Montag , 28 September 2020
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Gezeiten. Gedanken am Meer …

Der Weg führt mich stracks an die nördliche Küste der Insel, und zwar direkt zum Hallig-Hafen. Eine Handvoll Fischer- und Segelboote ruhen sich dort von ihrer vollbrachten Arbeit aus. Jetzt, bei Ebbe, liegen einige der Boote in Schräglage, gelehnt an den moderigen Brettern und Balken der alten Pier. Schiffe, ohne genügend Wasser unter dem Kiel, deren Rümpfe lediglich in der Schlamm-Masse des Meeresbodens stecken, erinnern mich stets an Krabbeltiere die auf dem Rücken liegen, erinnern mich an umgekippte Käfer, deren Beine, hilflos in der Luft fuchtelnd, ihrem zugeordneten Element entgegenstreben.

hallig_hooge

Der Hafen ist stolzer Besitzer einer eigenen Schleusenanlage, und so nennen die Hooger ihren Hafen auch kurz Schleuse. Im Schlick, in dem feinen Meeresschlamm, der sich bei ruhiger See hier absetzt, schreiten hungrige Seevögel ihr Revier ab. Der Lebensraum, den ihnen die Gezeiten für die Stunden zwischen Ebbe und Flut zur Verfügung stellen, überreicht ihnen täglich erneut Nahrung aus dem Meer. Frischeste Nahrung und das in ausladender Fülle. Diese Tatsache deckt sich gründlich mit dem Geruch, der hier in der Luft hängt. Eine gelungene Mischung zwischen Duft und Gestank, die der Hafenbesucher tief atmen darf. Er riecht eben genau so, wie er sich zeigt, der alte Hafen. Er riecht nach dem Moosbelag, der sich auf Pier, Balken und Spieren gesetzt hat, nach dem Teer, der die Tampen und Taue wetterfest macht, nach all den Krebsen und Krabben, die, leer und ausgehöhlt, ihren charakteristischen Körperdunst an den Wind abgeben. Seevogelmahlzeiten vergangener Tage.

In unmittelbarer Nähe des Hafens bleibe ich für eine Weile auf einer hölzernen Brücke stehen. Die Brücke führt über einen Priel, ermöglicht so den Übergang über einen ganz passablen Graben. Wie gesagt, es ist kein gewöhnlicher Priel, der sich da in seiner vollen Pracht vor mir ausbreitet, sich letztlich dann, ein paar hundert Meter weiterführend, mit einer imposanten Seefläche vereint, nein, dann schon eher ein breiteres, tieferes Flüsschen. „Dein Wasserlauf läuft auch bei Ebbe nicht leer“, höre ich mich denken, „das kann wirklich niemand von dir erwarten.“ Ein schöner, erholsamer Spaziergang an der erfrischenden Seeluft, einhergehend, mit einem ständigen Ausblick auf die Weite des mich umgebenden Meeres. Bis auf das kurze, schrille Kreischen einiger neugieriger Möwen, das weit entfernte, taktmäßige Dieseltuckern eines Krabbenkutters und das ewige Singen des Windes – Ruhe.

Der Spazierweg beschert mir weitere Resultate von Kämpfen, die sich innerhalb der Natur abgespielt haben. Immer wieder entdecke ich die Kadaver verendeter Seevögel auf den Wiesen. Was auch immer ihren Tod herbeigeführt haben mag, hier liegen sie, liegen zwischen den langen, grünen Gräsern, und bleichen in der Sonne. Wie lieblos aufgebahrt, gesellen sie sich unfreiwillig zu den ebenso zahlreichen Fischkadavern, die, im Ganzen oder in Fetzen gerissen, der Erdboden hier ebenfalls jäh in einer traurigen Regelmäßigkeit anbietet. Konsequent von ihrem ursprünglichen Element getrennt, spielen sie, die einen wie die anderen, ihre Abschiedsrolle. Eine lautlose, kleine wie tragische Rolle, die ihnen der ewig währende Kreislauf der Mutter Natur noch zugedacht hat. Das unzensierbare Drehbuch der Urkräfte. Die alles entblößende Bühne des Lebens. Stets ein Arrangement ohne Kostüm und Maske.

