Mittwoch , 19 Februar 2020
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Wiedergeburt und Karma

lotusblueteIn der Yoga-Lehre wird eine, vom Körper unabhängige, Lebenskraft vorausgesetzt. Körper und Geist sind Instrumente des Erlebens. Die Konfrontationen, denen sich das inkarnierte Wesen ausgesetzt findet, sind durch ehemalige Taten und Handlungen – auf Sanskrit: Karma – bedingt. Die Konsequenzen des eigenen Handelns beschränken sich dabei nicht nur auf eine einzige Lebensspanne, sondern erstrecken sich über mehrere. Dies würde erklären, warum Menschen schon bei ihrer Geburt auf so unterschiedliche Voraussetzungen treffen. Karma und die daraus resultierenden, oft schmerzlichen Erlebnisse haben dabei ziemlich wenig mit der christlichen Vorstellung von Sünde und Buße zu tun. Es lässt sich eher als Lernprozess verstehen.

Bevor wir uns mit den Erläuterungen über Karma näher auseinandersetzen, analysieren wir kurz die verschiedenen Annahme, den Beginn und das Ende des Lebens betreffend.

1.)    Der materiell-wissenschaftlichen These zufolge, beginnt das Leben eines Individuums im Mutterleib und endet mit dem physischen Tod.

2.)    Christentum und Islam gehen davon aus, dass das Leben zwar im Mutterleib beginnt, von diesem Zeitpunkt an jedoch in alle Ewigkeit fortbesteht.

3.)    Die Yoga-Lehre, die im Hinduismus wurzelt, Buddhismus und andere fernöstliche Lehren basieren darauf, dass Leben weder einen Anfang noch ein Ende hat. Unendliche Male, bis zum endgültigen Verschmelzen mit der Schöpfungskraft, nimmt die individuelle Seele neue und andere physische Formen an.

Ad. 1) Die rein materialistische Ansicht, dass es sich bei Bewusstsein, Denkprozess, Phantasie, Kreativität, bei Ängsten und Sehnsüchten, schlicht bei allem was das Leben mit sich bringt, um Erscheinungen handelt, die auf einer natürlichen Fortentwicklung der Materie basieren, lässt sich mit wissenschaftlichen Argumenten nur schwer widerlegen. Ein möglicher Sinn oder Zweck des Entstehungsprozesses wird nicht vorausgesetzt. Dokumentierte Beispiele, in denen sich Personen in Träumen oder unter Hypnose an Erlebnisse vergangener Leben „erinnern“, dabei oft fremder, veralteter Sprachen kundig sind, und die beschriebenen Ereignisse in historischen Quellen oft auch verifizierbar sind, gelten als „unerklärliche Phänomene“ und werden von der Wissenschaft nicht weiter behandelt.

Ad. 2) Religiöse Dogmen dienen oft Zwecken, die vordergründig kaum, wenn überhaupt, zu erkennen oder zu verstehen sind. Ohne diese Dogmen kritisieren zu wollen, bemühe ich mich im folgenden lediglich darum, die Logik zu hinterfragen.

Neben den angeführten drei Möglichkeiten, müsste es eigentlich noch eine vierte geben: Anfang und Ende. Kein Anfang und kein Ende. Anfang ohne Ende. Was fehlt wäre: Kein Anfang mit Ende. Meines Wissens gibt es weltweit keine einzige religiöse Vorstellung, die von der Existenz einer Seele vor der physischen Geburt ausgeht, in diesem Leben jedoch eine letzte Station erkennt. Dies führt zur logischen Frage, wie soll es möglich sein, dass Leben ohne Ende weiter besteht, aber erst zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnt. Was endlich ist, braucht seinen Anfang. Wie lässt sich bei etwas Unendlichem von einem Anfang ausgehen?

hungry_child_biafraUm welche kosmische Ungerechtigkeit müsste es sich handelt, wäre einem beseelten Wesen eine einige Chance gegeben, auf dieser Erde zu leben. Und die Art, in welcher diese genützt wird, entscheidet über ewiges Glück oder niemals endende Verdammung. Wie grausam das Schicksal eines Kindes, das nach wenigen Jahren qualvoll des Hungers stirbt, während andere, wenn auch sehr wenige, in Luxus und Reichtum geboren werden, die besten Schulen und Universitäten besuchen und dank des Familienerbes ihr ganzes Leben in Ausgefülltheit verbringen. Doch vielleicht haben es die Christen vor zwei Jahrtausenden anders gesehen. Welche Sünden sollen bei der Taufe weggewaschen werden? Klingt die Idee einer sogenannten „Erbsünde“ nicht doch etwas nach einer an den Haaren herbei gezogenen Erklärung für etwas, dessen Sinn vergessen wurde?

