Freitag , 30 Oktober 2020
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Der Antisemitismus-Virus

Das unlängst veröffentlichte Gedicht von Günter Grass hat wieder eine heftige Antisemitismusdebatte ausgelöst. Wer hätte jemals erwartet, dass ein friedensbewegter, eher dem linken politischen Spektrum zugehöriger Literaturnobelpreisträger, in seinem 85. Lebensjahr sich plötzlich als „Antisemit“ outen würde?

Aber ist er tatsächlich ein Antisemit? „Antisemitismus“ bedeutet nach offizieller Definition, negative Vorurteile (zumeist auf rassistischer Grundlage) gegen Juden pauschal zu hegen, oder auch möglicherweise reale negative Eigenschaften einzelner jüdischer Menschen mit deren jüdischer Abstammung begründen zu wollen.

ostermarsch grassWer das Gedicht Wort für Wort betrachtet, kann wohl konträrer Meinung bezüglich der darin angesprochenen israelischen Bedrohung gegen den Iran sein. Konkret Antisemitisches findet sich darin allerdings nicht. Jedoch wird hinter der offenen Israelkritik eine antisemitische Motivation vermutet, bzw. meint man antisemitische Stereotype darin zu erkennen.

Auf dieser Basis ist es allerdings nahezu unmöglich zu beweisen, KEIN Antisemit zu sein. Klebt erst einmal der Antisemitismusvorwurf am eigenen Leibe so ist ihm ebenso schwer zu entkommen wie dem „Alle Kreter sind Lügner, sagt ein Kreter“- Paradoxon.

Kritisiert jemand z.B. den “Zionismus” oder das “Besatzerregime”, dann kommt der Vorwurf, dass dies bloß Codeworte für “die Juden” wären”, von Rechtsextremen benutzt um nicht mit dem Wiederbetätigungsgesetz in Konflikt zu kommen.

Verweist man auf andere Israelkritiker, die selbst Juden sind (wie etwa Norman Finkelstein, Noam Chomsky, Mordechai Vanunu, oder Uri Avnery) , so wird dies einfach als besonders perfider Täuschungsversuch gedeutet, antisemitische Gesinnung zu verbergen.

Zwar wurden sowohl Chomsky als auch Finkelstein mit Einreiseverbot nach Israel belegt, und Vanunu steht praktisch unter Dauerarrest, aber Uri Avnery kann dort immerhin seine Kritik frei äußern. Diese gelebte Toleranz und Meinungsfreiheit wäre nun ein Beweis für Israel als einziges Musterbeispiel einer funktionierenden Demokratie im Nahen Osten. Somit kann es wiederum nur antisemitische Gründe haben dieses Land zu kritisieren.

Anbei möchte ich noch auf das Interview verweisen, in dem die ehemalige israelische Ministerin Shulamit Aloni offene Worte über den Einsatz der “Holocaustkeule” findet.

Auch der Verweis auf eigene jüdische Freunde hilft nicht, denn es gehört ebenfalls zum Repertoire hinterlistiger Antisemiten sich mit „Alibijuden“ zu tarnen, so wie auch alte Nazis nach dem WK2 versucht hätten sich auf irgendwelche Juden zu berufen, denen sie mal in irgendeiner Sache geholfen hätten.

Selbst eine absolut unverdächtige Biographie mit dem Engagement bei traditionell antifaschistischen gesellschaftlichen Strömungen wischt den Antisemitismusverdacht nicht weg. Denn es wird mittlerweile auch mit dem Begriff des „linken Antisemitismus“ gekontert. Neuerdings gibt es auch Kommentatoren in den Medien, welche versuchen die gängige Ordnung im politischen Spektrum umzukehren, indem sie den Nationalsozialismus als „linksextreme“ Ideologie bezeichnen.

Wie schwer muss da der Vorwurf erst wiegen bei jemandem, der als 17-jähriger gegen Kriegsende zur SS einberufen wurde! Offenbar ist Grass eine tickende antisemitische Zeitbombe. 67 Jahre lang hat in seinem Kopf all die NS-Propaganda inaktiv aber unbeschadet überdauert, geschickt verborgen hinter friedensbewegtem und sozialdemokratischem Engagement. Nun im Weltuntergangsjahr 2012 ist sie endlich in Form eines Gedichts zu explodiert.

