Sonntag , 29 März 2020
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Falsche Ziele und leere Hoffnungen

ferrari_kalifornien_sonneWie leicht ist der Mensch manipulierbar? Entstehen Wünsche in unserem Inneren oder durch äußere Einflüsse? Lassen sich Situationen objektiv beurteilen, ohne sie selbst erlebt zu haben? Welche Faktoren üben Einfluss auf unsere Meinung aus? Jeder von uns formt ein bestimmtes Weltbild. Und zwar in jedem Alter. Mit den Jahren verändert sich diese Anschauung, wird durch neue Informationen ergänzt, bringt den Trugschluss mit sich, der Wahrheit näher gekommen zu sein. In den meisten Fällen führt die Bereicherung des Wissens jedoch nur zu besserem Verständnis bestimmter Teilbereiche. Die Frage nach dem eigentlichen Sinn, dem Warum und den wahren Zielen verblasst hinter einer Fassade von Äußerlichkeiten. Und nachdem das, was wir vom Leben erwarten, niemals gesättigt scheint, verschwenden wir die Jahre mit Versuchen, diese Sättigung herbeizuführen, ohne jemals zu wissen, ob diese auch wirklich unsere Hoffnungen erfüllt.

Erinnern Sie sich daran, wie Sie im Alter von fünfzehn gedacht haben? Natürlich waren Sie jung und naiv. Als Sie zwanzig wurden, verstanden Sie alles besser. Mit fünfundzwanzig wussten Sie jedoch, dass Sie auch mit zwanzig noch immer herzlich wenig verstanden hatten. Und als Sie endlich dreißig wurden? Ungeachtet, wie alt Sie heute sind, glauben Sie nicht, dass Sie Ihre derzeitigen Ansichten in einigen Jahren nicht nochmals neu überdenken werden.

Es ist immer die Summe der gesammelten Informationen, die zur Bildung einer Meinung führt. Es gibt einen feinen Unterschied zwischen den beiden Begriffen „Meinung“ und „Überzeugung“. Leicht lässt sich das eine mit dem anderen verwechseln.

Beobachte ich einen indischen Bauern, der, schmutzige Kleidung tragend, mit einfachsten Mitteln mühselig seine Felder bestellt, sowohl bei der Arbeit als auch in seiner bescheidenen Hütte auf jegliche moderne Hilfsmittel verzichtend, so könnte ich der Meinung sein, dass er unter diesen Bedingungen leidet. Doch erst ein langes und ehrliches Gespräch mit ihm, kann zur gleichen Überzeugung führen. Ob dieser Mann jedoch, würde er in die Großstadt ziehen, in einer Fabrik schaffen und in seiner gemieteten Wohnung vielleicht sogar etwas mehr Komfort vorfinden, mit so einem Leben glücklicher wäre, kann nicht einmal er selbst beurteilen, ohne es erst einmal erfahren, erlebt zu haben.

Nähere Details tun nichts zur Sache, doch erinnere ich mich an ein deutsches Ehepaar, das Freunde in einer entlegenen Gegend Südamerikas besucht hatte. Für drei Wochen war der Urlaub fishing_boatgeplant. Nach zwei oder drei Tagen begannen sich die Beiden entsetzlich zu langweilen und bereuten ihren ursprünglichen Entschluss, so lange zu bleiben. Als schließlich das Ende des Aufenthaltes nahte, hatte sich ihre Einstellung jedoch grundlegend geändert. Zum ersten Mal in ihrem Leben, waren sie ganze drei Wochen lang von allen Zwängen befreit. Ein Urlaub, ohne der Suche nach Sehenswürdigkeiten, ohne dem Hunger nach Konfrontationen, der Jagd nach Fotomotiven. Die Tage verstrichen ohne jeglichen Zeitplan. Bloß im Schatten sitzend, kühles Bier trinkend, hin und wieder eine Bootsfahrt zum Fischen, die Abende mit netten, entspannten Menschen verbringend, während die warme Luft vom Geruch gegrillten Fleisches und glühender Holzkohle erfüllt war. Drei Wochen reinen Müßiggangs.

Kann jemand, der solche Tage niemals erleben durfte, wirklich behaupten, es handle sich dabei um nichts anderes als Zeitverschwendung? Auch bei diesem Ehepaar setzte während der ersten Tage Enttäuschung ein, geprägt von einer völlig falschen Vorstellung von Urwaldromantik und Abenteuer. Erst die Erfahrung konnte sie eines Besseren belehren. Und sollten Sie jetzt tatsächlich denken, dass Sie auf so eine Erfahrung gerne verzichten könnten, dann rate ich Ihnen ernstlich, diese Einstellung neu zu überdenken.

