Freitag , 7 August 2020
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Aus dem Tagebuch eines Hartz IV Empfängers (3): Freizeitgestaltung

gitarrenspieler(Vorsicht: Satire) „Gehen se doch mal n Büsken an die Luft“, sagte meine Vermieterin zu mir. „Unternehmen se ma´ was. Se sitzen hier immer nur vor de Glotze, da wer´n se doch malle in Kopp!“ Sie hatte ja recht. Etwas unternehmen, mal wieder unter Menschen gehen, Spaß haben. Diesen guten Vorsatz im Kopf stand ich nun vor der Haustür. Selbstbewusst machte ich einen Schritt nach links, blieb aber gleich wieder stehen und überlegte ob ich nicht besser in die andere Richtung die Straße runter gehen sollte. Zwei etwa 10-12 jährige Jungs liefen an mir vorbei. „Los komm“, forderte der eine den anderen auf, „wir singen unser Lieblingslied“. Freudig stimmte der zweite mit ein. „Alle Kinder lernen lesen, alle Kinder lernen lesen…“ Ich weiß nicht ob das Lied noch mehr Text hatte, denn schnell waren sie wieder außer Hörweite.

Der Umstand, der dieses Lied zu ihrem Liebling gemacht hat wurde mir auch nicht ganz klar, aber ich war auch schnell wieder in Gedanken bei meiner heutigen Unternehmung. Ich beschloss mein, neu erworbenes, ermäßigtes Berlin Ticket zu benutzen und mit der U-Bahn in die City zu fahren. Ich war lange nicht mehr U-Bahn gefahren und konnte deshalb wohl die Teilnahmslosigkeit der anderen Fahrgäste nicht ganz teilen, als ein Mann in den Zug stieg, dem es unverkennbar noch schlechter ging als mir.

„Guten Tach, mein Name ist Heinz und ich bin obdachlos. Ich kann da gar nix für, ich war früher mal Geschäftsmann, aber dann hat mich meine Frau mit meiner Tante Hildegard betrogen und ich bin irgendwie, so ganz zufällig, in den Alkoholismus gerutscht und hab erst mal ein paar Jahre auf der Straße gelebt. Um mal wieder was Sinnvolles zu tun verkaufe ich die Obdachlosen Zeitung Motz. In der Motz können Sie lesen wo die nächste Wärmestube in ihrer Nähe ist, oder was wir Obdachlosen so machen, wenn wir den ganzen Tag auf der Parkbank sitzen und die Tauben anglotzen. Ich würde mich wirklich sehr freuen wenn sie mir ein Exemplar der Motz abkaufen würden, aber auch wenn nicht, haben Sie einen schönen Tag, kommen Sie gut nach Hause, in ihre toll eingerichtete drei Zimmer Wohnung, wo sie dann in ihre Badewanne steigen, damit sie nicht so riechen wie ich.“

Reflexartig griff ich in meine Hosentasche, doch die Frau neben mir legte mir die Hand auf den Arm, sah mich eindringlich an und schüttelte wortlos den Kopf. Ich konnte ihren Blick kaum erwidern, als hinter uns ein Mann mit einer Gitarre, der aussah wie eine Mischung aus Johannes B. Kerner und Freddy Krüger, nur eben mit langen Haaren, begann lauthals „Blowin in the Wind“ zu kreischen. Singen wäre auf jeden Fall der falsche Ausdruck gewesen. Dies gefiel nun einem Bauarbeiter, auf der anderen Seite des Abteils wohl so gar nicht, da er seinen Unmut nicht verbal äußerte, sondern seine, noch halb volle, Bierbüchse quer durch den Waggon, auf Freddy B. Kerner warf. Die Büchse drehte sich in der Luft, die gesamte linke Mittelsitzreihe wurde mit Bier vollgespritzt, prallte allerdings von der Gitarre ab und mir genau zwischen die Augen. Ich verlor für einen Moment das Bewusstsein, kippte links zur Seite, auf den Schoß einer Rentnerin, die wohl ihr Hörgerät ausgeschaltet und von dem ganzen Theater nichts mit bekommen hatte.

Die Sterne vor meinen Augen waren noch nicht ganz wieder verschwunden, als mich ihr Gehstock ein weiteres Mal auf die Stirn traf und ich benommen auf den Boden fiel. Als ich meinen Kopf gerade wieder etwas heben konnte bohrte sich in meine linke Hand der Absatz eines Damenstöckelschuhs und vor meinem Gesicht tauchte ein Schäferhund auf, dessen Maulkorb nur locker vor ihm her baumelte und der mir mit seinem Blick unmissverständlich sagte: „Eine falsche Bewegung Keule, und du siehst aus wie Niki Lauda vor dem Frühstück!“ Vom Gitarrenspieler war ein eindringliches: „The answer my friend is blowin in the wind…“, zu hören, als ein untersetzter Herr das ganze lautstark unterbrach: „Guten Tach die Fahrausweise bitte!“

Sowohl der Zeitungsverkäufer, Freddy B., der Mann mit dem Schäferhund, als auch, was mich am meisten verwirrte, die Rentnerin, traten gleichzeitig die Flucht in den hinteren Teil des Wagens an. Das Ganze ungeachtet dessen, dass der Zug ja noch fuhr und ich in ihrem Fluchtweg auf dem Boden lag. Ich verlor endgültig die Besinnung. Ich weiß nicht mehr wie sich die ganze Situation dann auflöste, aber als ich wieder zu mir kam und mich hinsetzte, stand der Fahrkartenkontrolleur vor mir: „Den Fahrausweis bitte.“ Aus dem Augenwinkel sah ich draußen auf dem Bahnsteig die Frau, die neben mir gesessen hatte, wie sie lächelnd mit meiner Brieftasche winkte und in Richtung Rolltreppe verschwand. Ich zeigte mit dem Finger nach draußen und sah den Kontrolleur an. Zu einer zusammenhängenden Artikulation war ich irgendwie noch nicht wieder fähig und so stammelte ich nur: „ Frau…, ich…, ähhh, Fahrkarte…“

„Schon klar, dann steigen sie mal mit aus. War wohl ´n Schnaps zu viel für ´n frühen Morjen wat?!“ Als ich zu Fuß dem Heimweg antrat, dachte ich bei mir, dass meine Vermieterin sich mal besser um ihren eigenen Kram kümmern sollte.

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