Mittwoch , 19 Februar 2020
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Dürfen Yoga-Stunden Geld kosten?

rishikeshUngeachtet, ob es sich um Yoga oder andere Weisheitslehren handelt, sobald Geld ins Spiel kommt, entsteht ein bitterer Beigeschmack. Ist es angebracht, sich die Weitergabe von Wissen durch Geld vergüten zu lassen? Andererseits, werden Yoga-Kurse angeboten, sind dafür Räumlichkeit von Nöten. Es entstehen Unkosten. Von wem sollen diese getragen werden? Daneben gibt es aber auch selbsternannte Gurus, die von ihren Anhängern zwar deswegen gepriesen werden, weil sie sich angeblich für ihre Lehrtätigkeit nicht bezahlen lassen, doch werden ihnen Privatjets und teure Hotel-Suiten finanziert. Wo lässt sich die Grenze ziehen? Wann wird Yoga zur Geschäftemacherei?

Rishikesh, am Oberlauf des Ganges, gilt als heilige Stadt. Nirgends gibt es Fleisch oder alkoholische Getränke. Bettler warten geduldig auf Spenden, anstatt hinter auserwählten Opfern herzulaufen, wie es im Rest Indiens mehr als nur üblich ist. Und, obwohl alle Arten von Waren feilgeboten werden, fällt es angenehm auf, dass der Besucher weder durch aggressive Marktschreier noch durch Schlepper belästigt wird. Und trotzdem fehlt es auch in Rishikesh nicht an Touristenfallen. Wer hofft, in wenigen Tagen Erleuchtung zu finden, dem werden willig Kurse dafür angeboten. Gegen Vorkasse, versteht sich.

Es war der Besitzer des Hotels, der mir nach einem längeren Gespräch anbot, mich mit seinem persönlichen Yoga-Lehrer bekannt zu machen. Ich hatte schon einige Zeit in Südindien hinter mehr, hatte an Yoga-Kursen teilgenommen, die den Erwartungen westlicher Touristen entsprechend ausgerichtet waren. Ich hatte Konfrontationen hinter mir, die ich schlicht als Abzocke bezeichnen möchte. Der Brahmane im Tempel von Kanchipuram, dem 100 Rupien als „den Göttern geweihtes Opfer“ zu wenig erschienen. Dilettantische Wahrsager in den Straßen von Neu-Delhi, die mit nichts anderem als billigen Taschenspielertricks aufwarten. In Indien hat es sich herumgesprochen, mit wie wenigen Dollars oder Euros ein ansehnlicher Rupien-Betrag korrespondiert. Und dem Besucher aus dem Westen etwas Geld aus der Tasche zu ziehen, erscheint meist nicht einmal als unmoralisch. Genießen diese doch den Ruf, ohnehin reich zu sein.

Ein warmherzig lächelnder Mann in orangeroter Mönchskleidung saß mir gegenüber auf dem Boden. Den Kopf kahl geschoren, wirkte sein Gesichtsausdruck warmherzig, mitfühlend, vertrauenserweckend. Der Hotelbesitzer hatte ihm erklärt, dass ich an Yoga interessiert sei. Und der Swami bot mir an, mich zu unterrichten.

Ich fühlte mich nicht wirklich wohl dabei, nach den Kosten zu fragen. Doch, nach mehrmaligen unliebsamen Erfahrungen, wollte ich mich nicht im nachhinein mit teuren Überraschungen konfrontiert finden. Anstatt einen Betrag zu nennen, gab der Swami jedoch wörtlich von sich: „Bist du bereit, den Preis, den ich fordere, zu bezahlen?“ Die Frage klang hart und kompromisslos. Es käme darauf an, gab ich, etwas verunsichert, zurück. Der Swami wiederholte: „Ich will wissen, ob du bereit bist, den Preis, den ich fordere, zu bezahlen!“

Mehrere Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Warum wollte er zuerst meine Zusage, bevor er mir den Betrag, den er sich vorstellte, nannte? Gleichzeitig klangen seine Worte aber derart bestimmt, dass ich eine erneute Frage nach der Höhe als sinnlos erachtete. Ich dachte noch kurz, dass ich zum vereinbarten Termin ja nicht zu erscheinen bräuchte, wenn seine Forderung tatsächlich unverschämt hoch ausfallen würde. Und so erfolgte meine Antwort mit zaghafter Stimme: „Ja!“

Plötzlich veränderte sich der ernste Gesichtsausdruck des Swamis zu einem herzlichen Lächeln. Im gleichen Moment, als er seine Forderung aussprach, fühlte ich mich, meines tief verankerten Misstrauens wegen, durch und durch beschämt. Praktizieren war der Preis, den er mir abverlangte.

Es heißt, dass es eines Lehrers bedarf, um im Yoga Fortschritte zu erzielen. Ich würde dabei jedoch zwischen zwei Arten von Lehrern unterscheiden. Es gibt eine große Menge von Büchern über Yoga, die als erste Einführung durchaus nützlich sind. Weder der Besitzer des Buchladens noch der Verlag hätten Anlass dazu, Bücher deswegen zu verschenken, weil sie Weisheit zum Inhalt haben. Und braucht der Autor die Tantiemen, um seine Miete zu bezahlen, kann ihm die Annahme seines Anteils, der sich ohnehin in Grenzen hält, wohl kaum vorgeworfen werden. Ähnlich sieht es mit Yoga-Kursen aus. Nicht nur, dass die Räumlichkeiten erhalten werden müssen, auch sind Personen involviert, die natürlich in irgend einer Form Geld verdienen müssen. In solchen Fällen seinen fairen Beitrag zu leisten, dagegen gibt es grundsätzlich nichts einzuwenden.