Jeder von uns gibt sich gewissen Vorstellungen hin, was im Leben wichtig, was erstrebenswert ist. Woher stammen diese Ideen? Wir gehen davon aus, dass sie einfach in unserer Persönlichkeit wurzeln. Dass schließlich jeder weiß, was er will. Dass er in seiner Umgebung genügend Beispiele vorfindet, die ihm verdeutlichen, in welcher Art er sein eigenes Leben gerne gestalten würde.

Ich erlaube mir, etwas weiter auszuholen. Sehr selten hören wir von Kritiken gegenüber Werbung, die sich ausschließlich auf Kinder konzentriert. Erst kürzlich erlaubte sich Präsident Obama, einen Vorschlag zu äußern, derartige Werbung zu verbieten. Sofort erklangen Proteste, die damit drohten, dass bis zu 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Vor rund zehn Jahren tauchte in Italien der Vorschlag auf, Kinder aus Werbespots zu verbannen (wobei es sich letztendlich ja auch um Kinderarbeit handelt). Die Proteste bemühten sich, den Spieß umzudrehen, stellten die Idee als unmenschlich dar und drückten ihre Empörung darüber aus, dass man eine „kinderlose Welt erschaffen wolle“.

child_computerEltern mit eher bescheidenen finanziellen Mitteln kennen die Probleme, wenn Sohn oder Tochter den Hausfrieden erst dann wieder zulässt, sobald das in der Fernsehwerbung geschickt und nach besten psychologischen Erkenntnissen angepriesene, überteuerte Spielzeug endlich erstanden ist. Und wem es an Geld nicht fehlt, der mag verharmlosend denken: „Na, wenn es ihn glücklich macht!“ Widmen wir der Ursache des Wunsches auch nur geringe Aufmerksamkeit, so stellen wir jedoch fest, dass dieser nicht im Inneren des Kindes entstanden sein kann, sondern von außen gesteuert wurde. Auch die direkte Umwelt provoziert Verlangen in Kindern. Bläst der Lieblingsonkel Trompete, wen wundert es, wenn auch der Jüngling gerne eine Trompete hätte. Auf die wirklich tiefen Unterschiede zwischen diesen beiden Einflüssen brauche ich aber wohl nicht näher einzugehen.

Was den ungeformten, erlebnishungrigen, Erfahrung suchenden Geist des heranwachsenden Kindes betrifft, wird wohl niemand bezweifeln, dass sich dieser sehr leicht manipulieren lässt. Die meisten Eltern lernen rasch einige Tricks, die Wünsche ihres Nachwuchses gelegentlich zu beeinflussen. Aufwendige Studien in der Werbepsychologie führen mit Sicherheit zu mehr Verständnis in der Anwendung.

Weil wir aber selbst erwachsen sind, lassen wir uns natürlich nicht mehr manipulieren. Nein, gewiss nicht.

bernaysAls Vater der modernen Marketing-Strategie gilt Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud. Beginnend in den 1920er-Jahren in Amerika, während Europa unter den tragischen Folgen des Ersten Weltkrieges litt, wurde das Konsumdenken umgeformt. Immer mehr Produkte tauchten auf, die nicht dem reinen Nutzen, sondern der Formung der eigenen Persönlichkeit dienen sollten. Zumindest wurde dies suggeriert. Und was sich zu jenen Zeiten, als Werbung ausschließlich durch Plakate, Printmedien und Stummfilme Verbreitung fand, entsprechend langsam manifestierte, unterlag spätestens dann einer gewaltigen Beschleunigung, als uns bunte bewegliche Bilder rund um die Uhr ins Haus geliefert wurden.

Wir hören Geschichten aus der Vergangenheit. Erzählungen über Menschen, wie sie vor fünfzig oder gar hundert Jahren lebten. Betrachten ihr Dasein als arm und leer. Ohne Computer, ohne Fernseher, ohne Handy, ohne „coole Klamotten“, ohne Lärm, endlosen Fahrzeugkolonnen, Stress, was auch immer. Wir könnten uns nicht vorstellen, heutzutage unter den gleichen Bedingungen zu leben. Eine Erfahrung, auf die wir durchaus gerne verzichten. Wie müssen diese Menschen doch damals gelitten haben. Goethe, Schiller, Schopenhauer, Beethoven, Wagner. Was für ein armseliges Dasein diese Leute doch alle erleiden mussten.