Ad 3) Ich setze voraus, dass Sie meine Artikel über Bewusstsein und das sogenannte Selbst gelesen haben. Zweifellos lassen sich die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft als unschätzbare Bereicherung unseres Verständnisses respektieren. Auch dürfen wir diesen Erkenntnissen weitgehendes Vertrauen schenken. Beinahe als spannend möchte ich die Analysen über das Innere der Materie bezeichnen. Ebenso das Verhaltenen von Photonen, die sich, je nach Betrachtungsweise, einmal als Partikel und dann wieder als Wellen verhalten. Forschungen über die geschichtliche Entwicklung unseres Planeten mit all den gravierenden Veränderungen, die Beobachtung des Weltalls und Bilder aus den Tiefen der Meere, all diese aufwendigen Arbeiten können wir getrost den jeweiligen Experten überlassen und uns an ihren Erkenntnissen bereichern. Doch in einem Punkt ist es absolut ausgeschlossen, dass wir darauf warten, dass uns die Wissenschaft jemals ein vollständiges, verständliches Bild anbieten wird. Und das wäre die eigene Existenz. Ich meine damit keineswegs, dass sich die Existenz von Lebewesen, Menschen eingeschlossen, nicht auch irgendwie wissenschaftlich erklären lässt. Dass sich die Anschauungen nicht im Laufe der Zeit auch noch verbessern werden. Ich spreche von Ihrem Bewusstsein, von Ihrem Selbst, von Ihrer eigenen Lebensenergie – ungeachtet, ob Sie den Begriff Seele verwenden oder einen anderen. Und das gleiche gilt natürlich auch für mich. Und für jeden anderen. Verständnis über das eigene Sein, über das eigene Ich, kann nur von jedem selbst erarbeitet und erlangt werden.

Auch wenn der Name „Uni-versum“ auf eines verweist, so lässt sich die Existenz mehrerer „Universen“ keineswegs ausschließen, und sogar manche Physiker und Astronomen ziehen eine derartige Möglichkeit mit in Betracht. In vedischen Schriften wurde schon vor Jahrtausenden behauptet, dass sich das Universum ausdehnt, sich irgendwann wieder zusammen zieht wird, um neu zu expandieren. Dabei handelt es sich, so die Veden, um einen Atemzug Brahmas, der schöpferischen Kraft der indischen Dreifaltigkeit (Brahma – Shiva – Vishnu),

Ich erwähne dies deswegen, um im nachweislichen Anfang des wahrnehmbaren Universums keinen Widerspruch zur anfanglosen Existenz des Lebens zu sehen.

Es mag Spekulationen geben, wie und aus welchem Grund sich der Funke individuellen Lebens aus der kosmischen Schöpfungskraft gelöst haben könnte. Nachdem unsere Vorstellungskraft jedoch kaum über das irdische Dasein und die wahrnehmbare Welt hinausreicht, erachte ich derartige Überlegungen als wertloses Abweichen von der Kernfrage. Tatsache ist, dass wir hier auf dieser Erde leben. Warum? Warum gerade in dieser Form? Warum jetzt? Warum unter den jeweiligen Voraussetzungen? Warum findet sich praktisch jeder von uns mit immer wiederkehrenden Problemen konfrontiert? Warum stellt eine bestimmte Konfrontation für manche Menschen ein Problem dar, für andere aber nicht. Diese fühlen sich gleichzeitig aber wiederum von anderen Unannehmlichkeiten verfolgt.

Genetische Voraussetzungen sowie unverarbeitete Kindheitserlebnisse dienen gewiss als Erklärung, geben aber trotzdem keine Antwort auf die Frage: Warum?

