Dienstag , 21 Mai 2019
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Gibt es auf Erden ein Maß?

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Zum Programm des Deutschlandfunks gehört seit 2006 sonntags die von mir sehr geschätzte Sendung „Essay und Diskurs“. Im Essay oder Gespräch werden dabei sowohl aktuelle als auch grundsätzliche politische oder wissenschaftliche, kulturelle oder philosophische Themen behandelt, oft in mehrteiligen Serien und mit ausgewiesenen Fachleuten. Thema einer kürzlich gesendeten, zweiteiligen Serie war die Frage „Gibt es auf Erden ein Maß?“ Diese Frage, die auch mich zunehmend beschäftigt, je länger ich lebe, bezieht sich auf den vom antiken Sophisten Protagoras im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geäußerten Satz “Der Mensch ist das Maß aller Dinge.” In Gesprächen der Autorin Astrid Nettling mit dem Mediziner, Psychiater und Phänomenologen Thomas Fuchs sowie dem Philosophen und Ethiker Jean-Pierre Wils wurde der Frage nachgegangen, welche Herausforderung der Satz des Protagoras für den heutigen Menschen noch immer darstellt.

Thomas Fuchs, 1958 in München geboren, Dr. der Medizin und Philosophie und Karl Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg, geht von der Bedeutung des Satzes in der Antike und des ihm zugrunde liegenden Anthropomorphismus aus. Danach ist das Maß aus unserem eigenen Erkennen, dem Maß nehmen nach eigenem Maß, gegeben. In der auf das Mittelalter folgenden Neuzeit verändert sich die Einstellung zum Menschen als Maß aller Dinge. Wie die neuzeitliche Wissenschaft mathematische Theorie und technische Empirie voneinander unterscheidet und miteinander verbindet, wird auch der Mensch in eine physikalische und eine subjektive Komponente unterteilt. Das Ziel ist dabei ein physikalisches, ein Zerlegen in etwas, das technisch beherrschbar ist.

Ein entscheidender Wendepunkt in der Moderne stellt nach Fuchs die neuere Hirnforschung dar, deren Ziel die Quantifizierung, also Messbarkeit unserer Erfahrungswelt ist. Analog zu Descartes’ Dualismus der Innen- und Außenwelt bleibt dabei die Innenwelt im Gehirn lokalisiert, sodass nach Fuchs auch im materialistischen Programm der Neurowissenschaften ein latenter Dualismus erhalten bleibt. Seiner Meinung nach ist das Gehirn in diesem Modell allerdings gefangen, gehört nicht mehr in die Welt, mit der wir uns auseinandersetzen. Das Gehirn wird zum Metaobjekt hinter unserem Rücken. Fuchs’ Plädoyer für das Gehirn als dem großen Schöpfer, das handelt und in uns handelt, mit dem wir unsere subjektive Erfahrungswelt, unsere Auffassungen von Pädagogik, Recht und Ethik mit Hilfe der Geisteswissenschaften gestalten, klingt für mich ermutigend klar.

Fuchs zeigt auch die andere Seite, die Faszination des Menschen durch bildhafte und greifbare Vorgänge der Neurowissenschaften. Nach dem Motto: „Jetzt haben wir es erfasst, jetzt haben wir die Macht auch über Trauer und Freude, Schmerz und Leid!“ Fuchs befürchtet, dass auf diese Weise die eigene Selbstdeutung verdinglicht wird, zum Objekt macht und sie daran hindert, leidvolle Erfahrungen zu verarbeiten und in Beziehung zum eigenen Leben sowie zu anderen Menschen zu setzen. Denn das Gehirn ist ein Beziehungsorgan, es steht in Gefühls- und geistiger Beziehung und in Beziehung zu anderen Menschen. Was die Lunge für die Atmung ist, ist nach Fuchs das Gehirn für den Menschen. So, wie Lunge und Atmung im ständigen Austausch sind, sind es auch der Mensch und sein Gehirn: ständig in Beziehung und fortlaufend in Veränderung begriffen.

