Dienstag , 31 März 2020
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„Positiv denken“ – aus einem anderen Blickwinkel

tree dessertWir kennen den Begriff des „positiv Denkens“. Unzählige Bücher wurden darüber geschrieben und noch mehr der Motivation dienende Seminare wurden und werden darüber abgehalten. Jedermann kann – so heißt es – erreichen, was er will, sofern der Wille zum Erfolg gegeben ist. Auf der Idee des Erfolges für alle basieren ja schließlich auch, seit langem verbotene, Pyramidenspiele und das keineswegs verbotene „Network-Marketing“. Ist das Konzept des „positiven Denkens“ also Unsinn, nichts als Marketingstrategie? In gewissem Sinne, ja. Und trotzdem führt eine positive Einstellung zum Leben zu Ausgeglichenheit und Harmonie. Es kommt lediglich darauf an, was man darunter versteht.

Der Bogen weitverbreiteter Motivationshilfen erstreckt sich von der Autosuggestion bis hin zu quantenphysischen Konzepten, bei denen die Möglichkeit eingeschlossen wird, dass sich Jeder seine eigene Realität selbst erschafft. Zweifellos ist unbestreitbar, dass jeder angestrebte Plan nur dann aufgehen kann, wenn die richtige Überzeugung dahinter steckt. Dass ein Verkaufsrepräsentant an sein eigenes Produkt „glauben“ muss, entspricht der Logik; es sei denn, es handelt sich um einen geschulten Schauspieler. Erstes Ziel jedes Verkäufers ist es somit, sich erst einmal selbst zu überzeugen, ungeachtet, ob die eingehämmerten Argumente auch wirklich den Tatsachen entsprechen.

So wie der Sportler sich dem festen Glauben an seine Unschlagbarkeit hingeben muss, um im Wettkampf wirklich sein Bestes zu geben, so bedarf es der selben Überzeugung auch im Geschäftsleben, ja selbst bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Während das Befolgen derartiger Empfehlungen die Erfolgchancen mit Sicherheit erhöht, bedeutet dies aber noch lange nicht, gleichzeitig vor Enttäuschungen gewahrt zu sein. Es kann immer nur Einen geben, der die Ziellinie als Erster überquert. Wenn sich hundert Leute um einen angebotenen Job bewerben, dann kann es immer nur einer der Bewerber sein, der auch eingestellt wird. Und dies bedeutet noch lange nicht, dass es allen Anderen an Motivation fehlt. Das Problem liegt im rein materiellen Denken.

Ich möchte diesbezüglich etwas ausholen und auf ein kabbalistisches Konzept verweisen. Nur wenig ist über Kabbalah, diese vermeintliche Geheimlehre, bekannt. Spekulationen ranken sich von Zahlenmagie über Schwarze Magie bis hin zur direkten Teufelsanbetung. Die Ursprünge sind verschwommen, könnten im Mittelalter liegen, aber auch im Ägypten des Altertums. Am treffendsten lässt sich Kabbalah wohl als der esoterische Kern des jüdischen Glaubens bezeichnen. Es handelt sich um eine Philosophie, die durchaus Parallelen mit fernöstlichen Konzepten aufweist. Einen sehr tiefen Einblick bietet das „Bnei Baruch Kabbalah Information & Research Institute“.

Der eine Punkt, den ich herausnehmen möchte, ist die Annahme, dass es des Schöpfers erstes Ziel ist, zu geben, wodurch es für die Kreatur, den Menschen, zur Pflicht wird, die Geschenke Gottes auch anzunehmen. Tony Kosinec erklärt in einem Video, das nur nach Anmeldung zugänglich ist, warum es sich um eine göttliche Pflicht handelt: Wie würden wir selbst reagieren, wenn wir einen Freund zum Essen einladen, die feinsten Leckerbissen servieren, und dieser weist all unsere Anstrengung, unser Bemühen, ihm ein Festmahl zu servieren, zurück? Würden wir seine Bescheidenheit willkommen heißen oder würde uns sein Verhalten doch eher befremden? Dementsprechend ist es nicht nur unser Recht, in Demut und Anerkennung, Gottes Geschenke anzunehmen, wir würden unseren Schöpfer sogar beleidigen, würden wir seine Gaben zurückweisen.

Allerdings! Ungeachtet wie und in welcher Form wir uns einen Schöpfer vorstellen, mit welcher Art von Geschenken kann dieser seine Großzügigkeit unter Beweis stellen? Und damit meine ich, insbesondere in der heutigen Zeit.

