Dienstag , 29 September 2020
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Idealismus versus Materialismus

wigwamPasst ein Vergleich dieser beiden Gesellschaftsformen wirklich zum Thema Yoga, über das ich nun seit einigen Monaten regelmäßig berichte? Die Yoga-Lehre steht zweifellos jenseits aller politischen Konzepte. Trotzdem übt gerade das System, in dem wir leben, den einschneidendsten Einfluss auf unser Denkschema aus. Eigenschaften wie Stolz und Egoismus, die einer Weiterentwicklung im spirituellen Bereich entgegenwirken, erscheinen oft als Grundbedingung für Erfolg im materiellen Bereich. Demzufolge findet sich der Yoga-Praktizierende im Alltag mit Herausforderungen konfrontiert, die sich mit seinen eigentlichen Zielen nur schwerlich, wenn überhaupt, harmonisieren lassen. Vielleicht birgt der Vergleich zwischen Yoga und den gegebenen Bedingungen im modernen Leben auch den Schlüssel zum Erkennen, warum sich unsere derzeitige Zivilisation mit so vielen scheinbar unlösbaren Problemen konfrontiert findet.

Beim eigentlichen Ziel des Praktizierens von Yoga – mit allen Übungen, Selbstbeobachtung und dem Erlernen geistiger Disziplin – handelt es sich natürlich um die Erweiterung des Bewusstseins. Wie im ersten Artikel dieser Serie erklärt wurde, bedeutet das Wort „Yoga“, basierend auf der Sanskrit-Silbe „yuj“, soviel wie „verbinden“ oder „vereinigen“, im weiteren Sinne also: Harmonie. Mit der Schöpfung oder dem Kosmos, mit sich selbst und mit der Umwelt. Yoga-Praktizierende mögen von „rational denkenden“  Menschen vielleicht belächelt werden. Zweifellos handelt es sich bei ernsthaften Weisheitssuchenden jedoch um Mitmenschen, die sich jederzeit durch angenehme Ausgeglichenheit auszeichnen, die niemanden übervorteilen, die keine Konflikte provozieren, die bestenfalls durch noble Bescheidenheit auffallen. Auch wenn sich jemand selbst nicht bereit fühlt, diesen Weg zu beschreiten, eine Gesellschaft, die zu einem größeren Teil aus friedvollen und mitfühlenden Menschen bestünde, sollte eigentlich wünschenswert sein.

Die Yoga-Lehre basiert darauf, dass alle empfindsamen Wesen auf einer geistigen Ebene miteinander in Verbindung stehen. Wer seine Mitmenschen in irgend einer Form verletzt, schadet sich, diesem Konzept zufolge, letztendlich selbst. Jede Handlung bringt sogenanntes Karma mit sich und führt zu späteren Konfrontationen, die uns selbst erleben lassen, was wir anderen angetan haben.

In diesem Sinne gibt es eine Reihe von Eigenschaften, die der Harmonie, sowohl mit der Umgebung als auch mit sich selbst, entgegenwirken. Zu diesen zählen: Ärger, Habgier, Begehren, Egoismus, Neid und Eifersucht.

Werfen wir kurz einen Blick auf die Entwicklung des Menschen vom Naturgeschöpf zum Zivilisationsträger. Auch wenn die Evolutionstheorie nicht in allen Bereichen akzeptierbar erscheint, so beschreibt sie doch sehr überzeugend den Übergang primitiver Menschenarten zum Homo Sapiens der Neuzeit. In erster Linie war es das Zusammenleben in Gruppen, das den entscheidenden Vorteil im Überlebenskampf mit sich brachte. Das koordinierte Verfolgen gemeinschaftlicher Interessen erlaubte nicht nur, Tiere in der Größenordnung von Mammuts mit vereinten Kräften zu erlegen, sondern auch, sich gegen äußere Feinde systematisch zu schützen. In weiterer Folge können wir davon ausgehen, dass die Fähigkeiten Einzelner dem Gemeinwohl dienten. Einerseits lernten die Menschen voneinander, andererseits teilten sie die Arbeit, den jeweiligen Geschicken entsprechend. Jede neue Entwicklung, jede Verbesserung und jedes Anheben des Komforts erstreckte sich gewiss über mehrere Generationen. In erster Linie war es jedoch dieses Miteinander, das gemeinsame „Ziehen am gleichen Strang“, was die Grundvoraussetzung für spätere Hochkulturen schaffte.

