Freitag , 10 Juli 2020
Startseite » Gesellschaft » Gesellschaftliche Kommentare » Eine kurze Geschichte von eh Allem (1)

Eine kurze Geschichte von eh Allem (1)

puerta del sol 1Mir san mir. Dieses multifunktionale Credo des homo Austriacus, das eigentlich längst Artikel 1 des Bundesverfassungsgesetzes sein müsste (dass die ehemalige Insel der Seligen eine demokratische Republik sei, sorgt ohnehin bloß noch für Stimmung unter den Ochlokraten im weinseligen Grinzing, und dieses Recht, das da vom Volk ausgegangen ist, wo ist es bloß hingekommen, bruahaha, prost Herr Direkta, küss die Hand), erschallt dieser Tage wieder allenthalben.

Da will mir die wirtschaftlicher auch nur Grundkenntnisse völlig unverdächtige Vorsitzende der ökoschwarzen Frauenpartei, vormals die Grünen, vorvormals die Grün-Alternativen, die pikanterweise ein kettenrauchender Wirtschaftsprofessor in diesen desolaten Zustand gebracht hat, beim gescheiterten Versuch der Kontaktaufnahme mit „den Menschen“ mit treuherzigem Augenaufschlag allen Ernstes erklären, dass uns der ESM ohnehin nichts kann, denn sie könne ja im Falle des Falles jederzeit einen parlamentarischen Unterausschuss beantragen. Mir san mir.

Da hat sich der Verteidigungsminister noch nicht vom Hyperventilieren ob des für ihn unerfreulichen – weil seiner zwei Jahre zuvor noch vehement vertretenen Meinung entsprechenden – Ergebnisses der Volksbefragung zum Thema Wehrpflicht erholt, als ein ehemaliger Finanzminister, der es mit Hilfe des Luftgeldes eines Busenfreundes zum „Salzbaron“ und „Industriellen“ gebracht hat und vermöge dessen offenbar „Experte für eh Alles“ ist, schon klarstellt, dass das nicht das letzte Wort gewesen sein kann. Mir san mir.

Da ist im Fatzebuck die Rede vom ungebildeten Pöbel und den Alten, die den Leistungsträgern in spe per Zwangsarbeit die Zeit stehlen, in der sie ja doch schon studieren könnten, wie man solches Luftgeld erzeugt und dieses auf sonnige Inseln in Sicherheit bringt vor dem Zugriff des pöhzen Staates, der ja damit dann doch nur diesem wirtschaftswachstumstechnisch nutzlosem Gesocks sabbernder Greise das Dahinfaulen in der sozialen Hängematte versüßt, teilweise sogar mit Beträgen über dem Existenzminimum. Dass gerade die so tönen, die sich nicht zum ungebildeten Pöbel, sondern zur Indeligendsia zählen, weil sie bei Humbug den Buchhalter 1 gemacht haben, überrascht nicht weiter. Mir san mir.

„Gerontokratie“ brüllen gerade die am lautesten, die sich sonst vor lauter Love-Peace-and-Shit-Herzerlkommentaren nicht einkriegen, wenn jemand ein hübsches Bild von „amerikanischen Ureinwohnern“ mit dem Text „Learn from the Elders“ postet – „Indianer“ wäre ja nicht pc (politically correct), sondern pg (pfuigack). Dass diese Geronten, zumindest die männlichen, zu Zeiten ihren Wehrdienst abgeleistet haben, als es die Alternative Zivildienst noch gar nicht gab und die Bedrohung tatsächlich noch gegeben war, wie während der Ungarnkrise 1956 und des Prager Frühlings 1968, und dass – zumeist die weiblichen – uns unseren Hintern gewischt und uns gefüttert haben, als wir noch nicht selbst dazu in der Lage waren, wird geflissentlich übersehen. Auch, dass sie gemeinsam zumindest die Basis für unseren heute durchaus schon wieder fragwürdigen Wohlstand geschaffen haben und aber jetzt um die Zivildiener bangen müssen, die ihnen ein zumindest halbwegs menschenwürdiges Warten auf den Tod ermöglichen in den Altenaufbewahrungsanstalten, in die wir sie abschieben, wird unbedeutend angesichts der Niedertracht, den Enkeln beim Erklimmen der Karriereleiter die Zeit zu stehlen, auch wenn diese sie längst als Hamsterrad erkennen. Alles wird Allah euch verzeihen, aber nicht, was ihr euren Alten antut, sagte mir einmal ein Muslim, und ich musste ihm zustimmen.

Einmal ganz abgesehen von dieser eigenwilligen Auffassung demokratischer Entscheidungsfindung: Es lautet also wieder mal die Jungen gegen die Alten. Divide et impera, that’s the name of the game. Privatangestellte gegen Beamte, Eltern gegen Lehrer, Bayern gegen 1860, Bademeister gegen Busfahrer, Putzfrauen gegen Schneidersitzer, Wessi gegen Ossi, ganz egal. Die Deutschen haben ja auch schon Erfahrung, welche Vorteile ein Berufsheer bringt. Der Warnungen aus Deutschland waren daher auch nicht wenige, insbesondere zu dem vielleicht wichtigsten Aspekt der Debatte, der aber völlig unterging, nämlich, dass gedungene Landsknechte wohl eher bereit sind, auf das für seine Bürgerrechte aufstehende Volk zu schießen als Milizionäre, die letzten Samstag mit dem Langhaarigen noch beim Bier zusammensaßen.

