Mittwoch , 19 Februar 2020

Das alte Karussell

karussellpferdNoch dreht es sich jedes Jahr, wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest, besinnlich langsam nach den freundlichen Tönen altbekannter Kinderlieder, und auch wenn es sich immer stärker abzeichnet, dass der Zahn der Zeit ihm zunehmend den Platz streitig macht, noch haben es die lauten, trendigen Fahrgeschäfte nicht ganz verdrängt, nein, noch nicht. Ich habe es besucht, habe es mir auf dem Weihnachtsmarkt etwas näher angesehen, wie es, inmitten tänzelnder, wirr und übermütig durcheinanderwirbelnder Schneeflocken, so seine Runden dreht. Das alte, stille Karussell …

Ein außergewöhnlich kleines, kunstvoll gearbeitetes Karussell, das sich da gemächlich im Kreise dreht. Obwohl es am Platze, inmitten des Stadtgewimmels, recht voll ist, gibt es hier kein Gedränge. Mütter, Väter, Großväter sowie Großmütter, nicht zu vergessen die jüngsten der Familien, für die doch letztlich der ganze Zauber erdacht ist, stehen in gemütlicher Runde um das sich drehende Objekt kindlicher Freude. Und eben diese Freude empfinden nicht allein die im Schnitt zwei- bis fünfjährigen Buben und Mädel, sondern, man spürt es, ja kann es den leuchtenden Augen mühelos ansehen, ebenfalls ihre erwachsenen Begleiter. Einige konzentrieren sich auf den Erwerb der benötigten Eintrittsmarken, kleine Kärtchen, die jeweils den Gegenwert für die Fahrrunden darstellen. Das bescheiden winzige Zahlhäuschen, das ebenfalls nach den Motiven alter Vorbilder gefertigt wurde, steht wohlbehütet im Schutze einer eigens dafür aufgestellten, haushohen und dickstämmigen Tanne.

Zumeist paarweise, und in fast gleichen Abständen zu den Vorangehenden, drehen die vertrauten Partner friedlicher Kinderträume ihre Runden. Zwei stolze Pferde – ein Schimmel und ein Rappe – traben auf gleicher Höhe gemächlich nebeneinander her. Auf ihren Sätteln, die Schuhe in den Steigbügeln eingehakt, zwei über das ganze Gesicht strahlende Buben. Dahinter, ein verschmitzt lächelnder grauer Esel, mit auffallend langen Ohren und einem vergnügt grunzenden rosa Schwein an seiner Seite. Über dem gemütlich dicken Bauch des Schweins sitzt, mit weit auseinander gespreizten Beinchen, ein der Größe nach etwa dreijähriges Kind. Eine zuverlässige Einschätzung gar, ob es sich hier nun um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, lässt das, was die ausgefütterte Kapuze der dicken Winterjacke noch von dem glühend rotbäckigen Gesicht zu erkennen gibt, nicht zu. Eine leicht wippende Schaukel, genauer gesagt, zwei von Künstlerhand bemalte Hälften in Form einer Mondsichel, mit einem bequemen Plüschsofa in der Mitte, behauptet sich hinter den Tieren.

Das burgunderrote Sitzpolster der Mondschaukel ist nicht besetzt, lediglich ein abgegriffener, einäugiger Teddy aus flauschigem Stoff liegt zu seinen Füßen, stiert etwas unbeholfen auf die großen, geschlossenen Augenlider der Mondkulisse. Stumm, weise nickend, fährt der andächtig wirkende Bewohner der Himmelsgewölbe an mir vorbei und entschwindet in Drehrichtung, dicht gefolgt von einem blauen und einem grünen Motorrad. Beide Krafträder mit ausholend elegant geschwungenem Lenker bestückt, und in Form und Farbe, wie unschwer zu erkennen ist, den amerikanischen Maschinen der 50-er Jahre nachempfunden. Das blaue Motorrad besitzt einen zeppelinförmigen Beiwagen, dessen – mittels einem weichen Lederwulst – sorgsam gepolsterte Einstiegsöffnung besonders einladend wirkt. In dem Wagen genießt eine junge Dame die Spritztour, die voller Bewunderung den weit nach vorne übergebeugten Rennfahrer anstrahlt, der wehenden Schales, hochkonzentriert, das knatternde Gespann durch die scharfe Linkskurve lenkt.

