Freitag , 25 September 2020

Die Rose

rote_rose_1Vermutlich werde ich das Bild niemals verdrängen können, vermutlich wird es mir mein Leben lang ein getreuer Begleiter sein: Der alte Mann schreitet langsam auf eine ausgehobene Grube zu. Er hält eine Rose in den Händen. Die wenigen Schritte, die ihn noch von dem Erdloch trennen, scheinen einen Großteil seiner Kraft zu beanspruchen. An der Grube angekommen, wird seine Gestalt jäh von einer gigantischen Traurigkeit überschattet. Ein gewaltiger Kummer bemächtigt sich seinem Gebilde. Als die personifizierte Schwermut verstehen ihn meine gesamten Sinne.

Kaum, dass ich hinsehen mag. Eine Niedergeschlagenheit. In Gestalt eines weißhaarigen Individuums ertastet ihn mein scheuer Blick. Etwas vorgebeugt sieht er hinab. Nach kurzem Innehalten lässt er die Rose in das Loch fallen. Die Rose, der letzte Gruß an den Menschen, der nur wenige Minuten zuvor in einem Schrein aus Holz der Erde übergeben wurde. Die Rose, ein Abschiedsgruß des alten Mannes, die Symbolträgerin seiner schmerzlichen Trennung. Die Rose – ein unabwendbarer Abschied von seiner geliebten Tochter … Niemals, niemals wird es mir gelingen, diese Szene aus meinem Gedächtnis auszulöschen. Zu keiner Zeit wird sich jene traurige Erfahrungs-Gravur in meinem Herzen lockern können, oder gar erfolgreich von meinem Erinnerungsvermögen eine räumliche Distanz erbetteln dürfen. Niemals, ich erahne es, niemals wird das der Fall sein.

Real gesehen gehört jenes Erlebnis bereits der Vergangenheit an, eine Entfernung von knapp drei mal sechzig Sekunden liegt zwischen ihm und dem Jetzt. Ein Abstand, der ständig expandiert, der beharrlich anwächst, der sich unbeirrt ausdehnt. Die Zeit hat jene Begegnung längst in ihr monströses Orchester aufgenommen. Die Zeit, sie ist nun der erhabene Dirigent dieses Gewesenen, ja der tonangebende Kapellmeister auch des mit ihm verknüpften Künftigen. Ich habe mich von dem Pulk der Trauergäste gelöst, sitze auf einem gefederten, blauen Polstersessel hinter dem Lenkrad und bin auf dem Wege nach draußen. Warm und geradlinig durchdringen die restlichen Strahlen der späten Nachmittagssonne die Frontscheibe meines Wagens; lediglich der angetrocknete Staub, den der Regen vergangener Tage über das Glas zu verteilen vermochte, stellt sich trotzend gegen ihre sanft gleißenden Lichtformationen.

Für mein Dafürhalten ein schier unangenehmes Arrangement, das Abkommen zwischen jener Energie des Himmels und den kläglichen Überresten sphärischer Schmutzpartikel. Eine lästige Anordnung von Zufälligkeiten, eine nutzlose Vereinigung von Gegensätzen. Es ist mir in meinem momentanen Umfeld alles andere als gedeihlich zumute, und vieles, eigentlich alles, deutet darauf hin, dass sich dieser Zustand erschreckend konsequent behaupten wird. Nicht zuletzt auch die gefilterten Boten des hereinbrechenden Abends bemühen sich, das zu bestätigen … Bemerkenswert schön ist diese Allee, eine vor Grün nur so strotzende Promenadenstraße, die mich von der Kapelle 4 des Ohlsdorfer Friedhofs geduldig zum Ausgang begleitet. Derartige Anlagen durchfährt man automatisch langsam. Zugegeben, von hier aus betrachtet, nach links wie rechts durch die Fenster meines dahingleitenden Autos gesehen, zeigt sich die Welt von einer ihrer ansehnlichsten Seiten.

Großzügig ausgedehnte Wiesenfelder behaupten sich in erhabener Lage. In den Anordnungen der zahllosen Büsche und Beete zeigt sich eine ausgeglichene Pflege. Die Breite meines Weges kommt mir eher unwirklich vor, wirkt auf mich irgendwie phantastisch. „Hier herrscht die Ruhe“, höre ich mich denken, „eine sanfte, zuträgliche Ruhe, die sich aber im stetigen Wechsel mit einer irrealen Regungslosigkeit offenbart.“ Nichts und niemand, jedenfalls gegenwärtig ist es so, vermag sie störend zu beeinträchtigen, meine Ruhe. Stille. Angenehm. Angenehm? Die Klimaanlage meines Wagens beginnt jetzt Kühle zu spenden. Das unterschwellig monotone Summen ihrer Automatik übertönt augenblicklich die leisen Fahrgeräusche des Motors. Kühle und Stille. Zwischen und unmittelbar vor den Bäumen, mitten auf den Grasflächen wie an deren Fassungen, überall tauchen sie hier auf: Rhododendronbüsche und Scheinzypressen, die charakteristischen Friedhofsgewächse.