Während ich beim Überlegen tief einatme, fällt mir natürlich sofort die Luft ein, ohne der wir kaum mehr als eine Minute überleben würden. Es spricht nichts dagegen, die Natur jederzeit mit Gott gleichzusetzen. Ein Blick aus dem Fenster erinnert mich an das Licht und die Wärme der Sonne, die Grundvorsetzung jeglicher Existenz auf Erden. Die Erde selbst ist Gottes Schöpfung, die er uns ebenso zur Verfügung stellt wie unsere Körper, ohne der wir wohl kaum das irdische Dasein in dieser Form erfahren würden.

Und weiter? Sind die Pflanzen, die mein Arbeitszimmer zieren, ein Geschenk Gottes? Was deren Lebensenergie betrifft, gewiss ja. Für die Pflanzen selbst musste ich im Laden jedoch bezahlen. Ebenso wie das Wasser, mit dem ich sie gieße, Geld kostet und in meine monatliche Miete eingerechnet ist. Was mich wiederum zu Überlegungen anregt, dass es unserem Schöpfer auch bei bestem Willen nicht gelingt, uns einen Platz zum Wohnen zur Verfügung zu stellen. Nachdem jedes verfügbare Haus über einen irdischen Besitzer verfügt, müssen wir diesen auch mit durchaus irdischen Mitteln entschädigen.

So wie der Schöpfer meine Zimmerpflanzen wachsen lässt, so ist auch das Reifen der Früchte auf den Feldern, die uns als Nahrung dienen, ihm zu verdanken. Außer Pilzen und Beeren, die sich gelegentlich im Wald sammeln lassen, fällt mir aber trotzdem nichts Essbares mehr ein, was sich uneingeschränkt als Gottes Gabe bezeichnen lässt, also ohne Geldmittel verfügbar ist.

Das Thema ließe sich an dieser Stelle abhaken. Das ist nun einmal so, dass jedes Gebäude, jedes Stück Land, jeder Wald und jedes Feld von Irgendjemandem besessen wird; dass, seit alle Flüsse verschmutzt sind, selbst Trinkwasser Geld kostet. Und gebe es eine Möglichkeit, den Erdenbürgern die Luft abzuschalten, wäre diese wohl auch schon lange in Privatbesitz und nur gegen Gebühr erhältlich.

Ich möchte, nachdem ich die Situation der Gegenwart behandle, auch noch hinzufügen, dass es sich bei unserer Arbeitskraft ja auch um ein Geschenk Gottes handelt. Diese lässt sich einsetzen, um mit anderen Menschen, die in ihren eigenen Bereichen aktiv sind, Waren und Leistungen auszutauschen. Doch sind wir von diesem Prinzip des gemeinschaftlichen Lebens, Leistung gegen Leistung zu tauschen, schon sehr lange sehr weit entfernt. Dieses Prinzip, Leistung gegen Leistung, scheint sogar völlig vergessen zu sein. Heute heißt es: Leistung gegen Geld. Und Geld gegen Ware. Doch Geld wurde zu einem Mittel, von dem sich der Mensch nicht trennen will, insbesondere dann nicht, wenn ihm viel davon zur Verfügung steht. Selbstproduzierte Waren gegen Geld zu veräußern, gleicht ebenso einem Kampf, einem Konkurrenzkampf, wie das Finden und oft auch das Erhalten eines Arbeitsplatzes. Um auf das Konzept von Gottes Geschenk zurückzukommen, Geschenke stellt man sich eigentlich anders vor.

Ist die grundsätzliche Idee, dass der Schöpfer für den Erhalt seiner Schöpfung sorgt, somit falsch? Oder könnte es gar sein, dass Gott die Menschheit als vom Weg abgekommene Kreaturen verlassen hat? Sind wir unserer egoistischen Veranlagung, unseres Strebens nach immer mehr materiellen Gütern, unseres Mangels an Mitgefühl wegen, in Ungnade gefallen? Ist diese Epoche der „geistigen Dunkelheit“, das sogenannte Kali-Yuga, der Ausdruck von „Gottes Zorn“, seine Strafe für das einseitig materielle Weltbild, dem die Mehrzahl der Erdenbürger mittlerweile anzuhängen scheint?

Nachdem dieses Kali-Yuga schon vor Jahrtausenden, noch vor seinem tatsächlichen Einsetzen, in indischen Schriften, wie der Epik von Mahabarata, vorhergesagt wurde, kann es sich nicht um „Gottes Strafe“ für willentliches Fehlverhalten handeln, sondern um veränderte Voraussetzungen, die einem bestimmten, wenn auch schwer zu erahnenden, Zweck dienen. Trotzdem versuche ich in kurzen Worten zu erklären, dass, meiner Überzeugung nach, in diesen gegebenen, und nicht gerade günstigen, Lebensbedingungen ein durchaus positiver Samen steckt.

