Mittwoch , 21 August 2019
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Wie es ist und wie es sein könnte

young happy peopleLässt sich Lebensqualität messen, in Zahlen ausdrücken, statistisch vergleichen? Zweifellos – doch selten wird danach gefragt. Was zählt schon das Glück der Menschen im Vergleich zum Wirtschaftsvolumen? Darüber hinaus, wie oft wird erst provoziertes und danach befriedigtes Konsumbedürfnis als Lebensqualität missverstanden, Ausbildung als Bildung, Bruch mit der Tradition als Freiheit? Wie harmonisch könnte unser aller Dasein verlaufen, wäre das Denken der modernen Menschheit nicht in einer unglücklichen Richtung festgefahren?

„Wann und wo ging es den Leuten denn jemals besser?“, lautet eine beliebte Frage unverbesserlicher Konformisten. „Heute haben wir doch alle Autos und Computer und Fernsehgeräte, es gibt medizinische Versorgung, die allgemeine Lebenserwartung ist deutlicher höher als noch vor hundert Jahren, niemand leidet Hunger und jeder hat ein Dach über dem Kopf!“

Ich kann nicht einmal widersprechen. Schließlich sitze ich gerade in einem geschmackvoll eingerichteten Arbeitszimmer, der Kühlschrank ist gefüllt, Wohn- und Esszimmer sind mittels einer Klimaanlage gekühlt, und auch wenn es mir an einer Garage fehlt, so steht doch ein funktionsfähiges, wenn auch bescheidenes, Auto vor der Tür.

Trotzdem gelingt es mir nicht, dem modernen Großstadtleben etwas Positives abzugewinnen! Ich denke an die Menschenmassen, die täglich durch Verkehrsstaus oder mit der U-Bahn zur Arbeit hetzen. Ich denke an schockierende Schlagzeilen, dass ein Drittel unter psychischen Krankheiten, Depressionen, Angstzuständen und Suchtverhalten leidet. Ich denke an unbezahlbare Staats- und oft auch Privatschulden; an Aufrüstung und an Krieg. Handelt es sich bei all dem tatsächlich um den unumgehbaren Preis für sogenannten Wohlstand?

Stellen wir uns die Voraussetzungen in unserer modernen Gesellschaft als Spiel vor, als „Weltmonopoly“. Irgendwann, vor langer Zeit, wurden die Regeln erdacht, später verändert, ergänzt. Fiktive Werte wurden erschaffen. Ein aufgeblähter Finanzmechanismus wurde zur Essenz des Spiels. Den größten Teil der Mitspieler kümmert dabei die Verteilung der Besitzungen herzlich wenig. Sie haben sich an den vorgegebenen Rahmen der eigenen Funktion, die ihnen von Anfang an zugedacht war, gewöhnt. Dass sich die Bedingungen regelmäßig verschlechterten, fiel den Meisten kaum auf. Es passierte ja langsam, Schritt um Schritt. Wer alt genug ist, um sich zu erinnern, wie reibungslos so vieles vor drei oder vier Jahrzehnten noch vor sich ging, der mag erahnen, dass sich in der Entwicklung unserer Gesellschaft ein Fehler eingeschlichen hat. Wer dafür jedoch zu jung ist, der wird voll Mitleid an das „langweilige“ Dasein der Vergangenheit denken, ohne Computer und ohne Mobiltelefon.

Gehen wir jetzt einmal davon aus, dass diese Spielrunde zu Ende wäre. Die Namen der Sieger werden verkündet, eindrucksvolle Pokale werden überreicht, ansehnliche Anerkennungsprämien werden ausbezahlt. Doch das Spiel ist vorüber. Die fiktiven Besitzungen wandern ebenso zurück in die Schachtel wie das fiktive Geld, die Häuser und Hotels, die Ölquellen und die Atomkraftwerke, die Panzer, die Militärjets und die Raketen. Und während eine neue Spielrunde vorbereitet wird, finden sich selbstständig denkende Experten ein – nicht die bisher zu Wort gekommenen, deren Expertisen Teil des Spiels waren – um jene Fehler, die sich gegen Ende des letzten Spiels mehr als nur verdeutlicht hatten, zu bereinigen.

Sollten die Sieger der ersten Runde als Ratgeber herangezogen werden? Schließlich haben sie ihr Geschick unter Beweis gestellt. Es ist ihnen gelungen, die Schwachstellen zu erkennen und zu nützen. Wären sie nicht dazu prädestiniert, Einfluss auf die Neugestaltung des Spiels zu nehmen, um einen dauerhaften und reibungslosen Ablauf zu gewährleisten?