Weist man auf eindeutige unbestreitbare Menschenrechtsverletzungen im Staate Israel bzw. in den besetzen Gebieten hin, so kommt auch dafür postwendend der Antisemitismusvorwurf: Es gäbe ja so viele andere Missstände auf der Welt, z.B. das Massaker in Darfur, Menschenrechtsverletzungen in den arabischen Ländern, Nord Korea, etc. Also müssten die IsraelkritikerInnen zwangsläufig antisemitische Gründe haben, wenn sie nicht zuerst all diese Dinge, sondern Israel kritisieren. Mit diesem Argument könnte man allerdings nahezu jedem Engagement gegen Missstände die Legitimation absprechen.

So verhungern jährlich Millionen Kinder in Afrika, und es kann ja kaum etwas so dringend, sein, wie Menschen vor dem Verhungern zu bewahren. Nach dieser Logik dürfte man sich daher für überhaupt nichts anderes mehr engagieren, solange dieses eine Problem nicht gelöst ist: nicht für Kunst, nicht für Bildung, nicht für Frauenrechte, nicht für Demokratie und Politik und natürlich auch nicht gegen Antisemitismus.

Wofür sonst dient der Verweis auf andere vermeintlich noch schlimmere Missstände also, wenn nicht vorwiegend, um vom eigenen Problem abzulenken?

Um den Vorwurf der antisemitischen Absicht zu untermauern, werden auch in den Aussagen der solcherart Beschuldigten Worte und Sätze gefunden, die in ähnlicher Form auch von AntisemitIinnen benutzt wurden und werden:

„Was gesagt werden muss“ wird dann gleichgesetzt mit der legendären Stammtischrede: „Man wird doch noch sagen dürfen, dass (die Juden) ….“ „internationale Finanzwelt“- „internationales Finanzjudentum“, „Finanzwirtschaft vs. Realwirtschaft“ – „raffendes und schaffendes Kapital“ „Sozialismus“- „Nationalsozialismus“ ….

Da ist schnell mal ein Bezug dieser Begriffe zueinander konstruiert, und man muss mitunter schon recht vorsichtig bei der Wahl der Worte sein, um nicht anderen die Möglichkeit zu geben einen Bezug zum Antisemitismus herzustellen.

Sagt jemand, der/die den Antisemitismusvorwurf von sich wenden möchte: „Aber ich habe doch gar keinen Grund gegen Juden feindselig zu sein“, so kann dies ebenfalls als Bestätigung antisemitischer Gesinnung gesehen werden, denn Judenfeindlichkeit ist ja grundsätzlich irrational und grundlos. Ein solchermaßen irrational antisemitisch denkender Mensch kann folglich gar nicht kontrollieren, was in ihm/ihr vorgeht. Er/sie kann daher vom Antisemitismus Virus befallen werden, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein.

Wundert man sich, dass PolitikerInnen und KommentatorInnen der Mainstream Presse so unisono und vehement die Antisemitismuskeule über Grass´ Gedicht schwingen, so wird vorgeworfen, man wäre ein(e) rechtsextreme(r) Verschwörungstheoretiker(in), der/die dahinter eine “jüdische Verschwörung” ortet. Erwähnt jemand dass jüdische Lobby -Organisationen wie z.B. AIPAC oder ADL einen sehr starken Einfluss auf Medien und Politik haben, so bekommt der/die Betreffende in den Medien allseits vernichtende Kritik zu spüren. Denn es ist schon mal a priori antisemitisch jüdischen Organisationen überhaupt eine derartige Macht zu unterstellen.

Macht ein(e) IsraelkritikerIn darauf aufmerksam, dass die öffentliche Meinung viel stärker hinter ihm/ihr steht als die veröffentlichte Meinung, so wird dies als Beweis gesehen, dass der Antisemitismus eben wieder überhand nimmt in der Bevölkerung. Daher müsse man noch viel wachsamer sein, und energischer vorgehen gegen Äußerungen, die ansatzweise eine Nähe zu antisemitischem Gedankengut erkennen lassen können, vor allem wenn diese scheinbar als Israelkritik getarnt daher kommen.

