Dienstag , 29 September 2020
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Keine Zeit – Moderne Zeiten

alte_uhrMit der linken Hand die Haut im Kinnbereich leicht straffziehend, führt die rechte Hand den Elektrorasierer über die Bartstoppeln des Mannes. Etwas angespannt, sich leicht hin- und her neigend, blickt er in den Spiegel. So wie es aussieht, bereitet es ihm ein wenig Mühe, den zu bearbeitenden Körperteil innerhalb des nur kleinen Rahmens wiederzufinden. Letzteres ist kein Wunder, eher völlig normal, der Rückspiegel eines PKW, der eignet sich nur sehr begrenzt für die morgendliche Rasur. Jene Tatsache gilt auch für einen tiefschwarzen BMW.

06:00 Uhr in der Frühe. Ich stehe auf der Ausfahrtstraße unseres Dorfes. Genauer gesagt, an einer der letzten Ampeln vor der Autobahnauffahrt nach Hamburg, die nunmehr seit einigen Sekunden ihr kreisrundes Rot zeigt. Links von mir, parallel und auf selbiger Höhe – und das, obwohl hier nur eine einzige Spur zur Verfügung steht? – der besagte Herr, der emsig mit seiner Morgentoilette beschäftigt ist. Aus dem Augenwinkel heraus – man möchte ja niemanden beobachten – nehme ich jene Zelebration wahr, und das nicht ganz ohne Bewunderung, oder sagen wir besser: nicht ohne ein gewisses Erstaunen. Und – kaum zu glauben – wenn ich die Bewegungen seines Mundes richtig deute, ja dann telefoniert der Mensch obendrein noch während des Rasierens. Doch – die Gesten, mit dem Gerät in der Hand, die regelmäßige Hinwendung in Richtung Handy-Halter-Freisprecheinrichtung – hier wird tatsächlich die Wartezeit in vollem Umfang ausgenutzt. Die Ampel zeigt ihr Gelb. Zeitgleich fährt die schwarze Limousine mit quietschenden Reifen an.

Grün! Ich blicke dem Fahrer nach, der alsbald – fortan wieder auf der regulären Spur! – links abbiegend und somit der Kurve folgend, in einer beachtlichen Staubwolke meinem Blick entschwunden sein wird. „Wenn sich dieser Zeitgenosse nun noch seine Fußnägel geschnitten hätte“, höre ich mich denken, während ich mich ebenfalls in Bewegung setze, „dann hätte er mit dieser Nummer durchaus im Circus Roncalli auftreten können.“ „Was“, so frage ich mich, „was kann einen Menschen nun beflügeln, mittels eines derartigen Aufhebens den Tag zu beginnen?“ Diese unausgewogene Rasanz, und das in aller Herrgottsfrühe, dieses Die-Zeit-läuft-mir-davon-ich-muss-was-tun-Arrangement, wer oder was ist ihr Nährboden? Gut, klar, man kann es sehr wohl mal eilig haben, ebendiese Situationen gehören hin und wieder zum Leben, lassen sich nie ganz vermeiden, wer wollte das ernsthaft bestreiten. Aber das trifft es nicht, das passt nicht zu meiner soeben gemachten Erfahrung.

Nein, solche, oder ähnlich solche Darbietungen, drängen sich immer häufiger in den Vordergrund, ja setzen sich immer vehementer in die allererste Reihe des Tagesgeschehens und um 06:00 Uhr in der Frühe, da sind sie besonders auffallend. „Zeit – wer hat sie heutzutage noch?“, so höre ich es immer öfter und mit Resignation fragen. Aber sollten wir uns nicht besser, gegenseitig motivierend, die Frage stellen: „Zeit – warum nehmen wir sie uns nicht?“ Zeit, unser allerhöchstes Gut, eines, das recht begrenzt und ganz sicher weder mit Geld noch mit Gütern zu erkaufen ist, warum nur nehmen wir dieses kostbare Geschenk nicht an oder nehmen es kurz entgegen, um es dann achtlos und unausgepackt beiseite zu stellen. Den sich soeben rasierenden und telefonierenden Menschen, in seinem pechschwarzen BMW, den könnte ich jetzt fragen. An der nun letzten Ampel vor der Autobahn-Anschlussstelle steht er direkt vor mir und starrt nervös auf das kreisrunde, leuchtende Rot.

Unsere Zeit, sie ist schnelllebig wie nie zuvor. Mittlerweile verfügen wir über Schienenzüge, die mit weit über 500 Stundenkilometern durch die Landschaften unserer guten Mutter Erde preschen, fliegen mit nahezu 1000 Stundenkilometern durch die Lüfte, und nutzen selbst im Stadtverkehr gerne Autos, die ohne Weiteres mit rund 500 PS motorisiert sind, und so wie es aussieht, ist die Ziellinie längst noch nicht erreicht. Mittels der uns zur Verfügung stehenden Kommunikationstechniken sind wir für jeden, überall und jederzeit erreichbar. Satelliten verbinden uns im Nanosekundenbereich mit jedem beliebigen Ort der Welt, füttern uns pausenlos mit allen möglichen Bildern, Informationen und Nachrichten, ja weisen uns – sofern wir es denn wünschen – sogar den Weg zum nächstgelegenen Bäckerladen. Stets und ständig sind wir auf der Durchreise, verfolgen nicht selten reale wie imaginäre Ziele, die sich, so erscheint es uns immer öfter, konsequent und automatisch durchgehend nach hinten verschieben.

Nicht, dass ich den sogenannten Fortschritt verdammen will, die Innovationen der technisch orientierten Wissenschaft, das liegt fernab meiner Absicht. Alles unterliegt der Veränderung, der Bewegung, der Neuerung, und das ist auch gut so. Hier nun einen Stillstand zu erwarten, das wäre unentschuldbar weltfremd. Dessen ungeachtet sei mir aber mein Zweifel erlaubt, meine Skepsis, ob der Menschheit jene Entwicklung letztendlich zugutekommt. Nutzen wir sie, die Technik, oder benutzt sie mittlerweile vielmehr uns? Wie auch immer dem sei, aus welchem Blickwinkel heraus man das auch betrachten mag, eines hat sich in dem Zusammenhang doch wohl herauskristallisiert: Zeit, Zeit haben wir durch all jene technischen Errungenschaften nicht gewonnen. Nein, das genaue Gegenteil ist dann schon eher der Fall. Multitasking heißt der Taktgeber unserer modernen Gesellschaftsform, nämlich die Bereitschaft, zu versuchen, möglichst viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen.

Gern möchte ich hierzu den deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche zu Worte kommen lassen, der bereits vor über einem Jahrhundert bemerkte: „Diese Welt ist von Menschen bevölkert, die mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich denken, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie größer sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muss: weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist. Wir leben die Periode der Atome, des atomistischen Chaos.“ (Zitat aus: Schopenhauer als Erzieher/Unzeitgemäße Betrachtungen/I,367) Wenn auch diese seine Worte in einer anderen Zeit gesprochen und an eine andere Generation gerichtet waren, so dürfen wir uns immer noch von ihnen angesprochen fühlen, erinnern sie uns doch einmal mehr an die Tatsache, dass wir den beklagten Zustand nicht nur nicht abgebaut, sondern vielmehr deutlichst ausgebaut haben.

© Peter Oebel

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