Dienstag , 12 November 2019
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Einige Gedanken zu Weihnachten

sunrise_seaDie Kommerzialisierung Weihnachtens hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass der Rahmen immer weiter aufgebläht wurde, das eigentliche Bild jedoch gleichzeitig immer mehr verschwand. Zwei Symbole treffen jährlich am 24. Dezember zusammen: Die Zunahme der Sonnenstunden und der angenommene Geburtstag von Jesus. Und es handelt sich kaum um einen Zufall, dass beides auf den selben Tag fällt. Auch wenn die christliche Lehre immer weniger Menschen anspricht, so wäre es vielleicht doch ratsam, ihr hin und wieder einen Gedanken zu widmen. Wenn Religionen auch oft von einem Mantel der Dogmen umhüllt scheinen, trotzdem verbergen sich dahinter Weisheiten, die, wenn mehr beachtet, Harmonie und Glücksgefühl bescheren könnten.

In einem Artikel von Konrad Hausner, der schon vor einem Jahr erschienen ist, wird der Zusammenhang zwischen Weihnachten und der Wintersonnenwende ausführlicher erklärt. Aufgrund der sogenannten „Präzession“, dem „Schlingern“ der Erdachse, ein Zyklus, der knapp 26.000 Jahre in Anspruch nimmt, verändert sich regelmäßig die scheinbare Bahn der Gestirne. Und auch der Beginn der Jahreszeiten verschiebt sich, alle paar hundert Jahre, um einen Tag. Im 4. Jahrhundert, als nicht nur der Sonntag zum „heiligen“ Tag erkoren wurde, sondern, zumindest von den damaligen Katholiken, auch die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember zur Geburtsnacht Jesu, handelte es sich um die längste Nacht des Jahres. Die Sonne, die sich von der Erde über sechs Monate hinweg abwendet, kehrt wieder zurück. Sie wird neu „geboren“.

Ich nehme diesen Tag zum Anlass, auf einige Missverständnisse um die Person des Jesus von Nazareth zu verweisen, die mit Sicherheit dazu beigetragen haben, dass eine immer größere werdende Zahl aufgeschlossener Menschen jegliches religiöse Konzept schlechthin in den Bereich von Aberglauben verdrängt. Schon der, von den Katholiken so hoch gehaltene, Begriff „Gottes einziger Sohn“ stößt bei modernen Menschen leicht – und nicht unberechtigt – auf Ablehnung. Er unterstützt die Personifizierung der Idee eines Gottes, einer Schöpfungskraft, die nur jenseits unseres Vorstellungsvermögens existieren kann. Dem Unvorstellbaren, von dem das gesamte Universum erfüllt sein sollte, jetzt einen bestimmten Menschen, ungeachtet dessen Weisheit und Erleuchtung, als „einzigen Sohn auf Erden“ zuzusprechen, baut auf eine Idee auf, mit der sich nicht jeder anfreunden kann. Schließlich zeichnet sich der alttestamentarische Gott, der von den Christen zum Schöpfer erkoren wurde, nicht wirklich durch jene Qualitäten aus, die man sich von einem „himmlischen Vater“ erwartet.

Jesus mag, so wird er in einigen Passagen der Evangelien zitiert, vom „Vater im Himmel“ gesprochen haben. Doch ungeachtet, welches Zitat wir hernehmen, nichts verweist darauf, dass er von „seinem“ Vater, und nicht von „unserem“ spricht. Doch dieser Gott, den Jesus beschreibt, der sich durch Liebe und Vergebung auszeichnet, passt nicht wirklich mit dem alttestamentarischen Rachegott Jahwe zusammen, dem nachgesagt wird, dass er ein Volk über den Rest der Welt erhebt, der sich schon im Ersten Gebot selbst als „eifersüchtig“ zu erkennen gibt. Der die Feinde „seines Volkes“ in Kriegen vernichtet. Wie sollte es möglich sein, dass ein „himmlischer Vater“, der Schöpfer des gesamten Universums, zwischen den einzelnen Kreaturen seiner Schöpfung Grenzen zieht?

Ob durch Fehler bei der Übersetzung oder durch falsches Verständnis, so haben sich auch in die Evangelien einige Widersprüche eingeschlichen. Doch, die Lehren von Jesus mit den alttestamentarischen Gebräuchen vergleichend, zeigt sich viel mehr ein Streben nach Reformen als eine Bestätigung der in Palästina verankerten, und damals schon veralteten, Auffassung. Und wenn ein Mensch mit einem für Gott geöffneten Herzen durchs Leben geht und gleichzeitig seinen Nächsten liebt wie sich selbst (oder als sein Selbst), dann braucht er keine anderen Gebote mehr, die im Detail vorschreiben, was er tun soll und was nicht. Ein Mensch, der seinen persönlichen Feinden gegenüber keinen Hass empfindet, weil ihm bewusst ist, dass hinter der verkommenen Menschenfassade der göttliche Funke einer Seele steckt, wird nicht um Gottes Hilfe bitten, diesen seinen Feind zu vernichten.

Doch nicht nur diese unverständliche Verbindung von Schriften, das Alte und das Neue Testament, die nicht mehr miteinander zu tun haben als dass Jesus in der besagten Region lebte und lehrte, widersprechen der Vernunft, auch die übermäßige Bedeutung, die den Geschichten um die Wundertaten Jesu zugeschrieben wird.

