Mittwoch , 19 Februar 2020
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Es gibt keine klassenlose Gesellschaft

ermordung_caesarsEs war der Traum jeder politischen Form marxistischen Einflusses, vom Kommunismus bis zur Sozialdemokratie: Die klassenlose Gesellschaft, Chancengleichheit, gleichmäßig verteilter Wohlstand und Respekt für jede Berufsgruppe. Von den Anfängen der Republik bis heute hat sich der Mythos von der „breiten Mittelschicht“ erhalten, der, so die Auslegung, den größten Teil der Bevölkerung umfasst. Und so wird von den meisten von uns erwartet, selbstzufrieden unsere Pflicht zu tun, Steuern zu bezahlen, die politische und wirtschaftliche Entwicklung für gut zu heißen, denn es ginge uns allen ja ohnehin besser als je zuvor.

Sehr bezeichnend ist, dass sich Ulrike Hermanns kürzlich erschienenes Buch mit dem Titel „Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht!“ auf den Bestseller-Listen findet. Das Werk beleuchtet unter anderem, wie klein der Spielraum für den Bürger ist, wie leicht er in die sogenannte Unterschicht abrutscht und wie unerreichbar wirklicher Wohlstand für praktisch alle bleibt.

Unsere moderne Gesellschaft ist nicht vor einem Jahrhundert plötzlich neu erfunden worden. Sie ist die Fortsetzung der Geschichte. Und wie in so vielen Fällen, zeigen sich auch im Bereich der sozialen Schichten die gleichen Gesichter, bloß hinter anderen Masken versteckt.

brahmaneIm Westen ist, wie sollte es anders zu erwarten sein, ausnehmend wenig über indische Kasten bekannt. Bestenfalls, dass es eine Unzahl davon geben soll und, dass sie grundsätzlich auch in Indien ohnehin schon lange verboten seien. Von modernen Zentren wie Bombay oder Neu-Delhi abgesehen, hat sich am diesbezüglichen Denken aber wenig geändert. Auf alle Fälle, gibt es keine bessere und anschaulichere Basis, die Struktur jeder Gesellschaft, und zwar zu jeder Epoche in jedem Kulturkreis, besser zu beleuchten als anhand des indischen Konzepts, dessen Ursprung in der Vedischen Literatur verankert ist. In der Bhagavad Gita steht geschrieben, dass ein Mensch nicht notwendigerweise jener Kaste angehört, in die er geboren wurde, sondern dass die Zugehörigkeit von seinen charakterlichen Eigenschaften und Fähigkeiten abhängt (was in Indien jedoch wenig Beachtung findet).

Obwohl sich jede Kaste in Unterkasten teilt, was grundsätzlich erst während der Jahrhunderte der arabischen Besetzung an Bedeutung gewonnen hat, finden sich als Basis folgende vier Gruppen:

  • Brahmas – Priester und Gelehrte
  • Kshatriyas – Könige, Fürsten und Krieger
  • Vaishyas – Großgrundbesitzer, Kaufleute
  • Shudras – die Masse der minder Besitzenden oder Besitzlosen

Ohne Probleme lassen sich diese vier Klassen auch in unserer traditionellen europäischen Gesellschaft erkennen. Der Klerus, der Hochadel, Handelshäuser und Großbauern. Mitglieder des sogenannten niedrigen Adels würden in diesem Konzept meist ebenfalls zur dritten Gruppe, den Vaishyas zählen. Der letzten Gruppe, den Shudras, gehörten Kleinbauern ebenso an wie deren Knechte, Gastwirte und ihre Hilfskräfte, Handwerksmeister und Gesellen. Schlicht, die Masse des Volkes, deren Arbeit vorwiegend dem Erhalt der eigenen Person oder Familie diente. Die sozialen Abstufungen innerhalb der einzelnen Gruppen ließen sich natürlich auch, in gewissem Sinne, mit den indischen Sub-Kasten in Vergleich setzen, was aber mit dem hier behandelten Thema in keinem Zusammenhang steht.

