Mittwoch , 19 Februar 2020
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Wer sagt, es gibt nur einen Gott

hubbleDie niedersächsische Ministerin, Aygül Özkan, regte durch ihr Gelöbnis, das mit den Worten: „So wahr mir Gott helfe“, endete, gewisse Diskussionen an. Wie kann sie auf „unseren“ Gott schwören, wenn sich doch Muslime ist? Macht es denn einen Unterschied, wie man Gott nennt, wenn es ohnehin nur einen gibt (falls es überhaupt so etwas gibt, was man Gott nennen kann)? Berufen sich nicht drei verschiedene Religionsgruppen, Christen, Muslime und Juden, auf ein und den selben Gott, den Schöpfer des Universums – oft auch als „Gott Abrahams“ bezeichnet? Warum gibt es dann aber trotzdem Spannungen zwischen den drei Gruppen, wenn sie ohnehin dem selben und einzigen Gott folgen?

Nur ganz kurz möchte ich die Frage anschneiden, ob es Gott wirklich gibt. Die Antwort darauf kann nämlich keineswegs schlicht „ja“ oder „nein“ lauten. Zuerst sollte nämlich analysiert werden, was dieser Begriff, Gott, überhaupt bedeutet. Schöpfer. Schöpfungskraft. Zweifellos ist ein Universum entstanden. Zweifellos bedarf dies einer Kraft und müsste eigentlich dem Prinzip von Ursache und Wirkung unterliegen. Ist das Universum die Wirkung, wäre die Schöpfungskraft die Ursache.

Beginnen Erdenbürger mit ihren zweifellos limitierten Fähigkeiten nun, Schlüsse, die Gründe und Ziele des Schöpfungsprozesses betreffend, zu ziehen, sich mit der Frage auseinander zu setzen: „Warum ist Sein und nicht Nichtsein?“, öffnen sich die ersten Fehlerquellen. Nur ein winzig kleiner Teil des möglichen Spektrums der Existenz öffnet sich unseren Sinnen. Unbekanntes, Unverstandenes, wird durch logische Schlussfolgerungen ebenso geschlossen wie durch Spekulationen. Um es kurz zu machen: Was dabei entsteht, ist ein angenommenes Gottesbild, das in dieser Form entweder akzeptiert oder abgelehnt wird. Die Aussage, nicht an Gott zu glauben, besagt eigentlich: „Ich stimmte nicht mit diesem bestimmten Schöpfungskonzept überein!“

Dabei wäre es eigentlich nicht nötig, bei Nichtübereinstimmung mit einem bestimmten Glaubenskonzept auf die Ideologie des reinen Materialismus auszuweichen. Neben der christlichen Lehre gibt es schließlich den Buddhismus, bei dem kein personalisiertes Gottesbild in Zentrum steht, den Hinduismus, bei dem, sich ergänzende, Kraftquellen mit Götternamen versehen werden, das durchaus bekannte Schöpfungskonzept der Ägypter, mit der absoluten Kraft „Amon“, auch „Amen“ genannt, am Beginn des Schöpfungsprozesses.

Natürlich bedarf es einigen Aufwandes, sich mit diesen Lehren näher auseinander zu setzen. Und letztendlich sind es doch bloß „heidnische“ Religionen, die dem „Ruf Gottes“ des „Schöpfers selbst“, nicht gefolgt sind, die weiter an ihren Götzen hängen bleiben. Wenn schon Religion, dann Monotheismus. Hat sich nicht Gott Moses anvertraut und ihm verraten, dass es nur einen Gott gibt? Dabei handelt es sich doch um das erste der sogenannten „Zehn Gebote“.

Selbst gläubigen Christen ist der Wortlaut dieses „Ersten Gebotes“ nur selten bekannt. Es steht im Alten Testament, sogar zweimal. Zuerst bei Exodus 20, 2 – 6, und dann noch einmal bei Deuteronomium 5, 6 –10 (auch als 2. und 5. Buch Moses’ betitelt). Und was steht dort geschrieben?

Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.

Lassen wir den Anfang beiseite, in dem sich Gott einen Eigennamen gibt, was eigentlich der Unterscheidung zu anderen dienen sollte. Nachdem die Erde von nur einem Trabanten umkreist wird, nennen wir diesen schließlich auch nur „Mond“, im Unterschied zu den Jupitermonden, die mit individuellen Namen versehen wurden. Doch sogleich lesen wir weiter: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben!“

Gäbe es keine anderen Götter, wäre diese Aufforderung eigentlich nicht von Nöten. Gut, jetzt ließe sich natürlich argumentieren, dass, insbesondere des ägyptischen Hintergrundes wegen, die Angesprochenen gewohnt waren, sich Phantasiegöttern zu verschreiben, von denen noch dazu Abbildungen gemacht wurden. Doch, um es zu verdeutlichen, wird die Aufforderung wiederholt: „Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen!“

Verfechter dogmatischer Lehren halten sich gerne an Auslegungen, nicht jedoch, ohne das „geschriebene Wort“ als Rechtfertigung anzuführen. Die Auslegung wäre in diesem Fall, dass Gott vor Phantasiegebilden und Hirngespinsten warnt. Lesen wir den Wortlaut jedoch, ohne die Existenz eines einzigen Gottwesens als Axiom vorauszusetzen, so klingen die Formulierungen sehr deutlich nach einer Abgrenzung zwischen diesem Gott, der Botschaften von sich gibt, und den anderen, von denen sich der Empfänger der Botschaften distanzieren soll.

Im nächsten Satz wird es aber noch deutlicher. Der Überlieferung entsprechend, war es Gott, der Schöpfer des Universums,  der Einzige, der Allmächtige, die Manifestation der Perfektion schlechthin, der diese Worte durch Moses der Menschheit übermittelte. Und dieses unfehlbare Wesen fügte eine Erklärung für seine Forderungen hinzu: „Ich bin ein eifersüchtiger Gott!“

Ungeachtet, ob man Eifersucht als natürliche und gesunde Reaktion oder als menschliche Schwäche einstuft, aus welchem Grunde sollte ein Wesen, das seinesgleichen nicht kennt, sich der Emotion der Eifersucht hingeben?

 

Mit Sicherheit würde es den Rahmen dieses Artikels sprengen, die Wurzeln dieser Lehre, die zum Zentrum dreier großer Religionsgruppen wurde, näher zu analysieren. Der, 1987 verstorbene, amerikanische Professor für Mystik und vergleichende Religionsforschung, Joseph Campbell, Autor des vierbändigen Werkes „The Masks of God“, gab in einem TV-Gespräch eine treffende Erklärung dazu ab. Er verwies auf die Eigenschaften, mit denen der Stammesgott Jahwe, der sich um die Geschicke seines Volkes annahm, ausgestattet wurde, und auch darauf, dass sich dieses bestimmte Gottwesen plötzlich enorm verbreiteter Anbetung erfreuen durfte. Dazu sagte Professor Campbell wörtlich: „Und plötzlich glaubte dieser Jahwe wirklich, Gott zu sein!“

Im Neuen Testament, das sich mit den Lehren des Jesus von Nazareth auseinander setzt, finden sich viele Erklärungen zu den verschiedenen Widersprüchen – und ebenso im Koran. Die Annahme, dass die drei genannten Religionen einem einheitlichen Gottesbild folgen, bewegt sich im Bereich der Oberfläche, auch wenn die meisten Anhänger dieser drei Lehren glauben, dass es sich bei diesem Gottwesen, das einen seiner Getreuen, in den Schriften Abraham genannt, zum Kindesmord anzustiften versuchte, um den Schöpfer aller Welten handelt. Hoffen wir, dass nicht auch in modernen Zeiten Einzelne noch glauben könnten, dass solche oder ähnliche Aktionen einen Beweis für Gottesgehorsam darstellen.

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