Am Rande bemerkt: Haben Sie sich jemals gefragt, was aus den genannten Genies geworden wären, hätte sie das Schicksal in der heutigen Zeit wirken lassen? Würde sich ein Theater finden, das den „Faust“ aufführt, wäre er erst dieser Tage geschrieben worden, oder ein Produzent für die „Neunte“? „Oh Freunde, nicht diese Töne“, könnte es aus dem Munde des Agenten erklingen. „Können Sie nicht etwas komponieren, was besser ankommt? Mit so etwas lassen sich doch keine Umsätze erzielen! ‚Seid umschlungen Millionen’, das geht ja noch. Aber dieser Sound, der lässt sich doch auf keiner Love-Parade spielen.“

Im Jahr 2004 drehte der englische Schauspieler und Reisejournalist Michael Palin seine gleichnamige Dokumentation über die Himalajas. In sechs Stunden bringt er damit dem Zuseher nicht nur eine atemberaubende Landschaft näher, sondern auch die Lebensbedingungen der Menschen in teils extrem entlegenen Regionen.

An Reiseerfahrung – und somit dem Kontakt mit Menschen, die fern der westlichen Zivilisation leben – fehlt es Michael Palin keineswegs. Schon 1989 umrundete er, auf den Spuren von Jules Vernes, in 80 Tagen den Erdball (ohne Flugzeug, natürlich), und 1992 brachte er filmend die Strecke vom Nordpol, quer durch Afrika, bis nach Kapstadt hinter sich. Auf dem einzigen Schiff, das einmal pro Jahr von dort aus in die Antarktis segelt, fand sich leider kein Platz für ihn und sein Team, und somit blieben die versprochenen Bilder vom Südpol aus.

In der Himalaja-Region äußerte er zwei markante Sätze, die beide, unabhängig voneinander, zum Nachdenken anregen könnten. Er zeigte Bilder aus einem ärmlichen indischen Dorf. In bunter, doch einfacher Kleidung, mit ausgeglichenem Lächeln auf den Lippen, bewegten sich Menschen vor verfallenen Hütten. Und Michael Palin erklärte, dass Armut hier, im Gegensatz zu England, nicht als persönliches Versagen gewertet wird!

Bezüglich Bhutan, einem Staat mit weniger als einer Million Einwohner und einer Fläche, die der Schweiz entspricht, führte er folgenden Vergleich an: „Der politischen Führung dieses Landes scheint das Glücksgefühl der Bevölkerung wichtiger zu sein als das Bruttoinlandsprodukt!“

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Haben wir nicht alle irgendwie gelernt, dass Geld den höchsten Stellenwert in unserem Leben einnimmt? Gewiss, auch bei uns heißt es, dass Armut keine Schande sei. Doch wehe dem, der nicht weiß, wie er seine nächste Miete bezahlen soll. Der auch bei bestem Willen keinen Weg findet, ein Einkommen zu erzielen. Wird nicht jedem, dessen erfüllender Beruf ihn nicht ernähren kann, einfach geraten, sich umschulen zu lassen, ohne auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, wie sehr etwa ein Musiker darunter leiden muss, wenn er seine Tage in einer Fabrik oder hinter dem Lenkrad eines Taxis verbringt?

Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, wie er sein Leben verbringen möchte. Gleichzeitig projiziert er diese Ideen auch auf seine Mitmenschen. Und weil schließlich – fast – alle so denken, haben sich auch alle anzupassen. So bringen wir eben unsere Ausbildung hinter uns, ergreifen einen Beruf, verdienen im günstigen Fall genug, um halbwegs dezent zu wohnen, erfreuen uns des Besitzes eines Autos, träumen von Urlaubsreisen, von einer größeren Wohnung, von einem neuen Auto, von einem besseren Job, von Umsatzsteigerung. Und alles dreht sich um Produktion und um Konsum.

„Wie weit hat es Bhutan mit dieser Politik denn gebracht?“, mögen wir als Außenstehende, die nie einen Fuß in dieses Land gesetzt haben, dann auch noch fragen. Kaum dass man diesen Namen jemals gehört hat. Gibt es dort überhaupt Autos oder Hochhäuser? Warum ist es nicht für den Massentourismus erschlossen, wenn es landschaftlich so schön sein soll? Hat dort wirklich niemand Geschäftssinn? Dass die Menschen, die dort Leben, den Anschluss ans 21. Jahrhundert nicht suchen, ist einfach undenkbar. Wahrscheinlich werden sie von den Machthabern unterdrückt, manipuliert, falsch informiert. Vermutlich muss erst einmal der König gestürzt und wahre Demokratie eingeführt werden. Und freie Marktwirtschaft. Gibt’s denn dort überhaupt Coca-Cola zu trinken?