Unsere moderne Zivilisation bietet, im Vergleich zu vergangenen Epochen, eine nennenswerte Zahl unbestreitbarer Bequemlichkeiten. Wir werden weder von wilden Tieren noch von lästigem Ungeziefer bedroht. Unsere Häuser sind im Winter angenehm beheizt. Maschinen erleichtern die Arbeit. Transportmittel erlauben das Bereisen fremder Länder, das Erleben anderer Kulturen, das Erweitern des geistigen Horizonts. Gewiss ließen sich noch viele andere Punkte anführen. Doch kommen wir sogleich zur Frage: Wenn so viele technische Errungenschaften das Leben des Menschen zumindest in den genannten Bereichen angenehmer gestalten, warum ist dieser gleichzeitig wirtschaftlichem Druck ausgesetzt, beruflichem Stress und Überlebensängsten? Warum sind so viele unserer Mitbürger gezwungen, Arbeiten auszuführen, die ganz und gar nicht ihren persönlichen Interessen entsprechen? Sollte es nicht möglich sein, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, bei fairer Verteilung, eine Zivilisation schaffen, die sich als „Paradies auf Erden“ bezeichnen ließe?

Welche Voraussetzungen sind notwendig, um wesentliche Schritte einer Weiterentwicklung einzuleiten? In fast allen Fällen lässt sich davon ausgehen, dass es unerträgliche oder zumindest äußerst unbequeme Umstände sind, die Veränderungen, Verbesserungen erzwingen. In der frühen Geschichte der Menschheit waren es vermutlich immer wiederkehrende Klimaveränderungen, die nach neuen Fähigkeiten verlangten. Ungeachtet, ob es sich dabei um Hitze und Trockenheit handelte oder ob es galt, eine Eiszeit zu überstehen. Wären Waffen entwickelt worden, ohne Notwendigkeit für die Jagd oder den Schutz vor Feinden? Hätten unsere fernen Vorfahren jemals erlernt, den Boden zu bestellen, hätte die Natur ausreichende Mengen an Nahrungsmitteln zur Verfügung gestellt?

Wie sieht es heute aus? Welcher Mittel bedarf es, um im „Dschungel der Neuzeit“ zu überleben? Endlich komme ich zum Kern des Themas, dem positiven Denken.

Wie bereits erwähnt, stehen Gott keine materiellen Güter und Werte zur Verfügung, mit denen er uns beschenken kann. Alles Besitzbare befindet sich bereits in Jemandens Besitz. Die Besitzlosen oder Minderbesitzenden streiten und kämpfen um die Krümel, die noch verfügbar sind. Sie betrachten sich als in Konkurrenz zueinander stehend. Sie besuchen Seminare, lesen Bücher, eignen sich geschicktere Ellbogentechniken an, geben sich „geistigen Übungen“ hin, die ihnen zum letzten, zum entscheidenden Vorteil verhelfen sollen, den konkurrierenden Mitmenschen zu überbieten, zu schlagen, zu verdrängen. In dieser unbarmherzigen materiell-orientierten Welt kann es immer nur wenige Gewinner geben. Und wer bringt für den Rest, für die große Zahl der Verlierer, Mitgefühl auf?

Was bedeutet denn schon Mitgefühl? Geht es denn nicht um Erfolg? Entspricht es nicht Naturgesetzen, dass die Welt dem Stärkeren gehört?

Und was, bitte, hat diese Einstellung mit „positivem“ Denken zu tun? Was soll „positiv“ – im Sinne von „gut“ – daran sein, den Neid seiner Freunde durch den Erwerb des teureren Autos zu wecken? Was bewegt Menschen dazu, wohlhabende Mitbürger ihres Wohlstandes wegen zu beneiden, wenn wir doch alle wissen, dass Reichtum nicht durch Gutherzigkeit und Mitgefühl geschaffen wird, sondern – wenn auch natürlich nicht immer, aber doch vorwiegend – durch Rücksichtslosigkeit, Hartherzigkeit und Egoismus?

