Dienstag , 19 Januar 2021
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Treff-Punkte / Blick-Winkel

parkhaus_einfahrtVon der Hauptstraße links abbiegen, dann die geneigte Auffahrt hoch. Vor der Automatik-Schranke kurz anhalten und die Scheibe runter lassen. Den Knopf drücken, die Karte ziehen. Der rot-weiße Arm stellt sich senkrecht, gibt die Einfahrt zum Parkplatz frei. 19:30 Uhr. Um diese Zeit kaum noch abgestellte Fahrzeuge. Einparken. Aussteigen. An der Ausfahrt steht der Arm der Schranke bereits senkrecht, lässt jeden, so er denn möchte, zum Nulltarif passieren. Die Automatik ist mal wieder defekt. In der Regel, ergo fast verlässlich, ist das der Fall.

Vom Parkplatz führt ein breiter Weg direkt zum Center, zur Einkaufsmeile im Nordwesten der Stadt. Links vom Weg der Busbahnhof. Rechts ein kleines Ärztehaus, ein Döner-Imbiss und eine Filiale der Handelskette REWE. Quer verlaufend die gut 500 Meter lange Fußgängerzone, mit ihren diversen Lebensmittelläden, Fachgeschäften, Gastronomen, Ärzten, Anwälten und Dienstleistern, mit der sich der Weg letztlich vereint. Jenes Zusammentreffen formiert sich hier zu einem recht passablen Platz, jedenfalls was die Größe betrifft. Nahezu mittig des Platzes, eine Station der U-Bahn. Ein kaum wahrnehmbares Vibrieren der Gehwegplatten kündigt die Ankunft einer Bahn an. Das Abbremsen der Räder, Stahl auf Stahl, ein kurzes Quietschen. Miefige, erwärmte Luft, von dem Zug aus der Röhre gepresst, entweicht dem Schacht. Nur wenige Sekunden später verlassen Menschen die Station. Die meisten eilen in Richtung Busbahnhof, vermengen sich kurzzeitig mit denen, die, vom Busbahnhof kommend, zielgerichtet in Richtung U-Bahn eilen.

Hier ist der Weg halb überdacht. Ein Blechdach, gehalten von einer blau angestrichenen Konstruktion aus eckigen Metallrohren, verbindet die beiden Bus- und Bahnstationen. Kaum jemand wird darin eine architektonische Meisterleistung erkennen, eher nicht. Unter dem Dach, eine längere Reihe Mülltonnen-Boxen aus Waschbeton. Die meisten der Stahltüren angerostet, und zusätzlich in irgendeiner Weise per Faserschreiber beschmiert. Hier hat sich eine kleine Gruppe formiert. Menschen unterschiedlichen Alters, die durchaus den Eindruck erwecken, dass sie den Tag hier verbringen. Auf der Platte des Müllboxen-Arrangements, die offensichtlich augenblicklich als so eine Art Tisch dient, eine leere Schnapsflasche, und in regelmäßigen Abständen Bierdosen. Einige Dosen rollen, vermutlich leer und vom Wind getrieben, leise rumpelnd über den Waschbeton. Die Gruppe scheint lustig zu sein. Einige Teilnehmer unterhalten sich lauthals, zeitgleich und in verschiedene Richtungen.

Zwei Männer. Beide uniformähnlich gekleidet. Derbe, dunkelblaue Hemden mit Schulterklappen, derbe, dunkelblaue Hosen mit aufgenähten Taschen. Stiefel. Die Rolltreppe des U-Bahnschachtes transportiert sie, dicht nebeneinanderstehend, bis auf die Höhe des Platzes. Es sieht aus, als würden sie, im Zeitlupentempo, direkt senkrecht aus dem Boden wachsen. Sie blicken grimmig drein, erkennen die Situationskomik nicht. Oben angekommen bleiben sie für Sekunden stehen, blicken sich um, blicken links wie rechts über die Einkaufsmeile, blicken in Richtung der Müllboxen. Jeder hat Handschellen, Lederhandschuhe und eine Taschenlampe an einem schwarzen, breiten Gürtel hängen, und ein Sprechfunkgerät in einer der aufgenähten Taschen. „Security Service“ – in weißen Lettern auf dem Rücken. Nicht zuletzt die auffallend kurz geschnittenen Haare lassen das Erscheinungsbild, in der Gesamtheit und aus der Situation heraus, an Tage erinnern, die wir wohl besser nicht noch einmal auffrischen sollten.