Wo man hinsieht, zeigen sich die mehr oder weniger bleich verdorrten Überreste von Krebsen und Muscheln. Vielleicht sind es sogar die Opfer der Möwen, denen ich soeben begegnete, deren ich gerade etwas trauernd gedachte. Möglich wäre es zumindest. Sie alle geben sich hier ein letztes Stelldichein. Zu Spielbällen der Gezeiten sind sie geworden, zu passiven Tanzpartnern der Gezeitenströmungen. Strömungen, die zwischen den Steinen und in den Lachen und Rinnsalen Jegliches mit einer höchst vollendeten Ausdauer hin- und her spülen, die alles ein- und aufweichen, was zwischendurch immer wieder unnachgiebig von der Sonne getrocknet wird. Wind und Wasser, das altehrwürdige Ehepaar, haben sich ebenfalls von ihnen abgewandt, sind ihnen keine Freunde geblieben, fühlen sich nur noch gerufen, den Prozess der Umwandlung konsequent zu beschleunigen.

„All diese Fetzen, Schuppen und Gräten, diese Häute, Knochen und Federn, diese Hüllen und Schalen, waren sie der Natur am nützlichsten, als noch das Wunder des Lebens sie erfüllte, oder sind sie es zurzeit“, frage ich mich, „oder – denkbar wäre es immerhin – erfüllen jene leblosen Körper und Formen gerade ihre zweite Nützlichkeit, und es ist für die Natur ziemlich irrelevant, wann letztendlich der Wechsel von der ersten in die zweite Aufgabe stattfindet?“ Oder ist es gar der momentane Status, der seitens der Natur uneingeschränkt, also absolut favorisiert wird, ergo die Verfassung, in der wir Erdenbürger das zu erkennen glauben, was wir in unseren Breiten in aller Regel als Tod bezeichnen? Ist es eine Wichtigkeit, die richtigen Antworten auf diese meine Fragen zu bekommen? Wie auch immer dem sei, aus meiner Sicht der Dinge gilt zwar Ersteres, aber es bleibt beim Glauben. Dessen bin ich mir bewusst.

Ja, ich plädiere auch an dieser Stelle für das Leben. Nicht allein das, es birgt – ich sehe das so – für mich eine Stimmigkeit, dass ein jedes Geschöpf auf unserem Planeten, während seines begrenzten Daseins, in gewisser Einzigartigkeit, in seiner ureigenen Art und ohne die geringste widernatürlich erzwungene Umwandlung frei existieren können sollte, frei, im Sinne einer – ich sag mal – gütlichen Ordnung und in seinem ihm eigenen Element, einzig so wie es erschaffen wurde. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich mir meine Logik da nicht aus einer Gewohnheit heraus schnitze. Denn, so frage ich mich, wo liegt die Grenze zum Widernatürlichen, wo, zur erzwungenen Umwandlung? Wer wolle von sich behaupten, das allgemeingültig festlegen zu können. Vielleicht sieht das die Kraft Natur ganz anders als der Mensch. Gerne gehen wir davon aus, dass alles so zu verlaufen hat, wie es uns gefällt, ja wie wir es für richtig halten.

Anbei: Wenn ich das Wort Geschöpf benutze, infolgedessen von einer Schöpfung spreche – sie hier, so gesehen, voraussetze – ja dann hat Schöpfung für mich nicht die Wertigkeit, mit der sie seitens der etablierten Religionen bedacht wird. Nein, anstelle von Schöpfung kann ich durchaus auch Evolution einsetzen. Das birgt aus meinem Blickwinkel heraus letztlich keinen nennenswerten Widerspruch. Das ist allerdings ein ganz anderes Thema.

© Peter Oebel

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