Dienstag , 19 Oktober 2021

Schild(er)bürger

schilderwald„Da bin ich etwas irritiert, das gebe ich zu, für eine entsprechende Erläuterung wäre ich dankbar.“ Meine Freude darüber, in dieser Situation einen kompetenten Ansprechpartner zu haben, wird allerdings durch die Tatsache getrübt, dass jener ebenfalls mit der Fragestellung überlastet scheint. Beide blicken wir nun auf eine Reihe untereinander gehängter Verkehrsschilder und versuchen die hier vermittelte Botschaft zu deuten. „Darf ich hier parken, oder nicht?“, so der Kern meiner Frage, die sich uns, dem Mitarbeiter des Städtischen Ordnungsdienstes und mir, augenblicklich stellt.

Klar, in Hamburgs Innenstadt einen Parkplatz zu bekommen, das ist alles andere als leicht – wenn die Parkhäuser besetzt sind nahezu unmöglich – was meine Bemühung, an der sich mir gerade bietenden Möglichkeit vehement festzuhalten, wohl in den Bereich des real Verständlichen rückt. Nach einer rund halbstündigen Odyssee durch die City, stets mehr oder weniger von meinem eigentlichen Zielort entfernt, war ich überrascht und erleichtert zu gleichen Teilen, nunmehr endlich einen Platz für mein Auto gefunden zu haben: zwei weiße Markierungsstreifen am Boden, dazwischen der Raum für genau (m)einen PKW. Ein Schildermast an der vorderen Markierung: „auf dem Seitenstreifen“ und „Mo-Fr 8-18h Sa 8-12h“, so steht es schwarz auf weiß auf zwei rechteckigen Schildern, die in der Reihenfolge und direkt unter dem runden Schild hängen, das ein eingeschränktes Halteverbot signalisiert. „Gut“, sage ich mir, „heute ist Donnerstag, die Uhr zeigt 18:15, von daher ist das Verbot für heute aufgehoben.“

„Der Parkplatz ist der meinige“, so mein freudiger Gedanke, der mir leider nur so lange vergönnt war, bis ich das vierte Schild entdeckte. Jenes Zeichen, noch unterhalb der zeitlichen Limitierung, ganz augenfällig provisorisch mit Draht angebunden, besteht auf ein absolutes Halteverbot. Darunter nun, man bemerkt es nicht sofort, tatsächlich noch ein weiteres Zusatzschild: „während der Bauarbeiten“, so der Hinweis. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, eine Baustelle. Ein Bürogebäude wird renoviert. Ein Schuttcontainer vor dem Haus. Zwei Bauzaunelemente am Kantstein. Kein Betrieb, was um diese Zeit alles andere als verwunderlich ist. Alles dunkel. Die Arbeit ruht. Ja und so blicken wir nun beide, der Hüter des Gesetzes und meine Wenigkeit, den Rohrmast empor, und versuchen die Quintessenz der behördlich gesteuerten Hinweise zu ergründen. Ein eingeschränktes Halteverbot, ein absolutes Halteverbot und drei ein- und ausklammernde Zusatzschilder. Darüber darf man nachdenken.

Darüber muss man nachdenken. Das tun wir geradewegs. Darf man jetzt an dieser Stelle seinen Wagen abstellen, oder darf man es nicht? Überschreibt das durch die gegenüberliegende Baustelle bedingte absolute Halteverbot das mittels des zweiten Zusatzschildes (Mo-Fr 8-18h …) momentan überschriebene, eingeschränkte Halteverbot, und das, obwohl zurzeit de facto keine Bauarbeiten stattfinden, oder ist das im Endeffekt nicht der Fall? Mein Gesprächspartner sieht sich um, zweifelt erkennbar in jede Richtung. Zwar verspüre ich dem Schicksal gegenüber eine gewisse Dankbarkeit, dass es diesen wackeren Vertreter unserer Republik, der gerade ein paar Meter weiter damit beschäftigt war seinen handlichen Knöllchen-Registrier-Automaten zu füttern, meinen Weg kreuzen ließ, aber zu einem meinem Parkvorhaben begünstigenden Resultat kann er mir nicht verhelfen. Nein, ein Polizist (ein Ordnungsdienstler ist für mich so etwas wie ein Polizist) ist letztlich eben auch nur ein Mensch.