Die Darstellung der Auswirkungen von Karma erklärt es folgendermaßen: Wie erwähnt, lässt sich dieses Sanskritwort mit „Tat“, „Handeln“ oder „Wirken“ übersetzen. Zweifellos setzen wir während unseres Lebens eine Unzahl von einzelnen Handlungen. Die direkten Auswirkungen im Sinne materieller Veränderungen sind uns bekannt. Viele unserer Handlungen üben jedoch ihren Einfluss auf die Lebensqualität und die Empfindungen anderer Wesen, Menschen ebenso wie Tiere, aus. In vielen Fällen sind wir uns dessen jedoch nicht einmal bewusst, was entweder auf Unwissen oder auf Ignoranz beruht. Bösartigkeit lässt sich natürlich ebenso anzuführen. Wie ließen sich die negativen Auswirkungen gesetzter Aktionen auf andere Wesen am besten ins Bewusstsein des Ausführenden bringen? Natürlich, indem er sich selbst – zu einem späteren Zeitpunkt – mit ähnlichen Auswirkungen konfrontiert findet. Dass er selbst darunter leidet.

Ich nehme an, dass die Logik die in dieser Betrachtungsweise steckt, leicht verständlich ist. Als problematisch könnte jedoch die Koordination erachtet werden. Nehmen wir an, ich hätte irgendwann in einem vergangenen Leben jemandem sein letztes Geld gestohlen und ihn dadurch in eine äußerst schwierige Situation versetzt. Wie sollte jetzt ein Zusammenhang mit dem Dieb erklärbar sein, der mir letzte Woche meine Brieftasche geklaut hat, und noch dazu an einem Tag, an dem ich mein gesamtes Bares bei mir hatte?

computerspielIm bereits zitierten Artikel über das Bewusstsein habe ich den Vergleich mit Computerspielen hergenommen, an denen sich viele Menschen simultan beteiligen können. Jedes einzelne Ereignis ist im Programm vorgegeben und wird durch die Beteiligung der Spieler entsprechend beeinflusst oder verändert. Nicht nur dem Konzept der Yoga-Lehre entsprechend, auch der Buddhismus geht davon aus, dass die Summe der Handlungen aller einzelnen Wesen die Voraussetzungen für den Fortbestand materieller Existenz schaffen. Jede Aktion wird in der Matrix gespeichert. Durch die Summe der Aktionen entsteht ein Gesamtbild. Der Ausführende einer bestimmten Handlung behält eine Affinität zu den Auswirkungen, und zwar solange, bis er sie selbst erfährt. Ist dies der Fall, so wäre dieser eine Punkt des Karmas gelöst. Nachdem der Einzelne, während er sein bereits bestehendes Karma aufarbeitet, gleichzeitig aber immer wieder neue Handlungen setzt, häuft sich somit auch neues Karma an, das wiederum zu einem späteren Zeitpunkt seine Auflösung findet. Dabei ist der Zeitpunkt, wann es zu einer bestimmten, unabwendbaren Konfrontation kommt, grundsätzlich offen. Auch muss es sich natürlich nicht um exakt den gleichen Vorgang handeln. Lediglich die Erfahrung der Auswirkungen muss korrespondieren.

Erinnerungen an vergangene Leben

Sehr selten passiert es, dass jemand über klar Erinnerungen an vergangene Leben verfügt. Trotzdem, wer sich selbst beobachtet, sich seine ersten Ängste und Sehnsüchte als Kind in Erinnerung ruft, wiederkehrende, oft auch lange zurückliegende, Träume analysiert, und dies zusammen mit seinen Erlebnissen, mit seinen Konfrontationen in Vergleich setzt, dem kann es durchaus gelingen, gewisse Hinweise auf sein Vorleben zu finden. Natürlich ist es Unsinn, wenn sich jemand einbildet, im letzten Leben Königin Victoria oder Albert Einstein gewesen zu sein. Litten Sie als Kind unter Angst vor Hunden, weil sich der einzige Kontakt zu Haustieren auf den ständig kläffenden Köter des Nachbarn beschränkte, dann ist die Angst dadurch erklärt. Doch wie wäre es, wenn Sie, so weit Sie sich erinnern, in Panik gerieten, sobald jemand, ihre eigenen Eltern eingeschlossen, in Ihrer Gegenwart ein Messer in die Hand nahm? Obwohl sie niemals eine Verletzung durch einen Messerschnitt erlebten oder auch nur beobachteten und auch keine gewalttätigen Filme im Fernsehen sahen. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an Träume, in denen Sie mit gezogenem Kavalleriesäbel in der Hand auf einem Pferd saßen.