Lassen Sie mich sagen, was ich unter positivem Denken verstehe: Dieses wohltuende Gefühl herbeizuführen, mit einem anderen Menschen einfach zu teilen. Ihm einen Gefallen zu leisten, ohne der Erwartung einer Gegenleistung. Einen Menschen seiner charakterlichen Eigenschaften wegen zu respektieren, anstatt sein Vermögen im Auge zu haben, was ohnehin eher Neid als Bewunderung hervorruft. Positives Denken bedeutet, sich für Ideale zu begeistern, die unsere Herzen ansprechen – auch wenn dieser Begriff noch so veraltet klingt. Denken wir einmal darüber nach, woraus sich Freude schöpfen lässt, ohne dass es mit Unkosten verbunden ist.

Es bedeutet auch, auf all jene Freunde zu verzichten, die uns nach unseren Äußerlichkeiten beurteilen. Die schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen, die aber gleichzeitig erlaubt, sich mit ihr zu identifizieren. Mit Freuden die notwendigen Abstriche in Kauf nehmen. Die kleinere Wohnung mieten, auf ein Auto oder teure Kleider oder teure Reisen zu verzichten, und gleichzeitig stolz darauf zu sein, seinen Prinzipien zu folgen.

Menschen gegenüber, beginnend mit dem eigenen Partner bis hin zu völlig Fremden, tolerant zu sein. Wenn wir uns bewusst sind, dass auch wir – zumindest an schlechten Tagen – unsere Fehler haben, dann können wir dieses Recht auch ohne weiteres Anderen zugestehen, ohne sogleich von Groll ergriffen zu werden.

Wie selten vernehmen wir Worte wie Tugend, Ehrfurcht, Würde oder Respekt? Kann es sein, dass diese jahrtausendealten Begriffe ihrer Bedeutung beraubt wurden, oder sind wir einfach ihrer Bedeutung gegenüber verschlossen?

Dass Gott, der Schöpfer, die Schöpfung, der Kosmos oder die Natur, wie immer wir es zu nennen vorziehen, uns zu jeder Zeit reichlich beschenkt, ist eine Tatsache. Aber nicht mit materiellen Werten. Nicht mit Geld und Reichtum. Nicht mit gesellschaftlichem Ansehen. Die göttlichen Geschenke, die uns ohne Einschränkungen und in jeder beliebigen Menge zur Verfügung stehen, sind all die positiven Eigenschaften, mit denen wir von Natur aus ausgestattet sind, und die wir nur zu wecken brauchen. Die Fähigkeit, wirklich Mensch im Sinne von Menschlichkeit zu sein. Die Fähigkeit, über den eigenen Vorteil hinwegzusehen, und den Nächsten wie sich selbst – oder besser noch: „als sein eigenes Selbst“ – zu lieben.

Bezahlt diese Einstellung die Miete? Bringt sie Essen auf den Tisch? Geht es nicht in erster Linie darum, seine materielle Situation in Ordnung zu bringen?

Nein, eben nicht. Und ich wiederhole diese Behauptung: An allererster Stelle geht es darum, Mensch zu sein – und alle positiven Eigenschaften, Liebe, Mitgefühl, Bescheidenheit, Demut der Schöpfung gegenüber, Furchtlosigkeit, Losgelöstheit, all dies zu pflegen, auszuleben, zu erleben. Und ich verspreche Ihnen, wenn sie diesen Prinzipien aus innerster Überzeugung folgen, wenn Sie ihrem Herzen mehr Gehör schenken als dem materiell orientieren Geist, dann werden Sie überrascht sein, wie einfach sich der Rest des Lebens bewerkstelligen lässt. Nicht in Wohlstand oder Reichtum. Auch nicht unbedingt mit dem Komfort, den wir uns als materialistisch erzogene Wesen ersehnen. Aber dafür in Würde, in Ausgeglichenheit, in Harmonie mit jener Umwelt und jenen Menschen, mit denen sich Harmonie auch erleben lässt. Ohne Konkurrenzdenken, ohne Neid und ohne Bitterkeit.

Sollten Sie wirklich mit dem Menschsein solange warten wollen, bis Sie Ihre materiellen Ziele erreicht haben oder bis die Gesellschaft die, ihrer Meinung nach, geeigneten Voraussetzungen dafür bietet, dann ist die Wahrscheinlichkeit mehr als nur hoch, dass sich in Ihrem Leben niemals etwas zum Positiven ändern wird. Und lassen Sie mich abschließend wieder einmal die Worte von Sri Swami Sivananda erwähnen, der den Rat aussprach: „Ändere dich! Die Gesellschaft wird sich eines Tages von selbst ändern.“ Nicht schlecht wäre, schon morgen damit zu beginnen. Besser aber noch, heute.

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