Ich fürchte, es könnte die Mehrzahl der im Westen lebenden Menschen sein, die derartige Fragen stellen. Weil unser eigenes Denken über Jahrzehnte hinweg in eine Schablone gepresst wurde, gehen wir grundsätzlich davon aus, dass jeder andere Mensch auf dieser Welt ähnlich denken muss. Wir wissen nämlich nicht, dass dieses unser Denken vorwiegend äußeren Einflüssen unterliegt. Wir glauben, dass unsere Einstellung von einem freien Willen geprägt ist. Dass Veränderungen im Denken, von Generation zu Generation, durch natürliche Evolution und Fortschritt bestimmt werden. Und wer immer glaubt, anders sein zu müssen, ist rückständig. Vielleicht sind wir sogar überzeugt, dass sie unsere Hilfe brauchen, wie es der Vorsitzende Mao dem Dalai Lama im Film „Kundun“ zu erklären versuchte.

Führen wir ein Gespräch und bemühen uns, einen Mitmenschen zu überzeugen, dass sein Denken nicht ausschließlich seinem Inneren entspringt, sondern von außen her beeinflusst wird, so werden wir mit ziemlicher Sicherheit auf Widerstand stoßen. Wären wir alle Opfer von Manipulation, wäre dies ein Zeichen von Schwäche, die kaum jemand einzugestehen bereit ist. Wenn ich diesen Text hier schreibe, geht es mir aber keinesfalls darum, den Leser zu schulmeistern. Ich selbst habe lange Jahre mit derartigen Gedanken verbracht, sie immer wieder neu aufgerollt, neu analysiert, und ich bin dabei zu dem einen überaus bedeutenden Schluss gelangt: Wenn der Mensch auch anderen gegenüber einen symbolischen Schutzwall errichtet, nichts sollte uns davon abhalten, uns selbst gegenüber ehrlich zu sein. Uns selbst gegenüber dürfen wir Fehler und Schwächen eingestehen. Gelange ich, für mich alleine, zu der Überzeugung, über lange Zeit falschen Idealen gefolgt zu sein, so habe ich das Recht, diesen Fehler zu erkennen. Ich habe das Recht, mir eine neue Meinung zu bilden.

So sehr ich auch in mir selbst forsche, die wahren Wurzeln meiner Einstellung sind kaum oder nur selten zu erkennen. Folge ich einer bestimmten Denkweise, so erscheint mir diese als durchaus normal – also „der Norm entsprechend“ – wenn ich sie mit der Mehrzahl meiner Mitmenschen teile. Dabei handelt es sich übrigens keineswegs um eine Schwäche, sondern um eine natürliche Bedingung des sozialen Lebens. Dass sich die Einstellung der Gemeinschaft den Umständen anpasst, auch das würde ich als gesunde Reaktion bezeichnen. Treten nun entscheidende Veränderungen im Lebensstil ein, die sich weit über meinen Nahbereich hinaus ausdehnen, die sich in Italien und in Frankreich ebenso finden wie in Amerika und in Australien, sollte ich gleichzeitig die Möglichkeit ins Auge fassen, dass es sich vielleicht um eine bewusste Steuerung handeln könnte.

Warum bemühen sich Experten der Werbebranche, Kindern bestimmtes Spielzeug oder Essen näher zu bringen? Um die Kinder glücklicher zu machen oder um Einnahmen zu erzielen? Warum basiert Werbung für Erwachsene überwiegend auf Manipulation, anstatt auf Information? Warum werden nicht die technischen Daten eines Fahrzeuges aufgezählt, sondern es gleitet über unbefahrene Bergstraßen? Warum nähern sich die hübschesten Mädchen in den Werbespots Männern, die eine bestimmte Bekleidungsmarke tragen? Sorgen sich die Gestalter dieser Szenen um unser Glücksgefühl oder um den Erfolg der Werbekampagne, also um die steigenden Umsätze?

Und wie sieht es mit Spielfilmen aus? Durchaus auffällig erscheint es heutzutage, wenn in einem Film aus den 1960er-Jahren nicht nur der Held, sondern auch Wissenschaftler und Ärzte ständig eine Zigarette in der Hand halten.

avatarÜbrigens, James Cameron hat mit „Avatar“ ein wahres Meisterwerk erschaffen. Es wäre zu umfassend, die Details hier anzuführen. Doch, im Gegensatz zu fast allen anderen Hollywood-Produktionen, stellte sich dieser Film eindeutig gegen den Zeitgeist. Warum gibt es nicht mehr solcher Filme? Warum wurde dieser größte Erfolg aller Zeiten bei der Oscar-Verteilung derart benachteiligt?