 

Der überzeugte Demokrat wird jetzt befriedigt feststellen, dass beide führenden Schichten, sowohl der Klerus als auch der Hochadel, entmachtet wurden. Heutzutage ist es das Volk selbst, das entscheidet beziehungsweise dessen, zu Politikern gewählte, Vertreter. Weder der Papst noch der Landpfarrer üben nennenswerte Einflüsse aus. Bestenfalls die Kaste der Vaishyas, der Kaufleute, ließe sich heute noch, in Form von Konzernbossen oder Investoren, erkennen. Die Zeiten ändern sich. Die Welt verbessert sich.

Auch wenn es weder Hochadel noch Kirche sind, die heute das Sagen haben, so sind die gesellschaftlichen Klassen, die letztendlich eine wichtige Funktion erfüllen, keinesfalls verschwunden. Sie haben sich lediglich einer Veränderung unterzogen.

einsteinNehmen wir die Priester des Altertums, den Klerus des Mittelalters, so handelte es sich bei dieser Gruppe um die Verwalter des Wissens. Bis zum Übergang von Scholastik zu Renaissance war die Kirche der allgemein anerkannte Ratgeber der Gesellschaft. Der weltliche Hochadel führte gleichzeitig die politischen Geschäfte.

Auch die moderne Gesellschaft braucht ihre Ratgeber ebenso wie ihre politische Führung. Kommen wir noch einmal kurz auf die ursprüngliche indische Literatur, die sich mit dem Kastenwesen befasst, zurück, so heißt es dort, dass die Fähigkeiten und charakterlichen Eigenschaften darüber entscheiden, welcher Kaste ein Mensch angehört.

Dementsprechend, kann jeder Bürger, der sich dafür eignet, zum Politiker werden. Zum Kshatriya der Neuzeit. Und der Brahmane unserer modernen Welt, dessen Erkenntnisse, dessen Ratschläge oder Empfehlungen, grundsätzlich von niemandem angezweifelt werden, weil dieser Mensch, im Gegensatz zum Politiker, zum Kaufmann oder zum gemeinen Bürger, in die Geheimnisse des Wissens eingeweiht wurde, an Universitäten und Instituten ausgebildet, das ist der Wissenschaftler.

 

Unter den beiden führenden Kasten oder Klassen kam es im Laufe der Geschichte immer wieder zu Spannungen um die Vorherrschaft. In einigen Fällen zeigt sich, dass zu materialistisches Verhalten der geistigen Führungsschicht zum Entstehen neuer Glaubenskonzepte geführt hat. Die markantesten Beispiele dafür wären die Entstehung von Buddhismus und Jainismus vor rund 2.500 Jahren in Indien oder auch die Abspaltung mehrerer christlicher Organisationen vom Vatikan. In einzelnen Kulturen, zu denen das Ägypten des Altertums ebenso zählt wie das traditionelle Tibet, wurde versucht, derartigen Spannungen dadurch entgegen zu wirken, dass die oberste Führungsposition sowohl des geistigen als auch des weltlichen Adels durch die selbe Person bekleidet wurde.

 

In der neuzeitlichen Situation droht wenig Gefahr, dass Machtkämpfe zwischen Politikern und Wissenschaftlern einsetzen könnten. Auch in diesem Punkt wird der überzeugte Demokrat eine Errungenschaft erkennen. Die Position der politischen Führung ist nicht nur verfassungsmäßig gesichert, auch gibt es keine Gruppe, deren Macht auch nur annähernd groß genug wäre, um zum Gegenspieler des politischen Verwaltungsapparates zu werden. Zeigt sich ein einzelner Politiker als für seine Position nicht mit den passenden Fähigkeiten ausgestattet, so wird er schlicht durch einen anderen ersetzt. Nachdem die Wurzeln von Politikern in der Masse des Volkes verankert sind, leben wir somit grundsätzlich im System der perfekten Volksherrschaft.

 

Was habe ich soeben geschrieben? …auch gibt es keine Gruppe, deren Macht auch nur annähernd groß genug wäre, um zum Gegenspieler des politischen Verwaltungsapparates zu werden!?