Das Gehirn wird so durch seinen biologisch sozialen Charakter geprägt, unser Geist formt das Gehirn. Es ist unsere Lebensaufgabe, durch geeignete Erfahrungen, durch unsere Sinne und Fähigkeiten unser Gehirn so zu gestalten, dass wir darüber unser Wesen im positiven Sinn verändern. Wenn wir, auf Protagoras’ Satz bezogen, den Menschen wieder als Maß zur Grundlage unserer Lebenswelt machen, muss nach Fuchs die Welt so verwandelt werden, dass sie uns vertraut bleibt, von unserer Art ist. Denn der Mensch ist ein Mikrokosmos, ein Teil der Welt, weil die Welt von seiner Art ist.

Jean-Pierre Wils, 1957 in Geel (Belgien) geboren, Dr. der Theologie und Professor für „Kulturtheorie der Moral, im besonderen Hinblick auf die Religion“ an der Fakultät für Religionswissenschaft der Radboud Universität Nijmegen (NL), äußert sich darüber, dass der von Protagoras geprägte Satz seiner Meinung nach das Schicksal aller philosophisch wichtigen Sätze teilt: häufig falsch verstanden zu werden. Als einen der wichtigsten Nachfahren des vorzeitlichen Griechen würdigt er den italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola, dessen als “Rede über die Würde des Menschen” bekanntes Werk zu den berühmtesten Texten der Renaissance gehört und außerdem als Programmschrift für die neuzeitliche humanistische Anthropologie gilt. Pico war der Auffassung, dass „dem Menschen als einzigem Wesen der Schöpfer die Eigenschaft verliehen hat, nicht festgelegt zu sein.“ Daher sei der Mensch „ein Werk von unbestimmter Gestalt“. Als Verstoßener der Schöpfung habe er die Aufgabe, sich selbst zu gestalten. Wils glaubt, dass Pico in seiner Schrift auch bereits das Gefühl formuliert hat, dass bei der Gestaltung durch den Menschen etwas schief gehen könne.

Die neuzeitliche Tradition geht, wie bereits von Fuchs angesprochen, nicht mehr vom vorgefassten Maß aus. Seit Immanuel Kant ist die Natur eine ideologisch verdächtige Kategorie, kein Maß mehr wie in der Antike. Ein weiterer Ausdruck dieser Entwicklung ist Friedrich Nietzsches in „Jenseits von Gut und Böse“ formulierter Satz: „Das Maß ist uns fremd, gestehn wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des Unendlichen, Ungemeßnen.“

Nach Wils führt die Moderne immer weiter weg von einer übersichtlichen Welt. Dabei geschehen seiner Ansicht nach manche wissenschaftliche Technologien in einem Maß, das uns bis vor etwa 60 Jahren nicht bekannt gewesen ist und das im Menschen Gefühle der Ohnmacht und der Grenzüberschreitung erzeugt. Dennoch glaubt er, dass die Gestaltung der Welt zu korrigieren ist, wie das Beispiel des beginnenden Atomausstiegs zeigt. Wils ist überzeugt, dass die Wissenschaft zur Selbstmäßigung fähig ist und dass die wichtigste Institution, bereits Erreichtes infrage zu stellen, die Wissenschaft selbst ist. Er plädiert für mehr Wissenschaft, um entstandene wissenschaftliche Sackgassen aufzulösen.

Auf den Satz des Protagoras eingehend und nach dem Maß fragend, meint Wils, dass zuvor die Frage zu klären sei, was der Mensch ist. Anschließend könne man sich auf die Bestimmung des Maßes zu bewegen, mit dem der Mensch ohne ständiges Erschrecken leben könne.

Link zu den beiden Sendungen im Deutschlandfunk:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1453524/

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1448232/

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