An diesem Punkt muss ich etwas ganz Wichtiges einfügen. Verschwenden Sie niemals Ihre Energie und Zeit, Rationalisten von ihren eigenen Erinnerungen an Vorleben überzeugen zu wollen. Bleiben wir beim angeführten Beispiel mit dem Messer, so wird er Sie natürlich „aufklären“, dass etwas in Ihrer Kindheit geschehen sein muss, was Sie einfach verdrängt haben. Er wird Sie bezüglich der Wurzeln unserer Träume schulmeistern, wie er es einmal in einem Buch gelesen hat. Vergessen Sie niemals, so wie Ihnen die Wissenschaft nicht helfen kann, Ihr eigenes Bewusstsein und ihr eigenes Selbst zu erforschen, so kann es auch Ihr bester Freund oder Ihr Partner nicht. Nichts spricht gegen den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, doch seine persönliche Einstellung in diesen Bereichen durch Argumente zu verteidigen, kann und wird niemals funktionieren. Argumentation und Dialektik erfüllen ihren Zweck in der äußeren, von der Wissenschaft erforschbaren, Welt.

Erinnerungen an Vorleben sind gewiss von Hilfe in der Aufarbeitung von Karma, sie sind aber keineswegs vorausgesetzt. Verständnis der Zusammenhänge erleichtert aber durchaus den Umgang mit unangenehmen Konfrontationen. Sie leihen einem Freund Geld und er ist nicht fähig, es Ihnen zurück zu zahlen. Vielleicht sind Sie selbst sogar in diesem Leben, vor langer Zeit, sorglos mit Ihren Zahlungsverpflichtungen umgegangen. Vielleicht in einem vergangenen Leben. In Ärger zu verfallen bringt Ihnen Ihr Geld genauso wenig zurück wie Ihren zahlungsunwilligen Freund, von dem Sie wissen, dass er restlos pleite ist, zu bedrohen. Streben Sie eine Karriere als professioneller Geldverleiher in Unterweltkreisen an, dann müssen Sie natürlich Ihren Ruf verteidigen. Doch, davon gehe ich aus, in diesem Fall hätten Sie den Artikel nicht bis hier her gelesen.

Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass Sie auf Ihre Rechte verzichten sollen. Erwischen Sie jemanden, der Sie bestehlen will, dann setzen Sie sich zur Wehr. Hat Sie jemand betrogen, dann verklagen Sie ihn. Lassen Sie aber alle Emotionen aus dem Spiel. Handeln Sie nicht aus Rache. Akzeptieren Sie, dass derjenige, der Ihnen zu schaden versuchte, nicht nur Ihr eigenes unabwendbares Karma erfüllt, sondern dabei auch eigenes negatives Karma auf sich lädt. Es mag absurd klingen, doch in gewissem Sinne müssten Sie ihm sogar dankbar sein – oder, so wird es erklärt, zumindest Mitgefühl für ihn empfinden.

Nachdem die Zahl der konstruierbaren Beispiele endlos ist, bleibt Ihnen nichts anderes übrig als die Zusammenhänge anhand Ihrer eigenen Lebenserfahrungen zu analysieren und zu erkennen. Sind Sie sich selbst gegenüber offen, so verspreche ich Ihnen, dass es Ihnen auch gelingen wird, ein verständliches, abgerundetes Bild Ihrer eigenen karmischen Voraussetzungen zu finden.

Was spricht gegen das Konzept von Wiedergeburt und Karma?

