Mittwoch , 21 August 2019
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Gott und die Götter

Folgt man den neuesten Erkenntnissen der Kulturethnologen und Anthropologen, so muss man anerkennen, dass der Begriff von einem Gott, so wie wir ihn heute kennen, zeitgeschichtlich sehr jung ist. Den uns heute bekannten Gott mit seinen Hierarchien und den daraus hervorgegangen Weltreligionen gibt es nicht einmal 4000 Jahre. Jetzt daraus zu Schlussfolgern unsere Vorfahren wären voll behaarte Wilde gewesen, die mit Schaum vor dem Mund sich gegenseitig den Knüppel über den Schädel zogen und deshalb “den Gott” ja nicht erkennen konnten ist weit gefehlt. Archäologischen Ausgrabungen zu folge hatten wir vor 6000 Jahren schon eine erstaunlich hochstehende Kultur und eine weitaus friedfertigere und nachhaltigere Lebensweise, als das heute der Fall ist, da die Menschen mehr im Einklang mit sich selbst und der sie umgebenden Natur lebten. In diesem Zustand war ein externer, getrennt lebender Gott weder im Leben noch im Tod notwendig. D.H. Lawrence schreibt hierzu: “Die sehr frühe Welt war durch und durch religiös, aber gottlos. Der gesamte Kosmos war belebt und in Kontakt mit dem menschlichen Leib, für eine Gottesvorstellung bestand kein Raum. Erst als sich das Individuum als abgetrennt empfand, erst als es in die Bewusstheit seiner selbst und seines abgespalteten Daseins fiel entwickelte sich die Vorstellung eines Gottes, der einen Bezug zwischen Mensch und Kosmos herstellte. Gott und Götter traten auf den Plan, als der Mensch in ein Gefühl der Isolation und des Alleinseins fiel.”

gott michelangeloSeitdem der Mensch einen externen Gott postulierte, wurde in dessen Namen millionenfach getötet und bis zum heutigen Tage werden Menschen unterdrückt, versklavt und verstümmelt. Ein weiteres Merkmal dieses Gottes ist sein immer in der Zukunft liegendes Heilsversprechen. Die Glückseligkeit, das Paradies oder 20 Jungfrauen erwarten immer nur den in der Zukunft, der JETZT aktiv handelt, büßt, betet, Opfer darbringt und vor allem die Münze klingeln lässt. Während man sich über lange Jahrhunderte den Zugang ins Himmelreich per Urkunde erkaufen konnte, nennt man das heute in esoterischen Kreisen geschickt “Energieausgleich”. Kaum ein Heilsbringer der Neuzeit, die seit dem Ereignis der Sonnenfinsternis im Sommer 1999 wie Pilze aus dem Boden schossen, vergisst seine “Dienstleistungen” gegen Bares anzubieten. Da stehen sie also in weißen Anzügen, langem wallenden Haar oder Kojak-Frisur und erzählen mit sanften salbungsvollen Worten von Energiewelten, Dimensionen, Geistwesen, den ihnen per Chaneling direkt übermittelten Auftrag und dem Ende der Welt, während die zuhörenden Adepten mit Tränen in den Augen Ehrfurcht gebietend die Banküberweisung ausfüllen. Schaut man sich die Biografie der meisten NeoGurus an, so lässt sich fast übereinstimmend feststellen, dass diese vor wenigen Jahren noch Kaufleute und Makler jeglicher Couleur, Personaltrainer, Coach oder Unternehmensberater waren. Also Berufsgruppen, die es von je her verstanden den Menschen kräftig in die Tasche zu langen. Offensichtlich haben nicht wenige die Zeichen der Zeit erkannt und den 2012-Rummel als weites Geschäftsfeld für sich entdeckt. Man bedient sich dabei genau der gleichen altbewährten Methoden. Die Erleuchtung, der Aufstieg wohin auch immer, mit Hilfe der durch Gottes Gnade unmittelbar gechanelten Übungen, benötigt Zeit und liegt als Heilsversprechen in einer ungewissen Zukunft, während das monetäre Bedürfnis der Gurus selbst unmittelbar seine Befriedigung findet.

Hat uns nicht ein vor ungefähr 2000 Jahren lebender weiser Mann genau vor diesem massenhaften Auftreten falscher Propheten gewarnt? Zuerst erschafft unser überdimensionales Ego aufgrund von Todesangst einen externen, von sich und seinem Umfeld getrennten Gott. Dieser ist für den Normalsterblichen nicht mehr erreichbar und Bedarf deshalb eines “Vermittlers” und einer Vermittlungsorganisation. Über diese Struktur gibt es dann Anweisungen, wie der Einzelne zu leben hat, damit sein Ego den Tod auch ja überlebt, indem er diese in der Regel von Gott selbst ins Leben gerufene Organisationen und ihre Diener nach Leibeskräften finanziert und sich ihnen auf Gedeih und Verderb ausliefert. In der esoterischen Szene hat man sich der gleichen Muster bedient, um seine Jünger um sich zu scharen. Vielleicht nicht ganz so grob und offensichtlich sondern eher fein und subtil. Die Auswirkungen für den Menschen an sich bleiben dieselben, denn die Hoffnung stirbt immer zuletzt. Diese nun seit vier Jahrtausenden anhaltende Paranoia ist mit einem Wort der Neuzeit umschrieben ein klassischer Erleuchtungsschaden. Daneben hat sich aufgrund der langen Indoktrinierung die Angewohnheit herausgebildet, anderen Menschen die Schuld am eigenen Versagen zu geben. Wir fallen jedes Mal wieder auf unsere eigenen Gedanken herein. “Ich muss mein Haus verschließen, um mich vor “denen da draußen” zu schützen. Man will mich bestehlen, betrügen und schamlos ausnutzen”. Dennoch sind das lediglich unsere durch gesetzte Meme ureigensten Ängste, auf andere Personen projiziert. Was passiert also, wenn man den externen Gott mit allen dazu gehörigen Mechanismen abschafft, wenn “da draußen” keiner mehr ist, auf den wir unsere Sehnsüchte, unsere Ängste, unser Schuldgewissen projizieren können? Richtig. Die eigene Handlungsfähigkeit. Wir müssen uns selbst damit auseinandersetzen.

Der Mensch hat ein höheres spirituelles Bewusstsein und ist als souveränes Wesen von keinem Meister, Guru oder Organisation jedweder Art abhängig. Wenn der Mensch altes und neues Wissen in sich vereint und das Ego auf seinen rechtmäßigen Platz verweist, indem er sich als Teil des Ganzen erkennt, kann er sich aus dem künstlich geschaffenen Gefängnis befreien und den Weg zurück in seine Mitte und zu einem friedvollen Miteinander finden.

“Sollte Deine Einsicht meiner Lehre widersprechen, so solltest du deiner Einsicht folgen.” (Der Buddha)

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