Die selbständig denkenden Experten sprechen sich dagegen aus. Die Spielregeln der vorangegangenen Runde gaben der Kapitalmaximierung zu viel Gewicht, auf Kosten der Umwelt, der langfristigen Erhaltung des Spielfelds (sprich: Planet Erde), auf Kosten der Lebensqualität und des tatsächlichen Glücksgefühls der Masse der Teilnehmer. Würden die Sieger der letzten Runde die neuen Regeln bestimmten, so würden sie zweifellos Vorschläge einbringen, die ihnen auch den Pokal der nächsten Meisterschaft sichern. Die Experten sind der Überzeugung, dass nicht der schnelle Gewinn als Grundlage der neu zu erarbeitenden Bedingungen dienen soll, sondern Beständigkeit und vielleicht auch die Freude, sich am Spiel zu beteiligen.

War es sinnvoll, Produkte absichtlich mit beschränkter Haltbarkeit herzustellen, um das Rad der Wirtschaft in Schwung zu halten? Oder diese übersteigerte Abhängigkeit von Energie, insbesondere von Erdöl, zu schaffen? Konsumgüter aus fernen Erdteilen zu beziehen, anstatt im eigenen Nahbereich zu produzieren?

Warum wurden in der Vergangenheit so viele Mittel in Werbung investiert? Das, was Menschen brauchen oder wollen, kaufen sie ohnehin. Wenn die Wirtschaft auf der Unzufriedenheit der Spielteilnehmer basiert, wenn diese glauben, ihr persönliches Ziel nur durch mehr Leistung und mehr Konsum zu erreichen, dann führt dies zu einer raschen Verknappung der Rohstoffe. Im alten System brachte dies jenen Spielern, die im Spitzenfeld lagen, ungeahnte Vorteile, weil sie diese Rohstoffe kontrollierten und die Preise entsprechend anstiegen. Doch nun werden die Karten neu gemischt. Der Neubeginn soll Chancengleichheit mit sich bringen.

So stellen die selbständig denkenden Experten eine ganz neue Regel auf: Jede Art von Manipulation wird ausgeschlossen. Information muss objektiv übermittelt werden. Keine täuschenden Bilder, keine leeren Parolen und Versprechungen, wie die unbefahrene Bergstraße bei der Vorstellung eines neuen Sportwagens. Keine freudestrahlenden Gesichter von Kindern mehr auf den Bildschirmen, die sich gerade ihre Mäuler mit wertlosem Junkfood vollstopfen. Kinderarbeit galt zwar als verpönt, doch vor laufender Kamera zu lügen, um den perfekten Werbespot zu drehen, auch das ist Arbeit. Handelt es sich dabei nicht um erschreckende Auswüchse: Kinder werden dafür bezahlt, eine verlogene Show zu spielen, um mitzuhelfen andere Kinder zu Konsumidioten zu erziehen; während deren Eltern oft nicht wissen, woher das Geld zur Erfüllung der sinnlosen Wünsche ihrer Sprösslinge kommen soll?

Das größere Auto gilt nicht mehr als Statussymbol. Kleidung wird nach ihrer Qualität beurteilt, ihrer Langlebigkeit, nicht nach aussagelosen Markennahmen, hergestellt in asiatischen Sweatshops. Ohne gesteuerte Manipulation ändert sich auch die Mode nicht mehr von Saison zu Saison.

Ein weiterer folgenschwerer Fehler der Vergangenheit wird behandelt: Welchen Einfluss übten Spannungen zwischen Nationen auf die vorangegangene Spielrunde aus? Gewiss, den alten Regeln entsprechend war es legitim, daraus Kapital zu schlagen. Unmengen an Rohstoffen, Energie und Arbeitskraft wurden für die Aufrüstung verschwendet. Bestehende Infrastrukturen wurde in Kriegen zerstört. Absolut alles diente der Wirtschaft, schaffte Umsätze, Profite und Arbeitsplätze. Doch wie groß war das Leid, das einem großen Teil der Mitspieler damit angetan wurde? Nicht nur denen, die den Bomben und Raketen zum Opfer fielen, deren Häuser sich in Schutthaufen verwandelten, deren Kinder mit Missbildungen zur Welt kamen, weil die Munition aus abgereichertem Uran bestand, sondern auch den Massen, die arbeiteten, die Steuern zahlten, um die gottesverachtenden Mordinstrumente herzustellen.

