Montag , 26 August 2019
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Endstationen der Gesellschaft

stadtstreicher„Der kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt, im Winter ist das nichts, mit den vielen Plastiktüten“, mit einer sichtlichen Freude im Minenspiel nimmt mir mein Gegenüber den grünen Rucksack aus den Händen, den ich ihm entgegenhalte, „dass du daran gedacht hast. Danke!“ Einige der vorbeigehenden Passanten blicken uns kurz an. Wir stehen im Weg. Beide treten wir etwas dichter in Richtung Hauswand, an der sich mein Gesprächspartner ganz offensichtlich einen Platz eingerichtet hat. Eine alte Wolldecke liegt zusammengefaltet am Boden.

Auf einem meiner Spaziergänge durch die Innenstadt begegnete ich Martin das erste Mal. Die Begebenheit liegt wohl zwei bis drei Wochen zurück: An derselben Fassade wie heute, allerdings ein paar Schritte dichter am Haupteingang des Alsterhauses, saß er, hielt einen Becher in der Hand. Zwischen ihm und den Gehwegplatten – die doppelt gelegte Wolldecke. Ich blieb stehen, warf eine Münze in den Becher. Wir kamen ins Gespräch. Seine überaus freundliche Ausstrahlung fiel mir sofort auf, eine natürliche Freundlichkeit, die mir hinsichtlich seiner Situation alles andere als erklärlich erschien. Auf die bis zum Bersten vollgestopften Supermarkt-Plastiktüten an seiner Seite angesprochen, erzählte er mir, dass man ihm vor einigen Tagen des Nachts seine Tasche stahl, eine zwar alte aber dennoch brauchbare Reisetasche, die seine begrenzte Habe durchaus aufzunehmen vermochte. Ich sagte Martin, dass ich da eine Idee hätte, dass ich wiederkommen würde.

„Ein Tragegestell-Rucksack. Du kannst ihn haben. Meine Zelt-Wander-Trekking-Zeit gehört längst der Vergangenheit an, und bevor er sich auf meinem Dachboden tot lagert …“ Obgleich ich es ihm versprach, hatte er nicht mit meinem Wiederkommen gerechnet, das meine ich ebenfalls seinen Gesichtszügen entnehmen zu können. Der Stadtstreicher bückt sich zu seinen drei dicht aneinander gestellten und an die Wand gelehnten Tüten. „Das war aber auch höchste Zeit“, mit einem Lächeln weist Martin auf die vielen Risse in den gestreckten Plastikschichten, „die hätten es nicht mehr lange ausgehalten.“ Schnell wechseln die Habseligkeiten, zumeist wollene Kleidungsstücke, ihren Aufbewahrungsort. Einige Passanten blicken uns immer noch fragend an, obwohl wir ihnen nicht mehr im Wege stehen. Letzteres liegt, wie ich vermute, an dem momentanen Umzugsgeschehen, das, wie es scheint, ein kurzes Innehalten wert ist.

Mein Blick richtet sich indes zum feudalen Eingangsbereich des Alsterhauses. „Wieso hast du den Platz gewechselt, passtest du etwa nicht mehr zu dem exklusiven Ambiente des Kaufhauses?“ Meine Ironie wird verstanden. „Die haben Angst, dass ich ihnen Konkurrenz mache“, Martin zurrt den nunmehr prall gefüllten Rucksack zu, „und das kann ich denen doch nicht antun.“ Wie auch immer dem sei, wir wissen beide, wovon wir sprechen, diesbezüglich erübrigt sich jeder weitere Kommentar. „Einerseits stellt sich bei mir allmählich ein gewisses Hungergefühl ein“, höre ich mich denken, „andererseits habe ich aber noch eine Frage an meine neue Bekanntschaft.“ Was tun? Vielleicht kann ich das eine mit dem anderen verbinden. „Martin, jetzt, wo deine Sachen bereits so handlich gepackt sind, könnten wir da nicht gemeinsam eine Kleinigkeit essen – ich lade dich ein.“ Die Idee ist zwar gut, wird trotzdem nur zögerlich angenommen. Wir machen uns auf den Weg.

Habe verstanden. Ein Restaurant wird nicht in Erwägung gezogen. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe. Jetzt, wo Martin merkt, dass ich dafür Verständnis habe, ja dass es keinesfalls in meiner Absicht liegt, solch einen Ort aufzusuchen, ist ihm merklich wohler. Hier, im Kamps Backshop direkt am Gerhard-Hauptmann-Platz, bekommen wir alles, was wir brauchen: belegte Baguettes, Hocker am Stehtisch, eine ungezwungene Atmosphäre. Dessen ungeachtet fällt ihm das Essen schwer. Irgendwie, irgendwie empfindet er es hier als Belastung, als eine Art Zeremonie vielleicht, ein Ritual, das sich ihm gegenüber in jeder Hinsicht als befremdend erweist. Ich merke das. Nun ergeht es mir ähnlich, stelle den Teller mit dem halb aufgegessenen Baguette beiseite. Ganz anders verhält es sich mit dem Sprechen. Wir unterhalten uns ausgesprochen gut. Ich hole uns zwei Becher Kaffee, nutze die kleine Unterbrechung, um mich auf meine Frage zu konzentrieren.

