Dienstag , 19 Januar 2021
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Artgerechte „Menschhaltung”

„Der Bundesrat fordert das Verbot von Wildtieren im Zirkus – eine artgerechte Haltung von Elefanten, Raubkatzen oder Flusspferden sei nicht möglich“, berichtet Der Spiegel. Es lässt sich wohl davon ausgehen, dass dieses Bestreben breite Unterstützung findet. Allerdings, es gibt noch Schlimmeres: Stellen Sie sich eine Kreatur vor, die dazu trainiert wird, immer und immer wieder die gleiche Bewegung durchzuführen. Ein Pferd, das monoton im Kreis läuft, um eine Mühle in Bewegung zu halten. Ein Mensch, dessen Aufgabe es ist, den ganzen Tag über Schrauben festzuziehen.

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Ich möchte die durchaus lobenswerten Bemühungen, Tieren jeder Art sinnloses Leiden zu ersparen, keineswegs relativieren. Noch vor wenigen Jahrzehnten ließen sich Zoos und Tiernummern im Zirkus vielleicht damit rechtfertigen, dass die Neugier der Menschen befriedigt sein will. Doch, wie auch Der Spiegel in seinem Artikel erwähnt, mittlerweile gibt es genügend Dokumentationen und Spielfilme, die das Leben von Tieren in freier Wildbahn ins Wohnzimmer liefern. Aus welchem Grunde also sollten Elefanten und Giraffen zu einem Dasein im Käfig verdammt oder Bären und Nashörner zur Ausführung von „Kunststücken“ gezwungen werden?

Wäre es aber nicht auch endlich einmal an der Zeit, die Frage aufzuwerfen, ob nicht auch der Mensch über ein Recht verfügt, seinen natürlichen Voraussetzungen gemäß zu existieren? Das Argument, dass wir uns schließlich frei darüber entscheiden, was wir mit unserem Leben tun, wie wir unser Geld verdienen, trifft in allzu vielen Fällen keineswegs zu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Angestellte an der Supermarktkasse, die täglich acht Stunden die Waren über den Scanner zieht, dies tun würde, ohne auf das damit verbundene Einkommen angewiesen zu sein. Und dieses Beispiel aus dem Supermarkt dient deswegen am besten zur Veranschaulichung, weil wir das Schicksal dieser Menschen gelegentlich, auf einige Minuten, miterleben. Wie viele Millionen verbringen ihr Leben in Fabriken, Lärm und anderen regelmäßigen Belastungen ausgesetzt, führen immer und immer wieder den gleichen monotonen Handgriff durch, und niemals werden wir an ihr Schicksal erinnert. Wird dieses Dasein der Gattung Mensch gerecht?

Hahnenkämpfe sind grausam und zurecht verboten. Doch ist es wirklich weniger grausam, wenn menschliche Wesen sich im sogenannten „Ring“ gegenseitig die Köpfe blutig schlagen? Wenn Angriffe beim „Ultimate Fighting“, einer in Amerika mittlerweile äußerst beliebten Sportart, durchaus lebensbedrohlich werden? Im Gegensatz zum Hahn würden die Gladiatoren des 21. Jahrhundert die Arena freiwillig betreten? Einige vielleicht, die Mehrzahl macht es aber des Geldes wegen. Und zwar nicht, weil Geldscheine so schön zum Anschauen sind, sondern weil damit die fälligen Rechnungen bezahlt werden. Die meisten Profisportler dürfen vom großen Erfolg bestenfalls träumen. Sie kämpfen zum Überleben.

Ein, dem Zirkus entlaufenes Tier, mag letztendlich auch „freiwillig“ zur gewohnten Umgebung zurückkehren. Dort gibt es zumindest regelmäßig Nahrung. So wie der Mensch „freiwillig“ die Städte bevölkert, weil es anderswo keine Jobs gibt.

Ich weiß, dass viele Leser diesen Vergleich kategorisch, ohne darüber nachzudenken, zurückweisen werden. Es passt einfach nicht in unser Denkschema, das Schicksal von Tieren mit dem von Menschen in Vergleich zu stellen. Und schon gar nicht, wenn sich der Einzelne dabei bewusst werden könnte, dass seine Freiheit sich all zu oft darauf beschränkt, die Plantage selbst auszuwählen, auf der er die Baumwolle pflückt.

Wie würde es klingen, wenn jemand das jämmerliche Dasein von Zirkustieren damit begründet, dass dadurch schließlich Umsätze erzielt werden? Wie würde es klingen, darauf zu verweisen, dass das Bruttoinlandprodukt letztendlich davon profitiert? Und warum gilt dies als Rechtfertigung, wenn Menschen zu einem Dasein gezwungen werden, das mit Sicherheit nicht ihrer Natur entspricht?

Wie sonst ließe sich unsere Zivilisation aufrecht erhalten? Einfach menschlicher, würde ich vorschlagen, ungeachtet von Produktionssteigerung, Kosteneinsparung, Konsumzwang, Steuerleistung, Befriedigung des Finanzsektors – einfach menschlich.

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