Die meisten der Geschäfte – links wie rechts der Meile – haben bereits geschlossen, oder sind im Begriff zu schließen. Hier und dort werden Bistrotische und Stapelstühle in die Läden getragen. Eingänge werden gefegt. Unbeleuchtete Schaufensterscheiben reflektieren vorbeigehende Passanten, was irgendwie an einen Stummfilm in schwarz-weiß erinnern lässt. An der Ecke, gegenüber der U-Bahn, kann man noch einen Kaffee bekommen. „The Coffee Company“ steht auf der Markise, die soeben hinein gekurbelt wird. Drinnen werden die Tische abgewischt. Ein deutliches Signal. In einer halben Stunde gehen auch hier die Lichter aus. Leute verlassen das Geschäft, rauchen, telefonieren, halten Coffee to go Becher in der Hand. Nebenan, eine Geschäftsstelle der Deutschen Bank. Geschlossen. Hinter der schweren Glastür stehen allerdings mehrere Automaten als etwaige Kommunikationspartner bereit. Hier herrscht eine vergleichsweise rege Betriebsamkeit.

Die Gehwegplatten vibrieren, kaum wahrnehmbar, wie gesagt. Ein Zug läuft ein. Mit einem spitz schrillen Aufschrei meldet er seine Abbremsung. Der zu erwartende Luftzug meldet sich ebenfalls aus dem Schacht, vermengt sich jäh mit der Atmosphäre des Platzes. Menschen verlassen die Station, beeilen sich ihren Anschluss per Bus nicht zu verpassen, oder verlieren sich in Richtung Einkaufsmeile. Der eine oder andere wirft im Vorbeigehen flüchtig einen Blick auf die an den Müllboxen stehende Versammlung. Dort wird gelacht. Eine Bierdose kippt um, nimmt stracks die Fahrt über die Betonplatte auf. Die Männer vom Security Service stehen nun in unmittelbarer Nähe der Rolltreppe. Beide rauchen Zigaretten. Die Augen sind auf die Stiefel gerichtet. Vor den Stiefeln, eine Ansammlung Zigarettenkippen, von denen einige noch zu glimmen scheinen. Mit jeder ausgeschalteten Schaufensterbeleuchtung wird die Straße dunkler. Das geht schleichend, wird vermutlich nicht unbedingt von jedem bemerkt.

Eine rundliche Frau mit schwarzem Kopftuch und langem Kleid mit Spiegelstickerei. An der einen Hand einen Jungen, in der anderen eine Portion aus dem Döner Imbiss. Der Junge weint, zerrt an ihrer Hand, will, so scheint es, dringend einen anderen Weg einschlagen. Die Frau redet auf ihn ein, während sie versucht, mit ihren Zähnen Fleisch aus dem aufgeschnittenen Brot zu ziehen. Letzteres ist ganz offenkundig alles andere als leicht. Beide sind nun im Wege. Eine Horde johlender Jugendlicher will an ihnen vorbei. Gerade dem Bus entstiegen, laufen sie Richtung U-Bahnstation. HSV Fans! Die um den Hals geschlungenen, überlangen Schals lassen da keinen Zweifel zu. Die Meute hastet, links wie rechts an Mutter und Kind vorbei, über die Treppe den Schacht hinunter. Das Gejohle verhallt, verliert sich im Gemäuer des unterirdischen Röhrensystems. Der Junge hat sich beruhigt, hat jetzt ein Stück von dem Brot in der Hand. Beide entschwinden irgendwo im Grau der Meile.

Eine bunte Reklamezeitung klebt nass am Boden – Werbung vom Drogeriemarkt – rhythmisch blättert der Wind die Titelseite auf und zu. Busse kommen an. Busse fahren ab. Bremsende U-Bahn Räder quietschen aus dem Schacht. Männer mit Aktenkoffern und blank geputzten Schuhen. Frauen mit Einkaufstüten an den Händen. Männer im Anorak und dicken Turnschuhen aus Gummi. Frauen im eleganten Bürodress. Jugendliche in Kapuzenjacken gehüllt. Rentner mit Hunden an der Leine. Stadttauben, auf der ewigen Suche nach Essbarem. An Gürteln hängende Handschellen. Lederstiefel. Sicherheit versprechende Uniformen. Eine eingedrückte Plastikflasche steht rechts vom Eingang des kleinen Ärztehauses. Davor Erbrochenes. Ein am Boden schnüffelnder Hund …

Nunmehr ist der Parkplatz so gut wie leer. Der rot-weiße Arm der Automatikschranke steht tatsächlich immer noch senkrecht. Die Automatik ist eben defekt. In der Regel ist das der Fall. Hinter der Schranke, die geneigte Ausfahrt runter, und dann rechts in die Hauptstraße abbiegen.

© Peter Oebel

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