Das am leichtesten zu erforschende historische Beispiel von Gesellschaftsformen, die als „idealistisch“, im Gegensatz zu „materialistisch“, gelten, findet sich bei den Indianern Nordamerikas. Bis vor wenigen Generationen wurde die traditionelle Lebensform praktiziert und ist somit in praktisch allen Details überliefert. Während eine Menge von Hollywood-Filmen versuchte, Indianer als „Wilde“ darzustellen, lebten sich durchaus in zivilisierten, koordinierten Gesellschaftsformen. Die meisten Völker folgten matriarchalischen Prinzipien. Jeder Großfamilie stand eine Frau vor. Diese, allgemein respektierten, Sippen-Führerinnen wählten einen Mann zum Häuptling, der von den Clan-Müttern, wie sie genannt wurden, jedoch jederzeit wieder abgesetzt werden konnte. Die einzelnen Dörfer standen nicht nur in Kommunikation mit benachbarten Siedlungen, auch wurden Kontakte zu anderen Völkern unterhalten. In zumindest einem Fall führten die politischen Verbindungen sogar dazu, dass eine Gemeinschaft, die aus fünf verschiedenen Völkern bestand, gegründet wurde. Sie nannten sich „fünf Nationen“, besser bekannt als Irokesen, denen unter anderem die Mohawks angehörten.

Als persönlicher Besitz galt grundsätzlich nur, was der Einzelne bei sich tragen konnte. Beim Rest handelte es sich um Gemeinschaftsgut. Demzufolge war es auch völlig ausgeschlossen, Land zu besitzen. Außerdem, die Erde ist unsere „Mutter“, die uns beschützt und mit Nahrung versorgt. „Wir sind nicht die Herren dieser Erde“, gab Archie Greyowl bei einem seiner Vorträge in London von sich, „sondern ihre Kinder.“

Eine erwähnenswerte Begleiterscheinung dieser Lebensform ist die Tatsache, dass es in Indianersprachen kein Wort für „Lüge“ gibt. Deswegen spricht der „Weiße Mann“ auch „mit gespaltener Zunge“. Denn die Lüge existierte nicht im Denkschema der amerikanischen Ureinwohner. Was sollte vor dem Nächsten verborgen werden, wenn die Gemeinschaft für alle Beteiligten als erstes Ziel galt? Bei derartigen Lebensumständen scheinen Eigenschaften wie Habgier, Begehren, Egoismus und Neid grundsätzlich nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen.

In einer materiell orientierten Gesellschaft tragen gerade diese Eigenschaften jedoch zur weiteren Entwicklung bei. Was sonst sollte dazu motivieren, mehr als ein Minimum an Arbeitsleistung zu erbringen, wenn diese nicht individuell belohnt wird? Eine nicht unwesentliche Gruppe von Industriezweigen verdankt ihr Wachstum gerade diesen menschlichen Schwächen. Bis zu einem gewissen Grad könnte diese Entwicklung auch durchaus als begrüßenswert erachtet werden. Allerdings, werfen wir einen Blick auf das Gemeinschaftsdenken, wie es sich insbesondere während der vergangenen Jahrzehnte entwickelte hat, so ergibt sich immer mehr der Anschein, dass wir schon lange nicht mehr Teil einer Gemeinschaft sind, sondern nebeneinander existierende Individuen. Selbst die einst geförderte Harmonie innerhalb der Familie zerbricht immer mehr, wenn Kinder außer Haus erzogen werden, beide Elternteile vollzeitbeschäftigt sind und sich im Alltag immer weniger Berührungspunkte ergeben.