Was muss passieren, bevor ein Mensch auf der Straße landet, ja welche Stationen liegen auf der Strecke, die letztendlich und unterm Strich zu dieser absoluten Endstation führen? So lautet die Frage, deren Beantwortung ich von einem Menschen erhoffe, der es wissen muss. Und Martin, der eher fröhlich wirkende Stadtstreicher aus Hamburgs Innenstadt, der spricht mit mir über jenen Kurs. Bereitwillig erzählt er mir seine Geschichte und lässt zeitgleich keinen Zweifel daran zu, dass es ihm gut tut, sie jemandem erzählen zu können. Jetzt, im Alter von 31 Jahren, kann er es begreifen, welche Weichen er damals, vor rund zwölf Jahren, falsch stellte. So seine Beteuerung. Allerdings ist es nun zu spät. Alles kam anders als erwartet. Ganz anders. Die Fehler tarnen sich, erscheinen in der Regel perfekt maskiert, geben sich gerne als der Weisheit letzter Schluss aus. Das rechtzeitig zu unterscheiden ist nicht immer leicht.

Seine Eltern waren geschieden. Seine Mutter fand einen neuen Lebenspartner. Zu dritt wohnten sie in der fünften Etage eines Hochhauses. Er, Martin, nicht freiwillig. Grundschule. Lehre. Ausbildung zum Bauschlosser. Nach Beendigung der Lehre nicht übernommen. Arbeitslos. Was konnte er tun, was lassen, was, wann ändern? Der Freund seiner Mutter, ein Türke, der relativ erfolgreiche Inhaber eines Gemüseladens, war stolzer Besitzer eines Mercedes. Als sich Mutter nebst Partner eine Urlaubsreise gönnten, verkaufte Martin jene Nobelkarosse kurzerhand innerhalb zwielichtiger Kreise. Nun hatte er vorübergehend das, was man in unserer Gesellschaftsordnung gefälligst zu besitzen hat – er hatte Geld. Der Türke setzte ihn – mit der Rückendeckung der Mutter – vor die Tür. Trotzig und enttäuscht zu gleichen Teilen, freundete er sich mit der Freiheit der Straße an. Ausweis abgelaufen. Kein fester Wohnsitz. Kein neuer Ausweis. Drogen – Alkohol? Klar, auch das …

Beide kommen wir nicht umhin, über die Geschichte zu schmunzeln, was sicherlich daran liegt, dass der konsequente Verkauf des Mercedes – fürwahr eine waschechte Schmierenkomödie – die Gedanken lenkt. Dennoch hat diese unüberlegte Handlung eine entscheidende Abzweigung bewirkt, war richtungsweisend für den Weg zu einem realen Teufelskreis: kein fester Wohnsitz, ergo keine Papiere, keine Papiere, ergo keine Arbeit, keine Arbeit, ergo kein Geld, kein Geld, ergo keine Wohnung, keine Wohnung, ergo … Das, was zurzeit in unserer Republik für einen Zeitgenossen mit einem normalen sozialen Hintergrund schon hinlänglich schwer zu erreichen ist, nämlich eine Arbeit zu bekommen, mittels der man seinen Lebensunterhalt, ja allein den natürlichen Bedarf, problemlos finanzieren kann, das ist für einen Menschen von der Straße nahezu unmöglich. So seine Geschichte, so seine Situation.

Meine Frage wurde nicht beantwortet. Nicht wirklich. Nicht in dem von mir gemeinten Sinne. Vermutlich ist sie nicht zu beantworten. Jedenfalls nicht allgemeingültig. Nein, zu viele Varianten spielen hier eine Rolle, zu viele Gegebenheiten dürfen die Weichen stellen, Weichen, die diesen unseren Lebenszug stracks in Richtung Endstation befehlen können. Martins Schnitzer war der für sein Leben entscheidende Fehler. Und ja, apropos Fehler, eine Bemerkung, recht leise und eher ernst von Martin gesprochen, hat sich fest in mein Erinnerungsvermögen verankert. Ein Hinweis, der einmal mehr die gnadenlose Realität unsere Zeit offenbart. Auf meine Frage hin, wer oder was nun seiner Meinung nach an seiner aussichtslosen Lage schuld sei – und an dieser Stelle erwartete ich so etwas wie eine Verbitterung -, antwortete er mir mit den Worten: „Ich bin selber schuld, an meiner Misere, aber unsere Gesellschaft ist nicht mehr bereit einen Fehler zu verzeihen.“

© Peter Oebel

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