passiere es, dass eine gutmeinende Seele bei der Beschreibung einer Szene die Stimme erhebe – ein reiner Reflex. „Wir brauchen aber keine Untertitel, wir hören lieber die Radioreportage“.

In der Berufswelt lässt sich das fehlende Augenlicht ebenfalls erfolgreich kompensieren: Sei es als Filmbeschreiber, Physiotherapeut, Radiomoderator oder Sachbearbeiter, auch hier können Sehende noch so Manches lernen. Wie sagt schon ein portugiesisches Sprichwort: „Es ist besser blind zu sein, als nichts zu sehen.“

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