Bei Begehren, dem Wunsch danach, bestimmte Objekte zu besitzen, handelt es sich um einen wichtigen Motor der modernen Wirtschaft. Die Unzufriedenheit bis zur Erfüllung des Wunsches dient als Ansporn zum Erbringen von mehr Leistung. Das, durch Egoismus bedingte, Ansammeln kostspieliger Gebrauchsgegenstände, von bestimmten Bekleidungsmarken bis zum zu teuren Auto, weckt Neid und das Verlangen, gleiches zu besitzen. Psychologisch bestens ausgearbeitete Werbestrategien sprechen genau diese menschlichen Schwächen an.

In unserer modernen Welt findet sich jeder Einzelne regelmäßigem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Dazu zählt nicht nur das wirtschaftliche Überleben von Betrieben. Auch der Arbeitnehmer findet sich mit einer Unzahl von Mitbewerbern konfrontiert. Sogar Kinder stehen, was ihre Kleidung, ihre Spielsachen, Computer, iPhones etc. betrifft, in Konkurrenz zueinander. „Geborgenheit“ erscheint wohl kaum als Modewort.

Ich bin überzeugt, die meisten Menschen sind sich dessen keineswegs bewusst, dass wir unentwegt gegeneinander ausgespielt werden. Zu regelmäßig tauchen jene Konfrontationen auf, die uns zu mehr Konsum, zu mehr Leistung, zu mehr Egoismus, zu mehr Ellbogentechnik anspornen, gleichzeitig aber auch emotionale Isolation mit sich bringen, dass sie noch unsere Aufmerksamkeit wecken könnten. Es handelt sich um Bestandteile unseres modernen Lebens.

Das Streben nach mehr Besitz, was einst als Habgier bezeichnet wurde, weckt mittlerweile allgemeine Bewunderung. Wenn ein Millionär seinem Bruder, der in Geldnöten steckt, Hilfe verweigert, bringen wir meist volles Verständnis dafür auf. Armut wird als persönliches Versagen eingestuft. Wir sind von so vielen Äußerlichkeiten umgeben, dass der menschliche Kern seine Bedeutung eingebüßt zu haben scheint.

Stellen Sie sich einen Swami vor, der in seiner bescheidenen Kammer in einem Ashram lebt. Oder denken Sie an einen Einsiedler, dem nichts als eine kleine Hütte und die notwendigsten Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Vergleichen Sie diese Lebenssituation nun mit bekannten Stars, luxuriösen Anwesen mit Meerblick, Reisen im Privatjet, unzählige Berichte in der Presse, an all die Menschen, die sich um diese Idole scharen. Wessen Rolle finden Sie erstrebenswerter? Und keiner von uns kann beurteilen, ob der Mönch oder der Eremit nicht letztendlich ein ausgefüllteres, ein glücklicheres Leben verbringt.

Wem schenken wir mehr Anerkennung? Dem Mann, der sich durch zur Schau gestellten Ärger gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzt, sein Recht durchzusetzen versteht, oder dem, der einer lästigen Konfrontation die Bedeutung abspricht und sich stillschweigend zurückzieht?

Wer über die zitierten Eigenschaften, Ärger, Habgier, Begehren, Egoismus, Neid und Eifersucht, näher nachdenkt, wird erkennen, dass sie alle unserer inneren Ausgeglichenheit entgegen wirken. Schon an anderer Stelle habe ich erwähnt, dass es völlig sinnlos ist, sich Wutanfällen hinzugeben, insbesondere, wenn diese nichts anderes bewirken als dass wir die Kontrolle über uns selbst verlieren. Haben Sie jemals das „Glücksgefühl“ genossen, sich endlich das Auto zu leisten, dass Sie sich immer schon erträumt haben? Und wie lange hat es gedauert, bis der Besitz dieses Fahrzeuges zur täglichen Gewohnheit wurde, sich keineswegs als anhaltende Erfüllung erwies? Haben Sie jemals dieses bereichernde Gefühl erlebt, einem anderen Menschen wirklich geholfen zu haben? Wie sehr verblasst dagegen ein Erfolgserlebnis, das durch das Schaffen eines Vorteils gegenüber Mitbewerbern entsteht? Ist es nicht angenehmer, sich darüber zu freuen, wenn sich ein Freund oder Nachbar einen tiefen Wunsch erfüllt, anstatt ihn der neuen Anschaffung wegen zu beneiden? Haben Sie schon jemals eine Beziehung erlebt, die sich durch Eifersucht verbessert hat?