Auch hier läuft die Sache eben wieder auf das „Teile und herrsche“ hinaus, und es nimmt Wunder, wie viele dieses Spiel noch immer nicht durchschauen, wenn an das „ich hab’ doch nichts zu verschenken“ des vormalig eigenen Angaben zufolge sinnlos im Kreis fahrenden Niki Nazionale (scusate, Signore, aber auf Italiano schreibt man das wirklich so) und das „Geiz ist geil“ derer appelliert wird, die sich effektvoll mit den „Ich bin doch nicht blöd“-Männern duellieren, obwohl ihre Bilanzen bei derselben Mutter konsolidiert werden. There’s no business like show business, und so wurde die Diskussion fast ausschließlich über die „Kosten“ geführt, wobei beide Parteien Gutachten zahl- und namenloser Experten vorlegen konnten, die zweifelsfrei bewiesen, dass die jeweils andere Variante die teurere sei.

Parteien, ja, und das Wort kommt ja bekanntlich vom lateinischen pars, der Teil. Ein weiteres Mal wurde eine an sich reine Sachentscheidung zu einer Auseinandersetzung der Partei Pest gegen die Partei Cholera stilisiert, wobei die Partei Ruhr diesmal wie 2000 bis 2006 wieder mit der Partei Pest einig war, was insofern bemerkenswert ist, als Cholera und Pest eben zwei Jahre zuvor mit derselben Vehemenz die jeweils entgegengesetzte Meinung vertreten hatten, und die Partei Typhus, anscheinend vom Pazifismus der Laubfrösche mittlerweile angewidert für ein Berufsheer eintrat, das sich geschmeidig einer European Battlegroup anschließen und den sich einsam fühlenden Franzosen zur Seite stehend in Mali den Eiffelturm und den Stephansdom verteidigen hätte können. Und aus, der gelernte Österreicher kennt sich selbst nicht mehr aus.

Aber kennt sich in Germanien eigentlich noch irgendjemand aus, wo der rote Vorturner beklagt, dass die schwarze Mutti für ihr heißes Bemüh’n zu dürftig entlohnt würde und sein Kanzlerkandidat weit besser entlohnt Bankern erklärt, wo der Hammer hängt? Wo ein roter inzwischen Ex-Bundesbanker statt der Internationale den Westerwald intonierend sich als Kandidat der NPD in Stellung zu bringen suchen scheint und einen Manchesterliberalisten wie Mutter Teresa dastehen lässt? Wo eine Pastorentochter ihren nunmehr ehemals marxistischen Kapitalisten zur Hand gehenden Vorgänger wegen seines Armenbegräbnisses der sozialen Marktwirtschaft für seine blutrote Agenda über den grünen Klee lobt und ein füllig gewordener Ex-Revoluzzer eben dieser Couleur Produzenten und Betreiber von Atomkraftwerken berät? Wo eine „christliche“ Kanzlerin einen Vertrag unterschreibt, in dem die Todesstrafe für „Aufrührer“ vorgesehen ist, und ein „Ökostalinist“ sich von den Bilderbergern bewirten lässt?

Im Dunstkreis der 1%-Nomenklatura hat sich offenbar längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass die vertikalen Unterteilungen von links, Mitte oder rechts, ökologisch oder -nomisch längst ausgedient haben, Patrizier aller Länder vereinigt euch, neue Reiche und alte Nazis willkommen: pecunia non olet – die allein selig machende Wahrheit. Geld stinkt nicht, auch wenn Blut daran klebt, und nicht das ist skandalös, sondern die Störung der Nachtruhe in dem ehrenwerten Haus durch einen Abgeordneten, der Selbstmorde von inzwischen sogar Kindern in Griechenland zum Thema macht, die keinen anderen Ausweg mehr sehen aus der Austeritätsfalle. Heinrich Heine wird im Mutterland der Demokratie wie überall im Süden Europas wohl ziemlich populär sein: Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, ich kann nicht mehr die Augen schließen. Und meine heißen Tränen fließen.

