Montag , 25 Januar 2021
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Rechtsextremismus: Die Ursachen behandeln, anstatt der Symptome

neonazi aufmarsch muenchenWir können den Behörden Nachlässigkeit oder Trägheit vorwerfen. Wir können schärfere Maßnahmen fordern, strengere Urteile, mehr Vorkehrung. Wir dürfen aber auch die Frage stellen: Aus welchen Gründen fühlen sich meist jüngere Menschen von einer verbrecherischen Ideologie angezogen? Was lässt unsere Gesellschaft erkranken, sodass sich sichtbare Geschwüre bilden? Auch in den USA zeichnet sich ein deutlicher Anstieg von Extremismus ab; dort durch eine ständig anwachsende Zahl gewalttätiger Straßengangs.

Wie gerne stellen die Eltern sogenannter „missratener“ Kinder die Frage: Wie konnte er/sie mir das antun? So etwas habe ich doch nicht verdient. Nach all dem, was ich getan habe. Nach all der Aufopferung.

Selten sind die Eltern frei von Schuld, wenn ihre Kinder sich anders entwickeln als erwartet. Schlechtes Vorbild, zu wenig Zeit, mangelndes pädagogisches Gefühl – ich erspare mir Details. Doch wenn sich ein 10-Jähriger gegen seine Umgebung auflehnt, ist es nicht die Schuld des 10-Jährigen, sondern die Schuld der Umgebung.

Und wenn ein nennenswerter Prozentsatz insbesondere jüngerer Menschen gegen eine Gesellschaftsform rebelliert, dann drängt sich die Frage auf: Was ist krank an dieser Gesellschaft? Was motiviert eine steigende Anzahl ihrer Mitglieder, in extreme Denkweisen zu verfallen? Was ist es, was diese Menschen vermissen?

Ich versuche, mich in die Gedanken der breiten Masse zu versetzen: Wir leben doch alle unter den selben Voraussetzungen. Wir werden doch auch mit unseren Problemen fertig. Gewiss ist das Leben oft hart. Und trotzdem bin ich, und du und er und sie nicht zum Verbrecher geworden. Also, der Fehler kann doch nur bei den Extremisten liegen. Wo denn sonst? „Den Leuten geht’s einfach zu gut!“

Es soll Menschen geben, die unter einem Magengeschwür leiden, sich bewusst weiterhin falsch ernähren, auf nüchternen Magen Schnaps trinken und gleichzeitig Pillen schlucken, um die Schmerzen zu überwinden. Es soll Gesellschaftsformen geben, die Menschen zur Verzweiflung treiben. Und, sobald dies offensichtlich wird, werden diese Geschöpfe ausgegrenzt. Viele verfallen in Depressionen: Dagegen soll es Medikamente geben. So wie gegen Stress, Überlastungssymptome, Herzerkrankungen. Manche werden zu Dieben, zu Betrügern, zu Gewalttätern. Dagegen gibt es Gesetze, Zuchthäuser. Und wieder andere verlieren sich in extremen Ideologien. Warum? Weil sie von Natur aus böse sind? Weil sie mit angeborenem Hass leben? Weil sie ein Geschwür sind, das ausgerottet werden muss?

Immer gibt es Einzelfälle, unerklärbares „Querulantentum“. Doch, sobald sich die Anzeichen mehren, dass es sich eigentlich gar nicht um Einzelfälle handelt, sondern um eine „Zeiterscheinung“, wäre es nicht die Pflicht der Gemeinschaft, erst einmal nach den Fehlern zu suchen, die derartige Entwicklungen hervorrufen?

Während in Deutschland der Rechtsextremismus deutliche Anzeichen von Zustrom aufweist, steigt in den Vereinigten Staaten die Zahl der Straßengangs; zwar nicht alle, doch viele davon mit einer Tendenz zur Gewalt. Ein kurzer Bericht – es ging um ein Kind, das von einer verirrten Kugel getroffen wurde – informiert, dass die Zahl der Bandenmitglieder zwischen 2005 und 2009 um 25% auf eine Million gestiegen sei. Jüngsten Meldungen des FBI zufolge, ist diese Zahl innerhalb von nur drei Jahren um weitere 40% auf 1,4 Millionen angewachsen. Woran könnte dies wohl liegen? Sind es „genetische Ursachen“, die den steigenden Hang zum Verbrechen mit sich bringen? Oder könnten vielleicht die Lebensbedingungen in unserer modernen Gesellschaft der Anlass sein? Das sinkende Bildungsniveau, die sinkenden Einkommen, die steigende Arbeitslosigkeit, der Mangel an Perspektiven, der Mangel an Menschlichkeit?