Die neuen Spielregeln müssen demnach so konzipiert werden, dass nach friedlichen Beziehungen gestrebt wird, nicht nach Umsätzen in der Kriegsindustrie.

Plötzlich taucht ein Einwand auf: Schon in der vorangegangenen Spielrunde fehlte es an Arbeitsplätzen. Wenn keine Waffen, keine Munition, keine Kampfjets, keine Raketen und keine Kriegsschiffe hergestellt werden, verlieren doch noch mehr Menschen ihre Arbeit. Wenn die umsatzträchtige Werbeindustrie abgeschafft wird, gehen weitere Stellen verloren. Wenn Produkte hergestellt werden, die nicht rasch wieder kaputt gehen und somit neu erworben werden müssen, verlieren noch mehr Menschen ihre Arbeit. Und noch weitere, wenn sich das gesamte Konsumverhalten ändert, wenn Frust und schlechte Laune nicht mehr durch die Anschaffung von technischen Spielereien bekämpft werden. Wie soll die Masse der Menschen denn überleben, wenn es nicht für alle genügend Arbeit gibt?

Was spricht dagegen, wenn jeder Einzelne einfach weniger Leistung erbringt? Die angeführten Einsparungen beschränkten sich auf Unsinnigkeiten, nicht auf Notwendigkeiten. Es wird dieselbe Menge an Nahrungsmitteln erzeugt, Wohnhäuser werden errichtet und Möbel werden hergestellt. Unterhaltung, bloß von Manipulation bereinigt, wird weiterhin geboten. Auch die medizinische Versorgung ist gewährleistet, vielleicht sogar besser, denn wenn nicht Umsätze im Vordergrund stehen, sondern Beständigkeit, dann mag es vielleicht verlockender werden, Krankheiten tatsächlich zu heilen, anstatt gewinnbringend die Symptome zu bekämpfen. Grob geschätzt würde ich sagen, die allgemeine Arbeitsleistung könnte unter den neu zu schaffenden Voraussetzungen auf die Hälfte reduziert werden, und dann nochmals um ein Drittel, wenn sie unter allen Menschen gleichermaßen verteilt wird.

Und was sollen die Leute mit so viel Freizeit anfangen? Wäre es sinnvoll, mehr Stunden vor dem Fernseher oder mit Computerspielen zu verschwenden, Bier trinkend in der Kneipe zu sitzen oder sinnlos vor sich hin träumen?

Die selbständig denkenden Experten finden rasch eine Lösung. Bildung!

Was in der Vergangenheit als solche bezeichnet wurde, hatte herzlich wenig mit wirklicher Bildung zu tun. Es war Ausbildung, die Vorbereitung auf einen Beruf. Und dieses Denken war in der vorangegangenen Spielrunde so tief in den Gemütern der Teilnehmer verankert, dass persönliches Interesse an wirklicher Bildung, am Sammeln von Wissen, an der Erweiterung von Verständnis, das Behandeln der Frage nach dem Sinn des Seins, nach dem Ursprung der eigenen Seele und deren weiterer Existenz in der kosmischen Unendlichkeit, als Nebensächlichkeit beiseitegeschoben wurde.

Keine nennenswerten Probleme zeigen sich bei der Ausarbeitung eines beständigen Geldsystemes. Öffentliche Einrichtungen sorgen dafür, dass dieses Tauschmittel in ausreichendem Volumen zur Verfügung steht. Aber auch, dass es gleichzeitig den eigentlichen Zweck erfüllt, die Vereinfachung des Austausches von Waren und Leistungen, nicht jedoch eine Kapital- und Machtkonzentration. Flexibel muss es sein, auf Angebot und Nachfrage abgestimmt. Überschaubar und – das wäre überhaupt die Grundvoraussetzung für faire Bedingungen – für jeden verständlich und nachvollziehbar.