Auch wenn der das ja ganz anders gemeint hat, im Sinne wohl sehr viele Deutscher heutzutage, die angesichts der Grundsatzrede des Engels dem Namen nach in Davos dieser Tage vielleicht denken, das „M“ sollte für Mortis stehen: Todesengel. Ist diese Rede doch nichts weniger als die Erklärung des totalen Krieges der erfolgreichsten Kanzlerin seit dem von vielen Ossis (Pardon, Bürgern der aus unerfindlichen Gründen nach mehr als zwei Jahrzehnten noch immer „neuen“ Bundesländer) inzwischen gar nicht mehr so bejubelten Coup ihres Mentors „Birne“ an die 99% heute Deutschlands und morgen der ganzen Welt, wenn da in verhandlungsfähigem Neusprech davon gesprochen wird diesen Weg dorthin, wo die Sonne niemals scheint, die Gunst der Stunde nutzend fortzusetzen: „Jetzt gilt es sozusagen, diesen Faktor Zeit zu nutzen, damit die politische Situation nicht so eskaliert, dass daraus wieder Instabilitäten entstehen.“

Sprich: die „Reformen“ durchzupeitschen, ehe sich vernunftbegabte Wesen vom Staunen über derartige Dreistigkeit erholt haben, mit der dem jüngst verblichenen und vom „netten Hardliner aus Altötting“ demnächst vermutlich selig zu sprechenden Rockefeller gehuldigt wird („Wir stehen am Rande einer weltweiten Umbildung, alles was wir brauchen, ist die richtige allumfassende Krise und die Nationen werden in die neue Weltordnung einwilligen.“), und sich das „schöne Motto“ der in der schönen Schwyz zu weilen geruhenden „Exzellenzen” – angesichts derartiger Analakrobatik staunt sogar der in dieser Hinsicht durchaus hart gesottene Ösi – zu eigen machen können: „Widerstandsfähige Dynamik“.

Zur Befehlsausgabe durch die Oligarchen ist sie angetreten, wie sie schon durch den Kotau im Entree überdeutlich macht: „Es gibt hier Denkanstöße, es gibt formulierte Trends und Gesamteinschätzungen, die in unserer sehr bewegten Zeit eine wichtige Hilfe sein können.“ Und sie gibt sich demütig, ist der Niedriglohn in Europa ja doch noch nicht flächendeckend, noch immer nur ein, wenn auch rasch wachsender Sektor: “Ich bin, mir wohl bewusst, dass die Lage im Euroraum einen Beitrag dazu geleistet hat, dass das Weltwirtschaftswachstum doch sehr überschaubar war.“ Mea culpa, und das Credo folgt sogleich: „Konsolidierung und Wachstum sind im Grunde zwei Seiten ein- und derselben Medaille, wenn es darum geht, Vertrauen zurückzugewinnen.“ … der untertänigst adressierten allhier weilenden Inkarnationen der göttlichen Märkte selbstverständlich, die nicht inkommodiert sein mögen: „Inzwischen haben wir neue Instrumente gefunden.“ Die Folterinstrumente ESM und Fiskalpakt.

Und der nächste Streich, der folgt sogleich, die Degradierung der nationalen Parlamente zu Erfüllungsgehilfen der nicht gewählten EU-Kommission: „Ich stelle mir das so vor – und darüber sprechen wir jetzt in der Europäischen Union –, dass wir analog zum Fiskalpakt einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit beschließen, in dem die Nationalstaaten Abkommen und Verträge mit der EU-Kommission schließen, in denen sie sich jeweils verpflichten, Elemente der Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, die in diesen Ländern noch nicht dem notwendigen Stand der Wettbewerbsfähigkeit entsprechen. Dabei wird es oft um Dinge wie Lohnzusatzkosten, Lohnstückkosten, Forschungsausgaben, Infrastrukturen und Effizienz der Verwaltungen gehen – also um Dinge, die in nationaler Hoheit der Mitgliedstaaten der Europäischen Union liegen. Das heißt also, die nationalen Parlamente müssten solche Verträge legitimieren. Diese Verträge müssen dann verbindlich sein, sodass wir feststellen können, inwieweit sich im Euroraum die Wettbewerbsfähigkeit verbessert.“

Außerdem haben die Sklaven ihre noch immer viel zu fetten Hintern gefälligst dorthin zu bewegen, wo das Kapital sie braucht: „Ein weiterer Punkt, den wir in Angriff nehmen müssen, ist, alles zu tun, um die Mobilität der Arbeitskräfte im Binnenmarkt der Europäischen Union zu verbessern.“ Ihr Daseinszweck ist es ja schließlich die „Exzellenzen“ zu unterhalten: „Deshalb bleibt die wesentliche Aufgabe eine politische Aufgabe, nämlich wirtschaftliche Rahmenbedingungen in Europa zu schaffen, die Spaß auf Investitionen machen, die neue Investitionen ermöglichen, die Wachstum und damit auch dauerhaft wettbewerbsfähige Arbeitsplätze ermöglichen.“ Mir san mir.

Na jut, Euer Merkwürden, wir auch. Let’s have fun. Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, hat da ja mal ein inzwischen doch schon ziemlich in die Jahre gekommenes schlaues Jungchen verschmitzt grinsend gesagt, und mittlerweile ist des Kaisers nichts als heiße Luft, Luftgeld. Und ein anderer Spaßvogel sagte vor einer Weile, der Kaiser ist nackt. Learn from the Elders.

Ceterum censeo viam muri delendam esse.

 

Eine kurze Geschichte von “eh Allem” (0)

Check Also

Rollentausch – Altersheim statt Gefängnis und Gefängnis statt Altersheim

            Wenn Straftäter statt ins Gefängnis ein Altersheim eingewiesen würden… …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.