Dienstag , 19 Januar 2021

Lucky Masalah

lake tobaLake Toba, doppelt so groß wie der Bodensee, von erloschenen Vulkanen umrandet, Siedlungsgebiet der Batak, einem Millionen zählenden Eingeborenenstamm, vor Hunderten Jahren eingewandert aus der Südsee. Der Tobasee, am Äquator aber in 1000 Meter Höhe: Morgens April, mittags Mai, nachmittags Juni, abends September, immer knapp über 20 Grad. Danao Toba, Samosir Island, einige Hotels, wenig Touristen – Südsee-Idyll auf Sumatra.

Ich mache mich auf die Suche nach einer Bleibe. Die reich verzierten Batak Holzhäuser am See gleichen mit ihren geschwungenen Giebeln gestrandeten chinesischen Dschunken. Kleine Bullaugen sorgen für fahles Dämmerlicht im Haus. Doch die Batak leben im 21. Jahrhundert, also verbreiten im Innern Neonröhren Tag und Nacht ihr kaltes Licht – nichts für mich.

Nach langem Suchen wird mir ein Häuschen angeboten: 40 qm, aus Ziegel gemauert mit typisch geschwungenem Batakdach und Panoramafenstern zum See. Vor dem Haus ist ein kleiner Vorgarten mit exotischen Blumen und einer Palme voll Kokosnüssen direkt am Ufer des Tobasees. Von hier kann ich direkt ins Wasser springen und im warmen See baden. Auf der Terasse sitzend kann ich zusehen, wie die Fischer in ihren Kanus mit Speeren fischen und sich nachmittags auf der anderen Seeseite die Vulkane in Nebel hüllen, bevor sie sich in der Nacht verbergen.

Nun, das Häuschen ist ein bisschen heruntergekommen, immerhin gibt es schon eine Steckdose und aus dem tropfenden Hahn kommt fließend Wasser. Aber bei einer Jahresmiete von 500 und einem Arbeitertageslohn von 5 Euro kann man nichts falsch machen, so denke ich.

Also den Vertrag unterschrieben und frisch ans Werk. Meine Nachbarn sind ein österreichisches Ehepaar. Rolf ist 70 und sieht aus wie 50, seine 50-jährige Frau kann man ohne Probleme auf 70 schätzen, also so oder so, ein vorteilhafter Altersunterschied von 20 Jahren. Beide haben immer eine Lucky Strike Menthol im Mundwinkel – gesund leben, gesund sterben ist die Devise. Seit fünf Jahren verbringen sie die Wintermonate hier, davor 25 Jahre Afrika, also kampferprobt in der 3. Welt.

Rolf ist ein Macher. Er kann alles. Häuser bauen, Wasserleitungen legen, Motoren zerlegen, Bücher schreiben, Webseiten erstellen. Keine Ahnung, was Rolf nicht kann – doch, was er nicht beherrscht, ist schweigen. Er redet, redet und redet. Da er aber schlecht hört, redet er immer lauter und lauter, wenn er denkt, dass ihm niemand zuhört. Und das ist gar oft.

Rolf kann nicht nur alles, er weiß auch alles, zumindest was die Ränke und Ranküne der Batak im Umkreis betrifft. Meinen Vermieter stellt er mir als den größten Gangster am See vor. Sabotage ist das Schlüsselwort bei der indonesischen Art, Konflikte auszutragen. Im Streitfall wird der Gegner sabotiert: Mauern werden zum Einsturz gebracht, Wasserleitungen zerstört, Hunde vergiftet und was man dergleichen mehr anstellen kann. Rolf hat alles schon hinter sich.

Trotz seiner rabiaten Art ist Rolf in einer Weise hilfsbereit, wie ich sie in meinem Leben noch nicht erlebt habe. Er verspricht mir bei der Hausrenovierung behilflich zu sein, was de facto bedeutet: Der Macher macht und ich schaue mangels Kompetenz verdattert zu.

Also los, damit bald das Werk den Meister lobe. Rolf zündet sich eine Kippe an, bläst mir genussvoll den Pfefferminzrauch ins Gesicht und meint, dass ich zuerst mal ein Spülbecken in der Kochnische brauche. Das deucht mir eine sehr gute Idee. Dass dafür aber Zulauf und Abflussrohre gelegt werden müssen, daran denke ich in meiner Naivität nicht.

