Samstag , 7 Dezember 2019

Vorurteile

handschellen_1„Und so ein Pack füttern wir hier durch. Die sollten verschwinden, sollen dorthin gehen, wo sie hergekommen sind.“ Der ältere Herr neben mir ist offensichtlich stark erregt, er zittert, hat seine Stimme kaum noch unter Kontrolle, den Rest seines Körpers auch nicht. Eine unangenehme Situation. Etwas schneller als gewöhnlich greife ich mir meinen Einkauf vom Fließband. Die Kassiererin ist ebenfalls abgelenkt, was mich nicht wundert. An der Kasse nebenan beugt sich ihre Kollegin über den Tresen, hält mit beiden Händen einen Rucksack geöffnet, sieht hinein.

Ein Junge – er mag so um die zwölf – dreizehn Jahre alt sein – steht vor dem Band. Nicht freiwillig, wie es scheint. Ein Mann, im weißen Kittel, hält ihn am Arm fest. Es ist der Rucksack des Jungen, der gerade inspiziert wird. „Bitte“, ich halte der für mich zuständigen Kassiererin einen Geldschein entgegen, „den Kassenbon benötige ich nicht.“ „Das erleben wir immer öfter“, die Frau sieht mich an, während sie mir das Wechselgeld reicht, „die werden immer dreister.“ Der Mann im weißen Kittel, der Marktleiter, wie ich vermute, ist dem Anschein nach mit seiner Rolle recht zufrieden, blickt drein, wie Kapitän William Bligh, der gerade einen der Meuterer von der Bounty ins Meer werfen lässt. „Diese Zigeuner haben keinen Funken Anstand im Leib. Früher, da hätte man die …“ Die Stimme des zitternden, alten Herrn überschlägt sich nun fast. Sein übermäßig feuchter Speichelfluss, eher schon ein Spucken, unterstreicht seine Hasstiraden auf das Unangenehmste.

Der Junge ist knallrot im Gesicht. Das kann ich trotz seiner ohnehin dunklen Hautfarbe erkennen, auch aus der Entfernung, die zwischen zwei Kassen-Fließband-Stationen liegt. Mir wird schlecht. Letzteres nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es für dieses morbide Szenario keine Heilung gibt, nicht unmittelbar jedenfalls, wie es doch die Situation eigentlich erfordert, nein, nicht einmal ansatzweise. „Hier stimmt nichts“, höre ich mich denken, „immer dort, wo der Hass zum Richter ernannt wird, das Vorurteil zum Zeugen, dort ist die Stimmigkeit bereits vollends vertrieben.“ All das, das Geschehen in seiner Gesamtheit, mit dem ich an dieser Stelle überaus spontan konfrontiert werde, weckt in mir zeitgleich Erinnerungen, auf die ich gut verzichten kann. Wer mich momentan am ehesten abstößt, vermag ich nicht zu sagen. Der immer noch in Richtung des Jungen schimpfende und spuckende Alte, die ihm pauschal zustimmende Kassiererin oder Kapitän Bligh.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich ja nun wirklich nicht sagen kann, was genau passiert ist, werde ich dennoch einmal mehr daran erinnert, dass wir Deutschen wohl immer jemanden benötigen, den wir diskriminieren können. In meiner Kindheit waren es die Italiener. „Die Spaghetti-Fresser nehmen uns unsere Frauen und unsere Arbeit weg“, so raunte es vor rund 50 Jahren durch die Republik, und jenen Nachbarn, die unsere Politiker aus gutem Grund ins Land holten, haben wir es nicht gerade leicht gemacht. Kaum hatten wir uns an die Italiener gewöhnt, waren es die Jugoslawischen Nachbarn (Gastarbeiter mag ich nicht sagen), denen wir mit all unserem Misstrauen begegneten. Den dann folgenden Türken erging es nicht anders. „Die sind doch alle arbeitsscheu und eher kriminell veranlagt“, hieß es, und „die wollen sich doch alle gar nicht eingliedern.“ (Das Wort alle, wurde bereits damals oft und gerne benutzt.) So meine Erinnerung.