Ein wonniges Stück Natur, das mich zwangsweise an den Garten Eden erinnert, oder zumindest an das, was ich mir bislang unter dem Märchen Paradiesgarten vorzustellen vermochte. Die Parkanlage erinnert mich tatsächlich an das Paradies? All die Blumen und Beete, die Bäume, Sträucher und Wiesen, die Stille und die Kühle, all das, in seiner wohltuend erhabenen Üppigkeit, stärkt meine Vision vom legendären Garten Eden – von jenem sagenumwobenen Geschenk eines Schöpfers an das erste Menschenpaar? Nein. Die Werbung ist vergeblich. Das Vorhaben gelingt nicht. Etwas in mir weigert sich, das Momentane, so anmutend es auch sein mag, mit solchen Vorstellungen zu vermengen. Nein, so leicht kann und will ich es mir nicht machen. Meine Erfahrung von eben, sie liegt nunmehr kaum mehr als vier mal sechzig Sekunden zurück, passt nicht in meine bisherige Vorstellung vom Paradies, nicht einmal annähernd, zu viel Gegensätzliches folgt ihr als Geleit.

„Der Tod gehört zum Leben“, zitiert der Volksmund recht gerne in solchen Situationen. „An dem Ausspruch ist sicherlich was dran“, sage ich, „aber ich halte meine Zweifel, dass das grundsätzlich und in jedem Falle als Trost auszureichen vermag, für mehr als nur berechtigt.“ Was mich betrifft, so will sich mir an dieser Stelle kein brauchbarer Trost offenbaren. Gerne würde ich augenblicklich, hier jetzt und ungezwungen, lauthals schreien. Ein mir unbekannter Schmerz, er hält mich in seinem Bann. Alles in meinem Ich sehnt sich qualvoll windend nach einem erlösenden Aufschrei. Alles in meinem Sein lässt jeglichen Trostgedanken erbärmlich ersticken. Mit jedem meiner Atemzüge schmecke ich meine momentane Erbärmlichkeit. Tief und gleichmäßig atme ich die Realität meiner anwachsenden Hilflosigkeit. Ich sehne mich nach den Tränen meiner Kindheit. Nur zu gerne würde ich weinen, doch – ich weiß es genau -, würde ich es versuchen, so würde es mir nicht gelingen.

Da, mein alter Kumpan, die depressive Traurigkeit, gesellt sich zu mir. Mein treuer Gefährte, die fassbare Schwermut, will mich mal wieder ein Stück des Weges begleiten. „Komm nur“, flüstere ich in den Raum, „wir kennen uns nun schon so viele Jahre. Ich habe dich bereits erwartet, werde dir bestimmt auch heute nicht ausweichen. Zögere nicht. Tritt ein. Rede mit mir. Du bist mir auch heute ein willkommener Gast. Lass uns übergangslos beginnen. Erzähle, was dir auf der Seele liegt.“ Ich verstumme. Lasse meinen Begleiter berichten, höre nun seine Geschichte.

Mit genehmem Abstand hat sich eine größere Gruppe von Menschen um ein frisch ausgehobenes Grab versammelt. Inmitten der vordersten Reihe, dem Abschnitt, der sich schwerpunktmäßig in Richtung Fußende der Grube formierte, steht gesenkten Hauptes ein alter Mann. Er hält – und wahrscheinlich bleibt es den meisten der Anwesenden verborgen – eine einzelne Rose in seinen Händen. Nahezu greifbar ist der Kampf, den seine Selbstbeherrschung mit den Gegebenheiten ficht. Ein fürwahr ungleicher, ein unfairer Streit. Trotz seiner Gefasstheit wird der alte Mann von einer Aura umhüllt, die allein eine mächtige Traurigkeit in der Lage ist auszustrahlen. Sein Antlitz wirkt dennoch auffallend ausgeglichen und freundlich. Der alte Mann hebt den Kopf leicht an, gerade so weit, dass er die geringe Distanz, den schmalen Pfad der ihn von der Grube trennt, überblicken kann.

Um einen Kontakt aufzunehmen, mit wem aus der gegenüber befindlichen Menschenansammlung auch immer, reicht sein Aufblicken nicht aus. Er sieht in die Leere, verliert sich im Dunst des Atmosphärischen. Er löst sich aus der Gruppe, schreitet langsam auf das Grab zu. Dieser Weg beansprucht den größten Teil seiner ihm zur Verfügung stehenden Kraft. Und hier nun, am Rande der Grube angekommen, scheint die Wahrheit der Stunde über sich hinauszuwachsen, scheint ihr Auswuchs einen flüchtigen Sieg über die Beherrschtheit dieses Menschen zu erringen. Sein gesamter Körper wird von dem Dunkel einer gewaltigen Verzweiflung überschattet. Der gellende Aufschrei des Kummers bemächtigt sich rasch seinem Gebilde. Fest umklammert die Betrübtheit in Person seine gepeinigte Seele. Den scheuen Blicken einiger der Trauergäste zeigt sich, in Gestalt eines weißhaarigen, hin zur Tiefe der Ausschachtung gebeugten Individuums, die pure Melancholie.

Ein kurzes Innehalten, gleichwohl eine feierliche Handlung, dann übergeben die Hände des Mannes die Rose der Erdhöhle. Die Rose, als die Symbolträgerin einer schmerzlichen Trennung. Die Rose, ein allerletzter Gruß an sein geliebtes Kind. Die Rose – sein Abschied von seiner geliebten Tochter.

© Peter Oebel

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