Also Rohre, Verbindungs- und T-Stücke und dergleichen gekauft, halt alles was der Fachmann zum Wasserleitungen legen so braucht. Mit Fachmann meine ich natürlich Rolf, der raucht, was das Zeug hält. Ich will natürlich auch Fachmann sein und fange deshalb schon mal zu rauchen an. Lucky Strike Menthol – gesund leben, gesund sterben ist nun auch mein Motto und ich blase den Pfefferminzrauch in die Luft. Rolf misst die Länge der Wasserrohre aber die Arbeiter schneiden sie nach Gutdünken ab, hier 3 cm zu lang, dort 2 cm zu kurz. Macht nix,wird eben hingebogen und Fehlendes wird mit Klebeband überbrückt. Hält zwar nur 3 Tage, macht aber auch nix, den Arbeitern jedenfalls nicht, aber Rolf grummelt und hüllt sich verstimmt in Pfefferminzwolken. Vorsichtshalber stecke ich mir gleich eine Lucky an und gucke auch recht wild. Für den Spültisch mauern die Arbeiter eine Ziegelmauer, krumm und schief steht sie am Ende da. Da die Ziegel aber nicht gewässert wurden, verbinden sie sich nicht mit dem Moertel und der Turmbau zu Babel bricht samt Spülbecken unter lautem Getöse zusammen. Rolf flucht laut und lauter und ruft die Arbeiter nur noch Masalah 1 und Masalah 2. Masalah bedeutet in der Bataksprache Problem. Masalah 1 come here! This will never work! You must do like this.

Dann zündet sich Rolf ein neues Pfefferminzstäbchen an, legt seine Stirn in Falten und meint nachdenklich: Wenn du kochst, brauchst du auch einen Dunstabzug in der Kochnische. Wenn Rolf das meint, brauche ich das. Wild wird weiter gewerkt. Mit Vorschlaghämmern brechen die Arbeiter ein Riesenloch in die Wand. Ich schaue entsetzt hinaus, interessiert schauen die Passanten herein und Rolf brüllt: Masalah, Masalah, das ist zu groß! Also Zement gemischt und samt Ziegel die Hälfte des Lochs wieder zuzementiert. Ist wahrscheinlich immer noch zehnmal zu groß, aber, na ja, was weiß ich schon. Erstmal stecke ich mir eine Menthol an und gucke ernst. Anstatt den noch nassen Restzement gleich vom Boden zu putzen, wird er lieber am nächsten Tag mühsam von den Bodenkacheln geklopft. Kacheln werden beschädigt, Rolf rotiert, ich suche hektisch nach meinen Zigaretten, alle schon weggeraucht – ich schicke einen Arbeiter zum Zigarettenholen. Dann werden die Wände gestrichen: die rechte Wand orange, die linke gelb. Nach drei Minuten haben die Eingeborenen alles vergessen und es wird lustig bunt drauflos gepinselt. Meinem Vermieter gefällt meine teuere Qualitätsfarbe ausnehmend gut, also streicht er auch gleich sein Haus damit. Weg sind auch meine restlichen Wasserrohre und der Zement. Was mein ist, ist auch sein. Was sein ist, ist allerdings noch längst nicht mein. Über Nacht werden die Pinsel nicht ausgewaschen, alles bleibt liegen und ist am nächsten Tag kaputt. Rolf tobt und flucht: Masalah, Masalah und ich versuche mir eine neue Menthol anzuzünden – aber inzwischen sind auch die Feuerzeuge leer.

Die Arbeiter missbilligen zwar Rolfs Ton, wissen aber genau, dass er recht hat. Von Rolf lernen, heißt siegen lernen. Also besser alles ertragen, als unwissend bleiben. We must follow him. Gegen Rolf anstinken können sie nur mit ihren indonesischen Nelkenzigaretten. In meinem Haus mischen sich Nelken- mit Pfefferminzwolken und versuchen zu verdecken, dass die Türklinken falsch eingebaut wurden. Rolf rauft sich die grauen Haare, ich stecke mir aus lauter Verzweiflung eine Nelkenzigarette an. Obwohl Rolf das Wirkungsprinzip der Schraube lautstark erklärt, wird es nicht verstanden. Also werden sie wie Nägel ins Holz gehauen und sind damit unbrauchbar. Masalah! Problem! Mein Vermieter rät mir, den unfähigsten Arbeiter zu entlassen, selbst er sieht: Many Masalah! Als ich ihn ankündige, verstecken sich alle auf dem Klo, gespannte Stille. Sie fürchten seine Rache, Sabotage, Ausrasten. Amok ist das einzige indonesische Wort, das in die deutsche Sprache Eingang gefunden hat. Zum Glück ist der Tukang froh, dass er nicht mehr unter Rolfs strengem Regiment arbeiten muss. No work, no Masalah, good. Als er sich freudestrahlend verabschiedet sind alle happy und die Arbeit kann weitergehen, Nelkenwolken und Mentholdunst ziehen durchs Haus.