In erster Linie natürlich die These, dass jede Art von Leben ohne Körper, somit natürlich auch der Übergang von einer Inkarnation zur nächsten, restlos auszuschließen ist. Darüber hinaus, nachdem, wie Sie sicher festgestellt haben, das beschriebene Grundkonzept durchaus auf Logik basiert, wie kommt es, dass es trotzdem von so vielen Menschen abgelehnt wird? Auch von Menschen, die ansonsten die Möglichkeit der Existenz einer intelligenten Schöpfungskraft ebenso wie einer individuellen Seele respektieren. Ich glaube, es liegt daran, die wahren Ursachen für Missgeschick, für völlig unverschuldetes Pech, für Angriffe durch Fremde, in sich selbst suchen zu müssen. Stellen Sie sich vor, es wird jemand von einem Hund gebissen, überhäuft dessen Herrn voller Zorn mit allen möglichen Vorwürfen, und Sie versuchen ihm zu erklären, dass er wohl selbst irgendwann einmal, vielleicht sogar im letzten Leben, einen Hund misshandelt hat. Ist es nicht einfacher, den Hund und dessen Besitzer zu verdammen? Ist es nicht einfacher, immer jemand anderen als verantwortlich zu erachten? Ist es nicht einfacher, die Voraussetzungen in unserer Gesellschaft zu kritisieren, anstatt zu hinterfragen, warum man selbst gerade in dieser Zeit und in diesem Land geboren wurde?

Sri Swami Sivanada, ein wirklich weiser Yoga-Lehrer, der übrigens ausgebildeter Arzt war, bevor er sich ins indische Rishikesh zurückzog, prägte den Ausspruch: Ändere dich selbst und überlass es der Gesellschaft, sich ebenfalls selbst zu verändern! Nicht nur, dass es an der eigenen Situation absolut nichts verbessert, ständig seine Umwelt, seine Mitmenschen oder auch wirklich bösartiges Verhalten Anderer als Rechtfertigung herzunehmen, auch hier verspreche ich Ihnen, wenn Sie die Zusammenhänge wirklich verstanden haben und Ihr Leben danach ausrichten, werden Sie überrascht sein, wie auch die Hindernisse – wenn auch langsam – verschwinden.

Zu diesem Punkt möchte ich aber noch ein Beispiel von einem Schicksalsschlag anführen, dessen Betroffene mir persönlich bekannt sind. Einem Ehepaar wurde ein schwer autistischer Sohn geboren. Der Vater, wie er mir erzählte, „glaubte“ an Karma und Wiedergeburt. Er suchte einen Naturheiler in Südamerika auf, in der Hoffnung, dieser könne seinem Sohn helfen. Er konnte es nicht. Er erklärte ihm, dass er in einem vergangenen Leben mit der gleichen Frau verheiratet war. Sie hätten einen gemeinsamen Sohn gehabt, den sie so schlecht behandelten, dass er Selbstmord beging. Nun wäre er wieder ihr Sohn und wäre eben behindert.

Steckt hinter diesen Zusammenhängen Logik? Erklärt es nicht das ansonsten unerklärbare Schicksal des behinderten Menschen? Er hatte den Körper, der ihn das materielle Leben erfahren lässt, absichtlich zerstört. Mit so einem Körper, hilflos und nichts als Urlaute von sich gebend, verbringt er ein neues Leben. Seine Eltern waren, im vergangenen Leben, durch ihr Verhalten mitverantwortlich. Einst hatten sie einen guten Sohn, dem sie Probleme schafften. Jetzt leiden Sie unter den Problemen, die der kranke Sohn schafft.

Von diesem Tag an lehnte der Betroffene, also der Vater des kranken Kindes, das gesamte Konzept von Karma und Wiedergeburt kategorisch ab. Er findet es einfacher, den lieben Gott oder das Schicksal für diesen Schlag verantwortlich zu halten. Er zieht es vor, sich zu bemitleiden. Allerdings, auch wenn er sich wehrt, die Möglichkeit der Zusammenhänge von diesem Gesichtspunkt aus zu akzeptieren, er versorgt seinen Sohn mit Hingabe und Zuneigung. Und in diesem Sinne erfüllt er auch seine Aufgabe. Vorausgesetzt, dass die Erklärung des südamerikanischen Heilers den Tatsachen entspricht, ist es vielleicht gerade die Nichtakzeptanz, die den notwendigen Gefühlszustand erhält, auf dass er die unumgehbaren Konsequenzen zur Gänze durchlebt.