Wir wissen nicht, ob Jesus tatsächlich Wasser in Wein verwandelte, ob er über die Oberfläche eines Sees wandelte, ob er Tote wieder zum Leben erweckte, sich selbst eingeschlossen. Doch nicht nur, dass wir es nicht wissen können, es spielt auch keine Rolle. Dass Jesus Liebe und Mitgefühl predigte, damit kann sich wohl jeder Mensch identifizieren. Dass er Hoffnung ebenso lehrte wie Verantwortung, beides ergibt Sinn. Dass er den Wucher kritisierte und die Geldwechsler aus dem Tempel jagte, dazu brauchte es keine übernatürlichen Kräfte.

Vermutlich wurde das, durch die Evangelien überlieferte, Wirken sogenannter Wunder deswegen in den Vordergrund gerückt, um der Person Jesu eine über alles erhabene Autorität zu verleihen. In vergangenen Epochen mag es die Aussagekraft seiner Worte unterstützt haben. Heute, so fürchte ich, ist der Effekt umgekehrt. Wer nicht zu glauben bereit ist, dass der Mann aus Nazareth über wundersame Kräfte verfügte, könnte vielleicht dazu tendieren, gleichzeitig die gesamte Lehre zu verwerfen. Doch fassen wir die einzelnen Aussagen von Jesus, soweit sie uns erhalten sind – und dabei möchte ich auch die nicht-kanonisierten Texte einschließen – zusammen, so entsteht ein abgerundetes Weltbild, dass sich durchaus aus sich selbst heraus rechtfertigt.

Dabei ist den meisten Menschen, religiös eingestellten ebenso wie Agnostikern und Atheisten, völlig entgangen, dass sich die Lehren von Jesus fast zur Gänze mit denen des Buddha und anderen Konzepten durchaus decken. Und Buddha soll gelehrt haben, ihm nichts zu glauben, bloß weil er so sagte, sondern die Logik zu verstehen, die seine Ausführungen auszeichnet. Zweifellos wäre unsere Gesellschaft eine angenehmere, würden nicht Konflikte, sondern Gemeinsamkeiten im Vordergrund stehen. Würden sich Menschen aus ihrem Inneren heraus mit Freuden bereit erklären, einander zu helfen, anstatt überwiegend auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein. Ich bin überzeugt, jeder von uns hat dieses bereichernde Gefühl, einem Menschen beigestanden zu sein, schon einmal selbst erlebt und genossen. Und gäbe es keinen Wucher, würde der Menschheit rund um den Erdball viel Leid erspart bleiben.

Ich glaube, man muss keiner Kirche angehören, um sich als Christ zu fühlen. Haben nicht alle Ideologien, ungeachtet, ob politische, philosophische oder religiöse, gemein, dass es dem denkenden Menschen nicht möglich sein kann, alle enthaltenen Punkte bedingungslos zu akzeptieren? Somit ergibt es auch keinen Sinn, eine Lehre in ihrer Gesamtheit abzulehnen, weil einzelne Punkte nicht in Harmonie zum Rest dieser Lehre stehen. Zeichnet sich der denkende Mensch nicht gerade dadurch aus, dass er durch selbständige Überlegungen die Essenz aus den Dogmen löst, um dem Kern der Weisheit näher zu kommen?

Mir fällt keine einzige Aussage ein, die Jesus zugeschrieben wird, mit der ich mich nicht identifizieren würde. Und ich erkenne den Wert dieser Empfehlungen auch an, ohne jemals zu einem Urteil ob der historischen Wahrheit bezüglich der Lebensgeschichte von Jesus gekommen zu sein. Ich nehme mir die Freiheit, zu bezweifeln, dass es sich bei all dem, was in der Bibel geschrieben steht, um das „Wort Gottes“ handelt. Ich erkenne wenig Verbindung zwischen dem Rachegott Jahwe und dem Weisheitslehrer aus Nazareth. In vergangenen Zeiten hätten diese letzten drei Sätze wohl ausgereicht, um von den Katholiken exkommuniziert zu werden, doch auch darüber würde ich mir wenig Kopfzerbrechen machen.

Bedingt auf meine eigene Erfahrungen, bringe ich jenen Menschen, die der christlichen Lehre mit Skepsis begegnen, volles Verständnis entgegen. Und wenn ich einige Zeilen schreibe, die Respekt gegenüber den Lehren von Jesus empfehlen, abgegrenzt vom Gesamtbild der Religion, so möchte ich damit nahe legen, den Aussagen dieses Mannes objektive Beachtung zu schenken. Nicht die abwegige Furcht vor einem Höllenfeuer, nicht der ferne Wunsch nach paradiesischen Zuständen jenseits unserer wahrnehmbaren Dimension soll Motivation sein, sondern das Verständnis für jene Harmonie, die sich in einer Gemeinschaft verbreiten könnte, in der dem Nächsten mehr Respekt und Verständnis entgegen gebracht wird. In der Begriffe wie „Moral“ und „Tugend“ den verdienten Stellenwert genießen. In der Menschen, die als hilfsbereit und selbstlos gelten, einen besseren Ruf genießen als Wucherer und Geldwechsler, ob des Reichtums, den sie durch das Verfolgen egoistischer Prinzipien erzielten.

Ich glaube, ich darf ohne jegliche Scheu raten, die Worte Jesu vielleicht einmal neu zu überdenken. Die Sonne, die sich von der Erde abgewandt hatte, kehrt wieder zurück. Jeder Tag dauert von nun an etwas länger als der vorangegangene. Vielleicht lädt dieser Umstand dazu ein, nicht nur das physische Licht, dem die Sonne als Quelle dient, zu beachten, sondern auch das geistige, das, für unsere Sinne verborgen, einer mysteriösen Schöpfungskraft entspringt.

Ich wünsche allen Lesern ein fröhliches Weihnachtsfest!

 

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