Ich spiele hier nicht den Strafverteidiger, der sich bemüht, den Einzelnen von seiner Eigenverantwortung loszusprechen. Wer Verbrechen begeht, ungeachtet der Hintergründe, soll und muss den Konsequenzen ins Auge sehen. Trotzdem darf sich aber der Rest der Gesellschaft der Frage gegenüber nicht verschließen, was eine steigende Anzahl von Mitbürgern in diese Randbereiche treibt.

Was wir heute als Gesellschaft bezeichnen, ist schon lange keine Gemeinschaft mehr. Auch die Geborgenheit der Familie schwindet zusehends. Könnte es vielleicht sein, dass – zumindest zu einem gewissen Teil – die Suche nach einer Gemeinschaft auf Abwege führt? Ja, gewiss, man kann sich einem Wanderverein anschließen, einem Schachklub, einer Kirche, einer Sekte – es muss ja nicht unbedingt eine rechtsradikale Organisation sein. Warum finden derartige Organisationen aber neuen Zulauf, obwohl jedes Kind über alle Details der unbeschreiblichen Verbrechen der Vergangenheit bescheid weiß? Ich will mich nicht als Psychiater aufspielen und nicht als Richter. Ich schlage bloß vor, einmal in dieser Richtung zu denken.

Liegt es vielleicht auch daran, dass unser Schulsystem mehr Wert auf Ausbildung, anstatt auf Bildung legt? So ähnlich diese beiden Begriffe auch klingen mögen, so verschieden ist das, was damit ausgedrückt wird. Ein gut ausgebildeter Arbeiter ist deswegen noch lange kein gebildeter Mensch. Gute Ausbildung kann einen guten Arbeitsplatz mit sich bringen, respektables Einkommen, gewissen Wohlstand. Bildung hingegen, ungeachtet materieller Früchte, führt zu Selbstwertgefühl. Doch, wie gesagt, ich bin kein Psychologe, ich möchte einfach zum Nachdenken anregen.

Noch viele Überlegungen ließen sich in diesem Zusammenhang anschließen. Und sogar eine Parallele zum modernen Gesundheitswesen ist nicht zu übersehen. Denn, wie so viele von uns ohnehin bereits wissen, auch der pharmazeutischen Industrie ist in erster Linie daran gelegen, die Symptome der Krankheit verschwinden zu lassen, anstatt ihre Wurzeln zu entfernen, ihre Auslöser zu unterbinden. (Und wem jetzt die massive Kampagne gegen Tabakkonsum einfällt, den lade ich ein, darüber hinausgehend nach weiteren Beispielen zu suchen, etwa einer Reduktion chemischer Umweltbelastung, Abbau von beruflichem Stress, Verzicht auf Lebensmittelzusätze, etc., etc., etc.)

Rechtsextreme Umtriebe sind verachtenswürdig. Verbrechen verlangen nach Maßnahmen. Doch sind es wirklich die Sicherheitskräfte und die Staatspolizei die ihres Versagens wegen Kritik verdienen? Wäre es nicht wesentlich naheliegender, sich ernsthaft mit der Frage zu befassen, was sind die Ursachen dafür, dass sich die Lebensbedingungen innerhalb unserer Gesellschaft zusehends verschlechtern, und zwar so sehr, dass immer mehr Menschen nach Alternativen suchen? Und sogar nach Alternativen, deren Auswüchse schon einmal zu einer verheerenden Katastrophe führten? Wie soll sich unser aller Zukunft entwickeln, wenn es nicht gelingen sollte, die Ursachen zu erkennen – und diese auch zu überwinden? Mehren sich nicht gleichzeitig die Anzeichen, dass „anständige Bürger“ in ein lückenlos kontrolliertes System gezwängt werden könnten, um jene Auswüchse zu bekämpfen, die schon einmal derartigen Staatsterror mit sich brachten?

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