Sonntag , 29 März 2020
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Darf ich Ihnen meine Karte reichen …

visitenkarte_uberreichen„Auch das noch“, höre ich mich denken, „das hat mir gerade noch gefehlt.“ An dieser Stelle bin ich ziemlich ungeduldig, ich weiß, und möglicherweise auch etwas ungerecht. Aber, was soll`s, damit muss ich leben. Mit dem mir momentan bestmöglichen Minenspiel, nehme ich das mir entgegengehaltene Stückchen schneeweiß bedruckte Pappe (im Format 8 x 5 cm etwa) entgegen. „Dr. Wilfried B. Löffler“, so lese ich flüchtig, „Dipl.-Kaufmann“. „Gut. Danke“, ich lasse das Gereichte in meiner Jacketttasche verschwinden, „wir werden uns melden.“

Jedem, der mich näher kennt, ist meine Abneigung mehr oder weniger bekannt, die ich gegen jene Kärtchen hege. Visitenkarten – ich mag sie nicht. Und ja, wie ich es bereits eingangs andeutete – damit nehme ich jedem mich etwaig belehren wollenden Kritiker im Vorfelde den sprichwörtlichen Wind aus den Segeln – bin ich mir meines Vorurteils durchaus bewusst. Was können die kleinen Kärtchen denn dafür und was die Verteiler jener Hinweise? Dem Kaufmann Wilfried Löffler sind wir – meine Frau und ich – nebst seiner Gattin, hier in der Kammeroper kurz begegnet. Genau genommen in der Pause, zwischen dem zweiten und dem dritten Akt, und da wir in diesen wenigen Minuten eine relativ duldsame Konversation erfuhren, kommt es nach Beendigung der Vorstellung zu dem Angebot. „Ich würde Sie gerne bei mir zu Hause zu einer Tasse Kaffee einladen“, so unsere jüngste Bekanntschaft, vertreten durch Wilfried Löffler. Und nun, wie gesagt, diese Karte …

Wie ich vermute, war sie nicht weiter auffällig, meine Aversion, jedenfalls hoffe ich es. Klar, meine Frau wird es bemerkt haben, sie kennt mich, sie erwartet bei solchen Gelegenheiten nichts anderes von mir. Was nun Herrn und Frau Löffler betrifft, so gehe ich davon aus, dass für jene nunmehr alles in bester Ordnung ist. Herr Löffler hakt seine Frau unter, lächelt uns freundlich an: „Über einen Besuch würden wir uns wirklich sehr freuen. Danke für das nette Gespräch. Es war ein schöner Abend.“ Beide wenden sich zum Ausgang. Wie auch immer, wenn ich jetzt nicht aufpasse, dann provoziert sich zwischen mir und meiner Frau so etwas wie ein Streitgespräch, zumindest ein kleines. In solchen Situationen wie dieser gilt es zwei Dinge keinesfalls zu thematisieren: Krawatten und Visitenkarten! Und immer, aber auch immer und immer wieder falle ich darauf rein, ja tappe ich in dieselbe Falle – und lästere über ebendiese Begleiter unserer Kultur.

„Man kann es auch übertreiben“, meine Frau hat ja nicht so ganz unrecht, „du mit deiner diesbezüglichen Engstirnigkeit. Das ist exakt genau das, was du sonst stets vehement verurteilst. Das ist intolerant.“ Ja. Alles richtig. Ich kann dem nichts entgegensetzen, was meine innere Haltung rechtfertigen könnte. Ob nun die von mir im Zusammenhang mit Krawatten und Visitenkarten gemachten Erfahrungen reichen, um mein, zugegeben, gewöhnungsbedürftiges Verhalten zu entschuldigen, oder wenigstens zu erklären, das sei dahingestellt. Dessen aber ganz ungeachtet, möchte ich zumindest einen kleinen Anhaltspunkt geben, einen Indikator setzen, wenn man so will, was mir so durch den Kopf schießt, wenn ich mich mit diesen Dingen konfrontiert sehe. Nein, ich revidiere kurz, will mich nicht verzetteln, klammere vorerst die Krawatten aus. Allein die Visitenkarte war es doch, die mir vor nur wenigen Momenten meine Gedanken negativ ausrichteten.

Oftmals habe ich erfahren, dass zwischen dem, was auf den Kärtchen abgedruckt war, und dem, was sich unterm Strich real dahinter verbarg, frappierende Unterschiede bestanden. Da wurde ein Ideenreichtum freigesetzt, der durchaus mit der blühenden Phantasie surrealistisch motivierter Filmemacher schritthalten konnte. Da wurde, um einige Beispiele zu nennen, der liebe Herr Vertreter übergangslos zum „Key Account Manager“ gekürt, der Bürovorsteher schwang sich zum „Back Office Supervisor“ empor und jeder, dem es gelang, erfolgreich eine Palette Brechbohnen in Dosen in das Regal eines Supermarktes zu stapeln, nannte sich keinesfalls mehr Lagerarbeiter, sondern „Logistik-Manager“. (Was ein „4th Level Manager“ tatsächlich ist, das habe ich noch nicht herausbekommen, vielleicht ein Hausmeister, der für die vierte Etage zuständig ist, wer weiß.) Diese Verballhornung – um das Wort Verarschung nicht zu benutzen -, die missfällt mir.

Zugegeben, an dieser Stelle gebe ich der Übertreibung einen gewissen Raum, dessen bin ich mir natürlich bewusst, aber da es hier doch in der Regel ohnehin um Übertreibungen geht, sehe ich mich sehr wohl noch im Rahmen der Spielregeln skizzieren. Und ja, eventuell und zusätzlich haben mich auch die Auftritte der „European Business Coach Absolventen“ inspiriert, die Kartenreichungen der „Costumer Relationship Manager“, das Erscheinen der „Professional IT Consulting Manager“, von denen nahezu jeder zweite selbstverständlich ein Geschäftsführer ist. Wie auch immer dem sei, wie sollte Derartiges benannt werden, wo darf man eine solche Inflation der imaginären Titel einordnen? Was mich betrifft, so fällt mir dazu nicht viel ein, was einen ausreichend brauchbaren Bezug zur Realität hat. Gut, im Zweifelsfalle sehe ich da allerdings ausreichend Stoff, für die Pointen einer gelungenen Kabarett-Varietétheater-Sitzung. Immerhin.

Nun habe ich wohl genug Dampf abgelassen, für heute ist die Luft raus. Vorerst jedenfalls. Im Eingangsportal des kleinen Theaters bleibe ich kurz stehen, ziehe das Kärtchen aus meiner Tasche: „Dr. Wilfried B. Löffler / Dipl.-Kaufmann / Elbchaussee 403 c / 22609 Hamburg / Tel. 040 …“ Nein, so ganz unrecht hat meine Frau da nicht, ich neige in der Tat zur Übertreibung. Meine Aversion gegen Visitenkarten, die zeugt von Intoleranz und Engstirnigkeit. Das, was ich gerade lesend zur Kenntnis nehme, schlicht formuliert und in dezent grauen Lettern auf weißem Karton abgedruckt, das ist der beste Beweis – alles vertrauenswürdig. Was soll`s, meine diesbezügliche, immer wieder sich einschleichende Neigung zur Schwarz-Weiß Malerei, die möge man mir bitte tunlichst verzeihen. Zwar werde ich in diesem Leben kein Freund mehr von diesen Karten, aber selbstredend werde ich an mir so lange arbeiten, bis wir uns vertragen können. Versprochen.

© Peter Oebel

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