Irgendwie, so kommt es mir vor, irgendwie bekommen wir es nicht richtig hin, vorurteilsfrei unserem Nächsten zu begegnen, irgendwie mag es uns einfach nicht gelingen. Sicherlich hängt sie uns nicht allein an, die besagte Unfähigkeit, das nicht. Auf unserer guten Mutter Erde ist das Vorurteil stark vertreten. Die Geschichte hat da einiges zu erzählen, was die Gegenwart durchaus zu unterstreichen vermag. Dessen ungeachtet kann mich das kaum beruhigen, nein, und schon gar nicht zum diesbezüglichen Zurücklehnen motivieren. Was nur nährt immer wieder unser Verlangen, auf andere Menschen herabblicken zu wollen, ja das notwendige Miteinander von dem Gegeneinander vertreiben zu lassen? Wir errichten dort Mauern, wo dringend Brücken benötigt werden, und das mit einer Akribie, die der Hoffnung auf Verträglichkeit keinen Raum lässt. Die Voreingenommenheit ist einer unser mächtigsten Feinde. Weltweit. Daran hege ich keinen Zweifel.

Gut, an die Italiener haben wir Deutschen uns, wie gesagt, inzwischen gewöhnt, ich gehe davon aus, dass der Begriff Diskriminierung, in dem Verhältnis zwischen uns und ihnen, keinen nennenswerten Stellenwert aufweist. Das genaue Gegenteil ist gegenwärtig der Fall, ja, man geht zum Italiener, hat seinen Lieblings-Italiener, der nicht nur einen unvergleichlichen Espresso reicht, sondern auch die beste Pizza der Stadt serviert. Auch in andere Richtungen geblickt: Es hat zwar lange gedauert, aber prinzipiell wissen wir es mittlerweile zu schätzen, das Kulturgut, das uns unsere Gäste und Nachbarn aus ihren jeweiligen Heimatländern mitgebracht haben, und erfreulicherweise beschränkt es sich nicht allein auf die gastronomischen Spezialitäten. Gleichwohl haben wir die Ziellinie leider noch nicht erreicht. Aktuell dürfen wir – beispielsweise – gerne noch an dem Blickwinkel arbeiten, mit dem wir unsere türkischstämmigen Nächsten betrachten.

Was soll`s, meine Gedanken schweifen ab. Meine Tüte ist gepackt, mein Einkauf beendet. Ich gehe. So wie es aussieht, hat an der Kasse nebenan so etwas wie ein Bühnenwechsel stattgefunden. Die Szene hat sich zumindest grundlegend geändert. Doch. Ja. Was noch vor wenigen Sekunden als Ladendiebstahl agierte, tritt nunmehr als Irrtum auf. Dem Jungen war sein Schlüsselbund aus der Hosentasche und zwischen die Regale gerutscht. Von dort hob er sie auf, und verstaute sie in seinem Eastpak. Jene Handgriffe wurden beobachtet, falsch gedeutet, und dem Personal gemeldet. Die Kassiererin hat inzwischen den Rucksack, und Kapitän Bligh den vermeintlichen Meuterer losgelassen. Beide sind bereits wieder zur Tagesordnung übergegangen. Sie rückt ihren Kittel zurecht, lächelt ihren nächsten Kunden an, er verschwindet hinter der Tür mit dem Spiegel, durch den man von der Rückseite durchsehen kann. Der Alte zittert nicht mehr, er schimpft nur noch.

„Nein, die eigentliche Tragik, sie begründet sich nicht in dem Irrtum“, höre ich mich denken, „das wäre noch erträglich.“ Das, was man aus dem Missgriff gemacht hat, ist es, was sich mir als schier unerträglich erweist. Die erbärmliche Freude darüber, wieder einmal Zigeunerpack erwischt zu haben, einen Arbeitsscheuen, einen Kriminellen. Und ja, es war tatsächlich Freude, triumphierende Freude, darüber konnte auch das Schimpfen nicht hinwegtäuschen. Der unfreiwillige Hauptdarsteller, er geht eilig an mir vorbei, erreicht vor mir das Portal, mit der automatisch gesteuerten Glastürschleuse. Sein Gesicht verrät so etwas wie Angst, Irritation und Machtlosigkeit zu gleichen Teilen. Die Flügel der Glastürschleuse schließen sich hinter dem Jungen. An den Scheiben kleben rechteckige Plakate: „Hier ist der Kunde noch König“, liest man beidseitig in Augenhöhe, „Öffnungszeit von 8:00 bis 21:00 Uhr.“

© Peter Oebel

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