Um den Arbeitseifer anzustacheln, lasse ich ständig Kaffee und Gebäck servieren. Das hält zwar bei Laune, aber das teuere Werkzeug und Material ist von so schlechter Qualität, dass es ruckzuck zuschanden geht. Made in Indonesia, vermeldet ein Arbeiter verächtlich. Rolf leiht seine deutsche Wasserwaage, Bohrer und Flex. Die Wasserwaage wird achtlos mit Zement verschmiert, der Bohrer in den Mörtel geworfen und die Arbeiter stecken sich neue Nelkenzigaretten an. Rolf brüllt: Ich rieche Masalah! Als er sein lädiertes Werkzeug sieht, gerät er außer sich: Masalah! Ma!sa!lah!! Im Nelkennebel stecke ich mir meine Menthol vor lauter Nervosität verkehrt herum an und merke es erst als mir schlecht wird, dass da etwas nicht stimmt. Mein Nervenkostüm wird dünn und dünner, schlafen kann ich nur noch mit Valium. Jetzt schreien auch noch die Kinder meines Vermieters aus Leibeskräften auf meiner Terrasse und waten über den frischen Zementboden. Mir fällt die Kippe aus dem Mund und ich brülle Vater und Kinder an: Ich! will! endlich! meine! Ruhe! Ich will hier keine Kinder mehr sehen! Verschmitzt antwortet mir der Vater: Yes, me too. Don t worry. Am nächsten Morgen wache ich auf und traue meinen Augen kaum: Der Vermieter hat einen riesigen Stacheldrahtverhau um meinen Vorgarten gezogen. Treuherzig zwinkert er mir zu: You have quiet now. Ja will ich denn im Knast leben? Klein-DDR in Sumatra? Ich beauftrage einen Arbeiter, den Stacheldraht bis auf einen symbolischen Rest wieder zu demontieren, was wiederum mein Vermieter partout nicht verstehen will.

Inzwischen habe ich mich in ein Hotelzimmer ausquartiert, ich kann das Chaos nicht mehr ertragen – aber Rolf ist bärbeißig guter Dinge. Masalah 2, look, you must work like this. Oh no, Masalah 1, this is not possible, this is Masallah, look, I show you how to do, grummelt er und zündet sich eine PfefferminzLucky an. Der massgeschreinerte Computertisch kommt. Eine Tür lässt sich nicht öffnen, eine nicht schließen. Unglaublich, was man alles falsch machen kann. Der Schreiner guckt verdutzt und traurig hängt die Kippe in Rolfs Mundwinkel: Und das ist erst der Anfang. In einem halben Jahr wird sich das frische Holz so verzogen haben, dass du Glück hast, wenn der Tisch nicht auseinanderfällt.

Mein Vermieter freut sich diebisch, hat er ein neu renoviertes Haus, das plötzlich mehrfach so viel wert ist: frisch gestrichen, Wasserversorgung mit Filter, funktionierende Elektrik und Miete bekommt er obendrein. Und auch Lucky Rolf, immer in eine Pfefferminzrauchwolke eingehüllt, blüht auf, ist er doch in seinem Element. Und ich, ich werde schwach und schwächer, lutsche inzwischen Pfefferminzbonbons und verbringe meine Tage im Bett. So oft es geht, schleppe ich mich auf die Baustelle. Nach 20 Tagen hat der Spuk ein Ende. Den Umzug kann ich nicht mehr selbst bewerkstelligen, die Arbeiter schleppen alles in mein nunmehr adrettes, neu renoviertes Häuschen. Ich schleppe mich hinterher. Alle sind glücklich. Ein Tukan bietet mir eine Avolution an, ich kann es kaum glauben, das sind Nelken-Menthol-Zigaretten. Ein unbeschreiblicher Menthol-Nelken-Qualm füllt meine Lungen.

Endlich allein, die Ruhe genießen. Ich sinke erschöpft aufs Bett und bemerke erst jetzt, dass auf dem Sträßchen vor meinem Haus alle paar Minuten ein Motorrad vorbeidonnert. Der Lärm kracht zum riesigen Küchenlüftungsschacht herein und dröhnt durchs ganze Haus. Panisch verstopfe ich den Dunstabzug mit Decken, mit Plastik, mit allem, was ich finden kann. Dann schleppe mich weiter auf die Terrasse, trinke hochprozentigen Arrak aus der Flasche, zünde mir eine neue Pfefferminz-Lucky an und sehe den Eingeborenen zu, wie sie aus ihren Kanus Speere ins Wasser schleudern. Mal einen Fisch getroffen, mal eben nicht. Sometimes lucky strike, sometimes not. No Masalah.

 

Klaus-Jürgen Gadamer reist viele Monate im Jahr durch Asien. Gerade wohnt er beim Stamm der Batak im Hochland von Sumatra am Lake Toba. Und natürlich erlebt er Dies & Das, Seltsames, Verständliches und weniger Verständliches. Manches treibt ihn zum Sinn anderes zum Wahnsinn. Diese Erlebnisse wird er von nun an in loser Folge mit den Lesern von The Intelligence teilen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, gerne auch politisch wenig korrekt.

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