Negative Auswirkungen des Missverstehens von Wiedergeburt

Insbesondere in den ländlichen Gebieten Indiens gibt es wohl keinen Menschen, der nicht an die eigene Wiedergeburt glaubt. Haben Sie Indien schon einmal besucht? Sie mieten ein Auto mit Chauffeur, was bei den dortigen Preisen für Besucher aus dem Westen wirklich spottbillig ist. In den meisten Fällen spricht der Fahrer ein Gebet, bevor er los fährt. Und dann beginnt das Problem. Einerseits vertraut er darauf, dass sein Gebet erhört wurde. Anderseits, sollte ein Unfall geschehen, dann ist es eben sein Schicksal, sein Karma, und nebenbei hofft er natürlich, unter besseren Voraussetzungen wiedergeboren zu werden. Beides zusammen, sind seinem Gottvertrauen keine Grenzen mehr gesetzt. Er überholt in Kurven ebenso wie vor Bergkuppen. Dass gerade kein Auto kam, erachtet er keineswegs als Glück (im Gegensatz zu Ihnen, der schweißgebadet am Rücksitz vor sich hin zittert). Alles ist Schicksal. Und zu einem Unfall könnte es nur kommen, wenn es für Sie beide der Tag zum Sterben wäre. Und dann wäre das Ereignis ohnehin unabwendbar. Dass in anderen Ländern nicht gar so viele Unfallopfer tot am Straßenrand liegen, weiß er natürlich nicht.

Dann kenne ich noch einen Mann, der knapp über sechzig ist und noch immer von Mutters Rente lebt. Natürlich pflegt er sie und kümmert sich auch – viel mehr als nötig, denn er braucht ja einen Grund dafür, dass er nicht arbeitet – um alle Ausbesserungen am Haus. Wenn er von sich erzählt, stellt sich nicht nur heraus, dass er mit seinem Leben immer schon unzufrieden war. All seine Energie verwendete er für „mystische Übungen“, um im nächsten Leben unter besseren Voraussetzungen geboren zu werden.

Vielleicht wussten sogar die ersten Christen um die Wiedergeburt, strichen aber alle Hinweise darauf aus ihren Lehren, so wie die wahren Gründe für die Taufe, um ihre Anhänger nicht zu einer derartig sinnlosen Passivität zu verleiten.

dante_und_virgilAbschließend möchte ich noch erwähnen, dass es sich bei den erlebten Konsequenzen des eigenen Karmas keineswegs um Buße, Bestrafung oder den Vollzug von Gerechtigkeit handelt. Auch wenn die Yoga-Lehre eine Gottesvorstellung einschließt, so handelt es sich um keinen Gott der Rache, wie im Alten Testament, den es zu fürchten gilt. Die indische Gottesvorstellung korrespondiert eher mit ausgleichenden Kräften, durch welche die Ordnung des Kosmos aufrechterhalten wird. Die Auswirkungen seines selbst gesäten Karmas zu erleben, dient einem Lernprozess. Die individuelle Seele, Jiva, lernt anhand der eigenen Erfahrung, sich an die kosmische Harmonie anzugleichen. Erziehen wir einen Hund und müssen ihn „bestrafen“, so dient das scharfe Wort oder der leichte Schlag dem Verständnis dafür, wonach sich ein Hund, der mit einer Familie lebt, unabwendbar zu halten hat. Setzen wir in unserem Leben Handlungen, die anderen Wesen schaden, dann erleben wir die Auswirkungen eines Tages selbst. Und zwar solange, bis es dieser Seele einfach widerstrebt, anderen Schaden zuzufügen, ungeachtet ob aus Böswilligkeit oder aus Ignoranz. Wir können es in diesem Leben verstehen lernen und unser Handeln dementsprechend ausrichten. Wenn nicht, so werden uns noch endlose Möglichkeiten dafür geboten werden. Allerdings, so sagt es die Lehre, vielleicht unter weniger günstigen Voraussetzungen.

 

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