Das erste Ziel jedes Lebewesens, also nicht nur von Menschen, umfasst drei Punkte: Nahrung, Unterkunft und Sex. Ungeachtet wie hoch unsere diesbezüglichen Erwartungen im Vergleich zur Tierwelt stehen, es handelt sich unumstritten um eine Gemeinsamkeit, die sowohl das Überleben des Einzelnen als auch der Art sichert. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, folgt ein neuer Wunsch: Wohlstand. Auch wenn wir in diesem Zusammenhang an Ansehen denken, an Respekt, der uns entgegen gebracht werden könnte, wenn man uns für reich hält, im Prinzip dient die Ansammlung von Besitz dazu, die drei Grundbedürfnisse auch langfristig zu sichern.

Während die meisten Menschen ihr Leben damit verbringen, sich um die niedrigsten drei Bedürfnisse zu kümmern, wird Wohlstand nur wenigen beschert. Doch damit ist das Leben noch lange nicht ausgefüllt. Als nächster Schritt entsteht der Wunsch nach Macht. Wozu dient Macht? Sie soll eine gesellschaftliche Position mit sich bringen, die erlaubt, Wohlstand langfristig zu sichern, um für alle Zukunft das Erfüllen der Grundbedürfnisse zu garantieren.

Den meisten von uns wird es für den Rest unseres Lebens versagt bleiben, das Gefühl von Macht zu erleben. Ungeachtet wie bereichernd wir uns dieses Erlebnis vorstellen, die wesentlichsten Fragen, die das Leben mit sich bringt, lassen sich auch für die Mächtigsten dieser Welt um nichts leichter beantworten. Warum ist Sein und nicht Nicht-Sein? Was ist der Sinn der Schöpfung? Wo liegen die Grenzen unseres Bewusstseins? Welche Art von Existenz bleibt unseren Sinnen verborgen? Sind wir tatsächlich sterblich? Wenn nicht, was passiert mit uns nach dem physischen Tod?

In unserer derzeitigen Zivilisation steht Besitz im Vordergrund. Erlangt wird dieser durch die Arbeitsleistung und durch den Konsum der Massen. Gehen wir von der theoretischen Möglichkeit aus, ein nennenswerter Anteil der Bevölkerung würde sich Yoga, Buddhismus oder ähnlichen Lebensformen verschreiben, bei der nicht Konsum im Mittelpunkt steht, wäre unser derzeitiges Wirtschaftssystem nicht aufrecht zu erhalten. Sagenhafte Reichtümer, die während der vergangenen zwei Jahrhunderte entstanden sind, basieren aber auf diesem Wirtschaftssystem. Dementsprechend ist auch zu erwarten, dass Menschen, die auf diesem Wege Machtpositionen erlangt haben, kaum daran interessiert sein könnten, eine Ideologie zu verbreiten, die nicht nach materiellen Dingen strebt. Und wenn Sie sich jemals gewundert haben, warum Weisheitskonzepte, ungeachtet, ob es sich um Yoga, Buddhismus, vergleichende Religionsforschung, Mystik, die Erforschung des Bewusstseins, die Suche nach innerer Zufriedenheit, nicht mehr Promotion erfahren, obwohl sie eigentlich ein harmonischeres Zusammenleben mit sich bringen würden, dann denken Sie einfach darüber nach, wem, außer Ihnen selbst, das Verstehen der „Geheimnisse des Seins“ Vorteile bringen würde.

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