Montag , 10 Dezember 2018
Startseite » Gesellschaft » Gesellschaftliche Kommentare » Offener Brief an ein Bürschlein mit Namen W.

Offener Brief an ein Bürschlein mit Namen W.

briefmarke bonhoefferLieber Bursche W.,

ich hoffe sehr, dass ich mich nicht in ihrem Rang getäuscht habe. Womöglich sind sie sogar ein Oberbursche. Sollten sie Oberbursche sein, dann bitte ich für die nicht korrekte Anrede um Verzeihung. Einiges galt es zu lesen, über sie und ihre Leserbriefe. Damit die Leser dieses Briefes wissen, um was es uns geht, deshalb zunächst den Abschnitt mit den bekannten Informationen:

Ein prominenter Bursche dieses Bundes (Deutsche Burschenschaft – Anmerkung d. Red.) titulierte den Nazi-Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer, der im KZ hingerichtet wurde, als “Landesverräter” – und zwar öffentlich. In einem ausführlichen Leserbrief an die Mitgliedszeitung der Raczeks verteidigte der Bursche zudem die Hinrichtung Bonhoeffers: “Rein juristisch halte ich die Verurteilung für gerechtfertigt.” Eine Verurteilung, die so zustande kam: Ein nicht zuständiges SS-Standgericht hatte Bonhoeffer in den Tod geschickt, ohne Verteidigung, ohne schriftliche Aufzeichnung, mit dem KZ-Kommandanten als Beisitzer. Bonhoeffer starb am Tag nach dem Urteil am Strang, wenige Tage vor Kriegsende.

Der Leserbrief erschien im Herbst 2011 als Antwort auf einen Artikel, in dem Bonhoeffer als Vorbild für heutige Burschenschafter skizziert wurde – eine Einschätzung, der der Leserbriefschreiber vehement widerspricht: Bonhoeffer habe “politische und militärische Pläne vor allem den Briten” übermittelt und so den Tod Tausender deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg mitverschuldet.

Schlussfolgerung: “Bonhoeffer war zweifelsfrei ein Landesverräter.” Er habe nicht sehen wollen, dass es den Alliierten darum gegangen sei, “Deutschland nachhaltig zu schwächen, zu zerschlagen und zu dominieren, um es deutlich zu formulieren.“

Diese Informationen, lieber Bursche W., die wurden Spiegel.de entnommen, sie dürften ihnen sicherlich bekannt sein. Nun zu meinem Anliegen, zu meinem Brief an sie, auf den sie sicherlich schon gespannt warten:

So, eines haben sie ja schon deutlich gemacht. Der große Dietrich Bonhoeffer ist für sie ein Landesverräter, welcher zu Recht hingerichtet wurde. Das kann doch aber nicht alles gewesen sein. Warum erwähnen sie nicht die Geschwister Scholl, welche ohne Frage das abscheuliche Verbrechen begangen haben, Flugblätter zu verteilen. Noch schlimmer, sie haben selbstständig gedacht. Hier erbitte ich von ihnen eine klare Aussage dazu. Nein, sie sind noch lange nicht fertig mit der Arbeit, sie fängt erst an. Gerne unterstütze ich sie dabei mit dem folgenden Link über Widerstandskämpfer während der Nazizeit:

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Widerstandsk%C3%A4mpfern_gegen_den_Nationalsozialismus

Hier handelt es sich durch die Bank ebenfalls um charakterlose Gesellen, welche es nicht über ihr Herz brachten, dieses Barbarensystem sprach- und tatenlos zu ertragen. Bitte nehmen sie sich ebenfalls diesen Verirrten an und stellen sie klar.

Eines noch, lieber Bursche, die Verbrechen der jüdischen Kinder, der jüdischen Männer und der jüdischen Frauen, sie wurden von ihnen noch nicht so deutlich benannt, dass man tatsächlich weiß, was da eigentlich los war.

Und da sind die vielen Millionen von Opfern, gleich welchen Geschlechtes, gleich welcher Herkunft – einzig vereint in ihrem Leiden und im Tod. Sagen sie etwas dazu. Und sagen sie etwas zu den Verbrechern, die das alles geplant haben und durchführen ließen, zu den unsäglichen Helfershelfern und dem unsäglichen Schweigen dazu und zu Unsäglichkeit des Vergessens.

Lieber Bursche, tja – da ist noch viel zu tun für sie. Aus ihrem Lebenslauf ersehe ich voller Freude, eine großartige Ausbildung in Verfälschung, Lüge und Menschenverachtung haben sie mit Erfolg absolviert. Hierzu meinen herzlichen Glückwunsch, geht doch.

Trotzdem, ich habe Hoffnung, auch für sie. Lassen sie uns zusammen ein Konzentrationslager besuchen, lassen sie uns dort Akten studieren, lassen sie uns zusammen die Gesichter der Menschen anschauen. Ich meine nicht die Wächter und nicht die Verwaltung. Die Opfer meine ich. Lassen sie uns zusammen von und über Bonhoeffer lesen – und über seinen Glauben, auch an die Menschen. Vielleicht können wir sogar zusammen weinen, über die Opfer, über die Opfer – und vielleicht weinen wir aus Freude über ihre Läuterung. Vielleicht…

Zum Schluss noch eine Randnotiz: Wie ich gelesen habe, sie sind Mitglied der FDP. Wissen sie was, selbst ich, der ein eigenes Nichtverhältnis zu dieser Partei hat, ich weigere mich, dafür die FDP verantwortlich zu machen.

In diesem Sinne…

© Peter Reuter

Check Also

Wie geht es Ihnen?

Wie geht es dir – oder schlicht: wie geht’s? Wie oft stellen wir diese Frage? …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.