Doch das, was sich aus gedruckten Texten und den üblicherweise angebotenen Yoga-Kursen lernen lässt, hält sich in Grenzen. Bücher oder eine Artikel-Serie wie diese zeigen die Richtung an, vermitteln eine gewisse Vorstellung, doch helfen sie nur, den wahren Sinn der Übungen zu erahnen. Und auch wer in seiner Stadt einen Yoga-Kurs belegt, sollte seine Erwartungen nicht all zu hoch schrauben.

Beim eigentlichen Lehrer, beim Guru, handelt es sich um eine Person, die den großen Schritt der Bewusstseinserweiterung bereits hinter sich gebracht hat.

Selbsterkenntnis ist das erste und höchste Ziel von Yoga. Und gleichzeitig bringt jeder Fortschritt Distanz zu den Konfrontationen in der materiellen Welt mit sich. Wie sollte jemand, der Yoga vollends verstanden hat, noch Freude an den Vergnügungen des Welttheaters finden? „Der wahre Weise erkennt keinen Unterschied zwischen Freude und Leid, zwischen Reichtum und Armut“, erklärt die Bhagavad Gita. Das wahre Ich existiert in einer anderen Dimension. Und dieses „höheren Selbst“ werden wir uns, so besagt die Lehre, erst dann bewusst, wenn wir nicht den Verführungen der vergänglichen, illusorischen, materiellen Welt zum Opfer fallen. Wie glaubhaft erscheint die persönliche Erkenntnis eines Gurus, der sich mit Luxusgütern umgibt? Welche Botschaft übermittelt er seinen Schülern, wenn er die materielle Welt als Illusion erklärt, sich selbst jedoch an den Früchten dieser Welt erfreut?

Sri Swami Sivananda, Begründer der Live Divine Society in Rishikesh, erklärte unmissverständlich, dass es nur jemandem, der die sogenannte Selbstverwirklichung bereits hinter sich gebracht hat, zustünde, Yoga zu unterrichten. Nur wenn der Lehrer die Geheimnisse des Seins selbst zu verstehen gelernt hat, kann er auch fähig sein, Schüler langsam in diese Geheimnisse einzuweihen.

Der wahre Guru ist weder bescheiden noch unbescheiden. Er lebt auf einer geistigen Ebene, die jenseits des Dualismus zu verstehen ist. Er ist frei von Stolz und Egoismus. Natürlich wehrt er sich nicht gegen den Respekt, der ihm entgegen gebracht wird. Trotzdem fühlt er sich durch mögliche Respektlosigkeiten aber keineswegs verletzt. Es sollte keinerlei Einfluss auf ihn ausüben, ob er in einem luxuriösen Haus oder einer Mönchszelle lebt. Akzeptiert er den eleganten Wohnsitz, dann nur unter der Voraussetzung, dass sein Verhältnis zu seinen Schülern nicht darunter leidet. Wie könnte einem Guru Vertrauen geschenkt werden, wenn er sein eigenes Leben nicht nach seinen Lehren ausrichtet?

Sri Swami Sivananda erklärte, dass die ersten Fortschritte im Yoga oft als das Erreichen des Ziels missverstanden werden. Auch gewisse Kräfte, sie werden Siddhis genannt, können sich während des Weges einstellen. Laut Sivananda handelt es sich dabei um Verlockungen, die vom eigentlichen Ziel ablenken. Und so mancher Praktizierende bleibt tatsächlich auf dieser Ebene stehen, genießt den Respekt und den Komfort, von dem er plötzlich umgeben ist. Die Worte von Show-Gurus ergeben in den meisten Fällen durchaus Sinn, entsprechen der Wahrheit und den Wurzeln der Lehre. Doch fehlt diesen Menschen, so überzeugend sie auch auftreten mögen, die Fähigkeit, ihre Schüler oder Anhänger wirklich weiter zu bringen.

Für die Teilnahme an einem Yoga-Kurs eine Gebühr zu entrichten, ist mit Sicherheit kein Anlass zu Kritik. Auch gibt es natürlich absolut nichts dagegen einzuwenden, einem Yogin, der vielleicht von weit her zu einem Vortrag anreist, seine Kosten zu ersetzen. Es gibt aber Organisationen, die ihren Guru zum Star erklären, ihn im Privatjet reisen lassen und die teuersten Suiten zur Verfügung stellen. Dass sich dieser Mann irgendwann einmal selbst als Heiliger glaubt, kann man ihm wahrscheinlich nicht einmal verübeln. Doch, glauben Sie mir, wirklich lernen lässt sich auf solchen Veranstaltungen nichts.

Wenn Sie regelmäßig Yoga praktizieren und eines Tages an einem Punkt angelangt sind, an dem es Ihnen nicht mehr gelingt, ohne ihrem persönlichen Lehrer Fortschritte zu machen, dann werden Sie Ihren Lehrer auch finden. Oder er findet Sie. Und er wird von Ihnen mit Sicherheit kein Geld verlangen.

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