Anmutige Pferde, ein freundlicher Esel, ein froh gelauntes Schwein, ein gutmütiger Mond und zwei Motorräder, ein stolzer Vogel Strauß, ein schüchternes Reh, ein mondäner Schwan und ein knallroter Feuerwehr-Leiterwagen: eine wirklich grandiose, in den schönsten Farben gehaltene Revue, ein durch und durch kindgerechtes Gastspiel auf engstem Raume. Immer wieder präsentieren sie sich den Zuschauern aufs Neue, zeigen sich stets von ihrer besten Seite, sie, die wohl nie ermüdenden Bewohner des Karussells. Immer und immer wieder verschwinden sie in Richtung rechts, um verlässlich erneut aus Richtung links zu erscheinen, die stolz trabenden, verschmitzt lächelnden und vergnügt grunzenden, fantastischen Tiere, so wie die sanft wippenden, erregt knatternden und alarmierend bimmelnden Nachbildungen überschaubarer Technik von gestern. Immer und immer wieder vorbei an den leuchtenden Augen der sichtlich verzauberten Besucher jeglichen Alters.

Lediglich unterbrochen durch die kurzen Pausen zwischen den Fahrrunden, in denen erneut die Eintrittskärtchen eingesammelt werden, erscheint alles in einer herrlich harmonischen Bewegung befindlich. Einige der jungen Fahrgäste steigen dann aus, andere ein, wieder andere wechseln die Plätze oder bleiben fest entschlossen sitzen. Musik erklingt. Offensichtlich aus dem kleinen Zahlhäuschen heraus gesteuert, ertönen frohe Weisen, Klänge, die sich mit dem Erlebten, ja mit der momentan entfachten Fantasie der Kinder, gut vertragen. Das Karussell setzt sich sachte in Bewegung. Die Mondkulisse, mit ihren großen, geschlossenen Augenlidern, schleicht nickend an mir vorbei. „Ja, noch gehört es zum Weihnachtsmarkt“, höre ich mich denken, „dreht inmitten übermütig durcheinanderwirbelnder Schneeflocken besinnlich seine Runden.“ Ein Kreisen. Leuchtende Augen. Eine Glückseligkeit. Und ja, was ermutigt uns mehr zur Hoffnung, als das aus dem Herzen kommende Lachen eines Kindes?

Das Fahrgeschäft wird von einem gefälligen, älteren Ehepaar betrieben, das mir bereitwillig einige meiner Fragen beantwortet, Fragen, die sich mir bezüglich des Karussells stellen. Von ihnen erfahre ich, dass es in Holland, per Handarbeit und in sehr geringer Stückzahl hergestellt wurde, und dass die beiden, die im gegenseitigen Wechsel den Dienst an der Kasse des Zahlhäuschens versehen, auch die Eigentümer dieses Kleinods sind. Aus dem Inneren der beheizten Bude heraus verteilten sie die Eintrittskärtchen und steuern aufmerksamst sowohl die Geschwindigkeit des Drehplateaus als auch die Auswahl und Lautstärke der Musik. Zeitweise ertönen ihre Stimmen selbst aus den Lautsprechern der Musikanlage. Kurz und bündig eingeblendete Anordnungen, wie da sind: „Bitte die Plätze einnehmen, es geht gleich weiter!“, „Das Kind auf dem Schwan möchte sich bitte setzen!“, und, „Bitte die Türen der Feuerwehr schließen!“ unterbrechen dann für Sekunden die musikalische Begleitung.

Mit dem Ausklang des Liedes ‘Die Petersburger Schlittenfahrt’ drosselt das Karussell merklich seine Fahrgeschwindigkeit, bremst behutsam ab. Von links kommt er lautlos und leicht wippend angeschlichen, der gute Mond. Zeitgleich mit dem Stillstand des Drehplateaus unterbricht er das weise, bedächtige Nicken. Unmittelbar vor mir kommen der graue Esel und das rosa Schwein zum Stehen. Aus jeglicher Richtung der umstehenden Runde kommend, nähern sich entschlossen die Väter, Mütter, Großväter und Großmütter ihren Schützlingen, um sie in Empfang zu nehmen. Diejenigen, die beabsichtigten, ihren Nachwuchs für die nun folgenden Runden auf einen der bunten Karussellbewohner zu setzen, machen sich spätestens jetzt auf den Weg. Mit dem von Hoffmann von Fallersleben gedichtetem Lied ‘Ein Männlein steht im Walde’ nehmen die amüsanten Tiere, die Feuerwehr und auch der Mond ihre allseits geschätzte Tätigkeit wieder auf. Die Kinder sitzen mehr oder weniger fest im Sattel, das erwachsene Geleit tritt zurück …

© Peter Oebel

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