Samstag , 24 August 2019
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Zeit, durch nichts zu ersetzen und viel zu schnell vorbei

wellmanns_wilde_wochen„Mit dem Alter vergeht die Zeit schneller!“, ist so ein Satz, den man in der Kindheit immer wieder hören musste. Besonders wenn es gerade unerträglich langweilig war. „Ja, wenn es doch nur schon mal soweit wäre“, war dann meistens der erste Gedanke, oder auch: „Geh mir nich´ auf´n Sack Oma!“. Aber wer hätte gedacht, dass „Das Alter“ dann auch irgendwann kommt und man erschreckt feststellt, dass die Ollen so verdammt recht gehabt haben. Und als erwachsener Mensch wünscht man sich ja denn auch gerne mal ein wenig Langeweile zurück. Zumindest scheint es so zu sein, dass mit zunehmendem Alter die Zeit kostbarer wird. Vielleicht deshalb, weil sich der Wissenshunger und der Tatendrang mit der Zeit potenziert, so wie die Erfahrung.

Was aber, wenn sich, so wie zur Zeit auch sehr zunehmend, nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Zeit potenziert, oder sagen wir es anders, wenn wir Menschen mit unserem Tempo eigentlich gegen die Zeit arbeiten, die wir selbst so erfunden und eingeteilt haben und uns damit schon soweit überholt haben, dass wir nicht mehr wirklich hinterher kommen.

Als kleines, anschauliches Beispiel sollen hier nochmal die ältere Dame und der Auszubildende zum Radio-und Fernsehverkäufer in einem großen Kaufhaus dienen.

Ältere Dame (ÄD): „Guten Tach, junger Mann, ich hätte gern ein neues Kofferradio für die Küche.“

Azubi (AZ): „Ähmm…, ja guten Tach…, ich…, äh…, also was ich ihnen ja wirklich empfehlen kann ist unser neues Multimediaaudiovisionheadset 23800 RXG.3…, ja…, also das können sie…, da ist ganz egal, ob über USB, oder analog, ganz einfach mit externen Quellen verbinden. Also ich würde sagen man von der Framerate her, kann man das schon fast vergleichen, mit einem 72er HDTV Flatscreen, nich´ wahr…“

(ÄD): „Kann ich mich hier irgendwo hinsetzen?“

(AZ): „Äh…, ja sicher…, also unser Multimediaaudiovisionheadset 23800 RXG.3. Ach, und übrigens der An- und Aus Schalter, der leuchtet nachts, also falls sie nachts öfter mal raus mü…, also ich meine… So und wenn sie dann eine 24 Monats-Happy-Button-Sonder-Payback Karte haben, dann bekommen sie sogar noch ein lustiges T-Shirt dazu.

(ÄD): „Spielt das auch Mittelwelle?“

(AZ): „Ähm…, nee also Mikrowelle ist jetzt nicht dabei…“

(ÄD): „Nee…, Mittelwelle…, das Kofferradio…“

(AZ): (Sehr lange Pause, in der Azubi sehr verzweifelt einen älteren Verkäufer sucht und endlich Herrn Breemeier findet) „…ähmmm, Herr Breemeier…?! Sagen Sie, ich war gestern in der Berufsschule…, gibt’s da irgendwas Neues auf dem Markt…?“ 

Tja…, die Zeit vergeht und wir stolpern hinterher, vielleicht weil die Zeiten für viele auch so hart geworden sind und ihnen keine Zeit zum Hinterher kommen bleibt. Bei meinen Nachbarn war es so schlimm diese Woche, mit dem Geld, die mussten den Opa zur Seniorenklappe bringen und den Hund begraben. Ich weiß noch wie ich sie im Hausflur traf und sie meinte, „Oh menno, wir mussten heute den Hund begraben“. Und ich sach, wieso das denn, war er krank?“ „Nee“, meint sie denn, „der hat immer nur faul auf der Couch rum gelegen, hat Fernsehen geguckt und nix zur Haushaltskasse beigetragen.“

Musste ich erst mal nachfragen, ob sie wirklich den Hund meint…, aber doch war schon der Hund, sagt sie. „Hat auch voll lange gedauert, das Begraben. Hat gezappelt und gejault das Vieh, als käme es zur Schlachtbank…, aber was willste machen“, sagt sie, „irgendwo musst du ja anfangen mit dem Sparen.“

Aber zurück zur Zeit, wir haben ja auch nicht den ganzen Tag Zeit. Hier fällt mir ein altes Volkslied aus meiner Heimat ein:

Ist es die Zeit als Bewegung der Vergangenheit
Die veränderte und fortgesetzte Wirklichkeit
Die uns in Angst und Schrecken versetzt
uns hetzt
Und unser Jetzt und Hier wird zur Benommenheit

Ist es Zeit, die die Sonne morgens aufgehen lässt
Zeit die ich nicht habe, bin ich deshalb so gestresst
Zeit die die Distanz füllt, zwischen Hier und Da
War es Zeit, wenn mich wieder mal der Mut verlässt

Ist es Zeit, die uns glauben macht, wir könnten nicht sehen
Mach doch die Augen auf
Und die Zeit bleibt stehen

Was ist es wenn wir hoffen, Schmerzen zu umgehen
Was ist wenn wir glauben, wir müssten es nicht sehen
Das wir immer nur daran denken wie es ist, uns nichts schenken
Und nicht merken, wie die Zeit uns frisst

Wie die Erinnerung uns zeigt, was wir heute nicht wollen und morgen nicht sollen
Damit wir werden können, was wir noch nicht sind
Denn wer seiner Zeit voraus ist, der gewinnt

Zeit
Bewegung der Vergangenheit
Die fortgesetzte Wirklichkeit
Es ist Zeit die uns glauben macht, wir könnten nicht sehen
Doch mach die Augen auf

Und die Zeit bleibt stehen

So und für mich wird’s nun auch Zeit. Habt einen schönen Sonntag!

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