„Lassen Sie es gut sein“, ich versuche den peinlichen Zustand zu beenden, „bevor ich abgeschleppt werde, entferne ich mich besser freiwillig.“ Die aus meiner Sicht heraus recht traurige Tatsache, dass selbst ein diesbezüglich Professioneller, ein Experte für Ordnungswidrigkeiten , ein routinierter Verteiler von Strafzetteln, seine Probleme mit der Verkehrszeicheninterpretation hat, mag ich nicht zur Sprache bringen. Ein entsprechender Hinweis ist auch nicht nötig. Nein, ich meine es meinem Gegenüber ansehen zu können, dass wir beide gegenwärtig denselben Gedanken haben. Ob nun, auch völlig außerhalb der regulären Arbeitszeit, das Verbot die Erlaubnis übertrumpft, ja ob sich die Einschränkung überhaupt auf die gegenüberliegende Baustelle bezieht, das bleibt offen. Vielleicht wird in den nächsten Tagen auf dieser Seite eine Baustelle eingerichtet, und die zwei besagten Schilder sind die rechtzeitig anberaumten Vorboten. Oder, auch denkbar, die Arbeiten sind bereits erledigt, und die Schilder sind überflüssig, wurden nur noch nicht demontiert.

Wie auch immer dem sei, wir ziehen ab. Der Uniformträger kann sich endlich wieder seiner Ticketvergabe widmen, und ich bewege mich weiter im Orbit der Innenstadt, stets und ständig vorbei an der unzähligen, gerne mehrfach übereinander gehängten Beschilderung staatlicher Anweisungen. In alle Richtungen zeigen die auf einem freundlichen Blau geprägten, weißen Pfeile, jene emsigen Helfer der am Verkehr teilnehmenden Bürger. Hier weisen sie nach links, und dort nach rechts, und manchmal – jedenfalls erweckt es mir den Eindruck -, manchmal zeigen sie tatsächlich sogar nach oben, in Richtung Himmelsblau. Wie nett. Dergestalt wird der Suchende, in dem Falle ich, unentwegt weiter gewinkt, immer vorbei gelenkt, vorbei, an dem eigentlichen Ziel. Hin und wieder unternehme ich den Versuch, gewissermaßen als willkommene Ablenkung, die zahlreichen Zeichen in ihrer Kombination zu verstehen. Da es nahezu 2000 Varianten gibt, ein schier unerschöpflicher Fundus.

Anbei: Der Schilderwald unserer Republik präsentiert uns mittlerweile mehr als 20 Millionen Exemplare, die in ihrer Gesamtheit, mit steigender Tendenz, fürwahr zu einer akuten Verkehrsbehinderung anwachsen. Da es sich noch dazu um rund 700 (!) unterschiedliche Zeichengebungen handelt, ist dieser Einschlag faktisch hausgemacht. Das Signal „Es reicht!“ kommt zu spät, die Grenze zum Erträglichen ist längst überschritten. Das wird sowohl von der verantwortlichen Behörde als auch von den verantwortlichen Politikern längst nicht mehr nennenswert in Abrede gestellt. Dass der Bürger obendrein noch mittels Verkehrsschild-Typen gemaßregelt wird, die zwar nicht mehr gültig sind, aber, in Ermangelung einer seitens der Straßenverkehrsordnung erlassenen Übergangsfrist, noch nicht ausgetauscht wurden, das erinnert mich an die Pointe einer vom tosenden Applaus begleiteten Kabarett Veranstaltung. Zumindest ist somit der Unterhaltungswert sichtlich gewährleistet.

© Peter Oebel

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