Wehrt man sich letztlich vehement gegen den Antisemitismusvorwurf, so kann das daraus folgende offensive Verhalten wiederum als Bestätigung einer feindseligen Haltung gegen Juden interpretiert werden.

Auch Tierschützer sind leicht dem Antisemitismusvorwurf ausgesetzt: Spricht z.B. jemand in Bezug auf die Hühner-Legebatterien von „Tier-KZ“, so kommt sogleich der Vorwurf, dass dies die Opfer des Holocaust verhöhne, da der Holocaust absolut einzigartig wäre, und Nichts an Grausamkeit damit vergleichbar. Umgekehrt stellen aber Radikalzionisten und amerikanische Neocons gerne solche Vergleiche an, wenn es ihren Interessen zur Vorbereitung militärischer Aktionen dient, indem sie z.B. Arafat, Ahmadindschad, oder Saddam Hussein als „Hitler“ bezeichneten.

Nachdem in Pelzgeschäften Stinkbomben aus Buttersäure geworfen wurden, mahnte der prominente österreichische Journalist Hans Rauscher den ebenso prominenten Tierschützer Martin Balluch in einem Interview:

„Sie wissen aber schon, dass in der NS-Zeit auch Buttersäure verwendet wurde für Anschläge gegen jüdische Geschäfte?!“

Balluch wusste es nicht; aber spielt es überhaupt eine Rolle? „Hitler war auch Vegetarier“, so lautet ein oft gebrauchter Vorwurf von Fleischessern an VegetarierInnen und VeganerInnen. Hitler war auch Nichtraucher und litt (wie überliefert) häufig unter Blähungen. Ist es daher folglich eine symbolische Form von „Wiederbetätigung“ wenn ich einen fahren lasse, zumal es sich dabei ja wohlgemerkt um Gas handelt?

Obwohl es (wie in meinem Kommentar ausgeführt) auch für mich unmöglich wäre jenen Leuten, denen meine Ausführungen missfallen, zu beweisen, dass ich keine antisemitischen Absichten hege, möchte ich dennoch einige Dinge klarstellen:

  1. mein Kommentar spiegelt meine Eindrücke wieder, die ich in zahlreichen Medienberichten und Kommentaren, sowie den dazugehörigen Diskussionen in den Leserforen gewonnen habe.
  2. Ich möchte damit keinen einzigen echten Antisemiten entlasten, sondern lediglich den inflationären Missbrauch des Antisemitismusvorwurfs zur Durchsetzung eigennütziger Interessen in Frage stellen.
  3. Ich bin weder pro noch kontra Israel oder Juden. Ich beurteile Menschen nicht danach, in welchem Land sie geboren sind, wer ihre Eltern sind, ob sie als Baby mit Weihwasser begossen oder beschnitten wurden, oder welche Farbe ihre Haut hat. Was zählt ist, wie der einzelne Mensch denkt, spricht, und handelt. Ich sehe mich als Österreicher auch nicht mehr oder weniger verantwortlich für die Verbrechen des 3. Reichs, als jeder X-beliebige Amerikaner, Franzose, etc, der/die so wie ich lange nach diesen Ereignissen geboren wurde. Ich sehe daher keinen Grund, mich mit Kritik an Vorgängen in und um Israel mehr zurückzuhalten, als es einem Israeli zustünde.

Ich sehe es aber als meine staatsbürgerliche und menschliche Aufgabe mich über die damaligen Ereignisse zu informieren, und zu versuchen zu verstehen, warum diese Dinge passieren konnten.

Die Lehre aus den Verbrechen des NS-Regimes besteht darin, sich nicht vom Geschrei der (gewaltbereiten) Masse vereinnahmen zu lassen, sondern zu erkennen und zu intervenieren, wenn sich ähnliches Unrecht wieder ereignet, egal welcher Volksgruppe Täter und Opfer heute angehören.

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