Montag , 26 August 2019
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SOS – die besten Wünsche… (Achtung: Satire)

help_notrufTäglicher Benutzer der Deutschen Bahn bin ich, das habe ich bereits öfters an dieser Stelle gestanden. Ich habe auch immer wieder deutlich gemacht, nicht alles läuft schlecht in diesem Laden. Eigentlich bemüht man sich sehr um uns, die wir früher im Amtsdeutsch als Beförderungsvorgänge tituliert wurden. Eine der maßgeblichen Errungenschaften habe ich erst neulich entdeckt und gleich einer Nutzung zugeführt, die sich danach gewaschen hatte. Ich habe den SOS-Knopf in der Toilette einer Regionalbahn entdeckt. Passiert ist nämlich dieses:

Der Gang zu jenem Ort, er war unter keinen Umständen zu verhindern, es musste sein. Also öffnete ich mittels Drucktaste die Schiebetür und betrat den Ort der Orte. Eine Benutzung schien möglich, die Grundregeln der Hygiene schienen eingehalten. Ich nahm Platz und schaute mich weiter um. Neben mir, rechts an die Wand geschrieben, die Bemerkung eines schreibenden Kollegen, welcher die Stätte ebenfalls schon besucht hatte: „Hallo Cindy, das Jahr 2011 war großer Mist, in allem und so.“ Unterschrieben hatte er mit „Gerd“. Genau neben der Kalligraphie ein Druckschalter, darunter war das Wort „SOS-Knopf“ zu lesen. Fürwahr, der Gerd schien kein gutes Jahr gehabt haben, wenn er sogar diesen Knopf brauchte. Irgendwie tat er mir leid und ich beschloss, den Kollegen zu suchen und ihn zu trösten. Mit einer solchen Einstellung, wie er sie beschrieben hatte, da konnte er unmöglich entspannt das neue Jahr betreten.

Ich drückte den Knopf. Innerhalb von zehn Sekunden meldete sich eine Stimme: „Hier spricht der Zugführer, benötigen sie Hilfe?“. „Lieber Gerd, grüß Dich erst einmal, ich denke Du brauchst Hilfe. Deswegen melde ich mich.“

Aus dem Lautsprecher hörte ich eine Art Pressatmung mit beginnender Rachenlähmung: „Ich heiße nicht Gerd, ich bin der Zugführer und ich habe keine Probleme. Haben sie Hilfe nötig oder warum haben sie den SOS-Knopf gedrückt?“ „Nein, ich brauche keine Hilfe, danke. Ich sitze einigermaßen bequem, ich habe eine Stange zum Festhalten, das Handwaschbecken funktioniert, ich habe es getestet. Toilettenpapier ist auch reichlich vorhanden. Danke; wirklich alles in Ordnung. Aber eine Frage habe ich trotzdem, was läuft mit Cindy schief?“ Die Stimme, vorher schon reichlich belastet, sie ging in ein unglaublich tiefes Gurgeln über, unterbrochen vom Jagdruf eines Rudels Jungwelpen.

 

„Sie sprechen mit dem Zugführer, wir fahren gerade mit 120 km/h durch die Nacht, es ist Silvester – und sie fragen nach einer Cindy, die ich nicht kenne und nicht kennen will, sie blockieren die Toilette und den Notruf. Was wollen sie?“ „Bleib ruhig, ich will dir doch nur helfen. Hab Vertrauen zu mir, meine Großtante hat schon im späten 16. Jahrhundert in der Telefonseelsorge gearbeitet und auch studiert. Sie hat vielen Menschen helfen können. Und Hilfe biete ich Dir an. Wie kann ich Cindy erreichen, soll ich mal mit ihr sprechen?“

Gerd ließ ein regelrechtes Japsen vernehmen, hupte wie ein wilder Huper mit allen verfügbaren Geräuschmachern, über die er verfügte – und er trat in die Bremse: „Hören sie, ich bin mit Annegret verlobt, seit 26 Jahren. Ich kann mir keine andere Frau in meinem Leben vorstellen. Tun sie mir einen Gefallen. Rufen sie unter keinen Umständen die Nummer 047110815007 an, das ist ihre Nummer. Ich will nicht, dass sie mit mir sprechen, und ich will nicht, dass sie mit ihr sprechen. Und jetzt nehmen sie den Finger vom Knopf und verlassen sie die Bordtoilette, aber schnellstens.“ „Ich bin aber noch nicht fertig. Übrigens, bei Annegret ist gerade besetzt. Wahrscheinlich telefoniert sie gerade mit Gerd“.

Der Zugführer pfiff auf beängstigende Art und Weise. Mit einer unglaublichen Fistelstimme stammelte er Unverständlichkeiten in meine Ohren. Ich nahm das Gespräch wieder auf: „Sind sie sich sicher, dass sie keine Hilfe brauchen? Ihre Atmung gibt mir schwer zu denken.“

Das herannahende Geräusch ließ nicht Gutes verheißen. Gert hatte sich wohl eine Brandaxt geschnappt und versuchte damit, die Türe, welche uns noch trennte, sich zum Öffnen zu bewegen. Zwischen den Axtschlägen vernahm ich sein Kreischen und glaubte den Satz zu verstehen, er tue alles für Cindy und er habe Verstärkung angefordert. Mit dem Nothämmerchen für die Scheibe, es gehörte zur Ausstattung meiner Kabine, mit diesem entfernte ich die Milchglasscheibe und sprang nach außen, bevor die Brandaxt den Rest der Türe sprengte. Ein unglaublicher Schrei drang an mein Ohr, gefolgt von anhaltendem Schluchzen: „Cindy ist weg“.

Auf einem Feldweg sprintete ich in Richtung des nächsten Dorfes, als mir eine Sondereinheit der Bundespolizei entgegen kam. „Kommen sie aus oder von dem Regionalzug da vorne?“ Ich bejahte. „Haben sie etwas von einem Irren mitgekriegt, welcher sich in der Toilette aufhalten soll und den Zugführer zur Verzweiflung bringt, den Fahrplan sprengt und uns beschäftigt?“ „Ja, das habe ich. Er zertrümmerte gerade mit einer großen Axt die Toilettentür. Da bin ich geflohen. Ich bin doch nicht verrückt“. Der General stöhnte auf. Er habe nie gedacht, dass die Situation so ernst sei und er dankte für die Information. Und weil Silvester war, deswegen wünschte er mir einen guten Rutsch. Ich dankte ebenfalls und machte mich auf den Weg, ich wollte heim zur Silvesterparty. Und ich wollte erzählen, was man in der Bahn so alles erlebt.

Ihnen wünsche ich ein 2012, in welchem sie es gut haben. Eine Bitte habe ich aber noch. Seien sie vorsichtig, wenn sie die Bahn benutzen.

In diesem Sinne…

© Peter Reuter

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