Fragen Sie sich offen und ehrlich, wonach Sie sich im Leben sehnen, in welchen Bereichen ihre Interessen liegen, dann sollten sie sich gleichzeitig auch die Frage stellen, ob an der Erfüllung dieser Wünsche irgend jemand profitiert. Natürlich verdient auch der Bäcker Geld, wenn Sie Brot kaufen (gibt’s eigentlich noch Bäcker oder nur mehr Brotfabriken?). Berücksichtigen Sie jene Dinge, die über unsere Grundbedürfnisse hinausreichen. Und dann versuchen Sie sich zu erinnern, was diese Ideen in Ihnen hervorgerufen haben könnte.

Haben Sie sich jemals danach gesehnt, den Stress des Alltags einfach zurück zu lassen? Haben Sie jemals daran gedacht, in einer bescheidenen Hütte zu leben, einfache Kleidung zu tragen und sich überwiegend ihren wirklich eigenen Interessen hinzugeben? Ein Buch zu schreiben, Bilder zu malen, zu komponieren, Yoga zu praktizieren oder auf andere Art den Sinn des Lebens zu erforschen? Falls ja, warum haben Sie es nicht getan? Vermutlich, weil Ihnen das Geld dazu fehlte. In unserer modernen Zeit muss der Mensch nämlich wohlhabend sein, um ein bescheidenes Leben führen zu können. Geld wird in Ballungszentren verdient, wo die Basiskosten entsprechend hoch sind, dass sich auch bei bescheidensten Ansprüchen selten auf einen Vollzeitjob verzichten lässt. Lassen Sie sich in der Hütte am Waldrand nieder, kämen Sie mit der Hälfte des Geldes oder mit noch weniger aus. Doch wie wollen Sie dieses dort verdienen? Am Waldrand.

Vergleichen wir unser eigenes Leben mit dem der Menschen in Bhutan oder in entlegenen Regionen Indiens oder Südamerikas, so könnten wir glauben, dass man sich dort nach dem gleichen Fortschritt sehnt, den wir genießen. Ja, vielleicht, eines Tages, wenn diesen Menschen die Bilder von Hollywoodstars in Luxusvillen per Fernseher ins Haus geliefert werden, so könnte es durchaus sein, dass dies Sehnsüchte in ihnen weckt. Wer würde nicht gerne so wohnen, mit riesigem Swimmingpool und Meerblick? Doch wer will wirklich täglich im Stau stecken, dem Boss verlegen erklären, warum er um zehn Minuten zu spät zur Arbeit kommt, am späten Nachmittag schnell in den Supermarkt hetzt, um vor den wenigen geöffneten Kassen Schlange zu stehen? Und danach erschöpft und frustriert vor dem Fernseher sitzen und sich Bilder der modernen Welt ansehen, die einen Lebensstil zeigen, der mit dem eigenen in keiner Weise vergleichbar ist. Lachende Gesichter in Werbespots, gefeierte Stars in der Sportarena. Und all dies hätte sich entwickelt, weil es die Leute so wollen. Und nicht, weil an all diesen kleinen Details, die unser Alltag mit sich bringt, irgend jemand verdient.

In Bhutan dürfen die Menschen noch bescheiden leben. Kein Rationalist weist sie darauf hin, dass ihr buddhistischer Glaube überholt sei und nicht den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht. Und sie dürfen auch dann glücklich sein, wenn sie nicht zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts beitragen.

Die Lebensbedingungen in Europa haben ihre eigene Dynamik angenommen. Das Rad der Geschichte kann und soll auch nicht zurückgedreht werden. Zwei Dinge wären aber trotzdem wünschenswert. Den Massen könnten Ideale näher gebracht werden, vielleicht durch mehr Filme wie James Camerons „Avatar“. Es könnte ihnen vermittelt werden, dass jene Menschen, die in anderen Teilen der Welt bescheiden leben, damit durchaus glücklich sind, solange sie weder Hunger leiden noch bewusst Unzufriedenheit in ihnen geschürt wird, um sie zu guten Konsumenten umzuerziehen. Und vielleicht wäre es auch nicht schlecht, in unserem Teil der Welt Möglichkeiten zu schaffen, ohne Druck und ohne Stress leben zu können. Mit weniger Konsum und mit weniger Arbeit. Doch leider, in beiden Fällen würde sicher das Bruttoinlandsprodukt zu kurz kommen.

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