Nach langer Beratung präsentieren die selbständig denkenden Experten die Rahmenbedingungen für eine neue Spielrunde:

Im Sinne der Interessen der Mehrheit der Mitspieler wird die Ansammlung von Kapital begrenzt. Dafür wird jedem Spieler jenes Minimum garantiert, das eine Teilnahme am Spiel, ohne Depressionen und Selbstmordgedanken, ohne Effekte der Überarbeitung, Burnout und Flucht in Suchtverhalten, ermöglicht. Während Spielern in der vorangegangenen Runde die Anstecknadel, auf der das Wort „Respekt“ stand, nur dann verliehen wurde, wenn sie materielle Werte anhäuften, wird dieselbe Auszeichnung in der neuen Runde jenen verliehen, deren menschliche Qualitäten herausragend sind: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Umgänglichkeit, die sich Wissen aneignen und bereit sind, dieses selbstlos zu teilen, ohne gleichzeitig der Schwäche zu verfallen, den Mitmenschen ihre eigene Meinung aufzuzwingen.

Der Wert der verfügbaren Zeit wird neu bemessen. In der vorangegangenen Spielrunde stand den meisten Teilnehmern wenig davon zur Verfügung. So bemühte sich Jeder, die wenigen Stunden mit Eindrücken und Erlebnissen zu füllen. Doch dies soll anders werden. Entspannung und auch Müßiggang werden als wesentlicher Teil der Lebensqualität erkannt. Das Hingeben an den Klang unübertroffener Symphonien, der Genuss von Literatur und anderer qualitativer Kunst. Den Spielern wird die Möglichkeit gegeben, sich all jenen Eindrücken gegenüber wieder zu öffnen, deren Bedeutung so lange vergessen schien. Der faszinierende Anblick des nächtlichen Sternenhimmels, eines Sonnenaufgangs, einer Berglandschaft. So vieles lässt sich genießen, wenn nicht Wirtschaftswachstum und Monsterveranstaltungen den Rest unserer tatsächlich wunderschönen Welt in einen symbolischen Schatten drängen.

Würden unsere Städte aber nicht viel ihres Reizes verlieren, ohne blinkende Werbelichter, ohne mitreißende Showeffekte und ohne umherhetzende Menschenmassen? Worauf sollen sich die Spieler freuen, wenn nicht auf das nächste Upgrade, auf die nächste Generation von iPhones? Wo bleibt das „Glücksgefühl“, das der Erwerb neuer Kleider verspricht, wenn keine vorgegebene Mode danach verlangt? War es nicht immer wieder spannend, von den Milliardenvermögen zu lesen, die von den „klügsten Köpfen der Welt“ erwirtschaftet wurden? Und all dies soll nicht mehr Teil des neuen Spiels sein?

Neue Spielregeln erfordern ein Umdenken. Zweifellos. Vor allem aber wäre mitdenken angebracht. Manipulation – die Meinungsbildung durch Andere – soll im neuen Spiel ja nicht mehr zugelassen sein. Doch mit der Zeit werden wohl auch jene Teilnehmer, die es bislang vorzogen, denken zu lassen, erkennen, dass sie selbst zum Denken fähig sind. Bildung und verfügbare Zeit werden diesbezüglich gewiss unterstützend wirken.

Sollte das neue „Weltmonopoly“ jedoch nach derartigen Regeln gespielt werden, wie lässt sich am Ende ein Gewinner feststellen? Wer wird zum Herrscher über den Finanzsektor, über die internationalen Großkonzerne, über die verbleibenden Rohstoffe? Sollte es plötzlich gar nicht mehr darum gehen, den Einflussbereich einzelner Spieler zu vergrößern? Sinn des Spieles sei es, der Mehrzahl die Teilnahme so angenehm wie möglich zu gestalten? Wollen wir das denn wirklich?

Ich für meinen Teil wäre dafür. Mir wäre auch nicht langweilig, stünde mir mehr Zeit zur Verfügung. Ich würde mich wohler fühlen, gäbe es um 20.000 Atomsprengköpfe weniger auf der Welt. Ich würde gerne über die Zeit verfügen, mehr zu Fuß zu gehen. Ich würde auch gerne wieder in kleinen Läden in meiner direkten Nachbarschaft einkaufen. Und wenn es im Winter keine Erdbeeren mehr geben sollte, mir schmecken auch Äpfel. Ich könnte ohne Staatsverschuldung leben und auch ohne dem Zwang, jedes Jahr mehr produzieren zu müssen als im Vorjahr. Ich würde es genießen, in aller Ruhe danach forschen zu können, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Ich würde den Konkurrenzkampf keineswegs vermissen, der unseren derzeitigen Alltag bestimmt. Ich persönlich wäre ohne Widerspruch damit einverstanden, einfach wieder Mensch sein zu dürfen.

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