 

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die vier ursprünglich erwähnten Kasten. Das Brahmanentum der Neuzeit ist die Wissenschaft, deren Mitglieder ebenso der Masse des Volkes entstammen können wie die Politiker. Und was wäre mit der Gruppe, die in Indien Vaishyas genannt wird? Jene Gruppe, deren Aufgabe es ist, ihre Mitmenschen mit den benötigten Gütern und Waren zu versorgen? Natürlich sprechen wir hier nicht vom Krämer oder vom Gastwirt, sondern von denjenigen, die den weltweiten Handel mit Waren und Rohstoffen organisieren, Rohstoffquellen erschließen. Die das Währungssystem und damit das Bankwesen kontrollieren. Was für einen Einfluss übt diese Kaste auf unsere Gesellschaft aus?

Nach wessen Wünschen richtet sich der Politiker, wenn z. B. das Schaffen oder Vernichten von Arbeitsplätzen auf dem Spiel steht, um nur ein Beispiel zu nennen? Wer stellt der Wissenschaft die Mittel für Forschungsprojekte zur Verfügung? Was passiert mit einem einzelnen Politiker oder Wissenschaftler, der sich nicht entsprechend der Vorstellungen der Geldgeber verhält?

 

wall_streetVieles wiederholt sich im Laufe der Geschichte. Doch ein Umstand ist während der vergangenen hundert oder zweihundert Jahre zum ersten Mal eingetreten. Meistens lag die oberste Kontrolle über das Wohlergehen der Gesellschaft in Händen des Hochadels, wobei dieser gelegentlich von Tempelpriestern oder vom Klerus dominiert wurde. Die Kaste der, nicht zum Hochadel gehörenden, Grundbesitzer und Kaufleute stand dabei immer am Rande. Und zum ersten Mal, seit es Geschichtsschreibung gibt, wurde jene soziale Schicht, die mit der Versorgen des Volkes mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen betraut ist, zum dominierenden Machtfaktor.

Die Besonderheit dieser Situation liegt nicht darin, dass einzelne Familien unermesslich reich geworden sind und sich jeden beliebigen Luxus auf Erden leisten können. Die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, jene Mechanismen, von denen unser aller Wohlergehen abhängt, befinden sich in Händen von Menschen, deren einziges Ziel im Leben Profit und – in jüngster Zeit – der weitere Ausbau der Macht ist, einer Macht, die dieser Gruppe in der Vergangenheit niemals zuteil war. Und wenn wir gelegentlich daran erinnert werden, dass es uns allen, heutzutage, besser erginge als unseren Vorfahren, die unter dem Joch der Kaiser- und Königshäuser litten, dann können wir uns gleichzeitig die Frage stellen, wer uns mit diesen Informationen versorgt. Natürlich, Historiker, die ihre Bücher verlegt und verkauft wissen wollen, die ihre Stellung an der Universität erhalten wollen oder müssen.

Die Entmachtung der Herrscherhäuser, auch in jenen Ländern, in denen Monarchen noch als Repräsentanten, nicht aber als Entscheidungsträger auftreten, hat nicht die Masse des Volkes an die Spitze gesetzt, sondern jene Gruppe, die über entsprechende materielle Werte verfügt. Für den gemeinen Bürger macht es wenig Unterschied, ob er dem Kaiser dient oder dem Wirtschaftssystem, hinter dem sich Menschen verstecken, deren Namen oft kaum bekannt sind.

 

Wir können das Spiel der Mächtigen weiter ignorieren. Wir dürfen uns weiterhin darüber freuen, dass wir dem Mittelstand angehören, nicht auf Hartz IV angewiesen sind, eine berufliche Karriere vor uns haben, die uns erlaubt, Qualitätsschuhe zu tragen und ein fabrikneues Auto zu kaufen. Der Schritt in die „Oberschicht“ sei ja schließlich erreichbar. Auch der Weg in die Politik ist offen. Nur eine der vier Kasten scheint dagegen abgesichert zu sein, dass niemand von außen in ihre Kreise eintritt. Eine Gruppe, die gelegentlich als der moderne Geldadel bezeichnet wird. Und damit dies nicht ganz so offensichtlich wird, dürfen einige, denen es gelingt, die Konkurrenz von Millionen hinter sich zu lassen, ungeachtet ob im Sport oder in der Unterhaltungsindustrie, hin und wieder auch einmal Wohlstand und Luxus erreichen, ein Leben, von dem der Rest von uns schon lange zu träumen aufgehört hat. Schließlich dient das moderne System nicht uns, sondern wir dienen dem System. 

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